von
Karl Götting.
zur Zeit
königlich preußischer Oberförster zu
Rothehaus
1855
© 2025 Transkript Volker Menneking. Alle Rechte vorbehalten.
(Die fortlaufenden Nummern entsprechen den mit Bleistift vermerkten Seitenzahlen auf den Original-Blättern. Hier sind diese Zahlen mit dem entsprechenden Scan verlinkt.
Bei der Übertragung habe ich versucht, die Rechtschreibung an die des Originals anzugleichen.)
Ich wurde am 24sten September 1785 zu Forsthaus Stötterlingenburg im Fürstenthum Halberstadt geboren. Mein Vater, der 1740 geboren war, stammte aus einer alten Förster- resp. Jäger Familie denn seine Vorfahren dienten dem Kurfürstlich Brandenburgischen und dann dem Königlich Preußischen Hause bereits vom 30jährigen Kriege an, unter dem Titel „Haidereuter“, auf derselben Stelle, auf welcher mein Vater fungierte. Auch meine Mutter war einer Jä-
ger Familie entsprossen; sie war die Tochter des Gräflich Wernigerodischen Hegereuters Eich.
Über die drei ersten Jahre meiner Kindheit ist nichts Erhebliches zu bemerken, sie unterschieden sich vielleicht vor vielen anderen nur darin, daß an eine Verweichlichung nicht gedacht wurde. Die freie Natur war mein Element, Wärme oder Kälte, Nässe oder Trockenheit, waren nicht im Stande mich abzuhalten, darin zu weilen, selbst der strenge Winter vom Jahre 1789 vermochte dies nur in einzelnen Momenten. Eines Vorfalls aus dieser Zeit will ich doch hier erwähnen; er mag Manchem vielleicht etwas fabelhaft erscheinen, aber er ist wirklich wahr und steht mir jetzt noch in seiner ganzen Lebendigkeit vor Augen. Ein Hang zur Jägerei erfaßte mich schon als kleinen Knaben und ich merkte auf Alles, was hierauf Bezug
hatte. Hierdurch und durch die spielende Unterweisung von den Jägern und Lehrlingen, deren mein Vater stets einige hatte, lernte ich den Mechanismus des Gewehrs kennen, so ich dasselbe abdrücken konnte. Voraus schicken muß ich jedoch, daß meine Familie zwei, etwa 50 Schritte von einander entfernte Häuser bewohnte, ein eigenes und das eigentliche Königliche Forsthaus. In letzterem wohnte der Informator und das Jäger - Personal, und dort waren auch die Gewehre der Jäger in einer Kammer aufgehängt. Unter diesen befand sich eine ganz leichte Flinte, die jedes mal derjenige von meinen älteren Brüdern bekam, welcher die Erlaubnis erhielt, ein Gewehr zu führen, also das schießen zu lernen.
Eines Tages waren sämmtliche Bewohner des gedachten Hauses ab-wesend, und es fiel mir ein, dorthin
zu gehen, um die Gewehre zu besehen. Der Schlüssel zur Informator – Stube durch die ich gehen mußte, um in die Kammer zu gelangen, hing hinter der Hausthüre an einem Nagel. Ich nahm denselben, schloß die Thüre auf und ging in die Kammer. Hier betrachtete ich die Reihe Gewehre, unter denen auch das kleinste hing, längere Zeit mit Vergnügen, da wandelte mich die Lust zu dem Versuche an, dasselbe los zu schießen. Ich stieg auf einen Stuhl, nahm das Gewehr und ging vor die Hausthür, wo sich eine etwa 4 Stufen hohe Freitreppe befand. Nachdem ich mich hier sorgfältig umgesehen hatte und niemanden sah, der mich beobachtete, setzte ich mich nieder zog den Hahn der Flinte auf und drückte los. Nach dem Knall trug ich das Gewehr sofort wieder an seinen Ort, verschloß die Stubenthür und hing den Schlüssel an den oben bezeichneten Nagel. Während der Zeit war aber
Lärm im anderen Hause entstanden; alles lief hin und her und wußte nicht wer diesen unerwarteten und zugleich unvorsichtigen Schuß gethan hatte, von welchem die Schrote an das Haus und an die oberen Fenster geklappert hatten. Besonders war ein Schneider, /: dessen Name mir noch im Gedächtniß geblieben ist: er hieß nemlich Rosenberg[1] :/ mit seinem Gesellen, die im oberen Stock, an den Fenstern sitzend, mit Ausbessern von Kleidern beschäftigt waren, außerordentlich in Furcht und Schrecken gerathen, indem er behauptete, daß er auf ein Haar todtgeschossen worden wäre. Nun wurde mir doch am Ende unheimlich zu Muthe und ich suchte mich zu verbergen; allein bald wurde ich von der Kinderwärterin gefunden und von ihr, indem sie mich zu beschwichtigen suchte, dem anderen Hause zugeführt. Als wir vor das Haus kamen, wo sich eine Laube befand, trat
mein Vater mit einer Ruthe in der Hand aus der Eingangsthüre, um mir eine wohlverdiente Züchtigung beizubringen. Als dies das Mädchen, was mich doch wohl lieb haben mochte, bemerkte, nahm es mich auf den Arm und setzte sich in Trab um die Laube herum in Bewegung, mein Vater nach; allein da er uns nicht gleich einholen konnte, so mochte ihm die Sache am Ende lächerlich werden; er ließ von der Verfolgung ab und ging in das Haus zurück. Ob durch mein Schreien, was doch wohl ertönen mochte, was ich aber nicht mehr weiß, oder durch einen anderen Umstand seiner Verfolgung Grenzen gesetzt wurden, ist mir nicht bekannt geworden; kurz ich kam dies mal ohne alle Strafe davon, schmiegte mich aber nun noch mehr an das Mädchen an. Meine Mutter war weniger von dem Vorfalle alterirt[2],[3]. Sie nahm mich, unter freundlichem Zureden, an die Hand
und führte mich an den Ort, von wo ich den Schuß gethan hatte. Sie sah sich hier um, ob wohl Spuren des Schusses vorhanden seyn möchten, und es fand sich dann, daß derselbe die Spitze der Latte eines Stakets, welches etwa 3 Schritte von der Treppe stand, gerade in der Richtung nach den Schneidern zu, getroffen, und diese etwa eine Hand lang abgebrochen hatte. In der That hätte es sich zutragen können, daß ich den Schneidern einige Schrote in die Jacke geschossen hätte, wenn durch die Latte der Schuß nicht bedeutend entkräftet worden wäre.
Bald begann nun der Schul - Unterricht, und wenn ich auch gerade nicht sagen kann, daß ich einen Widerwillen dagegen hatte, so sehnte ich mich doch stets nach dem Ende der Stunden, um mich in der freien Natur herumtummeln zu können. Um diese Zeit war die Französi-
sche Revolution ausgebrochen; man sprach von allerlei Ereignissen, die dabei vorkamen und besonders interessirten mich die beiden Kinder Ludwig XVI. In kindlichem Mitleid über die Behandlung, welche sie von den wüthenden Demagogen zu erdulden hatten, wünschte ich an ihrer Seite zu seyn, um auf jene tüchtig los schlagen zu können. Alle die Gräuel, welche damals in Frankreich vorkamen, hörte ich von meinem Vater aus dem Hamburger unpartheyischen Correspondenten, den er hielt, vorlesen, worüber ich jedes mal in Wut gerieth. Endlich marschirte ein Theil der Preußischen Armee nach Frankreich, 1792, und nicht selten passirte ein Bataillon derselben vor unserem Hause, vor dem die Straße vom Harz nach Brauschweig vorbeiging, durch. Den Vorbeimarsch eines Bataillons Füseliere, die Grü-
nen genannt, sehe ich jetzt noch in Gedanken und weis auch das Lied noch, was sie sangen, mag es aber nicht mittheilen. Der jüngste von meinen Stiefbrüdern, Franz Schmidt, ging auch zur Armee an den Rhein ab, und trat in das damalige Feldjäger - Regiment ein. Der Augenblick seines Scheidens von uns, steht mir ebenfalls noch vor Augen; ich sehe ihn aufsteigen auf das neue Reitpferd meines Vaters und der Gärtner wurde ihm als Begleiter mitgegeben, um das Pferd von einem gewissen Orte wieder zurück zu bringen.
Noch einen Fall, der um diese Zeit vorkam, will ich hier anfügen. Eines Tages gingen Knecht und Magd in einen unserer Gärten, um Futter für das Vieh zu holen. Ein älterer Bruder von mir und ich zogen einen kleinen Kinderwagen dahin, um einen Theil des Futters spielend
mit herein zu fahren. Der Knecht mähte und wir nahmen hinter ihm das Futter auf. Unvorsichtig kam ich dem Mäher zu nah und er hieb mir mit der Sense die Wade des rechten Beins bis auf den Knochen durch, so daß man die Sense auf dem Knochen durch streifen hörte. Freilich stimmte ich hierbei ein Klagelied an, indessen faßte mich das Mädchen und trug mich nach Hause, wobei viel Blut verloren ging. Meine Mutter, die allerlei Hausmittel anzuwenden verstand, auch immer einen kleinen Vorrath von Pflastern etc. bereit hielt, reinigte die Wunde, stillte das Blut und verband solche mit Scharpie und Degestin[4]. Später verband ich sie selbst und der Schaden würde sehr bald geheilt worden seyn, wenn ich mehr darauf Bedacht gewesen wäre, Stöße, Schläge etc. davon abzuwenden. Das Merkmal von der Wunde ist
jetzt, nach mehr denn 60 Jahren noch an mir zu finden, die Schmarre ist etwa 3 Zoll lang und 1/2 Zoll breit. –
Während unsere Armee in Frankreich stand, steigerten die Nachrichten von dort mein Interesse immer mehr, und ich hatte es so weit gebracht, daß ich die Zeitung notdürftig lesen und verstehen konnte. In diesen suchte ich nun die Artikel auf, welche aus Städten am Rhein datirt waren, z. B. Wesel, Cöln, Coblenz, Mainz etc., die übrigen waren mir gleichgültig. Die rückgängige Bewegung aus der Champagne war mir gar nicht genehm, doch hielt ich sie für Absicht, als die gewonnene Schlacht bei Kayserslautern mitgeteilt ward. Schwache Ansichten, denn bald stellten sich die Verhältnisse anders und für Preußen nicht sehr günstig heraus, obgleich in Polen ein großer Strich Landes erworben war.
Am meisten spitzte ich die Ohren, wenn ein alter Doctor der Theologie, Superintendent und Schulinspector aus dem nächsten Städtchen, theils zum Besuch bei meinem Vater, mit dem er sehr befreundet war, theils um unsere Schule zu revidiren, eintraf, und, wie gewöhnlich, die Unterhaltung auf den Kriegsschauplatz lenkte. Eine neue lange irdene Pfeife, gestopft mit Taback, der Jastas hieß, wurde ihm dann präsentiert, die er bei einer Tasse Caffee gemütlich schmauchte, und so von den Weltereignissen dasjenige mitteilte, was zu seiner Kunde gekommen war. Er hatte mehrere Töchter, die mit meinen Schwestern befreundet waren. Wie mir noch erinnerlich ist, war die eine, mit Namen Amalie, ein sehr hübsches Mädchen.
(Ab hier benutzt Götte nur noch die Hälfte der etwa im DIN A5 Format großen Papierseiten)
In den Schulkenntnissen schritt ich nun, so weit dies bei meinem Hauslehrer thunlich war, nach den damaligen Anforderungen ziemlich vor, und war bald im Stande leichtere Sätze aus dem Lateinnischen zu übersetzten.
Ueber Alles ging mir aber die freie Bewegung in der Natur, ich legte mir selbst Strapazen auf, die mein Vater nicht einmal verlangte.
(Ab hier wird wieder die ganze Breite der Seite benutzt)
Auch im Essen und Trinken ward ich nicht verwöhnt, Hunger brauchte ich zwar nicht zu leiden, wenn ich nicht durch langes Herumstreifen im Walde ihn selbst veranlaßte, allein immer wurden mir nur solche Speisen gereicht, die den Körper kräftigten.
Das Getränk war ein leichtes Bier, was in der eigenen Wirtschaft bereitet wurde, sonst ward Wasser getrunken, Caffee äuserst selten, etwa an hohen Festtagen. Meine liebste Speise waren Kartoffeln, gleich wie in welcher Art sie zubereitet waren. Aber auch mit diesen wurde sparsam umgegangen, da deren Anbau damals noch sehr beschränkt war, indem man vorzog, statt dieser, Getreide zu bauen. Sie reichten niemals so lange aus, bis wieder welche reif waren, und die Periode im Jahre, wo sie fehlten, war eine betrübte für uns Kinder. Wegen der Nähe des Harzgebirges wurden dort alle Früchte später reif, als in den tiefer liegenden ebenen Gegenden, und so dauerte es uns denn immer zu
lange, ehe die liebe Kartoffel genießbar wurde. Sie früher zu essen, war vom Vater streng untersagt, er bestimmte auch die Zeit, wo dies geschehen solle, aber wie Kinder sind, schon vor Ablauf derselben, suchten wir uns dergleichen zu verschaffen, die dann heimlicher Weise abgekocht wurden und unbekümmert ob sie schädlich seyn möchten, verzehrten wir sie, in Salz getaucht, mit dem größten Appetit. Daß dieser Genuß üble Folgen gehabt hätte, ist mir nicht erinnerlich.
(Ab hier wird wieder nur die halbe Breite der Seite genutzt)
Weite Strecken zu laufen, das Klettern und Springen in Kälte und Hitze war mir Alles[5] gleich, selbst des Nachts auf unbequemem Lager zu liegen mit wenig Schlaf, ward mir nicht schwer. Die Gegend, wo ich geboren bin und wo ich die erste Periode meines Lebens verlebte, war, wegen der Nähe des Harzes, schon etwas bergig, und wenn nun Schnee fiel, so war das Herabfahren von den Bergen, auf einem
in der
Regel unten mit Eisen beschlagenen kleinen Schlitten, das angenehmste
Vergnügen. Dabei kam es öfters der Fall vor, daß ich vom
Schlitten herunter fiel oder der Schlitten zerbrach, wo ich dann die noch
übrige Strecke bis in den Grund auf dem Hintertheile, das gewöhnlich in
Hirschlederne Hosen gehüllt war, zurücklegte. Diese wurden dann natürlich
durchnäßt und endlich des Abends am Ofen, auf dem Leibe wieder getrocknet.
Hierdurch wurde aber das Leder hart und es entstand ein eigentümliches
Geklapper, wenn ich ging. Wenn dies meine Mutter vernahm, so errieth sie
sogleich die Ursach und es setzte dann entweder einige Schelte, oder
auch mitunter ein Paar, aber immer nur erträgliche, Schläge mit einem
Milchholze. Einen in jener Zeit kostümirten Jungen meiner Klasse will ich doch
zum Spaß hier vorzuführen suchen.
Eine Kopfbedeckung brauchte ich nicht, doch hatte ich einen schwarzen Filzhut in Reserve mit schwarzem Sammetband und einer kleinen Schnalle. Diesen mußte ich aufsetzen, wenn mich meine Eltern zuweilen bei Abstattung eines Besuches mitnahmen. Die Haare oben auf der Platte des Kopfes, waren kurz, bis auf 1/2 Zoll abgeschoren, an beiden Seiten, so weit das Ohr reichte, waren sie horizontal abgeschnitten und die am Hinterkopf in einen Zopf gebunden.
(wieder die ganze Breite der Seite)
Der Zopf war etwa 8 Zoll lang und wurde mit schwarzem Bande umwickelt, oben mit einer Schleife. Um dem langweiligen Warten, bis er gewickelt wurde, überhoben zu seyn, übte ich mich, dies selbst zu lernen, was mir auch vollständig gelang und von da ab habe ich zu diesem Toilettengeschäft eine Hilfe nicht mehr gebraucht.
(und wieder die halbe Seitenbreite)
Eine Jacke von hellgrünem Tuche mit breiten Taschen an der Seite, lange Weste, kurze lederne Hosen /:[6] in der
Woche schwarz, zum Sonntag gelb :/ mit Schnallen oder Bändern am Knie. Kurze Stiefel oder Gamaschen, zwischen denen und der Hose ein Raum blieb, so daß die Strümpfe etwa eine Hand breit zu sehen waren. Ein Halstuch wurde selten gebraucht. Von Mantel oder Fußsack war nicht die Rede, auch Handschuhe waren nicht nöthig, allenfalls bei strenger Kälte. An Sonn- und Festtagen, oder wenn Besuch erwartet, oder bei Andern[7] gemacht wurde, wurden die Haare mit Pomade eingerieben und gepudert. Die Pomade bereitete meine Mutter selbst von reinem Hammeltalg und Lawendelgeist, welchen letzteren sie ebenfalls, vermittelst einer Retorte fabricirte.
Mein Vater machte seine Touren in der Regel zu Pferde, kam eine Fahrt mit Familie vor, so wurde die alte Kutsche genommen.
Des Scherzes halber will ich diese hier näher beschreiben, so weit mir ihre Construktion noch erinnerlich ist. Das Gestell bestand aus 2 großen Hinterrädern und ebenso vielen sehr kleinen Vorderrädern, mit einer Drehscheibe, so daß die letztern, beim kurzen Umwenden, Raum hatten, unter dem gebogenen Langwagen hindurch zu gehen. Der Kasten, von schwarzem Leder, ruhete auf 2 Handbreiten und 3/4 Zoll dicken Riemen die am Vorderwagen, an beiden Seiten befestigt, am Hinterwagen aber um vier eiserne Knebel gingen, mittelst welcher sie mit einem Schlüssel angespannte oder aufgeschlossen werden konnten. Er war halb verdeckt, und der Vordersitz für 2 Personen ganz bequem. Als Decke oder Schoßleder diente, wenn nur 2 Personen fuhren, eine von Holz angefertigte, ebenfalls mit schwarzem Leder überzogene
Klappe, die unten an den Vorderwagen durch Charniere befestigt war, so daß solche, wenn sie aufgemacht und mit 2 eisernen Haken befestigt wurde, senkrecht stehen blieb. Fuhren nun mehr als 2.; so ward in die Klappe ein Sitz gelegt. Bei solcher Gelegenheit, die indessen sehr selten vorkam, mußte sich der Knecht als Kutscher ausstaffiren, ein paar große dicke Braune, mit nur dazu bestimmten schwarzen Zaume und Sielenzeuge[8], wurden angespannt und dann ging es von dannen. Waren Kinder in der Familie, welcher der Besuch galt, vorhanden, oder war das Ziel ein Jahrmarkt oder sonst ein Fest, so wurde ein Theil der Familie mitgenommen, wobei eine gewisse Reihenfolge gehalten ward, denn alle Kinder, es waren damals 10, fanden in der alten Kutsche nicht Platz.
Bei dem Besuch einer Familie, war der Empfang den Beziehungen angemessen, in denen wir zu ihr standen, aber immer kam ein steifes Dienern der Herren und ein graciöses Knixen der Damen vor, was an die französischen Manieren streifte. Einst verwechselte ich diese Körperbewegung bei einem Besuche, und machte, für mein Theil, statt eines Dieners einen Knix, worüber ich, als ich den Irrthum merkte, roth wurde, doch beruhigte ich mich bald, indem ich voraus setzte, daß es Niemand gesehen habe, da in der Regel auf dergleichen Jungen, wie ich damals einer war, nicht sonderlich geachtet wurde. Doch ich hatte mich geirrt, denn einer von meinen Schwestern die beim Eintritt mit mir den Schwanz der Familie bildete, war dieser Fehler nicht entgangen, und da der Fall später
auch unter meinen übrigen Geschwistern bekannt wurde, so mußte ich, vorzüglich bei etwa vorkommenden Zwistigkeiten, zu meinem Verdruß, noch oft davon hören. Kurz und dick blieb ich bis in mein 12tes Jahr, und ich wuchs so zu sagen fast nicht von der Stelle. Meine Geschwister glaubten damals, daß ich Aehnlichkeit von der Figur des Generals Ziethen habe, dessen Namen und Thaten fast jedes Kind wußte, und nannten mich daher scherzweise „Vater Ziehten“, worüber ich übrigens gar nicht böse wurde.
(Und wieder die ganze Breite)
Hier muß ich noch zwei Ereignisse anfügen, in deren Folge ich nahe daran war, als 8 - 9jähriger Junge das Leben zu verlieren. Eines Tages /: es war im Monat July :/ befand ich mich in Gesellschaft meiner etwas älteren Schwester und einer Gespielin derselben, in einem Garten, um Johannisbeeren zu pflücken. Nach einiger Zeit entfernte ich mich von den beiden
und bestieg einen Kirschbaum, der am Rande eines steilen Abhangs stand, an dessen Sohle, etwa 20 Fuß tief, ein kleiner Bach vorbei floß. Nachdem ich mich an Kirschen gesättigt hatte, war ich im Begriff von dem Baume herabzusteigen, und ich war auch bereits etwa 8 - 10 Fuß von der Erde angelangt, als ich, mit dem Rücken nach dem Abgrunde zugewendet einen trockenen Ast faßte, um mich weiter abwärts zu begeben. Dieser Ast brach plötzlich ab, ich verlor den Anhaltepunct und stürzte rücklings herunter, mit dem Hinterkopf auf eine aus dem Boden hervorstehende Wurzel, worauf ich völlig betäubt den Berg herab rollte und unten angekommen in dem Bache, das Gesicht nach oben gekehrt, der Länge nach wie tod liegen blieb. Nach einigen Minuten bemerkten indeß meine Schwester und ihre Gespielin, daß ich mich nicht mehr auf dem Baume befand, und sprangen herzu mich zu suchen. Als sie an den Rand des Abgrunds gelangten, sahen sie mich unbeweglich im Wasser liegen. Ich muß erwähnen, daß das Wasser in dem Bache so seicht war, daß, weil ich auf dem Rücken lag, mein Gesicht nicht davon überströmt wurde, sonst würde ich bereits ertrunken seyn. In Angst und Schrecken stürz-
ten die Kinder in das Haus und verkündeten was geschehen, worauf dann eine am ersten zur Hand gewesene (wieder die ganze Seitenbreite) Magd zur Stelle den Berg herunter geeilt und bei mir angelangt war. Sie fand mich immer noch regungslos in dem Bache liegen, wußte sich jedoch zu helfen, und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Nachdem sie dies einigemale wiederholt hatte, schlug ich die Augen auf, bekam auch sogleich die Besinnung wieder; denn ich sehe jetzt noch das freundliche Gesicht des Mädchens, welches die Freude darüber, daß es ihm gelungen war, mich wieder aufzuwecken, ganz erheitert hatte, und seine Freude auch noch dadurch betätigte, daß ich eine ziemliche Portion Küsse von ihm erhielt. Mit Hilfe der Magd und meiner Schwester, die auch wieder mit hinzugekommen war, stand ich nun auf und ging mit Mühe in das Haus, wo ich auf einem Kanapee niedergesetzt wurde. Die Besinnung hatte ich, mit dem Erwachen, ganz wieder erlangt, allein ein fürchterliches Kopfreißen war zurückgeblieben. Was auch noch mehrere Tage anhielt, doch endlich ganz verging.
Ein ähnlicher Fall traf mich wohl in dem selben
Jahre. Der Knecht fuhr Sommerklee auf einem gewöhnlichen Düngerwagen vom Felde herein. Wie man nun als Kind jede Gelegenheit, wo man eine Strecke fahren kann, gern benutzt, so geschah dies auch bei jener Gelegenheit von mir und meinem jüngeren Bruder. Als das Fuder aufgeladen war, kletterten wir auf den Wagen und setzten uns oben darauf. Der Klee lag, ohne mit einem Seile befestigt zu sein, auf dem Wagen, und da der Knecht langsam und vorsichtig fuhr, so ging die Sache anfänglich ganz gut, bis in den Hof hinein. Dort ging die Fahrt vor einem Stalle vorbei, aus dem soeben der Mist gebracht wurde, welcher noch nicht gehörig geebnet war. Dem auszuweichen ging nicht an, weil der Raum eng war, und als nun der Wagen anfing zu holpern, fiel der Klee an meiner Seite herunter und ich mit diesem, mit dem Hinterkopf, nahe an dem Gebäude auf das Steinpflaster, wobei mich der Klee völlig bedeckte, und ich ganz betäubt war. Mein Bruder war auf die Beine zu stehen gekommen und hatte sich gleich entfernt, indem er, weil er mich nicht sah, vermutete, ich sey auch davon gelaufen. Der Knecht stieg vom Pferde herunter, und begann den Klee
allmählich wieder aufzuladen, und als er endlich an die Stelle kam, wo ich lag, fand er mich in meinem anscheinend todten Zustande. Nach einigem Rütteln richtete er mich in die Höhe, und in diesem Augenblicke mußte ich mich übergeben, indem ich wieder erwachte. Die Folgen waren gerade so als beim ersten male: mehrere Tage heftiger Kopfschmerz und dann war die Sache vorüber.
Unter den obwaltenden Verhältnissen war ich fast überzeugt, daß bei beiden Unglücksfällen die Hand Gottes gewaltet hatte, denn wie war es möglich gewesen, ohne diese, bei solchen Erschütterungen des edelsten Köpertheils, mit dem Leben davon zu kommen!
(Wieder nur die halbe Seite)
Um diese Zeit steigerte sich der Hang zur Jägerei immer mehr bei mir, weshalb ich den wiederholten Vorstellungen meiner Mutter, ich möchte Theologie studieren, stets auswich. Sie schilderte die angenehme Stellung eines Pastors mit glänzenden Farben, sie kannte meine Leidenschaft für die Jagd, und glaubte dennoch
mich ihrem Wunsche fügsam zu machen, indem sie darauf hinwies, daß ich auch als Prediger die Jagd treiben könne, weil dergleichen in damaliger Zeit auch dem Geistlichen nicht untersagt war. Allein es blieb alles unbeachtet, nur nach dem grünen Rock war mein Bestreben gerichtet. Die Neigung, ein Gewehr zu führen und damit zu schießen, trat nun immer mehr hervor und ich petitionierte schriftlich mehrere Male bei meinem Vater, mir dies zu gestatten: aber es hatte keinen Erfolg. Nun dachte ich, mußt du heimlicher Weise versuchen ein Thier zu töten, sei es auch nur ein Vogel. Mein Vater hatte eine ziemliche Anzahl Gewehre, wovon ein Theil, der nicht täglich gebraucht wurde, sich in einem Gewehrschranke, der oben auf dem Saale stand, befand. Hierunter war eine sehr große Pistole, an deren
Griff ein kleiner Kolben befestigt, wodurch sie zu einer kleinen Flinte vorgerichtet werden konnte. Unter Verabredung mit meinem jüngeren Bruder beschloß ich bei erster Gelegenheit mit diesem kleinen Gewehre zu operiren, sammelte etwas Pulver und Schrot und versicherte mich des Schlüssels zu dem Schranke. Eines Sonntags fuhren meine Eltern aus zum Besuch in der Nähe und ich ging sogleich ans Werk, meinen Vorsatz auszuführen. Ich nahm das Gewehr aus dem Schranke und lud es mit der Munition, die ich gesammelt hatte. In Begleitung meines Bruders und noch einiger Jungen, denen wir gewöhnlich gestatteten an unseren Spielen theil zu haben, verließen wir, möglichst geheim, das Haus und schlichen dem Wald zu. Es war um die Zeit im Frühjahre,
wo die Vögel von ihren Wanderungen in den Sommer-Aufenthalt zurückzukehren pflegen und es hatten sich insbesondere schon viele Staare eingefunden. Von diesen sah ich mehrere auf einer am Rande des Holzes stehenden hohen Eiche sitzen. Meine Gefährten mußten zurückbleiben und ich nur allein schlich auf den Baum zu. Diese Vögel, welche überhaupt nicht scheu sind, blieben sitzen bis ich darunter angelangt war. Drei saßen in einer Reihe nahe zusammen, ich zielte auf dem mittelsten, und als der Schuß los ging, stürzte dieser getroffen herunter. Dies war denn das erste Thier, was ich erlegt hatte, und es kann nur der über das Vergnügen was ich empfand urtheilen, welcher in seiner frühesten Jugend mit Leib und Seele dahin strebte dereinst Jäger zu seyn. Obgleich ich meinem jüngeren Bruder verboten hatte, den Vater etwas
von diesem
Falle wissen zu lassen, so mochte er doch wohl gefuchs schwänzt haben, denn am
nächsten Mittag bei Tische ereignete sich folgendes: 2 Mein 3
Vater 1 erzählte, daß er am Vormittage bei dem Ritt ins Revier einen
Schäfer getroffen, der ihm Nachstehendes gemeldet habe. Gestern seien
einige Jungen, wobei 2 mit grünen Jacken gewesen, der eine mit einer kleinen
Flinte, durch das Holz, die Unterbirken genannt, gegangen, und als sie an den
Rand desselben gekommen wären, so habe der mit dem Gewehr einen Staar von der
Eiche herunter geschossen. Obgleich ich meines Theils durch die
Veröffentlichung meiner Geschicklichkeit im schießen einen gewissen Stolz
empfand, so errötete ich doch über und über in der Besorgniß, was für eine
Strafe darauf folgen würde. Allein
mein Vater mochte wohl denken, der Junge ist in seiner Passion zur Jagd nicht zu bändigen, und ich kam mit einem gelinden Verweise davon.
Nun erwartete ich mit Gewißheit, daß mir der Vater die kleine Flinte mit der, wie man sich erinnern wird, ich schon als kleines Kind operirt und beinahe den Schneider Rosenberg totgeschossen hätte, übergeben und mir die Führung derselben erlauben würde; allein ich täuschte mich, denn erst im nächsten Jahre, 1798., kurz vor dem Anfange der Jagd, wurde sie mir, unter Beifügung mehrfacher Ermahnungen und Instruktionen, von ihm feierlich anvertraut. Zugleich bekam ich eine Jagdtasche, die wie damals die zweckmäßige Mode war, als äußern Theil eine Dachsschwarte enthielt, welche quer an der
linken Seite getragen wurde. Fast in der Mitte dieser großen Tasche befand sich eine kleinere, daran Deckel von dem Kopfleder des Dachses gefertigt war. Doch manchem, der dies liest, wird diese Art Jagdtaschen und deren Nützlichkeit, um das Gewehr bei Regen oder Schnee gegen Nässe zu sichern, bekannt seyn. Auch ein gefülltes Pulverhorn, Schrotbeutel, Pulvermaß und Stichmesser machte den Jagd-Apparat vollständig.
In damaliger Zeit gereichte es dem Jäger zur Zierde, wenn er ein recht blank geputztes Gewehr trug; alle Metalltheile daran mußten glänzend seyn. Hierin wollte ich nicht zurückbleiben, und ich ging sogleich daran, meine nunmehrige Flinte möglichst blank zu putzen.
Dies mochte im Anfange des Monats August vorgehen
und am 23ten desselben wurde immer die Jagd Abends mit dem Anstande vor dem Holze eröffnet. Die Tage bis dahin schienen mir eine Ewigkeit zu seyn, am Ende berechnete ich sogar die Stunden, bis endlich die zum Abmarsche gekommen war. Ich schloß mich nun der Jagdgesellschaft an, und erhielt, bei der Ankunft an Ort und Stelle, meinem Stand etwa 40 Schritte von dem Walde in einer Hecke, die eine Wiese umschloß. Nach einem sehr heiteren Tage ging endlich die Sonne unter, und von dem Augenblicke an, das Gesicht nach dem Holze zu gewendet, erwartete ich mit Sehnsucht das Erscheinen eines zum Erlegen bestimmten Thieres. Nachdem ich etwa 1/4 oder 1/2 Stunde gelauscht haben mochte, erschien ein Kaninchen, welches am Rande des Waldes umher humpelte. Ich überlegte,
ob ich versuchen möchte dasselbe zu schießen, gelangte aber zu dem Entschlusse, noch zu warten, indem ich vermutete, daß vielleicht ein Fuchs oder ein Haase heraus kommen würde. Meine Erwartung traf ein; denn nach einigen Minuten kam wirklich ein Fuchs heraus, und indem das Kaninchen den Platz räumte, setzte sich jener vor dem Holze hin, um zu beobachten, ob keine Gefahr vorhanden sey. Durch das Escheinen dieses Thieres geriet mein Blut in eine eigenthümliche Wallung, so daß ich an allen Gliedern zu zittern anfing. Ich versuchte die Flinte auf ihn zu richten, allein wegen des Zitterns gelang es mir nicht das Ziel zu finden. Inmittelst trabte der Fuchs in schräger Richtung vor mir durch nach der Wiese zu; indessen da ich noch immer sehr aufgeregt war, und
auch während der Bewegung des Reinecke zu schießen Bedenken trug, so ließ ich ihn passiren, sehr bedauernd, daß ich diesmal nicht zum Zwecke hatte kommen können; wurde aber auch gleich etwas ruhiger. Der Fuchs, welchem es noch nicht scheinen mochte, sich weit vom Walde zu entfernen, da es noch sehr hell war, kam nach einigen Minuten von der Wiese, auf derselben Stelle, wieder zurück, um wieder in das Holz zu gehen, und da er nicht still stand, und ich im Laufen zu schießen wieder nicht wagte, so setzte er ungehindert seinen Weg fort und verschwand. Ich bedauerte nun, daß ich nicht geschossen hatte, und nahm mir vor, in einem ähnlichen Falle meinen Schuß nicht zu sparen. Nicht lange hatte ich über den Fall nachgedacht, so kam der Fuchs wieder zum Vorschein, trabte ebenso nach der
Wiese zu, und ich war wieder zaghaft und schoß nicht, weil er nicht still stand. Kurz darauf kehrte derselbe ebenso zurück, nun dachte ich mußt du versuchen, ihn zum Stehen zu bringen und gab einen kurzen und leise quäkenden Laut von mir, indem ich die Flinte immer in der Richtung nach dem Thiere zu am Kopfe behielt. In demselben Augenblick blieb er stehen, ich zielte und drückte rasch los, aber o Himmel, es versagte. Schreck, Ausreißen und Verschwinden im Walde, war Alles ein Augenblick bei dem Fuchse, und ich hatte das Nachsehen, mit sehr wenig anmuthigen Gedanken. Für den Tag war die Jagd vorbei und nachdem wir uns versammelt hatten, traten wir den Rückzug nach unserer Behausung an, die eine gute Meile[9] entfernt war. Von da an durfte ich die vor-
kommenden Jagden mitmachen, jedoch nur insoweit es die Unterrichts-Stunden gestatteten. Wenn meine älteren Brüder und die Jäger auf die Jagd zogen und ich konnte wegen der Schule nicht mitgehen, so war dies freilich betrübend für mich, allein einerseits an Gehorsam gewöhnt und dann auch wirklich Vergnügen an dem Unterricht findend, beruhigte ich mich bald. Bald nach dem Falle mit dem Fuchs schoß ich eines Abends den ersten Haasen. Das was ich dabei empfand, kann ich hier nicht beschreiben; so viel weiß ich noch, daß ich glaubte, jeder Mensch müsse ein so großes Vergnügen an der Jagd finden als ich, und wenn ich einen fand wo dies nicht der Fall war, so vermuthete ich eine Eselsnatur in ihm.
So oft es nun meine Unterrichtsstunden gestatteten, lag ich dem
edlen Waidwerk ob und trotzte dabei jeder Witterung. Der Winter von 1799 auf 1800 gab an Strenge dem von 1789 nichts nach, nur die Schneemassen waren nicht so aufgethürmt als in letzterem. Im Laufe jenes Winters hatte ein Haus- oder Steinmarder den Taubenschlag zu finden gewußt, und an 40 Tauben in einer Nacht gewürgt. Dies verursachte nun meiner Mutter einen großen Verdruß, und nunmehr die Unmöglichkeit einsehend, mich zu dem Eintritt in den geistlichen Stand zu vermögen, gab sie mir den Auftrag, womöglich den Räuber zu fangen oder zu schießen. Vor allen Löchern in der Scheune und in den Ställen stellte ich Drahtschlingen, legte auch ein Eisen, allein vergeblich. Bei der großen Kälte kamen mehrere Haa
sen in den Garten. Um diese zu schießen, hatte ich eine Leiter an die, den Hof vom Garten trennende Wand gelehnt, auf die ich mich postiert, um die Ankunft der Haasen abzuwarten, Eines Abends spät, bei hellem Mondenschein, stand ich wieder auf dieser Leiter als ich rechts von mir, auf dem Dache der Scheune, wo nur eine Spalte war, ein Geräusch vernahm, und als ich dahin blickte, sahe ich den Kopf des Marders daraus hervorragen. Vorsichtig wandte ich mich, das Gewehr anschlagend nach dem Marder zu, zielte auf ihn und als ich los drückte, stürzte derselbe tod herunter. Nun eilte ich zu meinem Vater, meldete ihm im Triumpf daß ich das Thier erlegt habe, worauf ich einen blanken Thaler Schießgeld erhielt. Meine Mutter war noch mehr befriedigt und mochte in dem Augenblick wohl denken, es
ist doch gut, daß der Junge ein Jäger und kein Pastor wird. Der strenge Winter ging endlich zu Ende, was mir indessen gar nicht lieb war, denn nun konnte ich das Wild nicht mehr so spüren und verfolgen, wie dies bei Schnee der Fall war.
(ganze Seitenbreite)
Hier muß ich noch hinzufügen, daß es mir in diesem strengen Winter, nemlich von 1799 -1800. gelang, außer dem Marder, auch noch 2 Iltisse, die mitunter ein Huhn oder eine Ente gewürgt hatten, in einer hölzernen Kastenfalle zu fangen, wodurch ich auch bei meiner Mutter immer mehr insumirte. Eines Morgens war die Falle zum drittenmale zugefallen und ich hörte auch etwas darin herumkrabbeln. Sogleich wurde der Knecht herbeigerufen mit einem Sack. Dieser Sack ward auf der einen Seite über die Falle hinweg gezogen, und in dieser die eine Klappe geöffnet. Von der anderen Seite mit einem dünnen Stocke in diese hineingefahren, sprang das Thier in den Sack. Nun nahm der Knecht diesen und schlug den darin befindlichen Gegenstand gegen eine Wand, wodurch das Thier getötet wurde. Jetzt war
der interessanteste Augenblick für mich eingetreten, mit großer Begierde meiner Mutter zu verkünden, daß wiederum ein Hühner-Mörder vertilgt worden sey. Ich blickte in den Sack, aber was fand ich? - einen zahmen weißen Haasen, von denen ich eine ziemliche Anzahl gezüchtet hatte. In meiner Erwartung getäuscht, zog ich mich still in meine Zelle zurück. Überhaupt war mir die Kälte lieber als die Wärme, wobei es im Laufe meines künftigen Lebens von da ab immer geblieben ist. Hierdurch und durch andere körperliche Anstrengungen von meiner frühesten Jugend an, wie ich bereits erwähnt habe, mag mein Körper wohl vorbereitet, und abgehärtet worden seyn, um späteren unerhörten Mühseligkeiten und Gefahren trotzen zu können.
In dieser Art, jedoch ohne den Schul-Unterricht versäumen zu dürfen, erreichte ich das 15te Jahr, und wurde confirmirt. Wenn gleich die Jagd und überhaupt die Bewegung in der freien Natur mir Bedürfniß geworden waren, so war ich doch auch nicht unempfindlich für die Religion, ohne Zweifel eine Folge der Erziehung meiner frommen Mutter. Der Tag meiner Confirmation war ein sehr feierlicher für mich, und noch jetzt, nach mehr denn 50 Jahren, ist mir derselbe in frommer Erinnerung. Meine Mutter hatte mir schon in meiner Kindheit ein Morgen- und ein Abendgebet gelehrt, und bis jetzt habe ich, selbst in den größten Gefahren, nicht versäumt, diese Gebete täglich an den Höchsten zu richten. Mancher der dies liest, wird vielleicht eine Miene des Zwei-
fels machen, was mir freilich gleichgültig seyn würde, versichern kann ich indessen mit gutem Gewissen, daß mir diese Gebete, in Betrübniß, Leiden und Widerwärtigkeiten stets Trost gewährt, und mich aufgerichtet haben, was auch jetzt noch der Fall ist.
Mit dem Unterricht in der Schule war es nun vorbey, und da mein jüngerer Bruder diesen nun noch allein bedurfte, so ward der Informator abgeschafft und ersterer in die nächste Stadt gebracht, um da weiter ausgebildet zu werden. Die Anforderungen, welche in damaliger Zeit, rücksichtlich der wissenschaftlichen Ausbildung eines jungen Menschen, der sich dem Forst- und Jagdfach widmen wollte, gemacht wurden, waren nicht so kolossal und übertrieben, wie das in der jüngsten Zeit der Fall
war und noch ist. Sie wurden bei mir genügend erachtet und ich trat dann bei meinem Vater in die Lehre, dem es als rechnungsführendem Forstbeamten damals gestattet war, seine Söhne selbst zu unterrichten. Von da an widmete ich mich mit Eifer den im Reviere meines Vaters vorkommenden Geschäften, nur bei schwierigeren Fällen bedurfte es einer Anweisung von ihm, außerdem hatte er nicht nöthig mich anzutreiben. Hitze, Kälte Regen oder Wind, waren mir kein Hinderniß, und die Erholung davon bestand in Ausübung der Jagd. Vermutete ich, daß an irgend einem Ort des Reviers Holz, Gras oder dergleichen gestohlen werden möchte, oder in den Schonungen gehütet würde, dann blieb ich gleich in der Nacht im Walde liegen, bis es wieder Tag wurde, oft vergeblich,
oft aber auch mit Erfolg, im Ganzen waltete aber eine große Furcht vor mir bei den Frevlern ob. Einzelne Fälle sind freilich vorgekommen, wo ich mit Holzdieben ins Handgemenge kam, doch habe ich stets den Sieg davon getragen, indem ich sie entweder in die Flucht schlug oder arretierte. Einen Fall will ich hier kurz anfügen. Eines Tages, im Monat April, war ich mit dem Vorzeichnen der Plätze beschäftigt, wohin junge Eichen auf einer Hutung gepflanzt werden sollten. Es war Mittag und ich war im Begriffe abzubrechen und zu Tische zu gehen. Da hörte ich in dem etwa 500 Schritte entfernten Walde etwas gedämpfte Schläge, als wenn Jemand einen Baum abhiebe. In Begleitung des mit anwesenden fremden Lehrlings, ging ich eilig nach
der Gegend zu, woher der Schall kam, hörte aber nichts mehr, als ich in das Holz eintrat. Nicht weit von der Stelle grenzte ein anderes Forstrevier an, ich sandte den Lehrling rechts ab nach der Grenze zu und ich näherte mich links in einem Bogen ebenfalls der Grenze. Auf einmal sahe ich einen Mann mit der Axt in der Hand vor mir hinlaufen, den ich sofort verfolgte, blos einen vierkantigen Maßstock von 5 Fuß Länge in der Hand habend, wo mit ich die Entfernung der Pflanzlöcher gemessen hatte. Er nahm die Richtung nach der Grenze zu und ich rückte, den Grenzgraben welcher 2 Fuß tief mit Wasser angefüllt war, durchwatend, dem Fliehenden immer näher auf den Leib, ihm zurufend "Steh oder ich schlage Dich auf den Kopf". Auf einmal drehte
sich der Kerl um, hob die Axt in die Höhe und sagte: gehst Du nicht zurück, so haue ich Dir den Kopf voneinander. Er hieb auch wirklich zu, allein ich parirte den Hieb und gab ihm zugleich einen kräftigen Schlag mit meinem Stocke auf die eine Hand, daß ein Stück von dem Stocke absprang, er aber die Axt fallen ließ. Nun setzte er die Flucht fort, ich hinter ihm her, und als er auf mein Zurufen "Steh" nicht stand, schlug ich ihn mit dem Stocke auf den Schädel, so daß er wie tod auf das Gesicht hinstürzte. Im ersten Augenblick wäre es mir gleichgültig gewesen, wenn er tod war, so hatte ich mich erboßt, und es bedurfte auch längerer Zeit, bevor ich wieder zu Athem kommen konnte. Der Mann lag immer noch still, und das Blut lief noch aus der Wunde, die jedoch,
an der linken Seite des Kopfes in dem harten Schädel befindlich, mir nicht gefährlich zu seyn schien, und ich nahm meinen Stock wieder zur Hand, rief ihm zu, aufzustehen und da er dies nicht that, versetzte ich ihm einen Streich über die Keulen, worauf er sich schnell aufrichtete, und mich inständig bat, ihn gehen zu lassen. Ich schlug ihm dies ab, und befahl ihm, mit mir zu gehen, damit ich seinen Namen erführe, und er in das Zuchthaus gebracht werden könne. Um das Fortlaufen des Mannes zu verhüten, schnitt ich ihm das Band im Hosengürtel entzwei und er mußte so die Hose immer mit einer Hand festhalten. Dies Letztere und den Umstand, daß dieser Holzdieb während des Abhauens das Stammes von dem ich ihn ver-
trieb, etwa 2 Fuß von der Eiche einen Sack um denselben gebunden hatte, damit der Schall gedämpft werden möchte, was auch wirklich der Fall war, mögen sich junge Jäger, die dies etwa lesen sollten, merken: Nachdem der Frevler von den Holzheuern[10], bis zu denen ich ihn tansportirte, recognoscirt war, ließ ich ihn laufen, ohne die Sache weiter zu verfolgen, da er seine Strafe schon von mir bekommen hatte. Die Lection hatte indessen doch so viel gefruchtet, daß er nachher kein Holz wieder geschlagen hat. Meine Lehrzeit ging nun in der bezeichneten Weise hin, bis ich im Jahre 1803 das Unglück hatte, meinen Vater durch den Tod zu verlieren. Das war für mich ein höchst schmerzlicher Fall, da ich meinen
Vater in Wahrheit liebte und für uns Alle war es sehr betrübt; denn er hinterließ nur ein ganz geringes Vermögen und von uns Kindern, noch 8 an der Zahl, /: 2 waren im Laufe der Jahre gestorben :/ war noch keines versorgt. Zwei Brüder von mir standen im reitenden Jäger-Corps, der älteste trat ein und der andere ging zu dem Nachfolger meines Vaters, um demselben in seinen Geschäften Hülfe zu bieten. Einer war Oeconom und der jüngste besuchte noch die Schule.
Die Mutter, 3 Schwestern und ich, wir waren verlassen. Im Jahre 1804 erhielt ich auf Antrag zwar einen Interims-Paß vom reitenden Corps II allein dadurch bekam ich für den Augenblick keine Mittel zur Subsistenz, bis endlich ein Freund meines Vaters vermittelte,
daß mich ein Königlicher Oberförster in der Gegend von Luckenwalde aufnahm.
(nun wieder ganze Seitenbreite)
Über die Reise dorthin will ich doch einige Worte hier noch sagen. Zu Anfang des Januars 1804 trat ich solche an, und fuhr Abends in der Dunkelheit von dem nächsten Städtchen mit der Post ab. Die Contruction dieses Wagens war, wie bei allen andern damals, sowohl äußerlich als inwendig außerordentlich roh und unzweckmäßig, ja der Aufenthalt der Passagiere darin geführcht, denn es waren in dem kolossalen Wagen den man ein wanderndes Haus nennen konnte, so viel Postgüter, oft Kisten von mehreren Centnern, gepackt, daß für die Reisenden nur ein geringer Raum blieb, und diese stets in Angst schwebten, daß wenn der Wagen umfiele, sie zerquetscht werden könnten, wie ein Frosch. Von mehreren Freunden und auch Freundinnen, wurde ich dann bei der Abreise an den Wagen geleitet, und dann ging die Fahrt zum Thore hinaus, nach Halberstadt und Magdeburg zu. Der Boden ohne Schneedecke war hart gefroren, Chausseen waren noch nicht in der Mode, weshalb der
Wagen sich auf der, bei weichem Wetter ellentief durch kneteten Heerstraße, zwar langsam, aber dennoch unter den fürchterlichsten Stößen fortbewegte. Die darin befindlichen Sitze, bestand aus Brettern mit braunem Leder überzogen, waren nicht einmal gepolstert; der Wagen ruhte unmittelbar auf den Axen, und man kann sich daher leicht vorstellen, was dadurch das Gesäß zu erdulden hatte. Zum erstenmale geschieden von den Meinigen, von Freunden und Bekannten, befand ich mich so schon in einer düstern Stimmung, welche zu erheitern die Situation, in der ich mich befand, eben nicht geeignet war. Auf der Strecke von 3 Meilen bis Halberstadt brachte ich von Abends 9 Uhr bis zum anderen Morgen um 8 Uhr zu. An Schlaf war nicht zu denken gewesen, der ganze Körper war wie zerschlagen, aber dennoch war ich genöthigt, den Postwagen bald wieder zu besteigen um nach Magdeburg weiter zu gehen. Die Reise dahin war indessen, abgesehen von den Schmerzen meiner Glieder, nicht so einsam wie die Fahrt der Nacht,
indem noch ein Reisegefährte, ein junger Kaufman dessen Bruder Jäger und mir befreundet war, sich zu mir gesellt hatte. Dieser heiterte mich durch seine Gespräche etwas auf, so wie überhaupt die Strecke bis Magdeburg, 6 Meilen (ca. 42 Km), im Verhältnis der Zeit und Entfernung der Nachtfahrt, rascher zurückgelegt ward, denn wir langten bereits um 7 Uhr Abends in Magdeburg an. An der Thorwache mußten wir halten, und es kam ein Officier an den Wagen, um uns zu examiniren, doch er mochte uns nicht als verdächtig erachten denn er befahl dem Postillion fortzufahren und uns gab er die Weisung, wir sollten nur sagen, wir wären nicht gemeldet. Mein Reisegefährte schlug nun vor, daß wir im Gasthofe "Zum Weißen Löwen" logierten, womit ich einverstanden war. Von dem Postamte aus, gingen wir dorthin, und fanden ein ziemlich gutes Logis. Nach einigen Stunden merkte ich die Folgen der Reise erst recht, alle Knochen waren wie gelähmt besonders ein gewisser Theil des Körpers hatte dermaßen herhalten müssen, daß es mir vorkam, als ob das Fleisch darauf mit einer Keule mürbe gepocht sey. Ich hatte in der verflossenen
Nacht nicht schlafen können, und wollte nun das Versäumte in der folgenden nachzuholen suchen, allein die fortwährenden Schmerzen ließen es nicht dazu kommen. Am Morgen sah ich die Schwierigkeit ein, auf der Post weiter zu fahren und ich beschloß, mich zu erkundigen, ob von Magdeburg aus vielleicht eine Gelegenheit sey, meine Sachen nach dem Magdeburgerfuhrt, welchen Ort ich zunächst als Ziel gewählt hatte, zu spediren; meine Person wolle ich dann zu Fuß dahin schaffen. Der dieserhalb ausgeschickte Hausknecht, brachte die Nachricht, daß ein Lohnfuhrmann im Wirthshause "Zum gelben Handfuß" logire, der um Mittag noch Loburg abführe und der erbötig wäre, mich bis dahin mitzunehmen. Dies sey auch der richtige Weg nach Magdeburgerfuhrt, welcher Ort nahe bei Loburg liege. Ich nahm dies an, und ließ gegen Mittag mein Gepäck in genanntes Wirtshaus schaffen und folgte bald selbst nach, um weiter mit dem Fuhrmann zu verhandeln. Dieser war nicht gleich da, und ich erwartete ihn einige Zeit in der Fuhrmanns Stube. Da trat ein junger Soldat in der damaligen Uniform herein, mit einer Büchse
in der Hand, wie sie die Barbiere gewöhnlich haben. Er trat auf mich zu und frug sehr artig, ob ich wünschte rasiert zu seyn? Indem ich ihm mein Kinn mit der Bemerkung zeigte, daß die Haare meines zu hoffenden Bartes erst in ganz einzelnen winzigen, den Daunen ähnlichen Exemplaren ans Licht träten und daß es demnach etwa so seyn würde, als wenn er ein junges Frauenzimmer rasiere, /: beiläufig gesagt, alte Matronen habe ich gesehen, die einen ziemlich starken Bart hatten :/ stand er von dem Antrage ab. Etwa um 2 Uhr fuhr der Mann mit einem Einspänner ab, und da es langsam von der Stelle ging, ich auch Bedenken trug, mein Gesäß dem Drucke wieder Preis zu geben, so ging ich zu Fuß neben dem Wagen her, mit meinem Gewehre auf der Schulter, und einem Hühnerhund als Begleiter. Das Wetter war heiter, die Strahlen der Sonne reflectirten von dem bereiften Boden und den mit Raureif überzogenen Bäumen. Besonders interessant für mich war der Anblick einiger größere Kiefernbestände, welche Holzart ich vorher nur in einzelnen
Exemplaren gesehen hatte. Die Natur war nun wohl schön, aber mein Gemüth blieb getrübt in dem Gedanken an das, was ich bisher erlebt hatte und an die Zukunft. Hätte ich damals durchschauen können, welche Mühseligkeiten und Gefahren mich auf meiner Lebensbahn treffen würden, so wäre ich doch wohl verzweifelt, weiter zu gehen; aber da mir, nach der weisen Einrichtung des Höchsten, die Zukunft verborgen blieb, so blieb mir, neben der trüben Stimmung, immer die Hoffnung: "Er wird es wohl machen". Während dessen bewegte sich das Fuhrwerk langsam fort, und wir waren kaum 2 Meilen von Magdeburg entfernt, als die Sonne zu sinken begann. Endlich wurde es dunkel und das Pferd schien Mühe zu haben, das Fuhrwerk fortzuschleppen. Nach etwa einer Meile kamen wir in ein Dorf, wo vor dem Wirtshause still gehalten ward. Hier erklärte der Fuhrmann, sein Pferd wolle nicht mehr fort, weshalb er hier übernachten müsse. Lieber wäre ich freilich noch bis zum Städtchen Loburg gereist, wo ich ein besseres Nachtlager erwartete als in dieser
Dorfschänke, allein es war nicht zu ändern, ich mußte mich fügen. Ich trat denn ein, und fand eine alte freundliche Wirtin, die mich zuvorkommend empfing. Eine Biersuppe und gerührtes Ey, war das Abendbrot, und zum Nachtlager wurde der Platz hinter dem Ofen, mit einer Schütte Stroh, für mich hergerichtet. Ein Jude, der ihn bereits eingenommen hatte, wurde von der Wirtin genötigt, ihn zu räumen, worüber er seinen Unmuth durch unverständliche Töne zu erkennen gab. Unter einigem Bedenken, ob der Jude nicht vielleicht mehrfüßige Thiere dort zurückgelassen haben mochte, sahe ich mich endlich genötigt, das sonst von frischem Stroh gemachte Lager in Besitz zu nehmen, und da ich dergleichen ungewöhnliche Nachtlager von früherer Zeit her gewohnt und auch sehr ermüdet war, so schlief ich, bedeckt mit meinem Pelze, ruhig ein. Schon im Laufe der Nacht empfand ich periodisch ein Jucken auf der Haut, doch da mich die Müdigkeit nicht völlig zur Besinnung kommen ließ, so schlief ich immer bald wieder ein. Am anderen Morgen ging die Reise
weiter, zunächst bis Loburg und von dort nach Magdeburgerfuhrt. Hier ward ich von dem dortigen Oberförster freundlich empfangen und während einiger Tage, die ich mich bei ihm aufhielt, mit seinem Reviere und dessen Bewirthschaftung möglichst bekannt gemacht. Hierüber jetzt, nach 50 Jahren, eine nähere Beschreibung zu machen, wird mir wohl erlassen werden; so viel ist mir noch erinnerlich, daß das Revier in Blöcke, Jagen und Abteilungen eingetheilt war, daß die abgetriebenen Kiefern-Bestände durch Zapfensaat verjüngt wurden, Ballenpflanzungen nicht vorkamen und überhaupt die Bewirtschaftung weit einfacher war, als das in den jetzigen Zeiten der Fall ist. Und doch waren die verschiedenen Altersklassen besser vertreten, als dies, im Allgemeinen, jetzt der Fall ist. Noch muß ich hier erwähnen daß ich wirklich einige Läuse aus der Dorfschänke mitgenommen hatte, indessen gelang es mir bald, diese unangenehmen Gäste zu vertilgen. Eingedenk der freundlichen Behandlung, welche ich
in dem Hause des Revirverwalters zu Magdeburgerfurt genoß, will ich hier dessen Namen nennen. Er hieß Mendel, und führte den damals gebräuchlichen Titel "Landjäger". Er ist bereits lange Jahre tod, ob von dessen Nachkommen noch welche existiren, weiß ich zwar nicht, sollte es aber der Fall seyn, so mögen sie sich überzeugt halten, daß der Aufenthalt in dem Hause ihres Stammvaters, mich jetzt noch mit Dankbarkeit erfüllt. Die Theilnahme des Landjäger Mendel für mich mochte auch wohl noch dadurch erhöhet werden, weil er mit meinem Vater bei dem reitenden Corps zugleich gedient hatte. Meine Winterreise hatte nun ihr Ziel auf Rädel zum Oberförster /: Oberjäger :/ Ike, welcher das Revier Kloster-Lehnin verwaltete. Dieser empfing mich wo möglich noch freundlicher als Mendel, und das besonders darum, weil er länger mit meinem Vater gedient hatte, als jener. Bereitwillig machte er mich mit seinem Revire und mit den darin obwaltenden forstwirtschaftlichen Verhältnissen bekannt. Besonders interessirte mich die dort bestehende Flößerei, vom Lehniner See ab
mittels eines Kanals und der Havel nach Potsdam. Nutz- und Brennholz lagerte in großen Massen an dem genannten See, und hiervon hatte der Oberförster den größten Theil durch sein Gespann heranrücken lassen. Zu diesem Behuf hielt er 28 Stück Zugvieh, Pferde und Ochsen. Dies damals den Forstbeamten erlaubte Geschäft, brachte ihm viel ein, und wenn nicht selten der Normalgehalt kaum 30 rtlr[11] jährlich betrug wie dies z. B. bei Ike der Fall war, so standen sie sich doch mindestens um das Doppelte besser als jetzt. Freilich wurde auch mancher Mißbrauch dabei getrieben, und es ist wohl als zweckmäßig zu bezeichnen, daß dieser Gebrauch beseitigt ist. Obgleich der Revierverwalter meinte: die starken Hölzer nähmen nachgerade merklich ab, so fand man doch die Bestände noch in einem Klassenverhältnis vor, wie dies jetzt wohl wenige Reviere aufzuweisen haben.
Auch der Wildstand war gut, besonders Dammwild und Sauen waren viel vorhanden. Bei den Jagden an denen ich Theil nahm, war ersteres eine interessante Erscheinung für
mich, indem dergleichen in der Gegend wo ich bisher lebte, gar nicht vorhanden war, ich mithin noch keins gesehen hatte.
So
verstrichen mir die Tage angenehm, jedoch war es nun auch Zeit meinem
eigentlichen Bestimmungsort Zinna entgegen zu gehen, und ich schied in
dankbarer Erinnerung von jener Familie. Das angenommene Bauerfuhrwerk brachte
mich glücklich nach Zinna, und der Oberförster XXXX [12]empfing mich nicht mit der
Freundlichkeit, wie dies von Seiten seiner beiden Collegen der Fall war. Schon
der Fuhrmann schilderte mir denselben als einen sehr mürrischen, ja groben
Mann, und setzte hinzu, da ist der Herr Oberjäger ein ganz anderer Mann, er ist
wohl strenge in seinem Dienste, aber doch sonst freundlich und gefällig gegen
Jeden, der mit ihm zu thun hat. Ich erwiederte zwar nichts auf diese Erzählung,
aber sie versetzte mich doch in eine etwas unbehagliche Stimmung, und hatte
mich bereits auf den ernsten Empfang vorbereitet. Das Logis wurde mir in dem
selben Locale angewiesen, wo der Expedient wohnte, in welchem ich eine verwachsene,
nemlich
buckliche kleine Figur entdeckte. Er erwiderte meinen freundlichen Gruß etwa in derselben Weise als sein Herr, wobei ich dachte, ein kaltes, abstoßendes Aeußere, muß in diesem Hause wohl als guter Ton betrachtet werden, und ich nahm denn auch ein brummiges Verhalten an, indem ich in mehreren Stunden mit dem Herrn Secretair kein Wort sprach. Gegen Abend kamen die Jäger, ein sogenannter Revierjäger und ein Lehrling, aus dem Reviere nach Hause. Der Lehrling, ein freundlicher und hübscher junger Mensch, suchte sich mir zu nähern, und wenn ich auch sofort, und besonders damals in meiner gedrückten Stimmung, mich nicht Jedem näher aufschließen konnte, so war es mir genug, vorerst in dem, einem Kloster ähnlichen Hause, ein Individuum zu finden, was geeignet schien, mein Gemüth etwas aufzuheitern.
Es war mir daran gelegen, mich zu vörderst von den Verhältnissen, bezüglich des dortigen Reviers zu unterrichten, und der junge Mensch war im Stande, meine desfallsigen Fragen ziemlich ausführlich zu beantworten.
In der Dämmerung entfernte sich der schweigsame Secretair, und nun hatte der Lehrling nichts Eiligeres zu tun, als mir über die Familien-Verhältnisse seiner Principalitaet allerley vorzutragen. Obgleich das was er sagte, bis jetzt meinem Gedächtnis größtentheils noch vorschwebt, so halte ich es doch nicht für nötig, dem hier einen Platz zu geben; nur das will ich erwähnen, daß er den Principal als einen Mann von großer Schroffheit darstellte. Ihm etwas auf seine Mittheilungen zu erwiedern, was für diese Familie gravirend gewesen wäre, hütete ich mich, indem mir alle sogenannten Klatschereien von meiner frühesten Kindheit an, zuwider waren, wobei ich auch in meinem ganzen Leben bis jetzt, stehengeblieben bin.
Die Vorträge über die Eigenschaften des Principals waren denn freilich nicht geeignet, das Vorurtheil, welches ich schon früher von ihm bekommen hatte, zu beschwichtigen, im Gegentheil tauchte der Entschluß in mir auf, daß wenn es mir nicht gelänge, durch pünktliche Ausführung der
Weisungen meines Principals ihn freundlicher und theilnehmender zu stimmen, ich mich von ihm trennen würde.
Den ersten Beweis, daß die Mittheilungen des Lehrlings nicht ungegründet waren, erhielt ich bald. Eines Tages beschied mich mein Principal zu sich und sagte: am nächsten Tage werde ich eine Treibjagd veranstalten in dem und dem Reviere. Der Sammelplatz ist da und da, und Sie werden Sich, nebst den beiden Jägern, früh punkt 9 Uhr dort einfinden. Da mir die Entfernung des Rendezvous nicht bekannt war, so erkundigte ich mich bei anderen danach, wie lange man wohl gehen müsse, um dahin zu gelangen. Man sagte mir, 2 Stunden. Am anderen Morgen brach ich in Gesellschaft der Jäger bereits um 6Uhr auf und langte ½ vor 9 Uhr auf dem Platze an. Die Jagdgesellschaft, wobei sich mehrere alte Officiere befanden, war bereits versammelt, und als ich an meinen Principal herantrat, um mich zu melden, ward er sogleich sehr ausfallend vor der ganzen Gesellschaft gegen mich, indem er mir einen strengen Verweis gab, daß ich mich nicht früher eingefunden hatte. Wenn ich nun auch in dem Augenblicke auf diese unverdiente Zurechtweisung nichts erwiderte, so müßte ich wenig Ehrgefühl gehabt haben, um sie ruhig im Innern zu verschmerzen, ich nahm mir vielmehr vor, daß wenn mein Herr Principal sich herausnehmen möchte, künftig einmal wieder seinen Zorn, ohne gegründete Ursach an mich zu richten, ich mich sofort von ihm trennen würde.
Ich bemühete mich nun, das Zinnaner Revier und die Bewirtschaftung desselben möglichst kennen zu lernen, aber nicht etwa unter Führung meines Principals (daran dachte er nicht), vielmehr war ich genötigt, mich entweder von dem betreffenden Schutzbeamten oder von den Jägern begleiten zu lassen, wenn ich einen Holzschlag oder eine Kultur besuchen wollte. Es bestand damals dort noch die Einrichtung, daß die Schutzbeamten, wozu in gewisser Hinsicht auch die Revierverwalter gehörten, für entdeckte Holz Diebstähle und für Entwendung anderer Forstproducte ein gewisses Pfandgeld bekamen. So auch die Jägerburschen, nun weiß ich, daß der so genannte Revierjäger meines Principals jährlich an 100 rtlr Pfandgeld einnahm. Dies mußten größtenteils die sonst in Armuth lebenden Bauern jener Gegend bezahlen, für Streu- und Gras-Entwendungen Hütungs-Controventionen u. f. m.
Beim Holzmarkt, (so nannte man dort die Gerichtstage) brachte jeder Frevler das Pfandgeld gleich mit zur Stelle, zahlte es vor dem Gerichte aus und dann nahm es der anwesende Denunciant gleich in Empfang. Wie mir es schien, wurde aber in der Periode zwischen den Holzmärkten ein und derselbe Bauer nur einmal herangezogen, wie das zusammenhing, habe ich nicht entdecken können, da mein Aufenthalt in jenem Revier nur kurz war.
Mein Principal setzte übrigens sein schroffes Benehmen gegen mich fort, unbewußt meiner Schuld kränkte mich diese Behandlung immer mehr, so daß mir am Ende die Geduld verging und ich einst nach einem solchen Auftritte beschloß, bei nächster Gelegenheit mich von ihm zu trennen. Diese ließ nicht lange auf sich warten. Eines Tages wurde wieder eine Treibjagd veranstaltet, die ein Revier betraf in welchem Dammwild und Sauen standen, wovon einige Stücke abgeschossen werden sollten. Da ich nur eine einfache Flinte hatte /: denn die Doppelgewehre waren damals noch nicht so im Gebrauch als später :/ so nahm ich neben dieser noch die Büchse mit, um nach Befinden beide benutzen zu können, das heißt: beim Erscheinen eines Fuchses oder Haasen, die Schrotflinte und auf stärkeres Wild die Kugelbüchse zu wählen. Hier muß ich noch voraus schicken, daß sich bereits früher an dem Schlosse der Flinte ein Mangel in dem Mechanismus herausgestellt hatte, der jedoch vor meiner Abreise von Stötterlingenburg durch einen Büchsenmacher, wie derselbe versicherte, beseitigt worden war. Dieser Fehler bestand darin, daß das Gewehr beim Spannen des Hahns sich unverhofft mehreremale von selbst entlud; was aber bei den Jagden denen ich kurz vor diesem Falle, den ich erzählen will, beiwohnte, nicht mehr geschehen war, weshalb ich denn
der Angabe des Büchsenmachers Glauben schenkte. Nun die oben angedeutete Jagd begann und während der ersten beiden Trieben ergab sich nichts Verdächtiges an meiner Flinte. Bei dem dritten Triebe erhielt ich einen Stand an einer alten Kiefer angewiesen. Ich hatte vor dem Abgehen der Treiber noch Zeit, meine Gewehre zu untersuchen, ob sie in Ordnung seyn möchten und ich nahm zuerst die Flinte vor. An dieser fand ich nichts Mangelhaftes, zog daher den Hahn auf, und stellte sie neben mir an den Baum. Auch die Büchse spannte ich, und stellte sie ebenfalls neben erstere. So wartete ich, bis das Signal zum Abgehen der Treiber gegeben wurde, und da, wie allen Jägern bekannt ist, der Fuchs, vermögen seiner Schlauheit, der Gefahr eher als alles andere Wild zu entrinnen sucht, die er von da, wo Menschenstimmen laut werden, befürchtet, auch in der Regel am ersten vor den Schützen, die dem Geräusch gegenüberstehen, erscheint, so war ich eben im Begriff, die Flinte in die Hand zu nehmen, als diese losging und der Schuß mir so nahe am Kopfe vorbei fuhr, daß der Hut auf der entgegengesetzten Seite herabfiel, und ein Summen und Klingen in dem einen Ohr entstand, welches mich einen Augenblick völlig betäubte. Der Schuß mochte ganz nah am Kopfe vorbeigehen, denn ich fühlte die Hitze
von dem explodierenden Pulver und den Luftdruck ganz genau. Als ich zur Besinnung gekommen war, beschloß ich, die mir nunmehr völlig verhaßt gewordene Flinte nie wieder zu laden, setzte sie an den Baum, und dankte Gott, daß er eine große Gefahr von mir abgewendet hatte, da möglicher Weise mein Kopf zerschmettert worden wäre, wenn die Flinte eine Secunde später losging. Aber das dachte ich nicht, daß dieser Fall eine Wendung in meinem Lebenslaufe veranlassen würde. In welcher Art dies geschah, wird der Leser aus dem weitern Verfalg desselben entnehmen.
Kurz nach Beendigung des Treibens versammelte sich das Jagd-Personal auf einem gewissen Platze, und es wurde nun von dem Jagdgeber gefragt, wer während der selben geschossen habe und was an Wild erlegt worden sey? Der Eine hatte ein Stück Dammwild, der Andere einen Fuchs geschossen, und ich rapportirte, daß mir das Gewehr zufällig losgegangen sey. In diesem Augenblick verfinsterten sich seine Gesichtszüge /: in denen, beiläufig gesagt, ich überhaupt noch keinen freundlichen Strich erblickt hatte :/ bis zum Abschrecken, wobei auf seinem mageren Antlitz so dichte Falten entstanden, wie man sie auf dem Äußeren einer Wachtelpfeife findet. Hierbei begann er meine Fahrlässigkeit, wie er den Fall bezeichnete, auf eine sehr unanstä-
dige Weise zu rügen, wobei er Zweifel äußerte, daß ich die Wahrheit gesagt habe, also mich für einen Lügner hielt. Dies war zuviel für meinen ehrlichen Sinn, und ich erwiderte ihm ganz ruhig "Da Ihr bisheriges abstoßendes Benehmen gegen mich schon die Vermutung in mir erregte, daß ich Ihnen zu wider sey, so finde ich dies hier bei dem gegenwärtigen Vorfalle vollkommen bestätigt, und da wir die beiden Theile auf irgend eine Art bindendes Verhältniß weiter nicht vereinbart haben, so danke ich von diesem Augenblicke an für Ihren Dienst, und sage Ihnen und der übrigen Gesellschaft Lebwohl.
Hierauf entfernte ich mich und merkte weiter nicht auf das, was mein bisheriger Principal noch sagte. Nachdem ich zuvor meine Büchse noch abschoß, ging ich nach Zinna und packte meine Sachen ein, um mit einem Wagen nach der nächsten Poststation Treuenbietzen zu fahren. Indessen war dort eine Gelegenheit nicht zu bekommen, und da der Abend bereits hereinbrach, so mußte ich mich bequemen, noch eine Nacht in meinem bisherigen Quartier zu bleiben. Obgleich ich wohl wußte, daß ich einer ungewissen Zukunft, in Rücksicht meiner Subsistenz, entgegen ging, so reute mich doch der gethane Schritt durchaus nicht, und ich nahm mir fest vor, meinen Entschluß auszuführen.
Eben so fest beschloß ich, mich der Flinte, wodurch
der Streit entstanden war, zu entledigen, ich mochte sie nicht mehr sehen, zumal ich nahe daran war, durch sie mein Leben oder meine Gesundheit zu verlieren. Demnach machte ich dem Lehrling, dessen ich eben erwähnt habe, den Antrag, ob er die Flinte von mir annehmen wolle. Derselbe war dazu erbötig, jedoch nur gegen Bezahlung. Ich verlangte eine ganz geringe Summe dafür, die er mir denn auch gab. Auf dem andern Morgen hatte ich einen Wagen bestellt und als derselbe vorfuhr, begab ich mich zu meinem bisherigen Principal, um Abschied zu nehmen. Sein Benehmen war hierbei zwar nicht so abstoßend als am Tage zuvor, und er meinte, ich hätte doch sollen erst abwarten, bis ich den Engagements-Paß vom reitenden Jäger-Corps bekomme. Ich dachte: das heißt so viel: bis dahin will ich Dich noch so fort behandeln wie bisher und winkte ab. In Treuenbrietzen angelangt, begab ich mich zur Post, erfuhr aber, daß die Post nach Coswig, Dessau etc. erst Abends 9 Uhr abgehen würde, und begab mich daher zuvörderst in ein Gasthaus.
Ich fühlte mich erleichtert, und im Vertrauen auf Gott empfand ich nicht die mindeste Reue über den gethanen Schritt. Endlich kam die Zeit zur Abfahrt heran, ich stieg in den Postwagen und fand 6 Studenten und 2 Frauenzimmer als Reisegefährten. Es war eben ein solcher Kasten wie der, in dem ich
von meiner Behausung nach Magdeburg gereist war, und wenn ich auch einen Augenblick daran dachte, wie damals mein Gesäß mitgenommen, so beruhigte ich mich doch damit, daß der Erdboden nicht mehr gefroren war, und daß ich eine lustige Gesellschaft zur Seite hatte. Die Studenten, wie dies gewöhnlich ist, waren sehr lebendig, und schienen auch bereits sehr bekannt mit den beiden Frauenzimmern zu seyn, die ich indessen, wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte. Daß sie von einer ganz gewöhnlichen Klasse seyn mochten, folgerte ich aus den Gesprächen, die sie mit den Studenten führten. Mitunter ward ich in die Unterhaltung mit hineingezogen, und wenn ich nun noch bemerke, daß stets Pfeifen in vollem Gange waren, so kann man sich wohl denken, was für eine Rauchwolke uns in dem verschlossenen Wagen umgab. Auf der ersten Station bis Bohsdorf, ging es ganz gut. Der Wagen neigte sich zwar mehreremale bedeutend nach einer Seite, indessen er fiel doch nicht um. Auf der Strecke von da bis Coswig trafen wir eben noch grundlosere Stellen und auf einer solchen stürzte auf einmal der Koloß um, jedoch nur langsam, und die Erschütterung war nicht sehr bedeutend, obgleich das Gepolter, welches die im Hinterwagen befindlichen Postgüter machten, uns etwas Schrecken verursachte
Nun kann man sich wohl denken, welche Verwirrung unter 9 Menschen, die in der Dunkelheit in einem engen Raum durch und übereinander geworfen wurden, entstehen muß, der Eine schrie über seinen Arm, die andere über ihre Beine, und ein Jeder strebte danach, sich mit Händen und Füßen in die Höhe zu arbeiten und es kamen bei diesem Bestreben Griffe vor, die nur die augenblickliche Noth entschuldigen kann. Doch endlich lag man ruhig und wartete der Dinge, welche kommen würden, bis der Postillion die oben liegende Tür des Wagens aufgemacht hatte, wo denn die zunächst liegenden zu ihm hinaus schlüpften. Den Frauenzimmern wurde von den Studenten auf allerley Weise nachgeholfen und endlich befanden wir uns Alle unter Gottes freiem Himmel. Der Mond war einige Zeit vorher aufgegangen und beschien die eigentlich spaßhafte Scene, worüber man nunmehr lachen mußte; Besonders war dies ein Gaudium für die Musensöhne. Aber wie nun den Wagen wieder in die Höhe zu bringen? Der Postillion spannte ein Pferd aus und ritt möglichst schnell nach dem nächsten Dorfe, woher er dann bald in Begleitung einiger Bauern mit Hebebäumen, Ketten und Seilen zurückkehrte. Während letztere die Veranstaltungen zum Aufheben des Wagens machten, hatten wir unsere Pfeifen wieder in Brand gesetzt und die
Studenten stimmten Burschenlieder an, wobei Alle, auch die Damen, einstimmen mußten. Der Wagen wurde dann bald wieder in fahrbaren Stand gesetzt und wir setzten unsere Reise nach Coswig fort, wo wir mit Tagesanbruch anlangten. Von hier reiste ich sofort weiter nach Kobelsdorf zu einem mir verwandten Barenburgischen Oberförster, der mich freundlich aufnahm. Als ich diesem das, was mir begegnet war, mitteilte, äußerte er: er hätte mir gleich voraus sagen wollen, daß mit dem Oberförster zu Zinna nicht zu leben wäre, denn dieser sey, so wie er wisse und auch Andere behaupteten, die ihn näher kannten, ein unverträglicher Mann. Dies beruhigte mich noch mehr und ich war froh, daß ich von ihm geschieden war. (die folgenden Zeilen sind am linken Rand mit rot markiert.) Mein Vetter machte mich mit der Bewirtschaftung seines Reviers bereitwillig bekannt, und es war in forstlicher Hinsicht interessant für mich, daß er mir gestattete, mich längere Zeit bei ihm aufhalten zu können. Hier lernte ich auch den Betrieb der Kiefer Saamen darre kennen, was für mich eine neue aber interessante Erscheinung war. Von den Resultaten, die man damals dort erzielte, kann ich zwar jetzt nach beinahe 50 Jahren, nichts Genaues mehr angeben, so viel ist mir jedoch noch erinnerlich, daß mein Vetter mit
den Ergebnissen zufrieden war, und dafür daß der gewonnene Saamen von guter Qualitaet war, sprachen die Kulturen in seinem Revier. (Ende der Randmarkierung)
Endlich kam die Zeit heran, wo ich scheiden mußte, von einer durchaus liebenswürdigen Familie, deren 2 Kinder, so viel ich weiß, jetzt noch leben, wenigstens der Sohn, welcher Anhalt-Köthenscher Forst-Inspektor ist. Mögen die, die es noch vermögen, meinen innigsten Dank hiermit entgegen nehmen. Auch fühle ich mich gedrungen, den Namen des Vaters zu nennen; er hieß Türk, und starb, freilich schon vor vielen Jahren, als Oberförster in Coswig. Mein Gepäck sandte ich per Post bis Halberstadt voraus, und, da meine Kasse sehr zusammengeschmolzen war, so folgte ich zu Fuße nach. Den ersten Tag ging ich zunächst bis Dessau, wo ich zu Mittag aß und begab mich dann wieder auf die Reise, um womöglich noch bis Köthen zu gelangen. Bevor ich Dessau erreichte, kehrte ich in der Gegend von Rohslan in einem an der Straße liegenden Wirtshause ein. Kaum hatte ich mich zur Ruhe gesetzt als auch ein Forst- oder Jagd-Beamter dahin kam. Es war mein Bestreben, über beide Branchen so viele Erfahrungen zu sammeln als möglich war, und deshalb knüpfte ich ein hierauf zielendes Gespräch mit ihm an. Bereitwillig theilte er mir manches
Interessante über die Bewirtschaftung des seiner Verwaltung anvertrauten Waldtheiles mit, und wenn ich auch das Specielle davon vergessen habe, so weiß ich doch noch, daß dessen Behandlung, nach seiner Angabe zu schließen, sehr einfach, aber vielleicht erfolgreicher war, als dies nach den jetzt theils gebotenen hoch künstlichen theils von vielen Forst-Schriftstellern, sowie von Forst-Vereinen oder einzelnen Mitgliedern derselben eingeschlagene Verfahren, /: z. B. die Anwendung der Rasen-Asche, des Buttherschen Pflegers, des Untergrundpflugs etc. :/ je erreicht worden sind. Angenehm war mir, als Jäger, auch die Mittheilung von dem gedachten Grünrock, daß er eben von einer Fütterung herkomme, auf der er einige 70 Rothirsche gezählt habe. Ich dachte, wie beglückt würdest Du Dich fühlen, wenn Dir in der Folge einmal ein Revier anvertraut würde, das einen solchen Wildstand bergen möchte, wie dieser ist. In der That, mein Wunsch ward, freilich nach vielen Mühseligkeiten, am Ende durch die Vorsehung erfüllt.
Auf dem Wege von diesem Hause nach Dessau, passirte ich die Elbe bei Rohslau, wo damals noch die Brücke vorhanden war, die in Folge des Feldzuges vom Jahre 1806. zerstört ward, und an deren Stelle vor wenigen Jahren eine neue
und stattlichere erbaut worden ist. Doch um wieder auf die mit Dessau vorhin abgebrochene Beschreibung meiner Weiterreise zurück, wobei ich zunächst noch gedenken will, daß mir bereits in Dessau, auf dem Steinpflaster, meine Füße empfindlich zu schmerzen begannen. Einige Zeit nach dem Essen machte ich mich auf den Weg nach Coethen zu. Als ich ohnfern der Stadt die mit Pappeln bepflanzte Choussee hinging, fiel es mir ein, diese von Außen zu betrachten. Da sah ich etwa 100 Schritte hinter mir einen Wanderer kommen, und in dem Gedanken, daß dieser seinen Weg auch vielleicht auf Coethen nehmen würde, blieb ich stehen. Als er näher kam, bemerkte ich, daß er einen Dreimaster auf dem Kopfe, eine Tasche von grünem Wachstuch an der Seite und einen sogenannten Ziegenheiner[13] in der Hand hatte. Halt! dachte ich, das ist ein Student, und da ich mit einigen seines Glaubens auf der oben beschriebenen Reise nach Coswig, besonders in Folge des gemeinschaftlich erlittenen Unfalls sehr befreundet geworden war, so zweifelte ich nicht, daß dieser Wanderer ebenfalls ein zugängliches Herz für Freundschaft haben würde, insofern er Student sey. Ich täuschte mich nicht; nach freundlicher Begrüßung wanderten wir neben
einander her, hatten zunächst ein gleiches Ziel nach Coethen, und er war ein Student der nach Leipzig reiste. Ich schmauchte meine Pfeife, er rauchte aber nicht, und als ich ihn fragte, ob er kein Freund vom Rauchen sey, erwiderte er: o ja, ich habe nur keine Pfeife. Diesem Mangel war ich im Stande abzuhelfen, indem ich zwei Pfeifen hatte, auch Tabak, und als ich ihm beides offerirte, nahm er das Anerbieten an und wir wurden nun bald ganz befreundet. Inmittelst begannen meine Füße immer mehr zu schmerzen und als wir nach etwa 2 Stunden vor das Dorf Mosigkau gelangten, beschloß ich dort zu übernachten. Ich teilte diesen Entschluß meinem Begleiter mit, indem ich ihm mein Bedauern ausdrückte, in seiner Gesellschaft bis nach Coethen nicht mehr gehen zu können. Nach kurzer Ueberlegung erklärte er, daß er in dem vor uns liegenden Dorfe ebenfalls übernachten würde. Wir traten nun bald in die Schänke ein und wurden von dem Wirth zuvorkommend empfangen. Es ward dunkel und wir frugen den Wirth, was es heute Abend für Essen gäbe? Er erwiderte: Rindfleischmit Hiersebrei. Der Student schien eben so genügsam zu seyn als ich, und wir ließen uns daher ein Gericht geben. Nun nahete sich uns der Wirth in ehrerbietiger Stellung und
bat, ihm unsere Pässe vorzuzeigen, was er mit der strengen Polizei, die dort walte, entschuldigte. Ich gab ihm meinen Begleit- oder Geleite-Schein, er sah ihn durch und war damit zufrieden. Dann legte der Student, seine Testimonium, welches in lateinischer Sprache ausgestellt und durch ein großes Siegel beglaubigt war, vor. Kaum hatte der Krüger hineingeblickt, als er es hastig mit der Bemerkung zurückgab: sehr schön, vollkommen richtig. Es trafen nun noch eine Menge Fuhrleute ein, mit denen wir gemeinschaftlich Nachts ein Strohlager benutzen mußten. Wir brachen bereits vor Tagesanbruch nach Coethen auf, und dort begaben wir uns in ein Wein-Local, was jetzt noch existiert, zum Frühstück. Nachdem wir uns gehörig erquickt und eine Flasche Wein ausgestochen hatten, brachen wir wieder auf. Vor Coethen trennten wir uns, indem der Student nach Halle und ich die Straße nach Bernburg zu ging. In der Jugend schließt man heute Freundschaft und trennt sich morgen, vielleicht auf ewig! In Bernburg nahm ich mein Logis im Gasthofe zum schwarzen Adler und setzte dann die Reise über Aschersleben, Halberstadt nach meiner Behausung fort, woselbst ich glücklich anlangte.
(über dem Text: In Halberstadt angelangt war ich)
Für den Augenblick war ich denn allerdings über meine Zukunft in einiger Verlegenheit, doch machte ich mir im Geringsten keine Vorwürfe darüber, daß ich den abschreckenden Mann in Zinna verlassen hatte. Ich hätte können wohl sofort zu meinem alten Oberförster im Hohensteinschen gehen, der mit meinem Vater zusammen gedient hatte, allein dieser stellte unter den Bedingungen der Aufnahme auch die, daß ich sein Pferd putzen und füttern müsse. Wenn ich mich dessen auch gerade nicht scheute, so war ich doch kein Lehrling mehr, welche sich damals dergleichen Arbeiten gefallen lassen mußten, besonders aber schien mir aus den Bedingungen hervorzugehen, daß ich, statt mich in meinem Fache zu vervollkomnen, oder doch wenigstens weiter vorzuschreiten, darin versauern würde. Aus diesem Grunde lehnte ich die Sache ab, und blieb vorerst bei meiner Mutter.
Hier lag ich aber nicht etwa auf der faulen Bärenhaut, sondern ich repetirte das was ich in der Schule gelernt hatte, und studirte Burgsdorfs Forst Handbuch, dessen Anleitung zur sicheren Erziehung der Holzarten, Anfangsgründe der Arithmetik und Geometrie von von Oppen, Anleitung zur Feldmeßkunst von Fohirmer und
Folicht u. s. w. Schriften über die Jagd gab es damals nur wenige, und ich hielt mich hierin an Döbels Jäger-Practica. Auch versäumte ich nicht jede Gelegenheit zu benutzen, die sich mir darbot, mein Fach practisch ausüben, und weiter darin vorschreiten zu können. Die Bewirtschaftung des Reviers, welches mein Vater bisher verwaltet hatte, war nicht schwierig. Es war in den neunziger Jahren vermessen und in Blöcke und gleiche Schläge eingetheilt, unter der Leitung des damaligen reitenden Feldjägers Bein. Durchweg aus Laubholz bestehend, ward dasselbe als Mittelwald, der größere Theil im 18-, das Uebrige im 9jährigen Turnus behandelt. Vorherrschend fanden sich die Eiche und Rothbuche vor, dann die Weisbuche, Birke, an tieferen Stellen die Erle. Bei dem guten Boden hatten alle diese Holzarten einen kräftigen freudigen Wuchs; der Oberbaum war vielleicht seit Jahrhunderten in regelmäßiger Verteilung und Abstufung im Alter gehalten, so daß mächtige Eichen und Rothbuchen vorhanden waren. Einen eben abgetriebenen Schlag in diesem Reviere zu betrachten, erfüllte den Forstmann mit freudigen Gefühlen und erinnerte an einen Urwald. Das Unterholz, welches in den Theilen, wo der Umtrieb auf 18 Jahre gestellt war, erreichte eine Stärke, daß solches theilweise schon zu Schirrholz verwendet, den Theil des Reviers, in
welchem ein 9jähriger Turnus geführt wurde, lag in mehreren kleinen Parzellen, auf einer Höhe zwischen Privat-Forsten, und weil diese von ihren Besitzern alle 9 Jahre geschlagen wurden, auch das Reisholz, nach den damaligen Verhältnissen, wo an der einen Seite des Reviers meilenweit kein Wald vorhanden war, sehr hoch verwertet werden konnte, so hielt man diesen kurzen Umtrieb für zweckmäßig. Außer obigen Holzarten fanden sich auch geringere, namentlich Espen und Saalweiden vermischt vor. Beide gaben aber einen guten Ertrag, erstern, als Oberbaum übergehalten, von dem Moldenhauer sehr gesucht und als Nutzholz bezahlt; letztern zur Benutzung der Rinde, welche von einigen Gerbern der Gegend zum Gerben des feinen Leders gekauft und auch gut bezahlt wurde. Der Abgang des Eiche-Oberholzes, soweit der natürliche Aufschlag dieser Holzart nicht ausreichte, ward durch Heister, die in einem stets gut gehaltenen Pflanzkampe erzogen wurden, erzeugt. Bei der Erziehung der Pflanzen in der Baumschule wurde mit der größten Vorsicht und Ausdauer verfahren. Jede Pflanze ward, bevor sie ins Freie kam, zweimal nach dem ersten und vierten Jahre versetzt, und sie bekam dadurch einen ordentlichen Wulst von Seitenwurzeln. Bei der zweiten Verpflanzung wurden die Pflanzen in einer solchen Entfernung eingesetzt, daß
die Wurzeln derselben beim Herausnehmen in der gehörigen Länge abgestochen werden konnten. Um hierbei das Quetschen oder sonstige Beschädigungen der Wurzel zu verhüten, hatte mein Vater einige handbreite, 1 Fuß lange, oben mit einem großen Oehre versehenen eisernen, unten verstählte, scharf geschliffene Instrumente fertigen lassen, die an einem 4‘‘ langen und 3‘‘ dicken weisbuchenen Stiele befestigt waren. Wurde nun beim Ausheben eine Starke Wurzel gefunden, so ward das bezeichnete Werkzeug zur Hand genommen und sie damit, in schräger Richtung, scharf abgestoßen. Sogar darauf wurde streng gehalten, daß die Pflanze mit ihren Seiten derselben Himmelsgegend zugekehrt eingesetzt ward, sie sie ursprünglich gestanden hatte. Um dies zu bezwecken, wurde dort an der Seite nach dem Brocken zu, ein kleiner Schnitt in der äußeren Schale mit einem scharfen Messer angebracht und dieser beim Einsetzen genau nach derselben Richtung gekehrt. Daß zuvor die Wurzeln verschnitten und die Zweige durch Einstutzen mit jenen ins Gleichgewicht gebracht wurde, versteht sich von selbst. Bei der weiteren Operation wurde dann so verfahren wie jedem erfahrenen Forstmann bekannt seyn muß. Wenn dann ein Schlag so nachgebessert war so fand man nicht eine einzige Blöße im ganzen Reviere, und es war schwer, einen etwas lichten Platz
auf dem Schnepfen-Anstand zu finden, um einigermaßen frei schießen zu können. Es ist nicht etwa eine gewisse Vorliebe, dieses Revier, in dem ich aufgewachsen bin, als ein Muster aufzustellen; es ist vielmehr die reine Wahrheit, was ich darüber gesagt habe. Ich habe später viele Reviere gesehen, aber keins fand ich so in der Ordnung wie dieses. Aber es sollte sich ändern! Nach dem Tode meines Vaters tauchten schon Frevel auf, die bei der Laschheit der Justiz bald überhand nahmen. Schlimmer wurde es noch, als die Franzosen das Land besetzten und den meistbietenden Holzverkauf einführten, wodurch die arme Klasse der Einwohner den reichen Wucherern in die Hände fielen, und da jene am Ende nicht mehr im Stande waren, die Mittel zum Ankauf des im Preise so hoch gestiegenen Holzes zu erschwingen, so waren sie gezwungen zu stehlen, wogegen alle Strenge nichthalf.
Schon in dieser Zeit, möchte ich sagen, gingen mir die Augen über, wenn ich diesen Unfug sahe, aber es war noch gar kein Vergleich gegen den Zustand, den ich bei der Rückkehr nach Jahren in jener Gegend, in Bezug auf dies Revier, fand. Das Oberholz auf den während meiner Abwesenheit geführten etwa 10 Jahresschlägen war fast verschwunden, das Unterholz war durch Diebstahl gelichtet und der ganze Holzbestand so verändert, daß ich
mich anfänglich in der Gegend geirrt zu haben glaubte. Noch will ich hier nachträglich ein Beispiel von der Kraft des Bodens in diesem Revier anfügen. Wie ich eben gesagt habe, ward auch die Saalweide unter den Holzbeständen aus der angegebenen Absicht geduldet. Um die Rinde plätten zu können, mußte die Vegetation bis zu einem gewissen Grade vorgerückt seyn, und das Schälen dauerte immer so lange, bis das Laub völlig ausgebrochen war. Dennoch fand ich einst im July an dem Stocke einer solchen Weide den einjährigen Trieb oder Ausschlag von 12 Fuß Länge.
Nun weiter, nach dieser Abschweifung. Mitten im Harzgebirge lebte ein alter Onkel von mir, als Gräflich Werningerodescher Förster, nemlich auf Schiericke, zu dessen Revier der höchste Punkt des Harzes, der Brocken, gehörte. Natürlich bestand bei den so nahen verwandschaftlichen Verhältnissen eine innige Zuneigung unter den Familien und es wurden alljährlich gegenseitig Besuche gemacht, die immer einige Tage dauerten. Es war jedes mal ein Fest für mich, wenn es hieß es geht nach Schiericke. Dort war eigentlich mein Element. Der Ort liegt in einem engen Thale, lang ausgedehnt an der Bode, die nicht sehr weit davon entspringt, und dennoch waren schon bedeutende Eisenhüttenwerke durch ihre Fluth in Bewegung gesetzt. Die Einwohner, welche durchgängig in Blockhäusern wohnen, sind Eisen-Arbeiter, Köhler
und Holzhauer, wenigstens war es damals so. Die Gegend umher ist wild, mächtige Berge, mit unzähligen Felsen bedeckt, von denen manche thurmhoch auf einander geschichtet sind, erheben sich oft dicht an den Gebäuden. Nur an einigen Stellen ist das Thal so breit, daß zwischen den von den steilen Abhängen herabgerollten kleineren Felsen etwas Heu gewonnen werden kann. Der Sommer ist sehr kurz und daher gelangt auch keine Getreide-Art zur Reife. Nur ein Obstbaum war damals im ganzen Orte vorhanden. Dies war ein Sauerkirschbaum, welcher an dem südlichen Giebel des Hauses meines Onkels stand. Dieser Baum gelangte zwar zur Blüthe, allein die Früchte wurden nicht reif. Dagegen gab es allerley Beeren, z. B. Preißel-, Heidel-, Erd- und Himbeeren namentlich an den Abhängen gegen Süden. In der Regel traf der Besuch bei meinem Onkel in die Zeit, wo gedachte Früchte oder doch einige davon reif waren, und dann zogen wir Kinder aus, um dergleichen einzusammeln. Schon damals erkannte ich die Großartigkeit der Natur an jenem Punkte des Harzgebirges, wo mächtige Felsen aus alten gigantischen Fichten hervorragten, an, und konnte bei dergleichen Excursionen nie unterlassen, an den Klippen in die Höhe zu klettern, wodurch ich oft meine weibliche Kinderbegleitung in Furcht und Schrecken versetzte. Auch auf die Jagd oder vielmehr auf die Thiere
welche Gegenstand derselben sind, war ich aufmerksam. Wenn ich ein Rudel Rothwild sah, so hatte ich ein großes Verlangen, darunter schießen zu können. Bei dieser Erzählung will ich einen Zeitraum von einigen Jahren überschreiten und den Leser in den Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts versetzen, wo ich die Kinderjahre überschritten hatte und wo ich die Gegenstände und Ereignisse die das Fach betrafen, dem mich zu widmen ich im Begriff stand, näher aufzufassen begann. So muß ich denn zuerst bemerken, daß am 9ten November 1800. ein unerhörter Sturm in dem Harzgebirge und dessen Umgegend wütete. In dem Reviere meines Vaters, welches meist in der Ebene lag und nur mit Laubholz bestanden war, stellte sich zwar die Verwüstung nicht so bedeutend heraus, allein der Wind hatte doch mehrere alte Eichen, die beiläufig 700 - 800 Kubikfuß Derbholz, nemlich Stutz-, Kloben und Knüppelholz enthielten, umgerissen. Dagegen wurden die Fichtenbestände an den westlichen Abhängen des Harzes total umgeworfen, und als ich im Sommer 1801. meinen Onkel wieder besuchte, fand ich auch einen großen Theil seines Reviers völlig verwüstet. Die betroffene, Forst-Direction traf nun zwar Maasregeln: die durch den Sturm entwurzelte
Holzmasse möglichst bald zu beseitigen oder doch wenigstens auf zu arbeiten; aber wo sollten Hände und Kräfte hergenommen werden, um das sofort zu bewirken? Von jeder nur einigermaßen beträchtlichen Höhe aus, erblickte man sogleich die Folgen des Sturmes.
Ein eigenthümliches Gefühl gewährte der Blick in ein Thal, wo der einen, dem Winde ausgesetzt gewesenen Seite, fast alle Fichten umgeworfen und mitunter gruppenweise haushoch über einander aufgethürmt oder an die dem Winde getrotzten riesenhaften Klippen gelehnt waren, während der Holzbestand an dem entgegen gesetzten Abhange wenig gelitten hatte. Die Aufarbeitung und Consumtion der enormen Holzmasse verzögerte sich mehrere Jahre und es entwickelte sich darin der Fichten-Borkenkäfer, dort Wurm genannt, in unbeschreiblicher Menge. Dies Insect verbreitete sich nun über die gesunden Stämme und verwüstete einen großen Theil derjenigen Bestände, welche der Sturm nicht hatte erreichen können. Man sah diese später, oft in beträchtlicher Ausdehnung, ohne Rinde und Stacheln stehen, was einen widerlichen Anblick gewährte. Das so erfolgte Klafterholz wurde sämmtlich verkohlt und für die Hüttenwerke reservirt, und das Laubholz zu den Gebäuden verwendet, in denen jene aufbe-
(Randbemerkung an dieser Seite:) besonders in den angrenzenden hannöverschen Forsten
wahrt wurden. So gewann man zwar einen Vorrath auf mehrere Jahre, aber der Schaden war doch unermeßlich, denn als jener Vorrath verbraucht war, da begann das Material zum Kohlen brennen zu mangeln, indem die alten Bestände verwüstet und eigentlich nur noch Stangenhölzer und junge Kulturen vorhanden waren.
Doch nun wieder einige Jahre zurück. Jener Windfall war persönlich für mich von Wichtigkeit, indem mir dadurch die Gelegenheit zu Theil wurde, mich von dem Verfahren bei dem Kohlenbrennen näher zu unterrichten, denn im Harze gab es, und gibt es noch, Kohlenbrenner oder Köhler von Profession. Sie waren ansässig in den Gebirgs-Oertern, zogen aber, sobald der Schnee verschwunden war mit Sack und Pack in die Berge und kehrten erst wieder zurück, wenn sie durch den Winter vertrieben wurden. In den Hütten, von ihnen Köthen genannt, war es für mich recht gemüthlich, manche Nacht habe ich darin zugebracht. Hier schmeckte die von der Köhlerin zubereitete Wassersuppe und das durch Butter braun geröstete Brod, ganz vortrefflich. Das Getränk, aus einem nahen Quell geschöpft, labte mich ebenso als hätte ich Wein getrunken. Nahebei wurde auch die Jagd frequentiert, und Niemand konnte sicherer nachweisen wo das Wildpret seinen Stand hatte, als die Köhler.
Noch jetzt, nach mehr denn 50 Jahre, denke ich mit großem Vergnügen an die Pürschgänge, welche ich dort machte. Doch waren diese Gänge nicht ohne Beschwerlichkeit, indem man doppelte Vorsicht dabei anwenden mußte. Einmal um jedes Geräusch beim Schleichen zu vermeiden und dann, um jeden Tritt den man that, bevor der Fuß auf den Boden niedergesetzt wurde, genau zu sondieren, ob nicht eine Spalte zwischen den Felsen, die da vielfach mit Moos bedeckt waren, vorhanden seyn möchte. Besonders erhebend war es für mich, wenn in der Brunftzeit in der Umgegend einige Hirsche schrien. Das Echo davon vervielfältigte sich hundertmal an den Bergen und Felsen, und stundenlang hörte ich dann in der Nacht zu. Da, wie schon gesagt, der Brocken in dem Reviere meines Onkels lag. So nahm ich Nachts zuweilen in dem darauf befindlichen Hause Quartier. Die Köhlerin und die Jagd waren es aber nicht allein, die ich dort kennen lernte, resp: trieb, auch von den Kulturen der Fichte, die wegen des Windfalls in möglichst großer Ausdehnung betrieben wurde, hatte ich die beste Gelegenheit mich zu unterrichten, was denn auch geschah. Wegen der steilen Berge war es nur an einzelnen Stellen anwendbar, mit der Saat dabei vorzugehen; dagegen war die Büschelpflanzung ganz an ihrem Orte. Sehr oft wird der Wunsch in mir rege, den Erfolg von diesen Kulturen jetzt, nach 50 Jahren, zu sehen
Wenn ich mich entschließen könnte, eine Reise dorthin zu machen, so würde ich einige Districte wohl wieder auffinden, indem ich ihre Namen noch weiß, vorausgesetzt, daß sie jetzt noch so genannt werden. Da war z. B. der Königsberg, der Wurenberg etc.
Noch muß ich hier einen für den Jäger interessanten Fall erzählen, der in jener Zeit dort vorkam. Ein Köhlermeister zu Schiericke /: ich weiß dessen Namen noch, er hieß Winkler :/ hatte, gegen Bezahlung einer geringen Summe, die Erlaubniß, im Herbste einen Dohnensteig[14] anzulegen. Diesen hatte er in jenen Jahren in der Nähe des Brockens, da wo die Holzvegetation fast aufhört, angelegt. Eines Morgens ging er dorthin, seine schon ziemlich erwachsene Tochter begleitete ihn mit einem Tragekorbe. Als er zurück kehrte ergab es sich, daß der Fang in 96 Schild-Amseln, Turdus Torquartus, bestand. Dies war für mich um so merkwürdiger, als dieser Vogel in ebenen Gegenden nur äußerst selten gefangen wird.
Da hier einmal von dem Vogelfange die Rede ist, so will ich darüber, in Bezug auf die Gegend wo ich geboren bin, gleich noch etwas sagen. Der Vogelfang wurde von mir während meiner Lehrzeit im Herbst leidenschaftlich betrieben. Ich hatte meinen Dohnensteig in den entferntesten Theilen des Reviers; der Punct wo er begann, war mindestens ½ Meile weit. Sobald zu Mittag gegessen war, was pünktlich um 12 Uhr
geschah, trat ich mit Flinte, Jagdtasche, /: Letztere gefüllt mit Ebraschen[15] :/ und einem Hühnerhunde gerüstet meine Wanderschaft an. Die Arbeit darin, um alles gehörig in Stand zu setzen, dauerte in der Regel bis gegen Sonnen-Untergang. Die gefangenen Vögel, deren Zahl nicht selten auf 50 bis 60 stieg, sammelte ich in der Jagdtasche. War die Jagdzeit zum Anstande gekommen, so stellte ich auch nach Haasen an, und schoß öfters 1 - 2 Stück. Diese wurden dann ebenfalls in die Jagdtasche zu den Vögeln gesteckt und ich trat dann meine Wanderung nach Hause wieder an, wo ich gewöhnlich gegen 8 Uhr eintraf.
Die Partie, welche auf der Rückkehr am meisten anstrengte, war ein steiler Berg, der Schiefeberg genannt. Hier drückte mich dann meine Bürde außerordentlich und ich hätte es wohl zuweilen gern gesehen, wenn sie mir Jemand hinaufgetragen. Da fiel mir eines Tages ein Mittel ein, wodurch mir das Hinaufsteigen wenigstens etwas erleichtert werden möchte, und ich sagte: Du wirst es versuchen. Als ich an dem Fuße des Berges angelangt war, rief ich meinen Hund, der gewöhnlich in einiger Entfernung vor mir hinlief, heran. Diesem band ich die Fangleine in den Ring des Halsbandes, während das eine Ende an meiner Jagdtasche befestigt war. Nun animierte ich ihn voran zu gehen, und es dauerte nicht lange so merkte er, was ich von ihm verlange. Er zog nun ganz stramm vorwärts, und erleichterte mir
dadurch das Erklimmen des Berges sehr wesentlich. Bald wußte er allein was er thun sollte, denn in der Folge bei ähnlichen Fällen, erwartete er mich entweder schon vor dem Berge, oder, wenn er dies vergessen hatte und vielleicht den Berg hinauf schon vorgelaufen war, so kam er eilig zurück gesprungen, um seinen Dienst zu verrichten, ohne daß ich ihn rief. Nach solcher Tour schmeckte mir dann das Abendbrot köstlich, worauf sofort ein erquickender Schlaf folgte.
So betrieb ich den Vogelfang an 4 Wochen, ohne zu ermüden, und ich möchte wohl wissen, ob unter den Jägerlehrlingen jetziger Zeit viele sind, die der gleichen Anstrengungen beharrlich durchführen würden. Bei der nicht geringen Zahl die ich hier vorgebildet habe, befanden sich nur wenige, denen man dies hätte zumuten können. Dem Subjecte selbst dürfte indessen dies verweichlichte Wesen nicht allein zur Last zu legen seyn; die oft zu zärtliche Erziehung, insonderheit aber die Manier, in welcher in unserer Zeit die wissenschaftliche Ausbildung betrieben wird, möchten wohl nicht geeignet seyn, den Körper der männlichen Jugend abzuhärten und zu kräftigen. Der Junge wird vom 6ten Jahre an in die Schule geschickt, das ist in der Ordnung, aber mit dem 10ten Jahre und vielleicht noch früher, bezieht er irgend eine Schulanstalt. Nun befindet er sich in einem gewissen Zwange,
die freie Bewegung in Gottes Natur ist abgeschnitten, die Zeit außer den Schulstunden sollte eigentlich hierzu angewendet werden, allein es geht nicht, die aufgegebenen Lectionen sind zu lernen und zu bearbeiten, wodurch die eigentlichen Freistunden ausgefüllt werden. Der Schüler verliert alles Interesse für äußere Eindrücke, er verweichlicht und verläßt am Ende nach vielen Jahren als schwacher Jüngling die Schule, um ein anstrengendes Fach oder Geschäft zu ergreifen, dem er oft nicht gewachsen ist. Ich könnte dergleichen Beispiele hier mehrere anführen, indessen ich stehe davon ab, um nicht zu weitläufig zu werden.
Eben fällt mir noch mancherlei ein aus meiner Jugendzeit.
Es dauerte
meist der Winter bis weit in den Monat April hinein. Die Gewässer waren
sämmtlich zugefroren, mit Ausnahme der sogenannten warmen Quellen, an denen
sich die bereits eingetroffenen Zugvögel, zur Tränke versammelten. Ich hatte zu
der Zeit einige Jungen instruirt, darauf zu achten, wenn sich ein Vogel sehen
ließe der größer sey als ein Sperling oder Finke, und mir dies sofort zu
melden, damit ich ihn schießen entnehmen könne Bald kam einer der Jungen
sehr eilig an und sagte, er habe in der Nähe des Hauses, wo einigen Weiden
standen, einen Vogel gesehen, der so groß (Randbemerkung: Als junger Anfänger
im schießen)
sey als eine Eule, und es möchte auch wohl eine solche seyn. Er habe sich bei dem Fischkasten niedergesetzt, da wo der Quell aus dem Berge käme. Ich nahm schnell meine Flinte zur Hand und wir gingen zu der Stelle hin, die der Knabe bezeichnet hatte. Dort angelangt sah ich auf etwa 25 Schritte Entfernung, auf der Stelle wo der Quell hervorsprudelte, eine Waldschnepfe liegen. Ich legte das Gewehr an, drückte los und, obgleich es sehr verbrannte, so lag doch die Schnepfe tod auf der Stelle. Stolz darauf, ein Thier erlegt zu haben, welches ein interessanter Gegenstand der Jagd ist, nahm ich die Schnepfe auf und trug sie zu meinem Vater; aber wie leicht war sie, man fand so zu sagen nicht ein Loth Wildpret an ihrem ganzen Körper. Sie mochte aus purer Mattigkeit den nahen Schuß ausgehalten haben. Noch eine Jugendgeschichte. Als ich meine Lehrjahre antrat, traf noch ein fremder Lehrling, der Sohn eines Forstbeamten in der nahen Stadt, ein. Als er seine Sachen auspackte, wobei ich, als College, natürlich gegenwärtig seyn mußte, befand sich eine complette Pfeife und ein Beutel mit Taback darunter. Leider war mir das Taback rauchen noch nicht erlaubt, und ich betrachtete daher diesen Umstand als eine Gelegenheit, das Rauchen mit meinem Kamerad gemeinschaftlich, im Geheimen zu betreiben. Ich deutete dies an, und er war sehr
gern damit einverstanden. Wir kauften uns nun zusammen Tabak, von Richter und Nathusius zu Magdeburg fabricirt, das Pfund zu 2ggr. 8di[16], und schmauchten in der Art, daß wenn Einer eine Pfeife geraucht hatte, der Andere an die Reihe kam. Um die erste des Morgens ward geloost. Der Forstschutz wurde nun mit jugendlichem Eifer ausgeübt, und nachdem wir eines Morgens eine junge Schonung, wo häufig Gras entwendet wurde, durchstreift hatten, kamen wir an einen alten Weg, wo grade eine mächtige Rothbuche stand. Wegen des freien Standes derselben, hatten sich an den Stellen, wo vor etwa 20 Jahren die starken Zweige, um das junge Holz gegen Verdämmung[17] zu sichern, weggehauen waren, neue gebildet, die fast bis auf den Boden herunter reichten und mittelst deren man sehr bequem in die Krone hinaufsteigen konnte. Nach einigem Hin- und Herreden kletterten wir den Baum in die Höhe und setzten uns oben im erquickenden Schatten des schönen Baumes nieder. Nun war das erste, die Pfeife in Brand zu setzen und Einer von uns, /: wer? weiß ich nicht mehr :/ fing an herzhaft zu paffen, so daß der Rauch in einer kleinen Wolke durch die Zweige des Baumes hinweg ins Freie zog. Anfänglich unterhielten wir uns leise, um nicht entdeckt zu werden, aber wie dies oft in solchen Fällen geschieht, nach kurzer Zeit vergaßen
wir die
Vorsicht und ließen unserer Zunge freien und lauten Lauf. Mein Vater passirte
öfter den oben erwähnten Weg auf seinen Ritten ins Revier, und als wir an dem
gedachten Morgen etwa ¼ Stunde im lauten Gespräch gewesen waren, erscholl auf
einmal dessen Stimme, indem er rief: "Jungens, was macht Ihr denn da oben
in dem Baume, seyd ihr nicht klug?" Beide bekamen wir einen grausamen
Schreck und waren augenblicklich mausestill. Mein Vater ritt indessen fort,
ohne mehr zu thun, als so etwas zu murmeln, wie dumme Jungens pp; wir stiegen
dann von dem Baum herunter, empfanden aber doch einige Besorgniß, wie die Sache
weiter ablaufen möchte. Mittags beim Essen erwähnte mein Vater dann auch das,
was er von uns bemerkt, tadelte die Dummheit, die wir begangen hätten, und
setzte noch hinzu, daß ein Tabakqualm aus dem Baume in die Höhe gestiegen sey,
wie von einem Kohlenmeiler. Wir kamen daher mit einem blauen Auge davon, und es
hatte dieses Ereigniß die angenehme Folge für mich, daß er mir das Taback
rauchen indirect gestattete, indem er mir 1 U (1 Pfund?) Taback, fabrik
von Justus in Hamburg, schenkte. Hiernach war es nun notwendig, daß ich mir
eine eigene Pfeife zulegte, um des umschichtigen Rauchens überhoben zu seyn,
wobey so nicht selten ein Wortwechsel unter uns darüber entstanden war, wer an
der Reihe sey. Nach einiger Zeit war Jahrmarkt in dem Städtchen,
woher der andere Lehrling war. Er bat mich mit dahin zu gehen, was dann auch mein Vater erlaubte. Ich kaufte mir dort eine Pfeife und weiß noch die Farbe des Kopfes anzugeben. Er hatte eine hellgrüne Farbe mit einem ovalen Schild, worauf ein ziemlich krüpplich gemalter Hirsch stand. Nun ging es aber erst recht ans Schmauchen, und ich erweckte oft Neid und Begierde bei meinem Kameraden, wenn ich ihn den Duft des schönen Tabacks zu riechen gab, welches so oft als möglich mit dem Vorsatze, ihn noch mehr zu reizen, geschah. Doch, als der gute Taback alle war, wurde ich, aus Mangel an entsprechender Kasse, genöthigt, wieder auf Richter und Nathusius zurückzugehen.
Aus dieser Zeit muß ich hier noch einen anderen Fall anführen. Eines Tages, in der frühen Morgenstunde, durchging ich denselben Forstdistrict, in dem die oben bezeichnete, für mich, in Betreff des Tabackrauchens, entscheidend gewesene Rothbuche stand. Ich schlich langsam und vorsichtig einen alten hindurch ziehenden Fußweg hin, damit meinem Gesicht oder Gehör kein Frevel, der da begangen werden möchte, entging. Auf diese beiden Sinne hatte ich mich bisher, bei Ausübung des Forstschutzes, nur allein verlassen; ich fand aber auf diesem Streifzug, daß die Nase, oder vielmehr ein scharfer Geruch doch auch nicht zu verachten ist. Als ich mich nemlich so langsam fortbewegte, dabei auch nicht das mindeste Geräusch hörte,
bekam ich auf einmal einen Duft in die Nase, der halb wie angebrannte Lumpen und halb wie der allerschlechteste Taback roch. Ich blieb voller Verwunderung stehen, spitzte die Augen und Ohren, vernahm aber nichts. Nach kurzem Ueberlegen schlich ich dem Dufte dieses Parfüms, gegen den Wind, nach, und indem ich etwa 50 Schritte vorgerückt war, hörte ich ein Geräusch im Laube und dabei ein Knistern, wie wenn man einen etwas krumm gebogenen Stock mit einem Messer abschneidet. Halt, dachte ich, das ist ein Patron, der Bohnenstangen oder Handstöcke stiehlt; denn es stand dort viel Haselholz, was sich dazu eignete. Wie ein Fuchs schlich ich durch die dicken Sträucher und als ich bis aufs 5 Schritte an den Kerl herangekommen war, that ich einen Satz wie ein Tiger und packte ihn sofort bei der Gurgel. Vor Schreck halb tod, fiel ihm die Pfeife aus dem Munde, das Instrument, durch welches er, so zu sagen, die Luft verpestet hatte und das sein Verräther gewesen war. Ich nahm ihm nun das Messer ab und actirte ihn zur Strafe. Dieser eigenthümliche Fall hat sich in meinem Gedächtniß bis jetzt erhalten, und ich weiß auch noch, daß der Mann Deneke hieß. Man kann sich denken, was für eine Sorte Taback das gewesen sein muß, was der Mann rauchte, wenn man in Erwägung zieht, daß mir, der ich pro Pfund nur
2ggr. 8dz zahlte, der Geruch davon so äußerst pikant vorkam. Möge der junge Jäger, der dies vielleicht liest, möglichst befleißigt seyn, sich einen scharfen Geruch zu erhalten, der Ihm, neben dem leisen Gehör und hellem Auge, nicht selten nützlich seyn wird. Ich kann versichern, daß ich einst einen Rothhirsch, der sich in der Dickung niedergethan hatte in der Brunftzeit durch den Geruch entdeckt habe. Bei Dammbruchhirschen ist das in neuerer Zeit öfters der Fall gewesen, und bei Sauen kömmt es noch häufiger vor. Doch wird dem Jäger jetzt im Jahre 1853, selbst wenn er den schärfsten Geruch eines Menschen haben sollte, solcher in Betreff der Jagd nichts mehr nützen; denn der Wildstand ist fast bis auf Nichts reducirt.
(Ab hier sind die Zeilen wieder nur halb beschrieben)
Im Jahre 1805. wo mein ältester Bruder zu Friedrichshohenberg als Oberförster angestellt wurde, /: zu dem mein zweiter Bruder ging :/ nahm ich, auf den dringenden Wunsch des Nachfolgers meines Vaters, bei diesem die Stelle eines Gehülfen ein. Bald nachher erhielt ich von dem damaligen Oberst von York Order, in das Fußjäger-Regiment einzutreten; allein diese Ordre war durch den Interims-Paß vom rei-
tenden Corps unwirksam gemacht, und ich blieb in meiner Stelle. Mein damaliger Principal war mehrere Jahre, wie man in jener Zeit sagte, Büchsenspanner bei dem Könige Friedrich Wilhelm II. gewesen, hatte seinen Herrn in dem Feldzuge am Rhein, später in Polen und auf sonstigen Reisen stets begleitet, war der Gräfin Lichtenau /: Rietz :/ auf einer großen Reise durch ganz Italien als Courier, vielleicht auch als Wächter beigegeben gewesen und hatte demnach immer in Saus und Braus gelebt, ohne sich weiter um seine Zukunft zu kümmern. Er hatte in seiner Stellung, immer nahe der Person des Königs, Alles das was im engsten Kreise des Hofes vorging, beobachtet, auch in mancher Intrige selbst mitgewirkt. Bei dem Nichtsthun in seiner Stellung beging er mit noch einem Kameraden allerley Narrenpoßen, und ich will hier ein paar Fälle anführen, die mir noch in dem Gedächtniß verblieben sind.
Der König ließ sich alle Morgen rasieren, der hierzu bestimmte Barbier mußte vor dem Geschäft einen anderen Rock anziehen, der in der königlichen Garderobe hing. Eines Morgens, kurz vor der Zeit wo der Barbier gewöhnlich zum Könige gerufen wurde, nähten die Jäger die Aermel dieses Rockes zusammen. Der Barbier erschien bald und sie ließen sich von ihm die Neuigkeiten der Stadt erzählen. Auf einmal stürzte einer ins Zimmer, den Barbier zum König zu rufen, mit der Nachricht, der König warte bereits auf ihn. Jener nahm schnell seinen Rock aus der Garderobe, wollte ihn anziehen, konnte aber nicht durch die Aermel dringen. Er mußte sie erst aufschneiden, wodurch mehrere Minuten vorübergingen. Dann rannte er zur Kammer des Königs und langte dort blaß vor Furcht an. Durch einige unverständliche Töne gab der König dem Barbier sein Mißfallen über die Zögerung
zu erkennen. Weitere Folgen hatte diesmal die Sache nicht. Derselbe Barbier hatte auch einige Rasiermesser, die nur zum Rasieren des Königs bestimmt waren, in der Garderobe aufbewahrt. Diese Messer strichen die Jäger eines Morgens durch eine Citrone, wodurch die Schneide derselben völlig stumpf wurde. Der Barbier kam und die Jäger hielten ihn durch allerley Fragen und Erzählungen davon ab, sie vorher zu untersuchen und nach Befinden zu schärfen. Endlich kam ein Laquai und rief den Barbier zum Könige. Er zog sofort seinen Rock an, nahm die Messer und eilte fort. Das Einseifen des Barts ging gut und er begann nun das Messer zu gebrauchen wobei er aber im ersten Strich bereits bemerkte, daß solches über den Bart hinweg streifte ohne ein Haar abzuschneiden. Anhalten durfte er nicht, er strich also so über das ganze Kinn hin-
weg, wobei jedoch die Angst auf seinem Gesichte sichtbar ward. Als er fertig war, sagte der König, es ist gut gegangen. Allein der Barbier mußte dem Könige einen Handspiegel reichen, was schon mit Zittern geschah, und als der König bemerkte, daß nicht ein einziges Haar abgeschnitten war, stand er ärgerlich auf, faßte die sehr kleine und schmächtige Figur des Barbiers bei der Brust und warf ihn unter einen Tisch. Friedrich Wilhelm der IIte hatte sonst ein gutmütiges Herz, daher verzieh er dem Barbier nach dem ersten Zorn und ließ ihm seine Stelle. Eine große Menge solcher Geschichten theilte mir der Oberförster noch mit, wovon manche sehr interessant waren; allein es würde zu weitführen, wenn ich diese hier wiedergeben wollte.
Nach Maasgabe des früheren Lebens meines Prinzipals kann man wohl annehmen, daß seine Kentnisse in den Forstsachen nur sehr untergeordnet seyn konnten, was auch
in der That der Fall war, und da derselbe auch sehr an die Bequemlichkeit gewöhnt war, so überließ er mir die Bewirtschaftung des Reviers fast ganz allein. Wenn mir dies Verhältniß höchst wünschenswerth war, indem es mir Gelegenheit gab, mich in meinem Fache zu vervollkommnen; so kann ich auch versichern, daß ich bei allen Geschäften in strenger Gewissenhaftigkeit gehandelt und für das fiscalische Interesse gewirkt habe, so viel das in meinen Kräften stand. Unredlich, würde es mir leicht geworden seyn, mich zu bereichern; denn in damaliger Zeit hatten die rechnungsführenden Forstbeamten zugleich die Forstkasse mit zu verwalten, und mein Principal überließ mir auch die Geldeinnahmen, ohne mich weiter zu controllieren, obgleich ich nicht einmal vorsichtig war.
Im Jahre 1805. traten kriegerische Bewegungen in der Preußischen Armee ein. Bei den Mär-
schen wurde auch die Gegend berührt in der ich lebte. Im July des genannten Jahres wurde in einem Dorfe in der Nähe eine Dragoner Escadron vom Regiment von Katte einquartiert; der Chef wohnte auf dem adlichen Gute daselbst. Dieser und noch ein paar seiner Officiere kannten meinen Principal von früheren Zeiten her, und luden ihn zu sich ein. Er sagte zu, und machte mir zugleich den Antrag, ob ich ihn begleiten wolle. Sehr gern, antwortete ich, jedoch äußerte ich meine Bedenken mitzugehen, weil mich die Officiere weiter nicht kannten, und mich demnach scheel ansehen würden. Hierauf erwiederte er, wenn sich hiervon das geringste Zeichen kund gäbe, so kehrten wir sofort nach Hause zurück.
Indessen wurden wir freundlich aufgenommen und von der Dame des Hauses, einer adlichen Witwe, zu Mittag eingeladen. Unter anderen lebhaften Gesprächen kam denn auch die Rede auf die Märsche
welche die
Preußische Armee jetzt mache, und welchen Zweck sie wohl haben möchten. Der
Commandeur wußte nichts Bestimmtes darüber zu sagen, äußerte aber seine
Unzufriedenheit über die Unschlüssigkeit und Zögerungen des Cabinets,
und da er der Ansicht war, daß ein Krieg zwischen Oestreich und Frankreich
nunmehr unvermeidlich sey, so hielt er dafür, daß Preußen mit ersterem sich
vereinige und man so gemeinschaftlich gegen Frankreich operire. Er glaube, daß
Napoleon Preußen absichtlich durch Unterhandlungen hinhielte, um Zeit zu
gewinnen, sich gehörig zu rüsten und dann mit Oestreich schon fertig zu werden.
Die Ansicht, daß dann später Preußen an die Reihe kommen würde, mochte er wohl
nicht aussprechen wollen, obgleich er im Vertrauen auf die Tüchtigkeit und die
Bravour des Preußischen Heeres, keine
Besorgniß äußerte, den Kampf mit den Franzosen allein aufzunehmen. /: Wie der Krieg in diesem Jahre ohne Preußen geführt wurde, und daß er mit der Schlacht von Austerlitz endigte, ist geschichtlich bekannt, und es ist nicht meine Absicht, andere Ereignisse als die sind, welche mich persönlich mit berühren, hier darzustellen. :/ Auf unsern Besuch bei der adlichen Dame zurückzukommen, bemerke ich noch, daß es unter allerley Gesprächen sehr spät geworden war und wir daher eingeladen wurden, dort zu übernachten. Wir nahmen dies an und ich erhielt mit meinem Prinzipal zusammen ein Schlafzimmer. Freilich war mir dies Arrangement nicht ganz genehm, indem ich wußte, daß er fürchterlich schnarchte. Wir legten uns nieder, und kaum nach einer Viertelstunde ging das Röcheln, Pusten und Schmatzen dermaßen los, daß ich außer Stande war, auch nur einen Augenblick zu schlafen. Pfeifen, Rufen etc. half nur kurze Zeit
und ich mußte wohl oder übel die ganze Nacht schlaflos hinbringen. Nur einmal in meinem Leben, in neuerer Zeit, ist mir ein solches Schnarchen noch vorgekommen.
Noch eines Falles, der sich bei diesem Besuche ereignete, will ich hier erwähnen, vielleicht kann es Menschen nützlich seyn. Das Pferd was ich ritt, war durch unrichtiges Auflegen der Decke unter dem Sattel etwas gedrückt und wollte beim Abritt mich durchaus nicht, aufsetzen lassen. Ich sann hin und her, wie die Sache wohl anzufangen seyn würde, um den Gaul besteigen zu können und kam endlich auf den Einfall, dies von der rechten Seite zu versuchen. Das Pferd ließ dies ganz ruhig geschehen und ich holte meinen Begleiter, der schon abgeritten war, bald wieder ein.
Bei dieser Mittheilung fällt mir ein Vorfall ein, den mir in späteren Jahren ein mir verwandter Officier erzählte. Bei der Schlacht von Bautzen
mußte eine Abtheilung Preußischer Cavallerie, bei der er stand, der Uebermacht der französischen weichen, und er wurde mit fortgerissen. Er verlor hierbei seinen Tabaksbeutel, den er am Pferde hängen hatte. er entschloß sich, denselben nicht zurück zu lassen, hielt an, sprang vom Pferde und nahm den Beutel auf; Als er sich wieder aufs Pferd setzen wollte, weigerte sich das Pferd dies geschehen zu lassen und tummelte sich immer im Kreise herum. Die französische Cavallerie brauste immer näher heran und er gab sich bereits verloren, indessen gelang es ihm endlich, als jene nur noch wenige Schritte von ihm war, den Bügel zu erreichen, er schwang sich auf und bei der Tüchtigkeit seines Pferdes, kam er unter mehreren Schüssen die auf ihn gethan wurden, glücklich davon. Hierauf sagte ich ihm: Du hättest versuchen sollen, von der rechten Seite das Pferd zu besteigen und es würde gestanden haben. Hierauf erwiederte er,
daß er daran freilich nicht gedacht habe, indessen zweifelte er nicht ganz, daß ihm das auf diese Weise gelungen seyn würde. –
Das Jahr 1805. verstrich in Rücksicht meiner, unter steter Beschäftigung in meiner Stellung. Ich verrichtete die vorkommenden schriftlichen und Rechnungs-Arbeiten, und da diese in damaliger Zeit viel einfacher als in der jetzigen Zeit und doch genügend waren, so blieb mir noch Zeit genug übrig, die Geschäfte im Walde zu beseitigen, den Forstschutz zu handhaben und die Jagd zu betreiben, auch die damaligen Forstschriften, z. B. Burgdorf’s Forsthandbuch, zu studiren, und die in der Schule getriebenen Hülfs-Wissenschaften zu repetiren und weiter zu verfolgen.
In den ersten Wochen des Jahres 1806. ereignete sich auf dem Felde der Politik nichts Erhebliches; aber bald trat ein wichtiger Act ein, nemlich die Besetzung Hannovers durch die Preußischen Truppen, wo
gegen Anspach und Baireuth an Baiern abgetreten wurde.
Bei dieser Erzählung fällt mir ein Ereigniß ein, was sich 3 Jahre früher nemlich 1802. zutrug. In diesem Jahre wurden bekanntlich die geistlichen Stifter durch Reichs Deputations-Beschluß säcularisirt, und Preußen bekam das Bisthum Hildesheim, Paderborn, Eichsfeld etc. die Reichsstädte Erfurt, Goslar und Andere. –
Für mich war
dies in der Hinsicht interessant, weil nun auf einmal das 1/8 Meile von meinem
Geburtsorte an Preußen grenzende Bisthum Hildesheim eine preußische Provinz
wurde, also nicht mehr Ausland war. Auch darum ist mir die Sache noch in
frischem Andenken, weil mein Vater im July 1803. den Auftrag erhielt, ein
namhaftes Quantum Wildpret, nach Hildesheim zur Huldigung zu liefern, wodurch
durch dessen Abschuß mir ein Vergnügen, aber auch zugleich eine Anstrengung zu
Theil ward.
Gegen die Mitte des Jahres 1806. hörte man hin und wieder äußern, daß der Krieg mit den Franzosen ausbrechen würde, und zugleich ging das Gerede, daß ein Corps Preußischer Truppen von 60,000 Mann in dem Fürstenthum Halberstadt und im Magdeburgischen seine Stellung nehmen würde. Es traf dies zwar nicht ein, allein die kriegerischen Gerüchte dauerten fort. Zuweilen marschirten auch einzelne Truppen-Abtheilungen durch die Gegend, bis man gegen Ende des Monats September vernahm: daß die Armee an der Saale, in der Gegend von Jena, Erfurt etc. concentrirt würde. Hieraus folgerte man, daß etwas Ernstliches dort vorgehen dürfte.
(ab hier die ganze Seitenbreite)
Hier muß ich zuvörderst von meiner Reise erzählen, die ich mit einem meiner Brüder, der vor einigen Jahren als Domainen-Beamter zu Kloster Velsra gestorben ist, in den Harz zu Fuß machte.
Wir gingen zunächst bis zur Stadt Wernigerode, wo
wir einige
Geschäfte zu beseitigen hatten. Nachdem das geschehen war, und wir uns durch
ein gutes Mittagsmahl erholt hatten, nahmen wir die Richtung hart an dem
Gebirge hin, nach Blankenburg zu. Unser Vorsatz war, an demselben Tag bis Thale
zu gehen, um am anderen Morgen die Roßtrappe[18] zu besteigen, die für uns den
Hauptpunct in unserem Reiseplane bildete. In Blankenburg erfrischten wir uns wieder
etwas, und brachen dann wieder auf, um noch bei guter Zeit in Thale
einzutreffen. Wir besichtigten nun die so genannte Teufelsmauer, die merkwürdig
genug, von einer langen Reihe senkrecht in die Höhe stehenden oft colossalen
Felsen gebildet ist und in dessen Nähe das Braunschweigische Dorf Timmenrode
liegt. Mit meinem Gehen war es bereits auf der letzten Meile sehr krüpplich
geworden, indem ein Paar neue Stiefeln, die ich zum erstenmale angezogen hatte,
an meinen Füßen eine wahre Verwüstung anzurichten drohten und die Schmerzen
sich mit Heftigkeit steigerten. Ich erklärte danach meinem Bruder, daß ich für
heute nicht weiter, als bis zum nächsten Dorfe, was ich soeben genannt habe
gehen könne. Da mein Bruder die Reise allein nicht fortsetzen wollte, ging er
auf meinen Antrag ein. Eine kurze Strecke vor dem Dorfe stand ein ziemlich
stattliches Haus,
auf das wir zugingen. Es war auch wirklich ein Wirthshaus, indessen war die Wirthsfamilie, bis auf ein 12 – 14 Jahre altes Mädchen, zur Feldarbeit ausgegangen. Auf die Frage, ob wir da logiren könnten? erwiederte sie bejahend, als wir uns jedoch erkundigten, ob wir auch ein besonderes Zimmer bekommen würden, sagte sie, es sey oben eins vorhanden, doch müsse es zuvor von der Polterey die darin wäre, geräumt werden. Indessen würden ihre Eltern bald nach Hause kommen und mit diesen könnten wir ja dann weiter sprechen. Diese Mittheilungen waren nun zwar nicht sehr ergötzlich für uns, indessen wir beschlossen, noch einige Zeit zu warten, bis die Familie zurückkehre, und setzten uns einstweilen auf eine vor dem Hause befindliche Bank, wo auch ein Fuhrmann saß. Wir fingen mit diesem ein Gespräch an und vernahmen dann von diesem, daß in dem Hause eine ziemlich unordentliche Wirthschaft sey. Indem wir so sprechen, entstand auf einmal in dem Hause ein Geprassel und Gezische, mit dem Geschrei des Kindes vermischt. Wir liefen sofort in das Haus und dann in die Küche, aus welcher das Geräusch hervordrang. Hier sahen wir die Bescherung. Das Mädchen war beauftragt gewesen, für ihre Eltern das Abendbrod zu bereiten, und hatte zu diesem
Behufe eine große blecherne Pfanne mit Speck oder Fett auf das Feuer gesetzt, in welche die Flamme ein geschlagen war. Diese brannte hoch in die Höhe bis fast in den Schornstein. Mein Bruder war bewandert in solchen Fällen; er faßte die Pfanne bei dem Stiel, hob sie von Feuer ab, und setzte sie auf die Erde, wo die Flamme sogleich erlosch. Dies schien uns eine böse Vorbedeutung zu seyn, und wir beschlossen, dies Haus zu verlassen und ein anderes Wirthshaus zu suchen. Der Fuhrmann sagte uns, daß im Dorfe ein besseres sey, und wir zogen ab, solches zu suchen. Wären wir nicht gerade in dem Wirthshause gegenwärtig gewesen, so hätte dort vielleicht ein Brand entstehen können.
Wir langten denn bald in dem Dorf-Wirths-Hause an. Der Wirth empfing uns freundlich, und als wir ihm zu verstehen gaben, daß wir eine besondere Stuben zu haben wünschten, wies er uns eine solche an, die auch ziemlich wohnlich war. Meinem Bruder, der ein heiteres Temperament hatte, war es Bedürfniß, sich mit Anderen zu unterhalten. Hier erkundigte sich nun der Wirth, woher wir kämen. Mein Bruder, welcher immer sehr geneigt war, gewissen Personen etwas aufzubinden, sagte ihm, wir kä-
men von Braunschweig über den Bocken. Der Wirth, welcher von der Residenzstadt seines Landes hörte, wurde anscheinend neugieriger, und wünschte nun zu wissen, was dort von Krieg und Frieden gesprochen würde. Mein Bruder theilte dem mit, daß allerdings dort die Ansicht herrsche, es würde zum Krieg kommen, und sagte auch, daß man in Braunschweig stark davon spräche, daß der Herzog, König geworden sey. Hierüber geriet der Wirth in eine große Freude, und wußte nicht was er uns alles für Gefälligkeiten erweisen sollte.
Im Ganzen war es nicht einmal auffällig, wenn in damaliger Zeit einer zum König gemacht ward, denn die Königreiche Baiern Würtemberg und Sachsen, waren kürzlich von Napoleon erst errichtet. Dies ging nun Alles noch an, allein der Wirth frug auch nun, welcher Ort unsere eigentliche Heimat sey? Hierauf erwiederte mein Bruder sogleich: Bocklenn, /: dies ist ein Städtchen, welches im Hildesheimschen liegt, das ich in meinem Leben noch nicht gesehen hatte :/ und ich wurde roth dabei. Ei, das ist ja hübsch, sagte der Wirth, hier auf dem Gute ist ein Verwalter, der gehört in Bocklenn zu Hause, der wird sich recht freuen Landsleute hier zu sehen. Soll ich zu ihm schicken und ihn auf Heute Abend hierher einladen?
Ich glaubte nun, mein Bruder würde die Zusammenkunft mit dem Verwalter auf irgend eine Art zu verhüten suchen; aber nein, er ersuchte den Wirth, er möge nur die Einladung besorgen. Dies geschah dann auch sogleich, allein zum Glück war der Mann verreist, und würde, wie man gesagt, erst am andern Tage zurückkehren. Ich wurde dadurch sehr beruhigt; denn es war doch nicht abzusehen, wie er sich aus dieser Sache heraus wickeln wollen.
Am andern Tage brachen wir sehr früh auf, um die Roßtrappe, die in der Nähe lag, zu sehen und zu besteigen. Der Wirth hatte eine solche Zuneigung zu uns gewonnen, daß er, kostümirt in einer weißen Zipfelmütze, einer kurzen kattunenen Jacke, kurzer Manchesterhose, weißen leinenen Strümpfen und Pantoffeln, eine ziemliche Strecke mit uns ging, um uns, wie er sagte, den nächsten und besten Weg zu zeigen. Vor einem sehr steigend in das Gebirge führenden Pfade machte er Halt, instruirte uns noch freundlich, wie wir uns oben zu drehen und zu wenden hätten, um nach dem sogenannten Kessel, dessen Wasserfall wir immer brausen hörten, zu gelangen und schied dann froh, indem er uns eine glückliche Reise wünschte. – So ging denn das
Geklettere los, und wir kamen den Wolken immer näher, vernahmen jedoch nach ½ Stunde, daß wir mit dem Wasserfall in gleiche Höhe gekommen waren, indem wir das Getöse gerade zu unserer linken Hand hörten. Wir geriethen nun darüber in Zweifel, ob wir auch wohl den rechten Weg verfolgten, blieben stehen und begannen zu berathen; wobei wir zu dem Entschlusse kamen, von dem Pfade ab durch dick und dünn gerade auf das Brausen los zu gehen. – Dies geschah denn sofort, wir brachen durch das dichte Unterholz, den Punct wo es brauste zur Richtung nehmend, hindurch und gelangte etwa nach einer Viertelstunde, unter mühsamem Klettern über Felsen und Gerölle, mit einigen Schmarren im Gesicht, und an den Händen, bei einem Waldbache an, in dem jedoch zu der Zeit, da es sehr trocken war, kein Wasser floß. Hier glaubten wir nun, in der Nähe des Wasserfalls angelangt zu seyn, allein wir wurden arg getäuscht, denn als wir vor uns blickten, gewahrten wir einen zweimal höheren und viel steileren Berg als der war, den wir soeben herabgestiegen waren, vor uns, und gerade hinter diesem war das Geräusch.
Mit fast bis zu den Schulterblättern zurückgebogenem Kopfe sondirten wir die
schroff ansteigende, mit großen und kleinen Felsen und Gerölle, auch mit Holz bedeckte Höhe, die vor uns lag, überlegten, ob wir die Erklimmung wagen sollten, fanden jedoch wegen der vielen Hindernisse gerathen, davon abzusehen. Wir beschlossen nun den Berg links zu umgehen und folgten dem trockenen Bett des Waldbaches abwärts. Nachdem wir etwa 1000 Schritte in demselben fortgekrochen waren, gelangten wir an einen ziemlich freien Platz, wo im Winter zuvor Holz geschlagen war, und wo auch noch einzelne Holzklaftern standen. Der Berg, welchen wir zu übersteigen nicht gewagt hatten, begrenzte den Holzschlag und schien sich an dem Ende des letzteren zu senken. Wir glaubten nun mit Bestimmtheit ihn bald umgehen zu können, und rückten bis zu dem scheinbaren Ende des Holzschlages vor. Auch hier wurden wir auf arge Weise betrogen; denn auf einmal standen wir vor einem Abhange, der fast senkrecht mehrere 100 Schritte tief abfiel und unten an der dort liegenden Blechhütte bei Thale in der Ebene endete. Der Abhang zog sich rechts und links so weit hin, als wir sehen konnten und es blieb uns nun weiter nichts übrig, als entweder den
Berg vor uns herunter zu rutschen oder auf demselben Wege wieder zurück zu gehen, den wir gekommen waren. – Bei der Berathung hierüber widersprach ich dem letzteren entschieden, denn meine Spazierhölzer mit neuen und noch dazu engen Stiefeln, waren bei dem Herumgetrampele auf scharfen und spitzen Steinen dermaßen zerquetscht und schmerzten so arg, daß ich beinahe nicht mehr von der Stelle konnte. Auf meinen früheren Excursionen in den Harzbergen, deren ich oben bereits erwähnt habe, befand ich mich öfters in der gleichen Lage, und es mußte daher ein Mittel ausfindig gemacht werden, durch welches es uns möglich gemacht wurde, den Berg, vor dessen Abhange wir eben standen, ohne gerade herunter zu rollen, herab zu gelangen, wie es mir damals immer gelungen war. Ich fand ein solches Mittel darin: daß ich von einer nahen Holzklafter einen mehrere Zoll starken und etwa 5 Fuß langen Knüppel nahm, mich darauf setzte, wie die Kinder auf ein Steckenpferd, ihn vorn mit den Händen festhielt und hinten auf der Erde schleppen ließ und dann, unter Haltung der Balance, die Reise antrat, welche mit der glücklichen Ankunft in der Ebene endete.
Meinem Bruder blieb nichts übrig, als es eben so zu machen und er langte denn auch glücklich bei mir an.
Nun gingen wir in ein nicht fern liegendes Wirthshaus, was recht gut war, und stärkten uns zu der Weiterwanderung. Nach einigem Hin und Herreden hierüber, wurde der heldenmüthige Beschluß gefaßt, für jetzt die Roßtrappe nicht zu besteigen, das vielmehr bis zur Zurückreise zu verschieben. /: Auf dieser geschah es aber auch nicht, und somit war der hauptsächliche Zweck unserer Reise gänzlich verfehlt :/ Nachdem wir uns gehörig ausgeruhet hatten, brachen wir wieder auf, und gelangten zu dem Dorfe Steikelnberg. Zu diesem führte ein tiefer Hohlweg hinauf, der an den Seiten mit kurzem Busch werk eingefaßt war. Mein Bruder war mir im Gehen etwa 10 Schritte voraus gekommen, da ich mit meinen immer noch schmerzenden Füßen nicht so rasch fortschreiten konnte, als er. Einen Augenblick hatte ich die Augen zur Seite gekehrt; als ich sie wieder auf den Weg richtete, stand ein toller Hund, der in den Sträuchern gelegen haben mochte, zwischen uns auf dem Wege, das Gesicht nach mir zugekehrt. Ein Satz auf die Höhe an dem Wege und der Zuruf an meinen Bruder war ein Augenblick, und da sich der Hund umgedreht hatte, so sprang auch er in das Buschwerk. Wir gelangten nun bald an die Umzäunung eines Gartens, in dem, nicht weit, ein Haus
stand. Die da befindliche Lattenthür war inwendig verriegelt; allein ich stieß sie mit dem Fuße auf. Einer im Garten beschäftigten erstaunenden Bauerfrau erklärten wir die Ursach unseres Erscheinens auf diesem ungewöhnlichen Wege und frugen sie, ob nicht vielleicht ein Jäger in der Nähe sey, um den Hund zu erschießen. Als sie sich von dem ersten Schreck erholt hatte, sagte sie, es könnte seyn, daß ein solcher in der Schenke sey, wo er des Morgens seit einigen Tagen hingekommen wäre, um Dohnen zum Vogelfang, zu machen. Wir gingen dorthin und fanden auch wirklich den Jäger, der nun mit uns ging und den Hund, der alle Spuren der Tollheit an sich hatte, erschoß.
Nach diesem Intermezzo setzten wir unsern Weg fort und gingen über den Stufenberg bei Gernrode bis Ballenstedt, wo wir Mittag machten. Als wir den Gastwirth fortgeschickt hatte und wir nur allein im Zimmer waren, kam mein Bruder wieder auf seine alten Schnurren zurück, und sagte: wenn der Wirth, der, wie alle Menschen dieser Art, sehr neugierig zu seyn schien, wieder herein käme, so werde ich ihm sagen, Du seiest mit Bonaparte in Ägypten gewesen. Ich war entrüstet darüber, daß er mich schon wieder in Verlegenheit setzen wolle, und verbat mir dies. Er unterließ es dann auch, als jener wieder eintrat.
In jener Zeit bekam man in dortiger Gegend billig
einen guten französischen Wein. Wir tranken eine Flasche Graves, wofür wir nur 10 Sgr.[19] bezahlten; jetzt muß man mindestens das Doppelte in der hiesigen Gegend dafür bezahlen, und er taugt noch nicht einmal etwas. Gegen Abend langten wir bei unserem Bruder zu Friedrichshohenberg an, verlebten dort einige frohe Tage und kehrten dann, ohne die Roßtrappe besucht zu haben, nach Hause zurück. Doch will ich noch eines kurzweiligen Falles erwähnen, der wieder von einem lustigen Reisegefährten ausging. Unsere Rückreise von Friedrichshohenberg ging wieder über Ballenstedt, und wir beschlossen, in dem, in der Nähe des Schoßes liegenden, sogenannten „Großen Gasthofe“ zu frühstücken. Wir langten daselbst an und trafen noch einige Gäste, worunter sich ein paar Juden der anständigen Klasse befanden. Wie überhaupt dies Volk sehr neugierig ist, so war es auch bei jenen beiden der Fall. Sie gingen eine Weile um uns herum; bis denn endlich einer derselben, der, wie man es ihm ansah, seine Neugierde nicht mehr beherrschen konnte, sich an meinen Bruder wendete und ihn frug, wo wir zu Hause gehörten? Dieser erwiederte, ohne im Mindesten in Verlegenheit zu geraten: wir sind aus Eldachsen. /: Das ist ein Städtchen im Braunschweigischen, von dem ich indessen bis dahin nichts gehört hatte :/ Ich kam also wieder in Verlegenheit und war begierig, wie er sich aus der Sache heraus-
wicknen würde, da der Jude sagte, es wohne dort ein Schwager von ihm, und er freue sich darauf, von diesem und seiner Schwester etwas zu vernehmen. Mein Bruder ward aber nicht weiter verlegen, er frug ganz ruhig den Juden, wie sein Schwager heiße? und als jener den Namen gesagt hatte, bemerkte mein Bruder, daß wir bereits seit zwanzig Jahren Eidachsen verlassen und an einem anderen Ort gewohnt hätten, daher uns der Name entfallen wäre. Der Jude bedauerte, auf diese Art von seinem Verwandten nichts erfahren zu können, und ich war froh, daß ich aus der Verlegenheit noch so gut heraus gekommen war.-
Hier will ich dem Leser noch einen Mann vorführen, der damals, /: vor 50 Jahren :/ in gesellschaftlicher Beziehung und sonst interessant war, wobei auch Mancher, der die damaligen staatlichen Verhältnisse in Deutschland nicht gekannt hat, einen, wenn auch vielleicht nur oberflächlichen Begriff davon erlangen wird. Dieser Mann war der Reichsfreiherr von Grote zu Schauen. Nach den damaligen Reichsbestimmungen bildete die Baronie Schauen, obgleich von preußischem Gebiet überall eingeschlossen, einen völlig souverainen Staat, den Grote ganz unabhängig regierte. Das Areal betrug etwa ¼ Quadratmeile, mit einem Dorfe; das Uebrige bestand aus Wald und Feld. Der Besitzer übte natürlich die Gerichtsbarkeit über seine, vielleicht 300 Unterthanen aus, er selbst
stand unmittelbar unter der des damals schon ganz ohnmächtigen Reichs-Kammer-Gerichts zu Wetzlar. Was nun seine Persönlichkeit belangte, so war er ein kleiner, etwa 2 (?) Zoll messender Mann, aber in jeder Hinsicht gebildet, sehr lebendig und der liebens würdigste, aber auch der schalkhafteste Gesellschafter und Wirth für seine Gäste. Da diese Baronie nur ½ Meile von dem Wohnsitz meines Vaters entfernt lag und der Baron mit allen seinen Nachbarn von einiger Distinction, im freundlichen Vernehmen stand; so war dies auch mit meiner Familie der Fall, und es bestand, besonders unter ihm und meinem Vater, eine gewisse Zuneigung. Er liebte aber auch das Romantische, wovon ich sogleich ein Beispiel anfügen werde. Seine erste Frau starb und er ging damit um, die Zweite zu ehelichen. Eine Stunde von ihm lebte eine anständige bürgerliche Familie, zu der 4 erwachsene Schwestern gehörten. Die Eine davon war sehr schön und dabei auch gebildet; in diese verliebte sich der Baron. Er hielt um ihre Hand an, allein der Vater versagte seine Einwilligung, wozu er auch wohl Gründe haben mochte; denn die Finanzen des Reichsfreiherrn begannen, bei dem großen Aufwande den er machte, etwas verwickelt zu werden. Er ließ sich jedoch dadurch nicht abschrecken; denn die Dame, welche schon der Gedanke, den Thron der Baronin Schauen
mit schmücken zu können, beglückte, hatte dem Bewerber im Geheimen bereits die Einwilligung gegeben, und es ward nun der Plan zur Entführung entworfen. In einer dunklen, stürmischen Nacht erschien der Baron vor einer Hinterpforte des sonst mit einer Mauer umgebenen Guts-Gartens, die jedoch verschlossen war. Auf ein verabredetes möglichst geräuschloses Zeichen, begab sich die in vollständigem Reise-Anzuge bereits harrende Dame, in der Mitternachtsstunde, da Alles in tiefem Schlaf versunken war, /: vielleicht mit Ausnahme des Hausherrn, der jedoch fast taub war :/ schleichend aus dem Hause, ging eben so leise durch den großen Garten an die Hinterthür, vor der ihr Galan sie erwartete. Mit dem früher bereits ad sacoum genommenen Schlüssel schloß sie die Thür auf und auch wieder zu, ward von Innen in den Wagen gehoben und nun ging es auf Amors Flügeln über Stein und Stock, in sausendem Galopp, bis zu der nächsten Frei-Reichsherrschaft, wo der reichsfreiherrliche Prediger das Paar sofort copulierte. Als die Familie der Entführten am anderen Morgen erwachte, entstand ein großer Lärm, doch als man die frischen Spuren eines Wagens vor der erwähnten Hinterthür entdeckte, ward die Ursache der Flucht bald errathen. Die Kunde davon verbreitete sich alsbald in der ganzen Umgegend und drang denn auch bis zu uns, was mir, damals noch ein siebenjähriger Knabe, noch sehr wohl erinnerlich ist. Die Sache
war nunmehr nicht zu ändern und die Eltern fügten sich darein. Das Paar lebte übrigens in guter Eintracht; freilich wurde dadurch in der Lebensweise des Barons nichts wesentlich geändert, die Vergnügungen hatten ihren Fortgang und waren eben so gesellig und interessant als früher. Bald nachher machte das Paar Visite bei meinen Eltern, welches auch später öfters geschah, in Gesellschaft der Schwiegereltern, die nunmehr versöhnt waren.
Die Baroneß war eine sehr schöne Frau, sie steht mir jetzt, nach 60 Jahren, noch lebendig vor Augen. Besonders imponirte ihr glänzend schwarzes Haar welches, nach der damaligen Mode, am Hinterkopfe mit einem langen gebogenen Kamm von Schildpath, mit Brillanten besetzt, zusammen gehalten wurde, sonst aber, so lang es gewachsen war, frei herabhing. Zuweilen war es auch gepudert, aber das gefiel mir nicht so gut, als wenn sie es in der natürlichen Farbe trug.
Der Baron arrangirte alljährlich einige Bälle, wozu Theilnehmer aus der Umgegend geladen wurden. Freilich kam ich als Junge nicht mit dazu, doch als die Flegeljahre vorüber waren, bin ich bei einigen gegenwärtig gewesen. Bei solchen Gelegenheiten war der Baron unablässig besorgt, seine Gäste auf alle nur mögliche Weise zu divertiren[20]. So hatte er eine große Menge kleiner Tische fertigen lassen, so eingerichtet, daß nur 2 Personen zum Essen
daran Platz hatten. Befanden sich nun Personen unter der Gesellschaft, denen es genehm war, paarweise eine vertrauliche Mahlzeit, von der größern Masse abgesondert, zu halten, was der Baron jedesmal durchschaute, /: freilich war auch zuweilen Ironie mit im Spiele :/ so wurden diese durch gelegte Zettel an ihren Ort gewiesen. Nach der Tafel begann dann der Tanz, und Nichttänzer setzten sich an den Spieltisch, wobei das Pharao oder das L’hombre damals an der Tagesordnung war. Das Costüm der Herren und Damen war zu jener Zeit eigenthümlich, doch kann ich solches nicht mehr genau beschreiben; nur das weiß ich noch, daß auf die Mode der Damen, Schuhe mit hohen und schmalen Absätzen, die mit weißem Glanzleder überzogen und oben mit Schnallen versehen waren, zu tragen, später flachhackige, erst mit ganz kurzen, dann aber mit mindestens fingerlangen Spitzen, getragen wurden.
In der Zeit, wo letztere florirten, wurde eine junge Dame beim Tanz, von ihrem Chapeau auf die Spitze ihres Schnabelschuhs getreten, so daß sie lang im Saale hinstürzte und der Tänzer in eine gleiche Lage versetzt wurde. In Folge mehrerer solcher Fälle, ward bald das Verdammungs-Urtheil über Schnabelschuhe gesprochen, und sie verschwanden eben so bald von dem Modeschauplatze wieder, als sie ihn betreten hatten. Aber da waren eine Masse Pantoffeln, durch das Abschneiden der unteren Theile der Herren-Stiefel entstanden, für ein Spottgeld bei den Hökern zu kaufen.
Wo die Damenschuhe geblieben sind, ist mir wieder entfallen.
An den Gesellschaften in Schauen nahm auch zuweilen der vormalige Abt des säcularisirten Klosters Haisberg Antheil, was zwar ein in den Jahren schon etwas vorgerückter, aber doch munterer lebenslustiger Mann war, welches sein feister Zustand bekundete. Diesen hatte nun der Baron zur Zielscheibe seines Witzes und seines Schabernacks ausersehen. Wenn er den Abt zu einer Festlichkeit einlud, so schickte er einen seiner Wagen nach Hainsburg und ließ ihn holen, ebenso ward er wieder fortgefahren. Einst, bei einem Dinér, wo viel getrunken wurde, äußerte der Abt, daß er gleich nach Beendigung desselben in einer wichtigen Angelegenheit zurückreisen müsse und bat den Baron um die Gefälligkeit, ihm seinen Wagen dazu zu erlauben. Jener willigte mit Bereitwilligkeit ein, entschloß sich aber, dem Abt einen Streich zu spielen. Zu dem Ende ließ er, durch einen seiner Vertrauten, in den Wein des Abtes eine Bexanz mischen, wovon demselben am Schlusse des Dinérs einige Gläser beigebracht wurden, dann fuhr der Wagen vor, der taumelnde Abt wurde hineingehoben und fort ging die Fahrt. Der Kutscher und der ihn begleitende Diener waren instruirt, den Abt unterwegs nicht aus dem Wagen zu lassen, wenn er dies etwa verlangen möchte. – Etwa auf der Hälfte des Weges nach Hainsberg begann die Purganz[21] zu wir-
ken und der Abt fühlte ein gewisses Bedürfniß herannahen. Um dies zu befriedigen, rief er dem Kutscher zu, zu halten; allein dieser that als wenn er es nicht höre, und fuhr nun um so schneller. Die Bexanz ließ sich aber in ihrer Wirkung nicht irre machen, und da der Kutscher nicht hielt, so entstand endlich eine Explosion, wobei die Unaußprechlichen des Abts die volle Ladung auffangen und bis zu seiner Wohnung beherbergen mußten. -
Unter
diesen Umständen (am
Rande:) Bei der Lebensweise des Barons (Ende Randnotiz) überstiegen die
Ausgaben des Barons die Einnahmen beträchtlich, und er sah sich genötigt
seinen Unterthanen außerordentliche Abgaben aufzulegen. Hierüber wurden diese
unzufrieden und am Ende sogar rebellisch. Sie versagten den Gehorsam und
rotteten sich zusammen, und da kein vernünftiges Zureden half, so hielt es der
Baron, seiner persönlichen Sicherheit wegen, für gerathen, die Flucht zu
ergreifen. Er floh nach Halberstadt und bewirkte, daß eine Compagnie des dort
garnisonirenden Preußischen Regiments "Herzog von Braunschweig" ihm
zur Disposition gestellt wurde, um sein Reich wieder zu erobern. Die Bauern erfuhren
das und waren auf der Huth. Das Militair marschirte von Halberstadt ab, an der
Spitze der Baron. Als die Bauern den Troß von weitem anrücken sahen, rotteten
sie sich zusammen und besetzten eine Höhe nahe dem Dorfe. Die Colonnen rückte
bis an den Fuß des Berges
und der Commandant ließ die Bauern auffordern, sogleich auseinander zu gehen und zum Gehorsam und zur Ordnung zurück zu kehren. Letztere weigerten sich dies zu thun; als jedoch zum Laden commandirt ward und die Ladestöcke zu klingen begannen, da zerstoben die Bauern wie Spreu im Sturme.
Der Baron wurde nun von dem Militair in sein Schloß begleitet und die Kompagnie auf längere Zeit bei den Bauern einquartiert, wobei die Soldaten wünschten, daß es immer so bleiben möchte. In dieser Baronie bestand keine Acciese[22] und deshalb waren Tabak und Colonialwaren um so viel geringer im Preise, als diese in Preußen betrug. Eine geringe Quantitaet Tabak konnte frei eingebracht werden, und als ich den von Richter und Nathusius, pro U. ist 2 ggr 8de endlich doch überdrüssig wurde, da bezog ich meinen Bedarf, bei der Nähe von Schauen, dort her, und zahlte für solchen der in Preußen 8 ggr. kostete, nur 6 ggr.
(Ab hier wieder nur halbe Seitenbreite)
Zu Anfang des Oktobers 1806. ward die Vermutung zur Gewißheit, indem die Nachricht von dem Gefechte bei Saalfeld und gleichzeitig von dem Tode des Prinzen Louis einging
Daß dies für unsere Armee ungünstig ausgefallen sey, darüber verlautete nichts, im Gegentheil ward es zum Vortheil für uns bezeichnet. Dies veranlaßte zugleich Trauer und Jubel und erhöhte das Vertrauen auf die Armee, welches sich auch auf ihre früheren Thaten, besonders auf die im siebenjährigen Kriege, gründete. Acht Tage später war ich mit meinem Principal in ein entfernt liegendes Forstrevier geritten, von wo wir erst gegen Abend zurückkehrten. Wir fanden einen Boten von dem Büchsenmacher in Wernigerode mit 2 für meinen Principal neu gefertigten Gewehren, nebst Brief vor, welcher letzterer die Nachricht enthielt, daß seit dem Abend zuvor, auf der Straße von Thüringen nach Halberstadt und Magdeburg, durch die Stadt Preußisches Militair von allen Waffenarten unter einander unordentlich hinzögen, und daß diese Leute sagten, die Preußische Armee sei bei Jena total geschlagen.
Da voraus zu setzen wäre, daß die Franzosen bald nachfolgen würden, so hätte er für nöthig erachtet die fraglichen Gewehre zu schicken, damit sie diesen nicht in die Hände fallen möchten. Dies war ein Donnerschlag für uns, unser Vertrauen auf die Armee war so fest, daß wir an der Wahrheit zweifelten und uns dadurch zu beruhigen suchten, daß die durchmarschierenden Truppen vielleicht Detachements gewesen seyn möchten, die von der Armee abgesandt wären, um die Besatzung von Magdeburg zu verstärken. Indessen ging mir die Sache doch sehr im Kopfe herum und ich konnte in der nächsten Nacht kein Auge zuthun. Der folgende Tag brach an, und mit banger Erwartung sahen wir weiteren Nachrichten entgegen. Diese kamen bald, denn es waren auch in dem nächsten Dorfe Abtheilungen von Infanterie, Cavallerie und Artillerie, zum Theil unbewaffnet, eingetroffen, die da
Quartier
nahmen. Sie sagten dasselbe aus, wie die durch Wernigerode gekommenen, und es
war nun kein Zweifel mehr, daß die Schlacht verloren sey, doch glaubten wir
nicht, daß dies in dem Maaße der Fall gewesen, wie sich später wirklich
herausstellte. Um nun mehr von dem Hergang der Sache zu erfahren, ritt ich mit
meinem Principal in die nächste Stadt und stiegen in einem bekannten Gasthofe
ab. Hier langten denn bald unsere Preußische Infanterie-Officiere an, die die
Tour vom Schlachtfelde bis dahin, an 16 Meilen, ohne Rast, versteht sich zu
Pferde, zurückgelegt hatten. Sie waren ganz außer sich vor Verdruß und
erzählten den Hergang auf solche Weise, daß wir zu der traurigen Ueberzeugung
gelangten, daß alles verloren sey. Sie behaupteten, die Schlacht sey dadurch
von so übeln Folgen gewesen, daß die Heerführer nicht einig gewesen
waren und ein jeder
gethan hätte
habe, was er für gut gefunden. Während ein Theil der Armee zum Angriff geführt
sey, habe der Andere, ganz in der Nähe der feindlichen Batterie halten müssen,
um sich zerschmettern zu lassen. Hierdurch wäre die Schlachtlinie durchbrochen,
am Ende das Ganze aufgerollt und umzingelt, so daß jeder Widerstand unnütz
geworden sey. Hierzu wäre noch gekommen daß der Generalissimus, Herzog von
Braunschweig, tödlich blessiert worden und nun eine völlige Auflösung der Armee
gefolgt sey. Von einem Rückzugspunkte habe niemand etwas gewußt, und nur
instinktmäßig hätten sie ihren Rückzug auf die Elbe, namentlich Magdeburg,
gerichtet, und wären nun auf Umwegen hier angelangt, um das erstemal wieder
einige Ruhe zu genießen. Im Uebrigen ließen sie der Bravour der Soldaten alle
Gerechtigkeit wiederfahren und behaupteten, daß, wenn die oberen Führer in
Eintracht gehandelt hätten, so wäre ein solcher Rückzug nicht denkbar gewesen. Man kann sich denken, in was für eine Stimmung wir versetzt wurden, stumm und niedergedonnert begaben wir uns auf den Rückweg.
Es wurde nun sofort überlegt, an welche Orte unsere werthvolleren Sachen wohl zu verbringen seyn möchten, um sie dem Feinde nicht in die Hände fallen zu lassen. Man wählte hierzu das Souterrain unter dem einen Flügel des Wohnhauses, welcher neu angebaut und unter dem ein Keller angelegt werden sollte, wovon zur Zeit gerade erst die Giebelseite zugemauert war. In dem offenen Theil wurden nun sofort Kisten und Kasten, die Leinenwand, Bettzeug, Wäsche etc. enthielten, hinein geschafft und dann die Oeffnung zugemauert, und wir glaubten so Alles gesichert zu haben. Es war dies auch in der That der Fall, aber nicht darum, daß die Franzosen kamen und die Sachen nicht fanden, nein, es kamen gar keine dorthin. Als die Ordnung der Dinge wieder hergestellt war, wurden die Sachen herausgeholt und sind nach her auf diese Weise nicht wieder gefährdet worden. Wären die Feinde wirklich gekommen, so würden sie ohne Zweifel bald durch andere Leute erfahren haben, wo unser Schatz steckte; denn das Hereinschaffen und Ver-
mauern hatten viele Leute gesehen. Am nächsten Tage passirte der schwer blessierte Herzog von Braunschweig, in einer Sänfte getragen die dortige Gegend, einzelne Versprengte kamen und ließen sich die Tour nach Magdeburg zeigen; der Prinz von Oranien mit einer Abteilung blauer Husaren als Bedeckung, kam die Straße vor unserem Gehöft her. Er machte Halt, trat in das Haus und bat sich etwas zu Essen aus, was ihm gern gereicht wurde. Während dem hielten die Husaren draußen und ich ging hinaus um sie näher zu betrachten. Unterdessen kam ein schon ziemlich erwachsener Bauernbursche aus dem etwa ¼ Stunde entfernten Dorfe die Straße entlang, mit einer Mistgabel in der Hand, um einige Feld-Arbeiten auf seinem in der Nähe liegenden Acker zu verrichten. Er blieb vor den Husaren stehen, glotzte sie eine Zeit lang an, und frug dann einen davon, woher sie kämen? Hierauf erwiederte der Husar: von der Armee,
und wir begleiten den Prinzen von Oranien, der jetzt in diesem Hause ist. Jener frug denn neugierig, ob die Franzosen noch weit seyen? Nein, sagte er, sie werden bald kommen, und schilderte dann die Menge derselben mit den Worten: lauter Himmel und Franzosen. Der Bauernjunge sagte nun in einem ärgerlichen Tone: "warum habt ihr diese Hunde in das Land hereingelassen, ihr möget mir rechte Kers (l fehlt) seyn" und ging weiter. Der Prinz, nachheriger König der Niederlande, setzte dann bald den Marsch, in der Richtung nach Braunschweig fort. Man hörte mitunter einige Meilen entfernt, Kanonenfeuer, einmal auch eine größere Explosion, wo wahrscheinlich ein Pulverwagen in die Luft flog, wobei das ganze Haus erschüttert wurde.
Am anderen Tage, gegen Abend, erschien eine Patrouille, bestehend in einer Abtheilung Blücherscher Husaren. Darunter
befand sich ein Wachtmeister der aus dem nächsten Dorfe war und den ich kannte. Ich frug ihn nun, wie die Sachen stünden und wohin sie gingen. Er sagte mir, daß ein noch ganz geschlossenes Corps, von etwa 10,000 Mann, unter dem Befehle des Generals Blücher durch die Gegend ginge, und daß sie commandirt seyen eine Recognoscirung resp: Patrouille, während der nächsten Nacht nach Halberstadt zu, was bereits von den Franzosen besetzt sey, zu machen. Diese Leute waren voller Muth und Vertrauen, so daß unsere Hoffnung auf einen guten Ausgang der Sache, neu belebt wurde.
Die ersten Franzosen die ich damals sah, gehörten zum Foultschen Armee Corps. Erstaunen erregte der Anblick der Infanterie, Jungens, dem Anschein nach nicht älter als 14 - 15 Jahre waren darunter, zerlumpt und mit einem Löffel am Czakot, weshalb man ihnen den Namen "Löffelgarde" gab.
Nicht minder auffallend war es, daß der Marschall Foult, damals
etwa 36 Jahre alt, schon ein so bedeutendes Armee Corps kommandirte; umsomehr, als die Companie oder Escadron-Chefs der preußischen Armee fast durchgängig alte Leute und die commandierenden Generäle Greise waren. Nun folgte aber eine Hiobspost auf die andere; die Capitulation des Hohenloheschen Corps bei Prenzlau, die endliche Ueberwältigung Blüchers von der Uebermacht bei Lübeck, die Uebergabe von Magdeburg und anderer Vestungen ohne Schwertstreich durch ihre niederträchtigen Commandanten etc.; so daß endlich das Gefühl in eine Lage versetzt wurde, die der Verzweiflung nahe war.
Um diese Zeit erschien ein Erlaß von dem Ordonateur en Chef der großen Armee unterzeichnet Marchant, von Halberstadt datiert, wonach das Preußische Volk aufgefordert ward, sich ruhig zu verhalten, in welchem Falle es in jeder Hinsicht geschützt werden würde, im Gegentheile harte Strafen zu erwarten seyen, worunter sich eine
Klausel befand, die vom Todschießen handelte, welche Maaßregel in der That nicht so selten bei den Franzosen vorkam. Das Benehmen der französischen Officiere und auch der Soldaten war wie ich in Wahrheit sagen kann, im Ganzen sehr artig und freundlich, und von Excessen in den Quartieren hörte man selten. Sie ließen sich zwar nichts abgehen, allein sie forderten doch nichts mit Ungestüm, sondern wußten die Bedürfnisse mit anscheinend freundlichem Zureden zu erlangen. Dies war auch in Rücksicht der Handreichungen der Fall; denn mancher Wirth, der wohl sonst gewohnt war, sich von seinen Dienstboten bedienen zu lassen, wurde oft, aber immer mit Freundlichkeit, genöthigt, den Soldaten aufzuwarten. Einen solchen Fall will ich hier kurz erzählen. Ein meinem Principal untergebener Förster in der benachbarten Stadt, bekam einen französischen Dragoner ins Quartier. Das ganze Regiment,
welches früher zu Fuß gefochten hatte, wurde mit erbeuteten Preußischen Pferden beritten gemacht. Die Leute waren daher mit den Handgriffen, welche bei dem Putzen, Satteln und Zäumen der Pferde notwendig sind, nicht überall bekannt. Der bei dem Förster Einquartierte war ein solcher, der fast noch gar nichts hiervon wußte. Absatteln konnte er wohl, aber die übrige Behandlung eines Pferdes war ihm noch fremd. Aus diesem Grunde nöthigte er seinen Wirth mit der größten Artigkeit, sein Pferd zu füttern, zu putzen und beim Abmarsch zu satteln. Dies war noch nicht genug, er mußte dem Dragoner auch die Bügel halten, als er aufs Pferd stieg. Wie mir der Förster weiter erzählte, sey der Soldat so unbekannt im Reiten gewesen, daß er bei einer ungewöhnlichen Biegung des Pferdes immer Mühe gehabt hätte, sich im Sattel zu halten.
Im Allgemeinen muß ich aus dieser
Zeit noch gedenken, daß nach 2 kärglichen Getreide Ernten, durch Ausführung nach England und durch die Anhäufung von Getreide in den Magazinen für die Armeen, dies einen unerhört hohen Preis erlangt hatte. Der Wispel[23] Weizen kostete erst 20 zuletzt sogar 22 LouisDor, so auch das Brodkorn; denn ich bin Augenzeuge gewesen, daß im Frühjahre 1806 mein Principal einen Sack, 2 Berbier[24] Scheffel, Mehl mit 11 rtlw[25] bezahlen mußte. Kurz nachdem die Franzosen das Land besetzt hatten, fiel der Preis des Getreides bis unter die Hälfte und kam auch fortwährend nicht höher zu stehen. Daß bei den hohen Preisen Wucherer im Spiele gewesen waren, ist nicht zu bezweifeln und wäre der Stand der Dinge so wie früher geblieben, so würde die bereits eigetretene Hungersnoth bis auf den höchsten Punct getrieben seyn. Daß bei den Producenten ein wirklicher Mangel vorhanden war, davon habe ich mich
aus eigener Wahrnehmung überzeugt. In dem Orte wo ich geboren bin, befand sich eine große Königliche Domaine. Diese hatte im Frühjahre nur noch so viel Vorrath an Getreide, als sie zur eigenen Consumtion und für ihre Arbeiterfamilien gebrauchte, bis zur nächsten Ernte. Für Letztere waren schon mehrere Arten Getreide zusammengemengt, was aus Roggen, Gerste, Erbsen und Hafer bestand. Freilich hätten die Producenten mehr Getreide reservieren können, allein die enorm hohen Preise hatten ihre Habsucht gereizt, sie verkauften es an Wucherer, welche nicht säumten, ihre Vorräthe zu Schiff nach England zu verkaufen, oder sie nach Befinden zurück zu halten, wodurch dem Lande mehr Getreide entzogen ward als es, besonders nach zwei kärglichen Ernten, selbst höchst nöthig gebrauchte.
Durch den Umstand, daß das Brod bald nach der Ankunft der Franzosen wohlfeiler wurde,
neigte sich schon ein Theil der Bevölkerung, vermutlich die arbeitende Klasse, zu ihnen hin, und als sie so zu sagen erst einheimisch wurden, und man ihre lebhaften und zuvorkommenden Manieren näher kennen lernte, gesellte sich mancher höher Stehende zu.
Um diese Zeit trug sich ein Ereigniß zu, was für drei ehemalige Preußische Cavalleristen blutig ablief. Ein französischer Dragoner, der krank in einem Lazareth zurückgeblieben war, folgte, nachdem er genesen, der Armee nach. Er kam in einem etwa ½ Meile von meinem Geburtsorte liegenden Dorfe an und kehrte in dem dortigen Wirthshause ein. Hier befanden sich zufällig die drei oben erwähnten Reiter vom Ascherlebener Regiment, natürlich in ihren Bauerkitteln. Sie unterhielten sich freundlich mit dem Franzosen, so gut es anging, da dieser nur seine Sprache verstand
Tranken Schnaps mit ihm, und als sie vernommen hatten, daß er die Tour auf Halberstadt nehmen wolle, erboten sie sich, ihn eine Strecke zu begleiten. Die Straße führte zunächst durch einen Wald, und sie verabredeten, ihn darin zu ermorden, was nicht einmal mit sonderlicher Heimlichkeit geschah, und von einigen Anwesenden gehört wurde. Diese hätten wohl Vorkehrung treffen können, allein sie hielten die Sache nur für Spaß. Der Franzose nahm das Anerbieten freundlich und ohne Arges zu vermuten an, denn er hatte die Redensarten jener nicht verstanden. Sie begleiteten ihn und als sie eine Strecke in den Wald gekommen waren, rissen sie ihn vom Pferde herunter, entrissen ihm den Säbel und schnitten ihm den Hals ab. Er wurde nun im Laube verscharrt, und man sieht, daß ihnen der Schnaps die Gedanken verdreht hatte, was leider nur zu oft vorkömmt, sie führten das Pferd im Triumpf in das Dorf zurück. Die Sache
kam bald vor die Behörden, die Thäter ergriffen indessen die Flucht. Man forschte ihnen nach, und da dies in der ersten Zeit fruchtlos war, so drohte das französische Militair-Kommando in Halberstadt, das ganze Dorf niederzubrennen. Hierauf ward der Aufenthalt der Thäter, die sich in den Harzbergen versteckt hielten, verrathen und sie wurden ergriffen. Man führte sie gefangen nach Halberstadt, der Prozeß wurde ihnen gemacht und das Urtheil lautete auf Enthauptung. Dies wurde nach dem Grade der Schuld in der Art vollzogen, daß der am wenigsten Schuldige, ein junger hübscher Bauernbursche, der von den älteren verführt war, zuerst und der Rädelsführer zuletzt hingerichtet ward. Obgleich voller Haß auf die Franzosen, so konnte ich das Verfahren jener Mörder doch nicht billigen und es geschah ihnen was sie verdient hatten.
Die Franzosen rückten immer weiter in Preußen vor, und alle Festun-
gen, bis auf Colberg, Graudenz und Silberberg gingen über, und mit banger Erwartung verfolgte ich das Schicksal meines unglücklichen Vaterlandes. Die Nachrichten von dem Stande der Dinge kamen sehr sparsam und unvollständig zu uns, manche waren der Art, daß sie ermuthigten, allein was der Mensch wünscht, das glaubt er leicht, und so hörte man zuweilen, daß die Franzosen im völligen Rückzug begriffen seyen, allein bald ergab sich immer, daß es Täuschung war. Hätte man die Sache ruhig überlegt, so würde man bald zu der Ueberzeugung gelangt seyn, daß ein Zurückdrängen der Franzosen gar nicht stattfinden konnte, denn durch wen sollte dies geschehen, eine Preußische Armee existierte nicht mehr und die Russen, /: man hörte wohl daß diese zur Hülfe heranrückten :/ überschritten kaum die Preußische Grenze. Anfangs De-
cember 1806 wurde ein Befehl von den Franzosen erlassen, daß bis zum 10ten des genannten Monats alle Gewehre, ohne Ausnahme zunächst in dem Sitze des betroffenen Amtes und von diesen an das Waffen-Depoth zu Halberstadt abgeliefert werden sollten. Derjenige, welcher dergleichen zurückbehielte, würde erschossen. Allein ich ließ mich nicht sogleich einschüchtern, ich nahm 6 Stück guter Gewehre: 3 von mir und 3 von meinem Principal, bestrich sie mit Oel, legte solche in einen Kasten und vergrub sie in der Erde an einem trockenen aber heimlichen Orte. Die übrigen wurden an das Amt abgeliefert. Nach einiger Zeit erschien indessen wieder ein Erlaß, wonach diejenigen, welche eine Kasse verwalteten, zur Sicherheit derselben 2 Gewehre zurückerhalten sollten, und man würde ihnen einen Erlaubnißschein, port d’ârmes darüber ausstellen. Sie seyen von dem Vorsteher des Waffen-Depots
in Halberstadt in Empfang zu nehmen. Auf Veranlassung meines Prinzipals begab ich mich dorthin, und auf vorherige Meldung führte man mich auf einen Saal des Rathauses, wo die aus der Umgegend abgelieferten Gewehre aufbewahrt wurden. Der größte Theil davon war in Kisten gepackt und so abgeliefert; die anderen waren theils frei aufgeschichtet oder hingen und standen an den Wänden umher. Man sagte mir nun, ich möchte 2 von den meinigen aussuchen, ich fand sie auch, aber 2 Stück, die besten, eine Büchse und eine Flinte, fehlten. Ich lies mich Anfangs nicht darüber aus, suchte vielmehr umher, ob ich nicht unter den anderen ein Paar finden möchte, die den Fehlenden entsprächen; allein es war lauter schlechtes Zeug, und die Kisten, worin jedenfalls Bessere waren, durfte ich doch nicht aufmachen. Unter diesen Umständen nahm ich 2 von leidlicher Qualitaet, erhielt den
Erlaubnißschein und reiste wieder ab. Bei meiner Zurückkunft forschte ich nach, wohin die beiden fehlenden Gewehre wohl gekommen seyn möchten, und erfuhr denn unter der Hand, daß sie der Amtsdiener unterschlagen habe. Sofort schrieb ich an diesen und forderte ihn auf, binnen 24 Stunden die zurückbehaltenen Gewehre an mich abzuliefern, widrigenfalls ich die Sache bei dem französischen Commande in Halberstadt zur Anzeige bringen würde, und was darauf folgen würde, sey ihm bekannt. Am anderen Morgen kam der Kerl damit angerannt, der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne. Er bat, ich möchte ihn doch nicht unglücklich machen, und als ich ihn einige Zeit hatte zappeln lassen, sagte ich ihm, daß ich dies mal stillschweigen wolle. Man sieht hieraus, daß der Mensch in seinen Handlungen nicht immer aufrichtig ist; denn ich hatte das Gebot auch übertreten, indem ich jene 6 Gewehre verheimlichte. Nun
mehr nahm ich meinen Kasten wieder hervor, aber leider waren die Gewehre, trotz des Oels, sehr verrostet und würden, wenn sie noch länger in der Erde geblieben wären, total verdorben seyn. Hieraus ergiebt sich, daß rohes Oel viele wäßrige Theile enthält; wäre es lauter Fett gewesen, so hätte sich kein Rost ansetzen können. Während dem marschirten fortwährend Abtheilungen französischer Truppen zur großen Armee, was die Nachrichten über den Rückzug derselben schon hinlänglich widerlegte. – und das Jahr 1807 brach an. Die Verhältnisse blieben die selben und in den ersten Tagen des Februar ward die Schlacht bei Eylau geschlagen. Wäre die Preußische Armee von ihrer ursprünglichen Stärke in dieser Schlacht gewesen, und die Russen hätten ihr geholfen, wie es dort geschah, so würden die Franzosen über den Rhein zurück gejagt worden seyn. Es verbreitete sich zwar nach-
her das Gerücht, daß die Franzosen geschlagen seyen, was theilweise in der That wahr, aber doch weiter nicht von wesentlichem Erfolge war; aber leider es blieb beim Alten.
Die Schlacht bei Friedland entschied endlich das Schicksal meines unglücklichen Vaterlandes, indem nach dem Frieden von Tilsit, alle zwischen der Elbe und dem Rhein liegenden Preußischen Provinzen abgetreten werden mußten, um mit einigen anderen eroberten Ländern, als Hessen, Braunschweig etc. ein neues Königreich, unter dem Namen Westphalen zu bilden. Mein Principal und ich, wir waren untröstlich über die Wendung der Dinge; bei der enormen Macht Napoleons schien aber eine Rettung unmöglich zu seyn.
Nun ging das Organisieren des neuen Staates los, indem wir, durch Erlaß unseres bisherigen geliebten Königs, Friedrich Wilhelm III, aus dem Preußischen Staaten-Verbande ent-
lassen waren. Was war nun zu thun? Es blieb mir nichts übrig, als alle nur mögliche Schritte bei den neuen Behörden zu thun, um meine künftige Subsistenz zu sichern. Das Land wurde in 8 Departements, Provinzen, eingetheilt und in jedem an die Spitze der Verwaltung ein Präsident unter dem Titel „Präfect“ gesetzt. Dann bestand das Departement aus mehreren Districten, dem ein Unterpäfect vorstand. Ferner gab es Cantons und in diesen Munizipalitäten, unter Canton-Maires und Stadt- oder Dorf-Maires.
Der Ort. wo ich damals lebte, lag im Department der Saale. Und der Präfect hatte seinen Sitz in Halberstadt. Es wurde nun auch zur Organisation der Forsten geschritten. Die höchste Verwaltungsstelle hatte ihren Sitz in Kassel. Sie bestand aus einem Generaldirector und 3 General – Inspectoren.
In jedem Department war eine Forst-Conservatur, /: Oberforstmeister :/ Forst-Inspectoren 1ster und 2ter Klasse, Oberförster /: garde general :/ reitende Förster, zugleich Brigadiers, und gehende Förster 1ster und 2ter Klasse. Ein Oberförster bezog ein jährliches Gehalt von 2000 Francs, der reitende Förster 1500 Franc, der gehende Förster 1ster Klasse 800 und der 2ter Klasse 600 Franc als Maximum. Die Schutzbezirke der Förster, worunter auch die Privatforsten eingeschlossen waren, sollten 800 Morgen betragen. Hierdurch entstand eine große Menge neuer Stellen, und ich dachte, es ist besser etwas als gar nichts. Aus diesem Grunde und weil mich meine ärmlichen Vermögens-Verhältnisse dazu zwangen, begab ich mich nach Halberstadt, und trug dem Präfecten die Bitte vor, mich bei Besetzung der neuen Stellen zu berücksichtigen. Ich wurde von ihm, er hieß Gohsler, sehr freundlich
Empfangen, und machte mir bemerklich, daß die Forst-Organisation erst im Entstehen und man wegen Einrichtung der niederen Verwaltung noch nicht einig sey, es könne also eine definitive Besetzung der Stellen noch nicht geschehen, er würde mich jedoch, vorkommenden Falls, möglichst berücksichtigen. Etwas Hoffnung schöpfend, kehrte ich auf meinen Posten zurück.
Mit dem Eintrittt des Jahres 1808 nahm der neue König Hieronimus[26] Bonaparte das Land in Besitz, und verlegte seine Residenz nach Kassel. Ihn begleitete seine Gemahlin, Catharine Prinzessin von Würtemberg, und beide zogen am 1sten Januar 1808 in Kassel ein. Andere größere Städte mußten gezwungene Feierlichkeiten veranstalten, z. B. Illuminationen etc. In Braunschweig war dies auch der Fall, und man hatte
dort ein Transparent angebracht was die Buchstaben H. u KurN (?) darstellte. Von den aus Neugierde in die Stadt gekommenen Bauern wunderte sich Einer über die großen hellen Buchstaben und frug die übrigen, was dies zu bedeuten habe. Hierauf erwiederte ein Anderer in der dort auf dem Lande gebräuchlichen plattdeutschen Sprache: „dat het, Hei kummet nich“ /: Er kömmt nicht :/
Bald nachher erschien ein königliches Decret, daß ein Bataillon gelernter Jäger errichtet werden solle, aus welchem man später die vacant werdenden Forstbeamten Stellen besetzen wollte. Das hatte die neue Regierung der Organisation des Preußischen Feldjäger Regiments nachgeahmt. Zur Garnison sey die Stadt Marburg bestimmt, und es hätten die, welche einzutreten geneigt seyen, sich bei dem Oberst von Dörnberg zu melden. Gestützt auf die Zusicherung des Präfecten in Halberstadt, glaubte ich eine
Stelle zu bekommen, ohne vorher Dienste als Militair geleistet zu haben. Um aber darüber Gewißheit zu erlangen, begab ich mich nochmals zu ihm, und wiederholte die frühere Bitte. Eben so freundlich als des ertemal, gab er mir dieselben Versicherungen und auch der General-Secretair der Präfectur, ein Herr von Westphalen, den ich zugleich begrüßte, gab mir, mit dem freundlichsten Gesicht, die Zusicherung, daß er zu der Gewährung meines Wunsches möglichst mitwirken wolle. Ich gebe einem Jeden den Rath, auf dergleichen mündliche Verheißungen nicht zu bauen, denn ich wurde arg getäuscht, was ich aber nach Maasgabe der Versprechungen, in dem Augenblick nicht vermutete, da ich die Verhältnisse höher gestellter Personen noch nicht kannte, vielmehr glaubte, alle Menschen seyen so ehrlich als ich war. Mein ältester Bruder blieb auf seiner Stelle in Friedrichshohenberg, ein zweiter wurde reitender
Förster in Neinstadt bei Quedlinburg, meine Wenigkeit dagegen wird nicht berücksichtigt. Ich durchschaute endlich das Hinderniß welches sich meinem Wunsche entgegen stemmte. Dies war der damalige Conservateur[27], ein alter grämlicher Hagestolz, der viele Jahre meines Vaters Vorgesetzter gewesen, alljährlich einigemale mehrere Tage in meinem elterlichen Hause weilte und hierbey immer Zuneigung heuchelte. Dieser Filz arbeitete gegen die Gewährung meines Wunsches. Ihm half ein ehemaliger reitender Feldjäger, der im Fürstenthum Halberstadt schon längere Zeit als Oberförster angestellt war, /: ebenfalls damals ein Hagestolz :/ der früher Monate lang in dem Hause meines Vaters aufgelegen hatte, zum Dank gegen mich zu intrigieren, und so war es denn natürlich, daß ich meinen Zweck nicht erreichte; da der Präfect und sein General-Secretair
meine Brauch- oder Unbrauchbarkeit nicht beurtheilen konnten, indem sie mich nicht weiter kannten als von Person. Jener, nemlich der Conservateur, starb nach einigen Jahren an der Läuse Krankheit[28], und Letzterer, der Oberförster, erst vor ein paar Jahren, als Folge eines ähnlichen Uebels, eines schrecklichen Todes. Ob dies eine Strafe der Vorsehung wegen ihres hinterlistigen Characters, denn einen solchen hatten Beide, gewesen ist, will ich dahin gestellt seyn lassen. Mögen sie die ewige Ruhe gefunden haben; wer weiß, ob, wenn ich damals, vor 45 Jahren angestellt wurde, ich noch jetzt unter den Lebendigen seyn würde, ich verzeihe ihnen vollkommen.
Nun rückte die Zeit heran, wo die erste Aushebung /: Conscription :/ vorgenommen werden sollte, und endlich ward ich zum Loosen in die nächste Stadt bestellt. Erst faßte ich den Vorsatz,
In das Jäger-Corps in Marburg einzutreten, doch ich stand davon ab, in der Meinung, daß ich ein Freiloos ziehen und auch dann immer noch dort eintreten könne,
Ich hatte damals viele Freunde, alt und jung, die an meinem Schicksal Theil nahmen. Eine Anzahl begleitete mich an dem Tage der Loosung auf das Rathhaus, um gleich das Resultat zu erfahren. Die Anfangsbuchstaben der Namen nach Maasgabe des Alphabets gaben die Norm ab, nach welcher die Consoribirten aufgerufen wurden und als die Reihe an mich kam, trat ich vor an die Urne. Auch mit dem Präfectur Rath, der Mitglied der Aushebungs-Comission war, war ich befreundet. Er ging mit mir an die Urne und sagte: greifen Sie einmal hinein, ich wünsche daß Sie ein Freiloos ziehen möchten. Bangigkeit hatte ich zwar nicht im geringsten, indessen konnte ich doch einem Gefühle der Neugierde nicht widerstehen, wel-
ches man im gewöhnlichen Leben wohl hat, wenn der Zufall über den Ausgang einer einem nahe angehenden Sache entscheiden soll. Ich griff hinein, faßte eines der zusammengerollten Papiere und zog es heraus. Der Präfectur Rath nahm mir dasselbe ab, rollte es auf und las: „No. 6. Zum Marsch“. Meine Freunde bekamen einen weit größeren Schreck als ich selbst; denn wenn ich auch dachte, „das ist eine schöne Geschichte“ so alterirte[29] es mich doch nur sehr wenig, da der Verdruß durch die Genugthuung gemildert wurde, daß ich mich um den Eintritt in den westphälischen Militairdienst, welchen ich als einen ganz fremden betrachtete, in keiner Art beworben hatte. Man trug nun meinen Namen in die Marschlisten ein und als dies geschehen war, frug ich den Officier, der sich bei der Commission befand: wie viel Zeit bis zum Abmarsche mir wohl
noch übrig bleibe? Worauf derselbe erwiederte: daß dies 14 Tage bis 3 Wochen dauere. Ich beseitigte nun noch die nöthigen Geschäfte bei meinem Principal, besuchte dann meine Verwandten nahe und fern und kehrte nach etwa 2 Wochen nach meinem bisherigen Domicil zurück.
Einige Tage nachher wurde ich zur Untersuchung vor den Präfecten und den Departements-Militair- Commandanten, damals General von Motz, beordert, die auf der Domaine Ifeshein stattfinden sollte. Ich begab mich dahin, verfaßte aber vorher ein Schreiben an den Präfecten, worin ich ihn bat, sein mir früher gegebenes Versprechen, mich beim Forstwesen anzustellen, zu verwirklichen, oder, wenn dies jetzt nicht ausführbar seyn sollte, mir zu gestatten, in das in Marburg neu zu organisierende Jäger Corps einzutreten. Diesen Brief ließ ich ihm, vor dem Ter-
min von seinem Diener übergeben, und begab mich dann zur bestimmten Stunde auf die Domaine. Nach ziemlich langem Warten, indem die Reihenfolge so wie bei dem Loosen, nach dem Anfangsbuchstaben des Namens gehalten wurde lud man mich vor die Comission.
Als ich in das Zimmer trat, saßen der General und der Präfect auf der entgegengesetzten Seite einer langen Tafel, und ich befand mich von den Consoribirten nur allein im Zimmer. Der Präfect sagte zu mir, „sie haben an mich geschrieben und unter andern um die Erlaubniß gebeten, in das Jäger-Bataillon zu Marburg eintreten zu dürfen“ Ich antwortete: Ja! In diesem Augenblick erhoben sich beide und begaben sich in ein anstoßendes Zimmer. Nach einigen Minuten traten sie wieder heraus, und der Präfect nahm wieder das Wort und sagte: „in Rücksicht Ihres Antrages habe ich Ihnen zu sagen, daß wegen der Aufnahme
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In das genannte Corps, andere Bestimmungen ergangen sind, warten Sie noch etwa 14 Tage der weiteren Entscheidung“ Ich verneigte mich und trat ab, dachte aber im nächsten Augenblick, diese Entscheidung nicht abzuwarten. Nachdenken erregte zwar der Umstand, daß sich die beiden Herren mitten in der Verhandlung entfernten, und es trat mir die Vermutung nahe, da sie vielleicht, in Bezug auf meine künftige Stellung, eher etwas Günstiges als etwas Nachtheiliges besprochen haben möchten, allein ich war nun einmal mißtrauisch auf die neue Verwaltung geworden und beschloß: so bald als möglich bei dem Jäger-Bataillon einzutreten. Frei vom Militair hätte ich mich nur in dem Falle machen können, wenn ich einen Stellvertreter kaufte, was damals gestattet war, aber bei meinen dürftigen Vermögens Umständen nicht anging,
denn es waren hierzu nach Umständen, einige Hundert Thaler Capital erforderlich, und woher sollte ich diese nehmen? Einer meiner Jugendfreunde, dessen Eltern reich waren, kaufte sich einen solchen, der zu dem westphälischen Truppencorps, welches in Spanien stand, ging und von dem man niemals wieder etwas gehört oder gesehen hat.
Der Sohn eines Försters in dem Bezirke meines bisherigen Principals, hatte ebenfalls ein Marschloos gezogen und war demnach auch bei der Untersuchung auch gelernter Jäger. Diesen animierte ich, mit zu dem Jäger-Bataillon in Marburg zu gehen, und da er mit mir einverstanden war, so bestimmte ich, daß wir am dritten Tage an einem bestimmten Orte zusammentreffen wollten, um die Reise gemeinschaftlich zu machen. Nun verschaffte ich mir sofort die nöthigen Führungs-Atteste von dem Canton-Maire
von dem Orts-Maire und von meinem Principal, die mir auch sogleich in bester Form und unter wirklicher freundlicher Theilnahme ausgestellt wurden. Ich sah nun dem Scheiden aus dem Hause meiner Freunde und Gönner, meiner Freundinnen nicht zu vergessen, überhaupt aus der Gegend, wo ich die beste Zeit meines Lebens, die Jugendjahre verlebt hatte, mit einer gewissen Bangigkeit entgegen, denn ich konnte, bei den damaligen politischen Verhältnissen, wohl folgern, daß ich als westphälischer Soldat, was mit französischer Soldat fast identisch war, unstät und flüchtig die Welt durchziehen und endlich, vielleicht weit entfernt vom Vaterlande, von Verwandten und Freunden, in Elend und Noth mein Leben beschließen würde. In Gottes Willen hat indessen ein solcher Ausgang nicht gelegen, das zeigt der Umstand, daß ich diese Zeilen jetzt, im Jahre 1853
bei guter Gesundheit und verhältnißmäßiger Kraft, auch in einer zufriedenen Stellung niederzuschreiben im Stande bin, wofür ich dem Höchsten innig danke. Doch es mußte geschieden werden, und am 10ten September 1808, gegen Mittag, nahm ich Abschied von meinem Principal und dessen Gattin, die ich in Wahrheit schätzte. Von zweien meiner innigsten Jugendfreunde, den Söhnen des Inhabers der Domaine in meinem Geburtsorte, ferner von den Verwandten meiner Principalin, der Familie Rostoski, in deren Kreise ich so viele frohe Stunden verlebt hatte, hatte ich schon Abschied genommen, und ich wanderte dem Orte zu, wo ich mit dem Förster Sohn zusammenzutreffen verabredet hatte. Von diesem Augenblick an führte ich ein Tagebuch, worin ich das, was sich auf meinen Märschen zutrug, kurz bemerkt habe und das ich jetzt noch besitze, indem ich solches, bei einer kritischen Gelegenheit,
meinem jüngeren Bruder zur Aufbewahrung übergab, der es mir später wieder zurückgegeben hat.
Also am 10ten September 1808 marschirte ich mit meinem Gefährten bis nach der ehemaligen freien Reichsstadt Goslar[31], wo wir Nachtquartier nahmen. Wir logirten in einem Gasthofe, mit dessen Besitzer und dessen Tochter, /: er war nemlich Wittwer ;/ ich schon seit mehreren Jahren bekannt war. Die Tochter spielte das Clavier ganz leidlich und trug uns im Laufe des Abends mehrere Stücke vor. Wodurch ich am Ende doch etwas aufgeheitert wurde. Am 11ten. Wir stiegen nun die Harzberge hinauf. Ein hoher Punkt auf unserem Wege gewährte uns die letzte Ansicht in die Gegend, wo wir gelebte hatten. Von diesem Augenblicke an, waren wir aber überhaupt davon getrennt. Um 12 Uhr trafen wir in der Bergstadt Clausthal[32] ein und aßen dort in dem Gast-
hofe zur „Stadt London“ zu Mittag. Nachdem ich eine daselbst wohnende Dame besucht und von ihr Abschied genommen hatte, traten wir den Marsch wieder an und übernachteten in dem Städtchen Osterode[33].
den 12ten. Wir nahmen uns vor, heute über Göttingen bis Münden zu gehen. Dies war eine große Tour und wir nahmen einen Boten von Osterode, der unser Gepäck trug. Wir waren früh um 3 Uhr aufgebrochen und langten doch erst um 8 Uhr Abends in Münden an[34]. Unser Logis war im Weißen Schwan.
den 13ten. Um 8 Uhr Morgens brachen wir erst auf. Unser Begleiter ging noch eine Strecke mit und verließ uns am Fuße des Mündenschen Berges, wo die damals gut gepflasterte Straße in einer Länge von etwa 1/8 Meile einen steilen Berg in die Höhe ging. Etwa um 1 Uhr trafen wir in Kassel ein, welche Stadt in einer sehr anmuthigen Gegend liegt. (ca. 20 Km)
Durch die Fußparthien der vorhergehenden Tage sehr ermüdet und des Gehens überdrüssig geworden, hatten wir bereits beschlossen, von da ab die Post zu benutzen. Im Gasthofe „Zum Prinzen von Preußen“ waren wir, angezogen durch den Namen desselben, abgetreten und stärkten uns bald durch ein gutes Mittagessen. Hierbei frug ich den Wirth, ob heute vielleicht noch eine Post von dort nach Marburg abginge? Er erwiderte hierauf, daß dies gegen 6 Uhr der Fall sey. Dies war mir sehr erwünscht, denn man hatte auf diese Weise noch Zeit, die Stadt näher zu besichtigen. Dies geschah denn auch und wir lösten auch bei dieser Gelegenheit die nöthigen Billets. Zu der bestimmten Stunde fuhren wir, in Gesellschaft von einigen äußerlich anständigen Damen und Herren aus dem Thor nach Marburg zu. Der Gang der Posten und überhaupt die Einrichtung der Wagen, wie ich früher schon erzählt habe, waren in damaliger Zeit noch sehr mangelhaft, und zu
den unbequemen Sitzen in derselben kam noch die langsame Fahrt, obgleich sich dort eine Chaussee befand. Die Nacht brach ein, und es waltete anfangs eine spärliche Unterhaltung unter dem Personal. Nach einiger Zeit wurde diese, besonders unter der Gesellschaft die mit uns eingestiegen war, lebhafter, wobei man zuletzt sehr unanständige Bemerkungen vornahm, in die sogar die Frauenzimmer mit einstimmten. Ich folgerte hieraus, daß dies eine Gesellschaft Gauner seyn möchte, worin ich auch durch folgenden Fall bestärkt ward. An einer Stelle, wo es bergauf ging und der Wagen sehr langsam fahren mußte, auch in dem selben sich eine widrige Luft entwickelt hatte, stieg ich mit meinem Gefährten aus, wobei uns einer von den Männern folgte. Es war eine dunkle Nacht und indem der Fremde dicht neben mir herging, fühlte ich ein Gekrabbel in einer meiner Beinkleidertaschen. Ich bemerkte sogleich, daß
dies von der Hand meines Nachbarn aus herrührte, und versetzte ihm ohne Umstände einen tüchtigen Schlag ins Gesicht und das ganz in der Stille. Auch er machte weiter keinen Lärm. Wir setzten uns, auf den Berg gelangt, wieder ein. Und ich und mein Gefährte wurden um so vorsichtiger auf unsere Taschen. Die Nacht verging nun ruhig und der nächste Tag brach an.
Den 14ten. September. Etwa um 2 Uhr Nachmittag, langten wir in Marburg an; wir hatten also zu der Zurücklegung von 9 Meilen (ca. 63 Km) 20 Stunden gebraucht. Was würde man jetzt dazu sagen, wenn die Post in einer Stunde weniger als eine Meile zurücklegte! Wir traten im Gasthofe „zum schwarzen Adler“ ab. Nachdem wir gegessen hatten, suchten wir die Wohnung des Obersten von Dörrenberg auf. Auf dem Wege dahin, begegneten uns mehrere Gruppen Jäger, worunter einige Bekannte waren.
Diese sagten uns, daß der Oberst in diesem Augenblick abwesend sey, und wir überhaupt besser thun
würden, uns ihm erst morgen früh um 8 Uhr vorzustellen. Es war zwar sonst meine Manier nicht, eine Sache lange aufzuschieben, allein da es mir lieb war, mich von den anderen Verhältnissen vorher unterrichten zu können, so willigte ich ein. Wir durchgingen nun die Stadt in einigen Theilen, ich versprach mir nicht viel Vergnügen darin; der ganze Ort liegt oder hängt an einem ziemlich steilen Berge, und ich verglich die Häuser mit Schwalbennestern die an einen Balken angeklebt sind. Ich ließ mir nun beschreiben, was beim Erlernen des Exercierens zu beobachten sey, und forderte die Bekannten auf, mir die körperliche Stellung zu geben, die der Rekrut hierbei haben müsse. Diese jungen Burschen, vielleicht stolz darauf, daß sie einem Unerfahrenen das beibringen sollten was sie kaum selbst gelernt hatten, waren sehr eifrig dabei. Ich mußte nun ganz gerade Stellung annehmen, die ich übrigens vorher schon immer hatte, und was mir daher
nicht schwer wurde, den Kopf etwas in die Höhe, Brust vor, die Schulterblätter zurückgezogen, die Arme senkrecht am Körper herunter, die Hände platt an die Schenkel gelegt, so daß die beiden Daumen sich gerade auf der äußeren Hosennaht befanden, den Bauch eingezogen, die Schenkel und Beine dicht zusammen, die Hacken oder Absätze in gerader Linie und die Füße in einen spitzen Winkel gebracht. Mit innerlicher Freude ließen sie mich in dieser Stellung eine Weile stehen, und nachdem ich solche einige Male verändert und wieder angenommen hatte waren sie mit meiner Anstelligkeit zufrieden, und es ging nun zu den Wendungen und dem dabei vorkommenden Kommando des Exerciermeisters. Zuerst rechts um, rechts um kehrt, Front etc., doch es würde zu weit führen, wenn ich alle die Exercizien hier aufzählen wollte, die sie mir beizubringen bemüht waren, ich gehe daher wieder zu der Erzählung der laufenden Sachen über,
die mich betrafen. Die mir bekannten Jäger gaben mir dann Auskunft über den Unterhalt, den man als westphälischer Jäger zu erwarten hatte. Dieser bestand in 2ggw. täglicher Löhnung, 1 ½ tt. (Pfund) Brod und ½ tt. Fleisch. Ersterer würde alle 10 Tage und die letzteren alle 4 Tage empfangen, das Brod und Fleisch müsse jeder bei dem Fleischer und Bäcker selbst in Empfang nehmen. Nachdem wir noch manches besprochen und jeder von ihnen den Wunsch ausgedrückt hatte, es möchte sich fügen, daß ich der Compagnie zugetheilt werden möchte, bei welcher er stand, trennten wir uns ziemlich spät und ich kehrte in das Wirthshaus zurück, mein Gefährte logirte jedoch in der nächsten Nacht bei einem Freunde. Die Nacht brachte ich ziemlich unruhig zu, indem allerlei Gedanken über mein künftiges Schicksal das Blut in Aufregung erhielten. Endlich brach der Tag an, und mit diesem blies ein Hor-
nist zum Wecken. Diese Töne sind in meinem Gedächtnis geblieben und ich kann sie zur Stunde immer noch wiederholen. Ich dachte dabei, morgen früh gelten sie für dich auch mit, und dann bist Du dem Schicksal preisgegeben, welches so viele Deiner Kameraden trifft. Doch legte ich Alles in Gottes Hand. Ich stand nun auf und es dauerte nicht lange, so kam mein Gefährte mit einigen Kameraden zu mir, die uns nachher bis zu dem Hause des Oberst begleiteten. Wir wurden sogleich vorgelassen. Es war dies ein ziemlich großer, aber dabei proportionirt gebauter Mann mit militairisch ernster Miene, doch blickten auch freundliche Züge durch, weshalb das Gesicht nicht abstoßend war. Das scharfe Auge mußterte mich von unten bis oben, und blieb dann auf meinem Gesichte einige Momente ruhen. Ich trug ihm nun die Bitte für mich und meinen Begleiter vor, uns in das Jägercorps aufzunehmen,
und übergab meine Atteste. Er sah diese genau durch, und indem er sich an mich wendete, sagte er, daß der Befehl zu unserer Aufnahme in die betreffenden Compagnien sogleich gegeben werden sollte. Ich bat ihn nun um die Erlaubniß, noch etwas vortragen zu dürfen, und indem er mir diese ertheilte, erzählte ich ihm, daß ich bei der letzten Loosung der Conscribirten ein Marschloos gezogen habe, und so weiter, wie dies bereits oben von mir dargestellt ist, indem ich nichts verschwieg. Hierauf erwiderte er: „es wird wohl über die Sache sicher geschrieben werden, allein das hat weiter nichts auf sich, treten Sie nur in die Compagnie ein.“ Dieser Ausspruch war sehr beruhigend für mich, und indem besonders einer der vier Capitains des Bataillons, der eine große Vorliebe für alle Jäger die am Harzgebierge zu Hause waren, hatte, vernahm, daß
ich daher sey, so bat er den Oberst, mich seiner Compagnie zu über weisen, was denn auch geschah.
Mir wäre es übrigens ganz gleichgültig gewesen, unter welchen Theil des Bataillons man mich steckte, denn ich hatte mir fest vorgenommen, fortan in jeder Stellung meine Schuldigkeit zu thun wie dies bereits in früherer Zeit geschehen war. Indessen hatte dieser Officier, wie ich erfuhr, mehrfach geäußert, daß er glaube, an mir einen fernen Büchsenschützen acquirirt zu haben, und wenn ich mich nun gerade nicht als unfehlbar hierin bezeichnen will, so war ich doch überzeugt, daß ich vorkommenden Falls meinen Mann stehen würde. Noch an dem nehmlichen Vormittage ward ich eingekleidet. Die Kleidungsstücke erhielt ich in mehrere Stücken doppelt und von gutem Stoffe. Der Rock war von mittelgrüner Farbe mit schwarzem Kragen und Aufschlägen, überall rother Vorstoß und mit einer Reihe gelber
Knöpfe mit
einem Waldhorn. Hinten in den aufgeklappten Schößen 4 Waldhörner von rothem
Tuch. Hosen ebenfalls von grünem Tuch, lang, auf den Nähten äußerlich, mit ½
Zoll breiter rother Litze besetzt, unter dem Latze einen ungarschen Knoten.
Schwarze Gamaschen mit rother Schnur befestigt, halb an der Wade
heraufreichend, vorn auf ungarsche Art ausgeschweift mit einer rothen Troddel.
Der Czakot von schwarzem Filz mit Glanzleder befestigt, vorn ein messingnes
Waldhorn und Fangschnüre, grün mit roth durchwirkt. Grauer Mantel. Außerdem
eine grüne Jacke, Polizeimütze, leinene Hosen, 2 paar Schuhe und
2 Hemden. Strümpfe wurden nicht gereicht, indem vorausgesetzt wurde, daß der
Soldat ohne dergleichen doch wohl marschieren könne. Dann Büchse und
Hirschfänger mit Messingbeschlag, Letzterer so eingerichtet, daß er an der Büchse,
als Bajonett befestigt
werden konnte. Ein ziemlich großes Pulverhorn, welches an einer, der Fangschnüre am Czakot ähnlichen Schnur , mit 2 dicken Troddeln um die Schulter getragen ward. Eine lange Jagdtasche von Seehund, enthaltend eine kleinere Tasche mit 20 Patronen, welche an der linken Seite in die Gunre[35] an einem Riemen über die rechte Schulter reichend, getragen wurde, woran noch eine Vorrichtung für den Kugelhammer angebracht war. Das Tuch zu Rock, Beinkleidern und Gamaschen war wirklich von guter Qualität. Wie ich erfuhr, war der Tuchlieferant ein früherer Hofschneider in Berlin Namens Vogel. Wir hielten ihn für einen honetten Mann, weil er uns gutes Tuch geliefert hatte; indessen konnte ich mich doch nicht recht darin finden, wie es zuging, daß ein Schneider des Preußischen Hofes sich dazu herbeiließ, für die Armee eines gewisserMassen feind-
lichen Landes Geschäfte zu machen. Er muß indessen, bei alledem daß er gute Ware lieferte, doch einen guten Schnitt gemacht haben, indem er, wie ich später erfuhr, ein nicht unbedeutendes Rittergut in Westphalen eigenthümlich an sich gebracht hat. –
Am Nachmittage dieses Tages wurde auch noch Fleisch und Brod gefaßt. Jede Compagnie hatte einen besonderen Lieferanten, vor dessen Hause sie aufmarschirte. Ich mußte mit der 2ten Kompagnie empfangen und trug 2 Brode unter dem Arm und 2 tt. Fleisch in der Hand in das mir inmittelst angewiesene Quartier. Beides war, als Kommis-Waare betrachtet, von vorzüglicher Qualität. Das Brod behielt ich in eigenem Gewahrsam, das Fleisch gab ich der Quartierwirthin, wie mir dies meine älteren Cameraden gesagt hatten. Die Wirthin repartierte das Fleisch auf vier Portionen und kochte mir eine Suppe, /: versteht sich , nur Mittags :/ davon und fügte noch etwas Gemüse hinzu. – Um 6 Uhr Abends an dem genannten Tage, hatte die Com-
pagnie Apell auf dem schiefen Marktplatz und ich mußte dort ebenfalls erscheinen. Der Feldwebel ließ die Compagnie erst antreten, und wies mir einen Platz als Flügelmann an, das heißt: vom rechten Flügel gerechnet. Bei Exercitien, namentlich bei den Schwenkungen, der Richtung und den Märschen der Compagnie, hat der Flügelmann immer einen wichtigen Standpunkt und da der bisherige bereits eingeübt war, so ersuchte ich den Feldwebel, diesen als Flügelmann fortfungieren zu lassen, zumal er etwa nur 1. Zoll weniger maß als ich, das wurde dann auch so arrangiert. Am nächsten Tage früh gingen nun die Compagnien zum Exerciren hinaus vor die Stadt. Bei der Ankunft auf dem Platze wurden wir, mein Reisegefährte und ich hervorgerufen und einem Sergeant, der früher schon unter den Preußischen Jägern gedient hatte, zur Einübung überwiesen. Er
führte uns an die Chaussee, die wir von Cassel hergekommen waren, und stellte uns neben derselben, auf einem glatten Fußsteige auf. hier brachte er zuerst meinen Körper in die vorgeschriebene Stellung, und wunderte sich, daß ich mich hierin gar nicht so ungeschickt anstellte. dies war aber ganz natürlich, dann ich hatte das am vorherigen Tage spielend Gelernte noch nicht wieder vergessen. Mit den Wendungen auf der Stelle ging es auch gut, und als diese ein paar Stunden, unter angemessenen Pausen, geübt waren, traten wir in die Compagnie ein und das Bataillon kehrte unter Hornmusik, in die Stadt zurück. /: Auf dem Fußsteige, wo ich die Wendungen machen, und wobei der linke Absatz immer auf einer und derselben Stelle bleiben mußte, hatte ich ein 1 – 2 Zoll tiefes Loch in den Boden gedreht :/ Nach Mittag ging es wieder hin-
aus und die spezielle Instruction ward fortgesetzt; Es wurde nun das Marschieren vorgenommen. Hierbei stellte sich die Sache etwas schwieriger heraus, besonders scharf sah der Sergeant darauf, daß beim Ausstrecken des Beines der Fuß sich mit dem Boden parallel befand. Bei seinem Kommando: „Achtung! Bataillon! im ordinairen Schritt marsch!“ mußten wir augenblicklich uns mit dem linken Beine zuerst in Bewegung setzen, wobei er in dem erforderlichen Tohn zählte: 21-22,21-22, und sich rückwärts vor uns hinbewegte. Versah man es nun, den Fuß immer in der eben bezeichneten Richtung zu erhalten, so sagte er: wenn ich beim Marschieren die Schuhsohlen sehe, so thun mir gleich die Zehen weh. – Doch im Ganzen war dieser Unterofficier ein gutmütiger Mann und da er sahe daß wir uns bemühten, seinen Instructionen möglichst nachzukommen und
auch in Wahrheit dabei ziemlich gelehrig waren, so erklärte er in wenigen Tagen, daß wir es soweit gebracht hätten, um Compagnie- oder Bataillons weise mit zu maneurriren[36] , worauf wir denn eintraten. Die Expedition wurde an den Wochentagen stets fortgesetzt, was allerdings bei meiner Truppe, die aus jungen Leuten formirt war, welche zum größten Theile den Militairdienst nicht kannten, sich als notwendig herausstellte, und dies umsomehr, als unter den damaligen politischen Verhältnissen der Fall eintreten konnte, daß wir zur Schlachtbank geführt wurden, was auch wirklich nicht sehr lange auf sich warten ließ. Nun war es auch nöthig, den Wachtdienst zu lernen und ich ward denn sehr bald dazu kommandirt. Die erste Wache that ich auf der Hauptwache, wie dies bei den Rekruten in der
Regel geschieht, damit sie von dem gegenüber den Nebenwachen einem höher stehenden Commandanten der Hauptwache stets instruirt werden können. Ich erhielt das erstemal den Posten vor den Gewehren, daß heißt, unmittelbar vor der Hauptwache. Es kam mir zwar langweilig vor, 2 Stunden lang Posten zu stehen und dann, wenn diese vorüber waren in der mit Tabaksdampf und Oelqualm dick angefüllten Wachstube auf der Pritsche zu liegen; doch es kamen mir hierbei die Strapazen zu statten, die ich in meiner Jugend zu ertragen gewöhnt worden war. Da ich, nach der Ansicht meiner Vorgesetzten, mich im Dienst immer eifrig und pünktlich verhalten haben mochte, so ernannte man mich zum Gefreiten, wodurch ich dem langweiligen Geschäft des Postenstehens überhoben wurde, freilich schloß dies nicht aus, daß ich den Dunst in der Wachtstube einziehen mußte. In der Wahl derjenigen, denen ich
mich näher anzuschließen wünschte, war ich etwas eigen, da ich in früherer Zeit in dieser Hinsicht öfter getäuscht worden war. Außer einigen älteren Cameraden lernte ich zwei Jäger kennen, an die ich mich näher anzuschließen wünschte, indem ich in ihnen ein paar gut gebildete Forstleute erkannte und die noch dazu schon seit einiger Zeit in dem Büreau des damaligen Conservateur von Wildungen zu Marburg beschäftigt waren. Aus Rücksicht der Zuneigung welche ich gegen sie gewann, will ich sie hier nennen, es war ein Herr von Stark, aus dem Hessischen, und Herr Häberlin aus Helmstedt im Brauschweigschen. Ich weiß nicht, ob sie zur Zeit noch leben, indessen besteht in jedem Falle meine Anhänglichkeit an sie noch fort, und wird fortbestehen so lange ich lebe.
(Nun wieder ganze Seitenbreite)
/: kurze Zeit nachher, als ich das Vorstehende niedergeschrieben hatte, erfuhr ich mit Bestimmtheit, daß Herr von Stark in Hanau noch lebt und zwar
als Kurfürstlich Hessischer General-Major. :/ Kurz wir wurden Freunde, und da ich einst den Wunsch aussprach, daß ich Gelegenheit bekommen möchte neben der einförmigen militairischen Verrichtung einmal in meinem Fache wieder zu arbeiten, verheißen sie mir, mit Vater Wildungen darüber zu sprechen, und nach ein paar Tagen ward ich zu ihm beschieden. Er empfing mich äußerst freundlich, und erweckte durch sein biederes Benehmen sogleich Vertrauen in mir. Ich trug ihm nun die vorerwähnte Bitte bescheiden vor und er erwiderte: daß er meinem Wunsche gern willfahren wolle, indem er sich freue, daß ich, neben den doch gewiß nicht unbedeutenden militairischen Verrichtungen, dennoch Trieb hätte, in meinem ursprünglich gewählten Fache gelegentlich fort zu arbeiten. Er äußerte auch noch, in seiner biederen Manier, daß er die Göttings schon von früherer Zeit her, als tüchtige Jäger kenne.
Nachdem ich ihm für diesen Ausspruch, und auch dafür, daß er mir gestattet habe, in seinem Büreau arbeiten zu dürfen, meinen Dank abgestattet hatte, entließ er mich, und noch jetzt empfinde ich Ehrfurcht und Dankbarkeit für diesen, von allen Forstmännern und Jägern gewiß hoch gefeierten Mann, der nun mehr schon seit vielen Jahren in dem Forstgarten bei Marburg, seiner Schöpfung, in ewiger Ruhe begraben liegt. – Ich will hier noch einen Vorfall erzählen, der sich in der bezeichneten Zeit zutrug. Zwei Studenten der Universität Marburg hatten sich veruneinigt, woraus ein Duell entstand. Der eine Student von Dalwigk, erstach seinen Gegner, nahm zwar die Flucht nach dem Darmstädtischen zu, ward aber eingeholt und zur Untersuchung der Sache auf das Karzer, oder Curone, gesetzt. bei diesem hatte ich mehren male
die Wache, welche so ausgeführt wurde, daß der Wachthabende in dasselbe Zimmer mit eingeschlossen wurde, das der Gefangene bewohnte. Jede dieser Wachen war mir sehr angenehm, denn Dalwigk war ein sehr gemütlicher und zugleich gebildeter Mann, weshalb die Zeit bei interessanten Gesprächen, bei einer forthiefiket[37] etc. immer sehr schnell verging. Da das Duell in Westphalen nicht sehr verpönt war, auch erwiesen wurde, daß sich dessen Gegner, in übergroßer Hitze, selbst in das Schwert gerannt hatte, so wurde Dalwigk bald wieder auf freien Fuß gesetzt, und die Wache war vorbei. So oft ich ihn nachher sah, erinnerten wir uns jener Zeit.
(Ab hier wieder die ganze Seitenbreite)
Daß das Jägerbataillon, außer zum Exerciren, schießen und Marschieren, auch zur Aufrechthaltung der Ordnung in polizeilicher Hinsicht gebraucht ward, geht aus Folgendem hervor. Zwei Bauern, die ein Mädchen in einem Walde überfallen und ermordet hatten, waren entdeckt und saßen im Criminal-Arrest zu Marburg.
Das Urtheil wurde über sie gesprochen und es lautete auf Hinrichtung durch das Schwert. Der Tag der Enthauptung ward bestimmt und das Bataillon erhielt den Befehl, auf den Richtplatz zu marschieren, um über die Ordnung bei der Execution zu wachen. Der Tag erschien und wir traten, ganz in der Frühe, auf unserem gewöhnlichen Appellplatz an. Vor dem Gefängnisse, was ganz in der Nähe war, hielt bereits ein einspänniger Karren, und nicht lange, da erschienen die beiden Verbrecher in Begleitung eines Geistlichen und eines Gendarmen. Die Verurtheilten mußten zuerst auf das Fuhrwerk steigen und es wurde ihnen der Platz auf einer Bank in der Mitte angewiesen. Der Geistliche setzte sich vorne hin, das Gesicht jenen zugekehrt, und der Gendarm auf die hinterste Bank. Die sogenannte Armesünder-Kleidung war ihnen nicht angezogen, sie hatten vielmehr wahrscheinlich die an, in der sie den Mord begingen. Der Eine war ein kleiner schmächtiger Kerl, der eigentliche Mörder, während der Andere, eine große dicke Figur, nur Augenzeuge bei dem Morde gewesen war, ohne ihn zu verhindern. Der Geistliche sprach ihnen fortwährend Trost zu, welches jedoch auf Ersteren durchaus keinen Eindruck zu machen schien, denn das höchst maliciöse Gesicht veränderte sich in keiner einzigen Mine; dagegen ließ sich von
dem Andern schließen, daß die Tröstungen des Geistlichen Eingang bei ihm gewonnen hatten, denn er saß gebückt, die Hände gefaltet und schien zu beten. Nun setzte sich der Karren in Bewegung und der Zug ging nach dem Richtplatz, auf welchem wir in raschem Marsch bereits angelangt waren und sogleich einen Kreis um das Schaffot gebildet hatten. Nach einigen Minuten langte der Karren an, hinter ihm eine große Menge Neugieriger. Er ward in den Kreis eingelassen und hielt zufällig dicht vor meinem Stande still, weil da die Treppe auf das Schaffot hinaufging. Dies war von großen Sandsteinen, aber schon in früherer Zeit erbaut. Es mochte etwa 9 – 10 Fuß hoch seyn, war rund, in der Gestalt eines abgebrochenen Thurmes, oben flach, und hatte zum Aufgang die vorerwähnte Treppe. Bevor die Execution begann, ermahnte der Geistliche die Mörder noch einmal, ihre Seele, durch aufrichtige Reue, Gott zu befehlen, der ihnen dann in seiner Milde Gnade widerfahren lassen würde. Bei der Stille, die herrschte, konnte ich jedes Wort des Geistlichen vernehmen, allein die Wirkung auf den eigentlichen Mörder war nicht anders, als vor der Abfahrt von Marburg; mit Frechheit wendete er das Gesicht ab, während der Andere zerknirscht war und ganz schwach zu werden schien. Nun stiegen der Geistliche und der Gendarm herun-
ter, und stiegen die Treppe zum Schaffot hinauf, auf dessen Kuppe bereits der Oberrichter, der Schafrichter und noch einige Gehülfen des Letzteren warteten. Man sah 2 Stühle mit ihren Lehnen über den Rand des Schaffots hervorragen; was tiefer vorging, konnte man nicht bemerken, wegen der Höhe desselben.
Der Delinquent, welcher weniger schuldig war, ward von dem Gendarm zuerst aufgefordert, das Schaffot zu besteigen, er verließ daher den Karen und folgte letzterem langsam, in dem er laut betete.
Oben angekommen, mußte er sich auf einen der Stühle niedersetzen, der Hut wurde ihm von den Scharfrichter-knechten abgenommen, das Halstuch abgebunden, das Hemd aufgeschnitten und der Hals entblößt, die langen Haare über dem Kopfe zusammengebunden und der eine Knecht faßte den Büschel oben mit der einen Hand, während das Schlachtopfer fort während laut betete. Der Scharfrichter, mit gehobenem Schwert, nahm die geeignete Stelle ein. In diesem Augenblick erhob sich der andere Delinquent auf dem Karren, um zu sehen, was auf dem Schaffot vorginge, und da er dies, wenn er auf dem Boden des ersteren stand nicht sehen konnte, so stieg er auf eine der Bänke. Aber kaum hatte er das Gesicht nach oben gewandt, so hieb der Scharfrichter zu und trennte den Kopf vom Rumpfe. Der Kerl setzte sich nun wieder auf seinen Sitz, und es winkte
ihn denn bald der Gendarm auf das Schaffot. Die Züge desselben blieben sich immer gleich, frech und boshaft, er stieg sofort von dem Karren, hing seinen Dreimaster-Hut auf die Spitze einer Leiter, und begab sich in schnellem und festem Schritt die Treppe hinauf auf den Rabenstein. Dort mußte er sich auf dem anderen Stuhl niederlassen und nun fing er an zu schimpfen auf die Richter, die unschuldiges Blut vergössen; die Strafe dafür würde sie aber schon treffen, er wolle sie anklagen bei dem Richter, der höher sey als sie etc. und so ging es fort, bis der Scharfrichter ihm den Kopf eben so geschickt und rasch vom Körper trennte, als dem Anderen. Hiermit war die Execution beendigt.
(nun wieder nur die halbe Seitenbreite)
Ich besuchte nun das Wildungensche Büreau so oft, als es der Militair-Dienst zuließ. Auch mit meinen beiden Freunden war ich häufig zusammen. Häberlin beschäftigte sich auch mit dem Ausstopfen von Vögeln und anderen Thieren, und da ich hieran großes Interesse fand und er vielleicht bereit war, mich darin zu unterrichten, so faßte ich die Sache bald und habe später manchen Ge-
genstand dieser Art hergestellt. Auf diese Art verlebte ich, neben den trockenen einförmigen Militairgeschäften, die ich das glänzende Elend nannte, den Winter.
Hier will ich zunächst noch eine kurze launige Geschichte vortragen. Es waren im Ganzen viele Edelleute in das Jägercorps eingetreten, wovon einige, als gelernte Jäger resp. Forstleute, auf Forst-Versorgung, andere auf Arancement im Militair, /: gleichviel in welchem Regiment :/ dienten. Aus letzterer Absicht befanden sich unter Andern zwey dabey, von Buttler und von Hanksleben. Ersterer war kürzlich zum Officier avanciert, Letzterer dagegen noch Rekrut. Dieser that seine erste Wache, stand mithin vor dem Gewehre. Beide waren Jugendfreunde und nannten sich Du. Gerade als Hanksleben auf der Wache war,
hatte Buttler am Abend die Runde zu gehen, was allemal 10 Uhr geschah. Um diese Stunde traf jenen die Reihe auf dem Posten zu stehen, und er wurde von dem Wacht-Commandanten dahin instruirt, daß wenn die Runde käme, er zu rufen habe: „halt wer da“ dann würde geantwortet „Ronde“ hierauf müsse er rufen „steh Ronde“ und dann „Wache heraus!“ Um 10 Uhr kam Buttler mit seiner Ronde an. Hanksleben rief „Werda!“ Antwort „Ronde“ „Ach Buttler“ rief Hanksleben, und es entstand ein allgemeines Gelächter, so weit dies bei der Ernstlichkeit des Gegenstandes zulässig war. Um diese Zeit traf der General von Uhslar in Marburg ein, um das Bataillon zu inspizieren, in sonderheit solle aber beobachtet und geprüft werden, wie weit dasselbe in der Schußfertigkeit vorgerückt sey. Von
jeder Compagnie wurden nun einige Mann, die man für ferne Schützen hielt, herausgenommen, um Probe zu schießen, und unter diesen befand ich mich auch. Ich glaube, die Scheibe stand in einer Entfernung von 150 Schritten und das Zielen mußte aus freier Hand geschehen. Die Reihe kam denn auch an mich, ich schoß und traf die Scheibe etwa eine Handbreit über dem Schwarzen. So sollte eigentlich geschossen werden, niemals aber zu tief, z. B. unter das Schwarze. Von Weitem hörte ich, daß der General seine Zufriedenheit darüber äußerte und daß er wünschte, ich möchte noch einen Schuß thun. Dies geschah, und die Kugel schlug dicht neben der ersten in die Scheibe. Ob ich noch einmal geschossen habe, weiß ich nicht mehr, nur so viel ist mir noch erinnerlich, daß der General auf mich zukam und mir einige freundliche belobende Worte sagte. Bald nach dessen Abreise verbreitete sich das Gerücht, daß wir mar-
schiren würden, doch ohne das Ziel zu bezeichnen wohin.
In jener Zeit passirten öfters Artillerie-Trains die Gegend von Marburg, welche Geschütze enthielten, die die Franzosen aus den Preußischen Festungen nach Frankreich schleppten. Oftmals ging ich gegen Abend unter den vor der Vorstadt Weidenhausen aufgefahrenen Kanonen umher, und sehe manche, die aus den Zeiten des großen Kurfürsten, von Friedrich Wilhelm dem Ersten, Friedrich dem Zweiten etc. gar waren, was die darauf eingegossenen Buchstaben bekundeten. Dies betrübte mich jedes mal sehr, und die Mißhandlung meines früheren Vaterlandes erweckte am Ende eine wirkliche Wuth gegen den, der Ursach davon war. Bald verwirklichte sich das Gespräch von unserem Abmarsch, denn am 5ten November 1808. marschirten wir nach einem Städtchen, etwa 1 ½ Meilen von Marburg, um einer durchmarschirenden
stärkeren Abtheilung Franzosen Platz zu machen. Nach etwa 5 Tagen kehrten wir jedoch in unsere frühere Garnison wieder zurück. Aber die Sache hier sollte nicht lang sein, denn schon am 3ten Tage rückten wir wieder aus und marschirten nach Kassel zum Geburtstage des Königs Hyronimus. Nachdem dieser vorüber war, blieben wir noch einige Tage in der Gegend von Cassel in Cantonierung stehen, und brachen dann wieder nach Marburg auf, was wir nach drey Tagemärschen erreichten. Nun hörte man vom Marschieren nichts mehr, und ich setzte meine frühern Beschäftigungen fort. Ich hatte auch einige Male Gelegenheit Jagden mitzumachen, allein es war im Ganzen sehr wenig Wild vorhanden. Mehr noch interessirten mich die dortigen Rotbuchenbestände, die mitunter in regelmäßiger Abstu-
fung, von der 1ten bis zur 6ten Klasse vorhanden waren. die Gelegenheit, mich von dem Verfahren bei der Verjüngung zu unterrichten, bot mir der freundliche Wildungen. Uebrigens war auch an großen Flächen, die früher fehlerhaft behandelt, nun verödet und mit der Besenphrienen[38] überzogen waren kein Mangel. Einzelne Versuche, sie wieder aufzuforsten blieben fruchtlos. Sehnsüchtig betrachtete ich die Kultur bedürftigen Flächen, indem ich dachte, hier könnten sie dich als Förster anstellen, um diese Wüsten wieder in einen belebten Zustand zu versetzen. Aber es war eben beschlossen, daß mein Wunsch erst nach ausgestandenem unerhörtem Elend und Noth verwirklicht werden sollte. – Bei mehreren Jagden fiel nicht einmal ein Schuß. Aber freilich in jüngeren Jahren verliert der Jäger die
Passion nicht, und ich ging daher immer wieder mit. Nach Beendigung der Jagden wurden in der Regel die Gewehre abgeschossen, und gewöhnlich eine Rothbuche zum Ziele genommen. Noch jetzt nach einigen vierzig Jahren, denke ich zuweilen an diese Schüsse, und stelle mir vor, daß diese Bäume vielleicht theilweise gegenwärtig noch stehen und die Kugeln bergen, welche ich ihnen zugesandt habe. Sie aber wiederzufinden, würde ich außer Stande seyn.
So trat der Jahreswechsel von 1808 auf 1809 ein, und wenn mir bisher dies und auch das Weihnachtsfest, stets frohe Stunden bereitet hatte, so war meine Stimmung in jenem Zeitpunkte dagegen sehr trübe. Das Vertrauen auf Gott hatte ich zwar bewahrt, und ich dankte ihm, daß er mich das Neujahr wieder gesund hatte antreten lassen;
allein die widerlichen Verhältnisse, in denen ich mich befand, und der Blick in die Zukunft trübten mein Gemüth.
Ueber die eigenthümliche Kleidung und auch über die Manieren der Bevölkerung in der Gegend von Marburg will ich hier noch Einiges bemerken. Die Bauern, von denen ich spreche, hatten als Kleidung folgenden Anzug. Einen schwarzen dreieckigen Hut, die Haare herunter hangen so lang sie gewachsen waren. Eine hellblaue Jacke, ebensolche Weste, kurze lederne- oder Leinwands-Hosen, blaue Strümpfe, Schuhe und eine weiße Schürze vor. Dies war die bestimmte Tracht der Männer, wenn sie in die Stadt kamen. Auch bestand die Eigen-thümlichkeit, daß sie fast alle den Namen „Johann“ hatten, den sie mit „Hennes“ bezeichneten. Eines Tages /: es war Markt in Marburg :/ hatte ich die Wache am Elisa-
bether Tore, und es kamen Gruppen von Bauern zu 5 – 10 in die Stadt. Ein immer lustiger Kautz war mit auf der Wache, und stand gerade draußen neben der Schildwacht als eine Gesellschaft von mehreren Bauern vorbei passirte. Gib einmal Achtung, was ich machen will, sagte er zu seinen Kameraden, und indem die Bauern etwa 20 Schritte vorüber seyn mochten, rief er mit verstellter Stimme, „Hennes“ Sofort kehrten sie sich um bis auf einen Mann. Er wiederholte dies nachher noch mehrere male; oft drehten sich bei dem Rufe Alle um. – Ich habe vorhin das Elisabethen Thor genannt. Es hat seinen Namen von der nahen Kirche gleichen Namens, in der sich das Grabmal der heiligen Elisabeth befindet, die im Jahre 1231 dort starb. Sie war die Wittwe des auf einem Kreuzzuge 1227 gestorbenen Land-
grafen Ludwig von Thüringen und bei ihrem Tode erst 24 Jahre alt. Pabst Gregor der IXte nahm sie unter die Heiligen auf. Das Grabmal ist prächtig ausgeschmückt.
So verstrich die Zeit bis zum Anfang Februar 1809. Da tauchten wieder Gerüchte vom Marschieren auf, und wohin? nach Frankreich. Nach wenigen Tagen wiederholte sich die Sage, mit dem Zusatze, daß eine Brigade der westphälischen Armee nach Spanien gehen würde, und die Jäger mit. Wenn es mir auch genehm war, in der Welt je weiter desto besser, herumzukommen, so behagte es mir doch nicht, daß das Ziel gerade Spanien seyn sollte, indem mir das dortige warme Klima zuwider war. – Wieder ein paar Tage stille, dann schien es aber Ernst zu werden, indem von Seiten des Bataillons-Kommandeurs Einrich-
tungen getroffen wurden, die einer Mobilmachung glichen. Am 15ten ward es zur Gewißheit, daß in wenigen Tagen der Marsch nach Frankreich zu, vor sich gehen würde. Ich schrieb nun an meine Verwandten und nahm Abschied von ihnen auf ewig; denn ich war überzeugt, daß, wenn mich auch die Kugeln des Feindes nicht träfen, ich vor Hitze umkommen würde; denn diese konnte ich weit weniger ertragen als Kälte.
Am 16ten erschien eine Bataillons-Ordre, wonach das Bataillon am 17ten zu der und der Stunde, mit Sack und Pack auf dem Markte zum Abmarsch bereit stehen solle. Zugleich wurde auch bekannt gemacht, daß unser bisheriger Commandeur Dörrnberg, zum Obersten der Chasseur-Garde ernannt sey, und wir den Oberstleutnant von Füllgraf als Chef bekommen würden. Diese
Nachricht war für Viele von uns sehr niederschlagend, indem wir den von Dörrnberg als humanen Mann und tüchtigen Militair schätzen gelernt hatten. Doch was half alles dies Grübeln, die Sache war nicht zu ändern; man mußte sich fügen. Ich nahm nun auch persönlich Abschied von Vater Wildungen, dankte ihm für die vielen Beweise von Wohlwollen und empfahl mich seiner ferneren Protection. Er entließ mich mit dem Wunsche für mein künftiges Wohl. Mit meinen übrigen Freunden dort verlebte ich den letzten Abend so froh, als dies das gedrückte Gemüth gestattete, und nahm dann auch Abschied von ihnen. Den 17ten früh zur bestimmten Zeit, war das ganze Bataillon auf dem Marktplatze versammelt. Bald wurde zum Abmarsch kommandirt und nicht lange nachher hatten wir Marburg verlassen und
marschirten dem Rhein entgegen. Das erste Nachtquartier war Giesen. Der Marsch betrug etwa drei Meilen und strengte meine Füße besonders an, da die Commiß-Schuhe nicht gehörig paßten. Alte Militairs rieten mir, Brandtwein in die Schuhe zu gießen, was ich denn auch that, allein ohne merkliche Hülfe zu spüren. Dörrnberg führte uns noch und ging mit bis Mainz.
Den 18ten bis Friedberg. Die Schmerzen an meinen Füßen nahmen zu und alle dagegen angewandten Mittel halfen nicht.
Den 19ten hatte ich Mühe Frankfurt zu erreichen. Ich bekam ein Quartir bei einem Bürstenfabrikanten, der ganz hübsch eingerichtet war. Der Mann und seine Tochter waren auf einem Spaziergange, denn es war ein milder Frühlingstag. Die schon etwas ältere Frau des Hauses, benahm sich sehr freundlich gegen mich, und in der Un-
terhaltung war die Zeit verstrichen bis die Dämmerung eintrat. Ich hatte meinen Platz in einem Lehnstuhle genommen, und nach kurzer Zeit kehrte die Tochter, ein junges lebhaftes Mädchen, von dem Spaziergange allein zurück. In dem Stuhle, welchen ich eingenommen hatte, mochte ihr Vater wohl gewöhnlich seinen Platz haben, und sie schwebte daher auf mich zu, um die Figur, die in dem Stuhle saß, zu liebkosen. Ich war in der That nahe daran, unverhofft von einem hübschen Mädchen abgeschmatzt zu werden, als sie leider den Irrthum noch gewahr ward. Dem Anschein nach prallte sie verlegen zurück, ob sie roth wurde, konnte ich nicht sehen, da es schon ziemlich dunkel geworden war. Ganz untröstlich schien das Mädchen indessen über den Irrthum nicht geworden zu seyn, denn später als ihr Vater auch zurückkehrte, nahm sie Theil an der Unterhaltung, ohne
weiter verlegen zu seyn. Am anderen Morgen hatten sich meine Füße verschlimmert, und ich zog den Bataillons- Arzt zu Rathe, welcher es dahin brachte, daß ich die Strecke von Frankfurt bis Mainz auf dem Marktschiff zurücklegen durfte. Die Fahrt auf dem Main war sehr angenehm, das Wetter war immer noch milde und heiter, die am Ufer liegenden Städte und Dörfer, Schlösser und Weinberge mit ihren Winzerhäusern, gewährten einen reizenden Anblick, und was das Beste war, ich reiste so bequem als möglich. Ein einziger französischer Soldat, der krank in einem Lazareth zurückgeblieben und nun seinem Regimente, das inmittelst nach Italien verlegt war, nachfolgte, verlor sein Czakot. Er fiel über Bord und schwamm ganz ruhig davon. Da der Wind contrair war, so wurde das Schiff durch Pferde gezogen. An einer Stelle geriet das Seil, woran jene das Schiff fort schleppten,
hinter einen Gegenstand, nicht weit vom Ufer, wo es hängen blieb. Das Schiff machte augenblicklich halt, wodurch sich das Seil ins Wasser senkte. Ein Schiffsknecht fuhr mit einem kleinen Kahn nach der Gegend zu, wo das Seil im Wasser lag, um nach der Lage desselben zu sehen. Er konnte es nicht gleich finden und bog den Körper so weit als möglich über den Bord des Kahns, um das Tau zu suchen. In diesem Augenblick zogen die Pferde an, das Seil wurde straff, hob sich aus dem Wasser heraus und faßte den Knecht dermaßen unter die Brust, daß er mehrere Fuß hoch in die Luft flog und dann in den Main fiel. Doch er konnte tapfer schwimmen und gelangte bald wieder an das Schiff. Sonst ging die Fahrt glücklich von Statten; wir gelangten an den Punkt, wo sich der Main in den Rhein ergießt. Hier bilden die beiden Flüsse eine ungeheure Wasserfläche, schräg rechts gegenüber
lag Mainz.
Je näher das Schiff an die Stadt kam, um so mehr konnte man sich von der Stärke
der Festung überzeugen. Rücksichtlich ihrer Bauart im Inneren imponierte sie
nicht sonderlich, hohe und winzige Häuser in unregelmäßigen Gruppen wechselten
ab. Endlich landeten wir, und ich bekam ein Quartier bei einem Stock Katholiken,
mit dem noch dazu kein vernünftiges Wort zu sprechen war, weil er halb verrückt
zu seyn schien. Bei dem Gespräch flocht er allerley eigenthümliche Wörter ohne
Zusammenhang mit ein, z. B. üborden, zum Exempel, Ursach dessen, unser Herrgott
hat einen Vorschein gegeben etc.
Nach einer Ordre sollte das Bataillon einige Tage in Mainz rasten, auf den folgenden Tag war eine Revue bestellt. Diese fand dann auch statt. Im Paradeanzug, mit Sack und Pack, wurden wir zunächst von unserem Obersten gemustert und nach Maasgabe des Bataillons-Rapports
gezählt, ob wir Alle da waren. Dann folgte, in Gegenwart des uns nachgesandten Chefs der hohen Polizei des Königreichs Westphalen, General Bongers, die Uebergabe an einen französichen Commissair, worauf der Oberst Dörrnberg Abschied von uns nahm, was uns sämmtlich umso mehr betrübte, da wir uns nunmehr als an die Franzosen verkauft betrachteten. Den übrigen Theil des Tages sah ich mich in der Stadt um, einige hübsche Plätze und Straßen fand ich, aber auch viele winklige, enge und schmutzige Gassen waren vorhanden. Mein Quartier befand sich in einer der Letzteren, ich verließ daher dasselbe und logirte mich in dem Gasthofe „zum goldenen Faß“ ein.
Diesen und den nächsten Tag war Ruhe. Ich besuchte die Festungswerke, und soviel ich beurtheilen konnte, waren sie sehr stark. Unter mehreren auf dem Walle unregelmäßig umherliegenden Kanonenläufen sah ich auch welche, die
aus Preußen
herstammten, und die mithin dahin geschleppt waren als gestohlenes Gut.
Von diesen Werken sah man die lange Schiffbrücke über den Rhein, und gegenüber
das Städtchen Kastell mit seien weitläufigen Festungswerken. Auch an den Ufern
des Mains konnte man hinsehen und es breitet sich da überhaupt eine reizende
Gegend aus. Aber auch ein betrübend wehmütiges Gefühl konnte ich bei diesem
Blicke nicht unterdrücken, indem ich nunmehr meinem Vaterlande und danach auch
Deutschland, wohl für immer entrückt zu seyn glaubte. Der Weitermarsch wurde
auf den 23ten Februar 1809 bestimmt, und am frühen Morgen dieses
Tages ging der Marsch zum Thore hinaus nach Strasburg zu.
Die übrigen Truppen unserer Brigade, die inmittelst auch in Mainz eingetroffen waren, und welche aus 3 Linien Regimentern, 1 Bataillon leichte Infanterie und 2 Compagnien Artillerie bestan-
den, folgten uns in passenden Distanzen nach. Die erste Etappe war Alsheim. Ich bekam mein Quartier bei einem Weinbauer und wunderte mich nicht wenig, es bei ihm so ärmlich zu finden. Mehrere frühere Fenster am Hause waren jetzt zugemauert und als ich den Bauer frug, warum das geschehen sey, erwiderte er weil man hier Fenstersteuer zahlen müsse. Aus diesem Grunde wurde mir klar, warum sich in seiner ziemlich großen Wohnstube nur ein Fenster befand. Die Armut unter den Weinbauern dort, war im Allgemeinen weit größer als dies hier unter den Handwerkern und Arbeitern der Fall ist, und doch sind in hiesiger Gegend viele der Meinung, daß da, wo der Wein im Großen gebaut wird, das gelobte Land seyn müsse.
Begierig etwas Näheres über den Betrieb des Weinbaus zu erfahren, gab ich mich mit meinem Wirthe in ein Gespräch, und nach-
dem er die Behandlung des Weinstocks, den Boden und die Lage, die derselbe verlange, um ein gutes Gewächs zu erziehen, über die Wahl der, dem Stande entsprechenden Sorten, über die Lese, das Keltern und Aufbewahren des Mostes etc. mir mitgetheilt hatte, frug ich ihn wie sich der Ertrag einer gewissen Fläche eines Weinbergs herausstelle? Wenn der Mann mich richtig verstanden hatte, so mußte ich erstaunen, wie gering sich der Ertrag, im Verhältniß zu der Mühe und Arbeit herausstellte; er war weit niedriger, als der von gutem Ackerland in Deutschland.
Unser Marsch von Mainz nach Metz, welche letztere Stadt vorläufig das Ziel seyn sollte, führte uns durch viele Weinberge; aber ich habe in keinem Dorfe, wenn es auch mitten darin lag, Wohlstand gefunden, nur elende Hütten mit schmutzigen ärmlichen Einwohnern fand man.
Sehr unangenehm war der Umstand, daß in jenem Lande durchaus kein guter Tabak zu bekommen war, was ich besonders übel empfand, weil ich damals leidenschaftlich rauchte; hiervon trug das die Schuld, daß der Tabaksdebit ein Monopol der Regierung war. Es wurde in der Gegend, wovon ich eben erzählte, da wo keine Weinberge waren, etwas Tabak gebaut, allein er mußte, nachdem er getrocknet war, sämtlich an die fiscalischen Fabriken abgeliefert werden. Es hing nun hin und wieder noch welcher aufgereihet an den Häusern, und ich bemerkte, daß einzelne Jäger beim Durchmarsche sich etliche Blätter davon zu verschaffen suchten. Der Geruch dieser Blätter, wenn sie geraucht wurden ist mir noch jetzt erinnerlich. Er war ungefähr so, als wenn man Erbsenstroh verbrennt. Auch der Branntwein hatte einen höchst fuselichen Geruch und Geschmack; doch war mir dies gleichgültig, da ich dergleichen nicht trank. Der
Wein war sehr wohlfeil, aber auch jung und schlecht, weshalb ich Abstand nahm, viel davon zu trinken. Bei dieser Gelegenheit bemerke ich, daß ich gerade dann im Ganzen wenig Wein trank, wenn ich in einem Lande war, wo er wächst; nur wenn sich die Gelegenheit unter Kameraden dazu bot, oder wenn gerade eine feinere Sorte vorkam, verschmähte ich nicht, etwas mehr zu genießen.
den 24. Februar 1809. Heute war die Etappe Worms. Die Compagnie, bei welcher ich stand, marschirte durch die Stadt und wurde auf ein Dorf verlegt. In Worms hatten mehrere neugierige Damen die Fenster geöffnet und sahen uns vorbei marschiren. Aus dem Einen schaute ein ziemlich schönes Mädchen mit freundlicher Mine auf uns herab. Ich dachte dabei, Du hast gut Lachen in deinem bequemen Zimmer, aber wir armen Schlucker müssen fortpatschen in Sturm, Regen und Schnee. Jetzt gerade
nach 44 Jahren, denke ich, wie vergänglich Alles in der Welt ist. Das bezeichnete Mädchen, welches damals vielleicht 18 Jahre alt war, ist jetzt, wenn nicht früher gestorben, eine alte runzliche Matrone von 63 Jahren. Mein Gesicht ist auch faltig geworden, doch bin ich, Gott sey Dank, gesund.
So lange wir den Rhein nicht passirt waren, wurden wir in den Quartieren verpflegt; so wie der französische Grund und Boden betreten war, stand auf dem Billet, „Quartier ohne Kost.“ Dagegen bestand die Einrichtung, daß in dem betreffenden Etappenorte Brod und Fleisch von der durchmarschierenden Truppe empfangen wurden, und so ward es in ganz Frankreich gehalten. Waren diese Örter weiter als 1 Marsch auseinandergelegen, so wurden die entsprechenden Portionen prä manranda[39] vorab gereicht, und der Soldat mußte dann den Vorrat schleppen. Wer nun nicht mäßig war, verzehrte
die Lieferung oft auf einmal und mußte dann hungern oder sich auf andere Weise durchzuhelfen suchen. So traf es denn an diesem Tage, daß wir etwa ½ Meile von Worms, an einem ziemlich anständig aussehenden Gute vorbei marschirten, wo außerhalb eine große Herde Puten am Weg herumspazierte. Wie ich später erfuhr, hatte einer der Jäger, er hieß Spürer, einem stattlichen Hahn mit dem eisernen Ladestock heimlicher Weise einen Schlag an den Kopf versetzt und das betäubte Thier schnell aufgehoben und in seinem Mantel verborgen. Auf diese Weise hatte er dafür gesorgt daß er in dem nächsten Quartier keinen Hunger zu erleiden brauchte.
Den 25ten. Quartier in Appersheim. Der Marsch ging stets am linken Rheinufer hin, und auf jeder Höhe oder freien Fläche, erblickte ich mein am jenseitigen Ufer liegendes Vaterland, resp: das fast französische Deutschland. Der Blick streifte über das Groß Herzog-
thum Baden, die Gegend war außerordentlich anmuthig. Die Beschaffenheit der Quartiere blieb sich gleich, und ich setzte, ein wie allemal meinen Marsch in verdrießlicher Stimmung fort.
Den 26ten Februar 1809. An demselben Tage vor 44 Jahren von heute, wo ich das hier niederschreibe, erreichten wir Speier. Es war mildes und freundliches Wetter, während heute hier fußhoch Schnee liegt und ein schneidender Wind bläst. Wenn ich mich mit meinen Gedanken in jene Zeit versetzte, wo ich es völlig aufgegeben hatte, je wieder über den Rhein zurückzukehren; wenn ich ferner bedenke, welchen Gefahren ich in der Zwischenzeit ausgesetzt gewesen bin und welche Prüfungen mir auferlegt worden sind, so muß ich erstaunen, daß ich jetzt noch lebe und sogar gesund bin. Darauf, daß Gottes Güte hierbei gewaltet hat, setze ich mein ganzes Vertrauen. – An jenem Tage stieß der neue Commandeur zu uns, und übernahm
die Führung des Bataillons. Sein Gesicht schien ziemlich von Stein zu seyn, die ganze Figur war jedoch sehr winzig.
Den 27ten. Marsch nach Landau. Hier erhielt ich ein Quartier in einem Gasthofe „zum goldenen Fisch.“ Am nächsten Tage war Ruhetag. von den Märschen bis zu unserem Bestimmungsort Metz noch weiter etwas zu sagen, halte ich nicht für nöthig, da der eine Tag so langweilig verstrich als der andere. Am 9ten Maerz rückten wir in genannte Stadt ein, und es wurde uns von Seiten des Commandos eröffnet, daß wir einige Zeit dort stehen bleiben und dann den Marsch nach Lion weiter fortsetzen würden. Um die Stadt zu erreichen, seyen 40 Tagesmärsche, incl. Ruhetage nöthig, und dann wäre erst die Hälfte des Weges bis an die Spanische Grenze zurückgelegt. Ein schöner Trost für mich, der ich jeden Schritt weiter südlich mit Widerwillen that.
In Metz wurden wir bei den Bürgern einquartiert und mein Wirth betrieb eine Schnellbleiche von Garn und bereits gewebten Stoffen von Leinen und Baumwolle. Er wendete hierzu sehr ätzende Flüssigkeiten an, die er selbst abzog; dem Geruche nach schien es Salzsäure zu seyn, jedoch verdünnte er solche mit Wasser. Das Geschäft mochte einträglich seyn, denn er war gut eingerichtet. Seine Erzählungen von der französischen Revolution und der Schreckens Herrschaft, seit welcher damals kaum 15 Jahre verstrichen waren, interessirten mich sehr. Die wandernde Guillotine sey auch in Metz eingekehrt und hätte Furcht und Schrecken unter dem besseren Theile der Einwohner verbreitet. Das Mordinstrument wäre auf dem damaligen Meßplatze aufgestellt worden, wohin er mich eines Tages führte und mir die Stelle zeigte, wo sie gestanden hatte. Er erzählte dabei manchen tragischen Vorfall, was ich aber im Laufe der
Zeit wieder vergessen habe. Der fragliche Platz hieß indessen damals „Napoleonsplatz“ und mein Bataillon versammelte sich daselbst zum Appell etc. An diesem stand auch das Commandantur-Gebäude, in das er mich führte. Gleich unten war ein großer Raum, in dem sich mehrere Trophäen aus den Kriegen Napoleons befanden. Tafeln, worauf die gewonnenen Schlachten verzeichnet waren, auch andere Zeichen seiner Thaten sehe man daselbst, was Alles einen widerlichen Eindruck auf mein Gemüth hervorbrachte und mich veranlaßte, das Haus sofort wieder zu verlassen.
Es war gerade Wochenmarkt und in einer Menge Buden wurden Lebensmittel feil gehalten. Unter diesen waren für mich nur die interessant, welche Wildpret enthielten. In diesem war aber leider von eigentlichem Wildpret fast nichts zu finden; Holzschreier[40], Staare,
Finken,
Goldammern, einzelne Lerchen, auch Elstern wurden zum Verkauf gestellt – und
dies Alles betrachteten die Franzosen als Wildpret. Nur ein Rebhuhn gewahrte
ich; Haasen und größeres Wildpret aber gar nicht. Dies kam daher, weil die
Jagd, seit der Revolution, Commungut[41] geworden war und deshalb jeder die
Jagd ausübte, der sich einen Zettel lösen konnte. Hierbei fällt mir die saubere
Sippschaft ein, die in dem verrufenen Jahre 1848 auch hier bei uns den Raub an
dem Jagdeigenthum beging. Freilich hatten diese Schufte, bis auf Einen, der es
haben konnte, keine Idee von dem Gefühle, welches den Jäger und überhaupt den
Freund der Natur durchdringt, sie verfolgten einen anderen Zweck, nemlich den,
den Pöbel zu bewaffnen und sich dessen dann gelegentlich bei ihren verruchten
Plänen zum Umsturz aller Ordnung zu bedienen. Doch einige davon hat die Nemesis
Vergeltung bereits ereilt,
sie sind entweder verschollen oder der Verachtung Preis gegeben; Andere die noch frey wirken, mögen mit ihrem Gewissen Abrechnung halten. Am meisten muß man sich wundern, daß besonders ein Subjekt der Preußischen Nationalversammlung, dessen Vater ein gefeierter Jäger war, bei der Berathung des neuen Jagdgesetzes, sich mit den Usurpatoren vereinigte und so zur Annahme desselben wesentlich beitrug. Wenn er diese Handlung jetzt nicht als einen schmutzigen Flecken in seinem Leben betrachtet, so mangelt ihm alles Gefühl der Scham.
Doch nun wieder in das Jahr 1809. zurück. Also ich hatte mit meinem Quartiergeber den Markt besichtigt; er erbot sich nun, mich, wenn es mir genehm wäre, weiter zu führen, da noch mehr sehenswerte Gegenstände sich in der Stadt befänden. Da ich gerade keinen Dienst hatte, so gingen wir weiter in den Dom. Wenn
ich auch mehr Pracht im Ausschmücken dieser Kirche erwartet hatte, als ich wirklich fand, so imponirte doch ihre colossale Räumlichkeit; denn ich bin später, bei Kirchenparaden in derselben gewesen, wo ein paar Tausend Menschen darin waren, und doch immer noch Raum genug blieb. Ferner waren das Schauspielhaus, die Intendantur und noch einige öffentliche Gebäude sehenswert; auch das Hauptbüreau der Telegraphie war etwas Interessantes für mich. Neben Letzterem befand sich ein mit passenden Bäumen bepflanzter ziemlich großer Platz an der Esplanade, der von den Einwohnern zur Promenade benutzt wurde. Bei dem damals schon milden Frühlingswetter war derselbe, zu gewissen Stunden des Tages, besonders von der schönen Welt, sehr besucht. Dies war gerade in dem Augenblick der Fall, als ich mit meinem Wirthe den Platz betrat, und wenngleich in Betracht meiner
mir widerlichen Situation das Gemüth für freundliche Eindrücke sehr unzugänglich war, so interessirten mich doch am Ende die lebendigen, aber anständigen Manieren, die geschmackvollen Anzüge und überhaupt das Wesen der Französinnen sehr. Für den Tag war unsere Excursion beendet und wir kehrten nach Hause zurück. Meinen Wirth erwartete ein Gericht gebratener oder vielmehr auf einem eisernen Rost gebackener Froschkeulen, was überhaupt in Frankreich ein beliebtes Gericht ist. Ich habe mich nie entschließen können, dies Gebäck zu versuchen, obgleich es die Franzosen für einen Leckerbissen erklärten. Es wäre nicht übel, wenn sich die ärmere Klasse hier daran gewöhnte; denn bey der Unzahl von Fröschen, die es in Deutschland gibt, würde ein solches Gericht sehr billig herzustellen seyn, - Der Dienst war eben nicht stark,
da nunmehr die ganze Brigade, welche nach Spanien gehen sollte, in Metz vereinigt war und die Wachen gemeinschaftlich bezogen wurden. Exercirt wurde freilich täglich in einiger Entfernung von der Stadt, auf einem ziemlich großen Anger, und an den Sonntagen war Kirchenparade. Hierbei habe ich nie bemerkt, daß das Militair, wenn das Allerheiligste von dem Priester gezeigt wurde, auf die Knie fallen mußte, wie in späteren Zeiten in Bayern in der Art verlangt wurde, daß dies auch von den protestantischen Soldaten geschehen sollte und müsse. Ein Zeichen großer Intoleranz und vom Pfaffenregiment, aber auch von Dummheit oder Schwäche der höchsten Behörden.
In den Freistunden machte ich nicht selten Spaziergänge mit einigen Kameraden in der Stadt und auch in deren Umgebung. Zuweilen tranken wir dann eine Flasche Wein, der sehr wohlfeil,
aber freilich auch in der Regel jung war. Eine blaßrothe Sorte schmeckte gerade wie Tinte, der weiße war noch eher zu genießen, allein es war für mich kein Genuß, und ich trank nur zuweilen, um den Durst zu löschen. Bei einem solchen Umgange kamen wir vor der Werkstatt eines Nagelschmiedes vorüber. Hier bemerkten wir, daß ein Spitz den Blasebalg in Bewegung setzte. Dies geschah auf folgende Weise: Man denke sich ein Stück von einem quer durchgeschnittenen Faß, etwa 2 Fuß lang und eben so weit, was um eine kleine Welle befestigt und inwendig etwa ½ Fuß mit leichten Leisten beschlagen ist. Mit diesem Faß und dem Blasebalg stand eine mechanische Vorrichtung in Verbindung, so daß, wenn es gedreht ward, der bewegliche Theil des Letzteren so weit als nöthig in die Höhe gehoben wurde. Die Maschine war so zweckmäßig eingerichtet, daß solche von dem Hunde
indem er scheinbar vorwärts ging, in Bewegung gesetzt werden konnte. Als wir vor der Hausthür, die aus zwei Theilen bestand, und wovon nur die unterste Hälfte zu war anlangten, blieben wir stehen, um die Sache näher zu beobachten. Dies befremdete den Spitz oder machte ihn vielleicht neugierig, und er blieb mit seinem Fasse stehen, was natürlich mit dem Blasebalge der Fall war. Dies schien aber dem Schmidt nicht gelegen zu seyn, er begann den Hund zu schimpfen, worauf sich Spitz sofort in Trab setzte und die Maschinerie wieder schwunghaft spielte.
Ich muß hier bemerken, daß sich die französische Armee um diese Zeit bereits in Bewegung setzte, zum Feldzuge in Oesterreich. Es begegneten uns auf dem Marsche von Strasburg nach Metz schon einige Regimenter, die dem Rhein zu gingen. In Metz standen daher nur mehrere Depots, wozu fast täglich Rekru-
ten neu eintrafen. Diese Letzteren wurden nun, man möchte sagen, Tag und Nacht eingeübt und es waren oft unsere Ausgänge nach den Plätzen gerichtet, wo dies geschah. Hierbei kam ich zu der Ueberzeugung, daß der rohe französische Rekrut weit gelehriger und anstelliger, gewandter und flinker ist, als der Deutsche. Bei dieser Eigenschaft war er in kurzer Zeit vorbereitet, um in Reihe und Glied gestellt werden zu können. Selbst das schwere Exercitium der Artillerie lernte der Rekrut bald. Auf diese Weise konnte der Abgang bei der Infanterie und Artillerie bald ersetzt werden; dagegen war die Sache etwas langweiliger in Betreff der Cavallerie, da nur wenige der jungen Leute mit Behandlung der Pferde vertraut waren. Dies ist wohl darin begründet, weil ein großer Theil des Landes in Frankreich mit Weinbergen bedeckt ist, bei deren Bearbeitung in der
Regel nur Esel gebraucht werden, um das Düngematerial in Körben, die durch Riemen an einander befestigt sind und über den Rücken des Thieres an beiden Seiten herab hängen, in die Berge, und bei der Weinlese die Trauben in hölzernen Kübeln in die Keltereien zu tragen.
Mein Wirth sagte mir eines Tages, daß etwa 1 Stunde von der Stadt die Rudera[42] von einer römischen Wasserleitung vorhanden seyen. Ich begab mich dorthin und mußte staunen über die Großartigkeit dieses Bauwerks. Eine spezielle Beschreibung desselben übergehe ich hier, da diese wegen des langen Zeitraums der seitdem verstrichen ist, doch nur unvollständig ausfallen würde.
In dienstfreien Stunden wurden die Spaziergänge fortgesetzt; das Hauptziel war immer der oben erwähnte Platz an der Esplanade, wo es nie leer war. An einem Sonntage Nachmittags,
befand ich mich nebst einigen Kameraden dort. Wir richteten unsere Aufmerksamkeit auf die Telegraphen, welche auf den Dächern des naheliegenden Telegraphen-Büreaus standen. Sie waren beständig in Bewegung und wir konnten von dem Puncte, auf welchem wir standen, an dem nächsten auf der Linie nach Strasburg deutlich sehen, wie er sofort die gegebenen Zeichen aufnahm. /: in damaliger Zeit wunderte man sich gar sehr über die Schnelligkeit, womit schriftliche Nachrichten in weite Ferne gehen konnten, und man hielt die Einrichtung derartiger Maschinen für das Vollkommenste hierzu. Jetzt, nachdem die electro-magnetischen Telegraphen in Gebrauch sind, halte ich jene für unvollkommene Werkzeuge. :/ Indem nun die Telegraphen in Metz so fortspielten[43] sagte ich zu meiner Gesellschaft, ich wünschte, daß der auf dem Dache, welcher die Zeichen von Paris her aufnahm, den Be-
fehl zu unserem Rückmarsch nach Kassel bringen möchte; denn wenn man es recht bedächte, so wären wir bestimmt in Spanien für eine Sache unser Leben zu opfern, die dem Vaterlande von gar keinem Nutzen sey. Hiermit waren die Uebrigen vollkommen einverstanden, indessen ließ sich dabei nichts ändern. Indem wir noch über den Gegenstand sprachen, sahen wir von Weitem den Brigade-Commandeur, General Berner mit seinem Adjudanten auf den Platz kommen. Nach kurzer Zeit kam er auf uns zu, grüßte und sagte dann zu mir: „na, Sie gehen wieder nach Kassel zurück, dann bekommen Sie Ihren Dörrnberg wieder zu sehen, grüßen sie ihn von mir.“ Er sprach noch einige freundliche Worte zu uns, die ich aber nicht mehr weiß, und entfernte sich dann grüßend. Daß der vorher von mir ausgedrückte Wunsch so schnell in Erfüllung gehen sollte, hatte ich nicht erwartet, und ich und wir Alle waren ebenso überrascht als erfreut. Es
ließ sich bei den kriegerischen Aussichten wohl annehmen, daß wir nach dem Eintreffen in Cassel dort nicht lange Ruhe haben, vielmehr gegen Oestreich marschieren würden, indessen wir zogen dies dem Marsche nach Spanien bei Weitem vor, wo wir uns hätten zwecklos todtschlagen lassen müssen. Da wir in Folge dieser Nachricht vermuteten, daß der Rückmarsch vielleicht schon am anderen Tage angetreten werden würde, so schlug ich vor, gleich noch einige interessante Punkte der Stadt zu besichtigen, worunter ich die Besteigung des Munsters, des höchsten Thurmes der Stadt, obenan stellte. Wir begaben uns dorthin, kletterten die Treppen hinauf und gelangten auf eine Galerie, die den Thurm rings umgab. Dies war ein überraschender Anblick. Die Stadt mit ihren 5 bis 6000 Häusern und einigen vierzig Tausend Einwohnern lag unter uns, umgeben von großartigen Festungswerken, worunter 3 Citadellen.
In weiterer
Ferne sahe man Höhen mit Weinreben bewachsen. worin freundliche Winzerhäuschen
standen, sonstige Landhäuser, mehrere Telegraphen, die Mosel und noch einen
kleineren Fluß, welcher sich mit dieser vereinigte. Alles dies ergötzte uns um
so mehr, als das Gemüth soeben durch die Äußerung des Generals in eine frohe
Stimmung versetzt worden war. Wir konnten uns nicht erst trennen von unserem
Standpunkte und verspäteten uns dabei so, daß die Stunde des Appells
herangerückt war, und wir nun unsere muntere Excursion für den Tag aufgeben
mußten. Hierbei Beim Appell wurde kein Befehl zum Abmarsch auf den
anderen Tag gegeben, und so ging die ganze Woche vorüber, ohne daß eine dies
fallsige Ordre von oben erlassen wurde, obgleich unter dem ganzen Bataillon die
Meinung fest stand, daß derselbe bald erfolgen würde.
Inmittelst will ich noch einige Worte
über die
häusliche Einrichtung meines Quartiers sagen. Das Entrée war ein großes Gemach,
an der hinteren Wand mit einem großen Kamin, in welchem fast immer Feuer war
und wo zugleich die Speisen, Kaffee etc. bereitet wurden. Hier röstete man die
Froschkeule (am Rand:) Keulen und wärmte sich auch, wenn es kalt war. Um
das auf einer eisernen Platte brennende Feuer, saß die Familie, zu gewisser
Tageszeit, im Halbkreise herum; wurde die Kälte strenger, so begab man sich in
ein ganz gut meublirtes Stubenzimmer, worin ein ordentlicher Ofen stand. In dem
selben Hause wohnte auch ein französischer Abbée, der in den unruhigen Jahren
aus Frankreich vertrieben, mehrere Jahre in Aschaffenburg gelebt und dort in
dieser Zeit, ziemlich gut deutsch sprechen gelernt hatte. Diesem war die
Revolution noch recht frisch im Gedächtniß, und ich hörte interessante
Geschichten darüber
von ihm erzählen.
Am Morgen, wenn ich in das Wohnlocal eintrat, so war in der Regel mein Wirth schon aufgestanden. Beim Erscheinen in der Thür erhob er sich sofort, kam eine Strecke auf mich zu und reichte mir die Hand, indem er, sie schüttelnd allemal mit der größten Freundlichkeit sich erkundigte, wie ich geschlafen habe, und wenn ich dann sagte, sehr gut, was auch damals in der That fast immer der Fall war, so bat er mich, auf einem Stuhle am Feuer Platz zu nehmen und mich zu wärmen. Dann begann die Unterhaltung, die er wegen seiner Lebendigkeit fast nur allein führte, und wenn ich seinen Vorträgen, aus Mangel an Kunde der französischen Sprache nicht folgen konnte, wie das sehr oft der Fall war, so suchte er mir die Sätze, ohne auch nur im Geringsten ungehalten zu werden, auf alle mögliche Weise zu verdeutlichen, was ihm denn auch meistens gelang.
Endlich am 31ten Maerz 1809 Sonntags früh 11 Uhr, versammelte sich das Bataillon auf dem Napoleons-Platze, und bald traten wir den Marsch nach dem geliebten Deutschland an. Ich betrachtete diese Wendung als ein Ereigniß in meinem Lebenslaufe und kaufte mir zur Erinnerung daran einen Ring, welches mehrere meiner Freunde und Sinnesgenossen auch thaten. Der Abschied von meinem Wirth und seiner Familie, war für beide Theile herzlich und ergreifend, was natürlich war, denn ein Wiedersehen konnte nicht erwartet werden, und wir hatten ja auch freundlich miteinander gelebt.
Die erste
Etappe war Pionville, wo wir Nachtquartier nahmen. Am anderen Morgen
vermißte ich meinen Ring, indessen er fand sich wieder vor. Dies machte mich
für die Folge vorsichtiger.[44] Nach dem Einmarsch in diese Stadt
kamen auch bald die Quartiermacher von dem Bataillon Anhalt an, welches, wie
ich
hier nachträglich bemerken will, ebenfalls in Metz eingetroffen war, um mit nach Spanien zu gehen und nun ebenfalls nach Deutschland zurückkehren sollte. Abends 10 Uhr sprengte jedoch eine Ordonnanz zu Pferde in den Ort und begab sich zu unserem Commandeur mit der Ordre, daß die Fouriere des gedachten Bataillons sofort zurückkehren müßten, indem die Truppe eine andere Richtung nehmen würde. Als ich die Ordonnanz so hastig ankommen sah, glaubte ich: sie brächte den Befehl, daß wir wieder umkehren müßten, und die empfundene Freude geriet ins Stocken. Doch bald klärte sich die Sache auf, und ich war beruhigt. In jenem Augenblick glaubte ich nun, das Bataillon Anhalt würde sich unserer Brigade in Metz wieder anschließen und nach Spanien wandern müssen, allein später erfuhr ich, daß es zunächst nach Strasburg zu und dann weiter nach Oestreich, vermutlich
nach Tirol instradirt[45] worden sey. Indessen ist ihm die Tour nach Spanien nicht geschenkt worden, indem es nach Beendigung des Krieges in Oestreich, dennoch hat dorthin marschieren müssen.
Am 1ten April setzten wir unseren Marsch fort, und machten in Saintavold Nachtquartier. Hier ereignete sich nichts Bemerkenswertes, ebenso
Den 2ten in Saarbrück.
Den 3ten.
Heute nahmen wir Quartier in dem Städtchen Homburg vor der Höhe. Hier
ward am nächsten Tage Ruhetag gemacht. In der Nähe dieser Stadt liegt ein Berg,
auf welchem die Rudera einer alten Burg zu sehen waren. Ich begegnete einem
Hochzeitszuge, der einem Förster galt. Wenn die Forstschutz Beamten damals in
Frankreich aus invaliden Soldaten bestanden, wie ich vorher vielfach gesehen
hatte, welche statt eines Jagdgewehrs Musketen trugen, so machte hier der
Bräutigam eine Ausnahme,
indem er einen ziemlich guten grünen Rock mit Dreimaster-Hut und ordentlichem Hirschfänger trug. Hierbey fiel mir wieder ein, daß die Einwohner dort und auch in ganz Frankreich, von Kriegsereignissen für die Zukunft wohl nichts mehr zu fürchten haben würden, indem es mir nicht einleuchten wollte, daß die damals auf der höchsten Stufe stehende Macht Napoleons jemals würde gebrochen werden können. Die Leute glaubten dies auch selbst, obgleich man mitunter vernahm, daß sie mit ihrer Lage nicht sehr zufrieden waren und das besonders darum, weil fast sämmtliche jungen Männer zum Militair ausgehoben und auf die Schlachtbank geschleppt wurden. Denn man sah in der That fast gar keine jungen Burschen, die fähig waren, die Waffen zu tragen. Wir setzten am nächsten Tage den Marsch fort nach Meissenheim, und dann nach Cassel, von wo die Kompagnie wobei ich stand, auf ein ½ Meile entfernt lie-
gendes Dorf verlegt wurde. Auf dem Marsche an dem Tage, sprang auf einmal in der Nähe der Straße ein Haase auf, und da dies als ein seltenes Ereigniß betrachtet ward, so erhob das ganze Bataillon ein Jagdgeschrei. Bei dem Dorfe. in das wir einquartiert wurden, erhoben sich mehrere mit Eichen-Niederwald bestandene Höhen. Der etwa 6 Fuß hohe Stockausschlag hatte damals das trockene Laub noch nicht abgeworfen, was in uns den Wunsch erregte, eine Jagd darin zu machen, indem wir voraussetzten, daß in derartigen Beständen wohl Hasen und Füchse stecken möchten. – Wie damals in ganz Frankreich, so hatten auch hier die Bauern das Jagdrecht, und ich wandte mich an den Maire des Orts mit dem Gesuche er möge eine Jagd veranstalten. Er war hierzu bereit, lieh mir eine alte Flinte, denn selbst hatte ich keine und wir zogen, indem sich
noch mehrere Jäger von uns und einige Bauern anschlossen, auf zur Jagd. Die sämtlichen Berge, so wie sie zu dem Dorfe gehörten, wurden abgetrieben und dabei ein paar Hasen erlegt, Füchse oder anderes Wild kam indessen nicht vor. In der Nähe dieses Dorfes sah ich einen Bauern ackern der 8 Pferde vor den Pflug gespannt hatte, ein Zeichen, daß der Boden dort sehr schwer zu bearbeiten war.
Am 6ten gelangten wir nach Kreuznach dann nach Mainz wo ich den Rhein und über diesen in der Ferne mein liebes Deutschland wieder erblickte. Da ich dieser Stadt bereits beim Einrücken in Frankreich Erwähnung getan, so will ich über ihre Beschaffenheit hier weiter nichts sagen. Am anderen Tage hatten wir Ruhe und ich benutzte die Zeit zur Exkursion in der Umgebung der Stadt. Von den Festungswerken an der Rheinseite aus stellte sich mir die
Gegend viel anmutiger vor, als daß im Februar der Fall gewesen war, indem die Vegetation inmittelst sehr vorgerückt und der Boden, so weit das Auge reichte, mit einem grünen Teppich überzogen war. Ich sah dann auch die Schiffbrücke über den Rhein und dachte im Stillen dabei, sie, wenn ich diesmal erst wieder hinüber sei, in meinem damaligen Verhältnis, nicht wieder zu passiren.
Es wurde in Mainz eine ähnliche Revue über uns abgehalten wie beim Hinmarsch geschah; wir wurden nämlich gezählt, ob auch alle die da seyen, welche auf dem Reporte standen. So wie erinnerlich ist, wurde Alles in Ordnung gefunden und es lautete dann die Ordre, daß wir am nächsten Morgen zum Abmarsch nach Frankfurt, auf dem betreffenden Platze, bereit stehen sollten.
Am 10ten April 1809., zu der bestimmten Stunde, standen wir dort in Reih und Glied, und bald setzten wir uns unter Vortritt der Musikbande in Bewegung. Mein Gemüth war erheitert, denn ich sollte mein Vaterland wieder betreten, die Musik klang mir weit harmonischer als früher und alle Gegenstände schienen ein freundliches Äußere angenommen zu haben. Endlich waren die großartigen Festungswerke passirt, und wir betraten die lange Brücke, die uns schwankend über den mächtigen Fluß führte. Am Ende derselben machte ich schnell 3 Kreuze auf dem Boden, als Zeichen, daß ich solche in der Zukunft nicht wieder passiren wolle. Nachdem wir das Städtchen Kastel, das Bollwerk von Mainz und die dahinter liegenden Gärten und Weinberge passirt waren, trat die Straße in eine große Feldflur, und indem wir uns eine Strecke in dieser fortbewegt hatten, sahen wir
seitwärts mehrere Haasen lustig im Feld umher laufen, worüber ein freudiger Ruf in den Reihen entstand. Hierbei blieb es jedoch nicht, einzelne Jäger konnten der Jagdpassion nicht Herr werden, sie traten aus den Gliedern und streiften, die Büchse schußfertig im Arm, erst in geringer Distanz, dann immer etwas weiter und bald sprangen Haasen aus den Lagern in passender Weite auf und die Büchsen fingen an zu knallen. Das wirkte wie ein elektrischer Schlag auf unsere Herzen und es dauerte nicht lange, so verließ eine noch größere Anzahl von Jägern die Glieder und es entstanden bald in unseren beiden Flanken Tirailleur-Linien[46] von bedeutender Länge und das Knallen wurde allgemein, da sich enorm viele Haasen aufthaten. Der Kommandeur Oberstleutnant von Füllgraf ließ das alles ruhig geschehen,
was mir umso mehr auffiel, als er sonst im Dienste sehr streng war. Es ist möglich, daß er die Sache gewisserMassen als eine Uebung für kommende ernstliche Gelegenheiten angesehen hat. Kurz, das Knallen ging so lange fort als es das Terrain gestattete, also bis dahin, wo die Feldmark aufhörte und die Straße wieder durch Oerter oder Weinberge fortlief. Freilich passirten viele Fehlschüsse; doch hatten am Ende 9 Haasen ihr Leben verloren.
Wir trafen dann in Frankfurt ein, wo gerade um diese Zeit, die Messe im Schwung war. Aus diesem Grunde verkauften die Schützen ihre Haasen zu hohen Preisen, und waren dann im Stande einige Groschen zu ihrem Vergnügen mehr zu verbrauchen, als dies für gewöhnlich geschehen konnte. Ich erhielt ein Quartier bei einem ziemlich honorigen Juden (Rothschild
war es aber nicht), und nachdem ich mich gehörig restaurirt hatte, ging ich mit einigen Freunden aus, um die Stadt und die Messe zu besehen. Das erste was wir gewahr wurden, war eine Gruppe, wo 10 – 12 Hunde, sämtlich mit bundscheckigen Kleidungsstücken angethan, in aufrechter Stellung allerley Tänze ausführten, und man mußte sich wirklich über die Pünktlichkeit wundern, mit der dies geschah. Schon das bloße Anschauen der Thiere in dem bunten Kostüm, unter dem sämtliche Schwänze geringelt hervorstanden, erweckte Heiterkeit.
Dann hörten wir eine Stimme, die rief: „hier ist zu sehen, ein Wolf, ein Schaf mit 4 Hörnern und ein Waldteufel.“ Unsere Neugierde ward, besonders des Waldteufels wegen, angeregt und wir gingen zu dem Rufer hin, um die Gesellschaft zu sehen. Es kostete jeden nur einen Kreuzer, allein wir fanden dann, daß der Wolf ein großer Hund, der Waldteufel ein Uhu war; das Schaaf hat-
te indessen vier Hörner. – Dann gelangten wir vor eine große, von Brettern aufgeschlagene Bude, vor der sich ein Schild befand, auf dem geschrieben stand: Naturalien-Cabinet. In dies begaben wir uns und fanden bereits eine zahlreiche Gesellschaft, worunter auch mehrere Damen waren. Der Eigenthümer einen langen schwarzen Stock in der Hand haltend, bezeichnete die Gegenstände, worunter auch viele Gemälde sich befanden, mit dem Stock und erklärte die Bedeutung näher. In der Mitte der Bude hing, etwa 6 Fuß hoch, ein Bild, welches bis auf einen gewissen Theil, eine nackende Venus in Lebensgröße, auf sehr reizende Weise darstellte, nemlich in liegender Stellung. In der That war dies Gemälde, so weit ich solches zu beurtheilen fähig war, ein Meisterstück der Kunst. Dies suchte auch der Mann möglichst hervorzuheben, indem er mit seinem Stocke jeden einzelnen Theil des Körpers, Augen Nase, Mund, Arme, berührte und das
Ebenmaaß derselben pries. Der Mittelpunkt des Körpers war mit einer kleinen Gardine von ziemlich dichtem Flor bedeckt, weshalb das was sie verhüllen sollte, nur durch ein scharfes Auge, freilich immer nur etwas undeutlich entdeckt werden konnte. Der Mann kam endlich mit seinen Bezeichnungen bis in die Höhe dieser Gardine, und wenn auch das Auge auf dieser einen augenblicklichen Ruhepunkt fand, so glaubte doch ein jeder, er würde mit seinem Stocke einen Sprung darüber hinweg machen; aber nein, er berührte wie zufällig, den untern Theil derselben, und hob sie schnell soweit in die Höhe, daß der geheime Punkt einige Secunden deutlich zu sehen war. Dies unanständige Benehmen rief eine große Indignation, besonders bei den anwesenden Damen hervor, sie errötheten bis in die äußersten Zipfel der Ohren und verließen größtentheils sofort den Salon. Wir Mannsleute fanden indessen dies Verbrechen nicht so gar groß, mit
vieler Bravour überwanden wir den augenblicklichen Schreck eigenthümlicher Art und wichen nicht eher, bis sämmtliche Gegenstände erklärt waren.
/: Den Damen, welche diesen Satz etwa lesen möchten, hätte ich im Eingange desselben eigentlich den Rath geben sollen, ihn zu überschlagen; allein ich habe dies übersehen und muß sie nunmehr ersuchen, diese Fahrlässigkeit zu entschuldigen; gegen die Herren hoffe ich einen Verstoß nicht in so großem Maaße begangen zu haben. :/ Meines Erachtens gehören dergleichen Fälle unter Erzählungen, die ich hier von meinem Leben vortrage, und ähnliche werden auch in der Folge noch vorkommen, indem meine Tendenz dahin geht, nichts zu verschweigen was Wahrheit ist, und was nach so vielen Jahren sich in meinem Gedächtnisse erhalten hat.
Also weiter in Frankfurt. Aus dem erwähnten Salon setzten wir unsere Tour weiter fort, und durchstreiften den ganzen Meßplatz,
wo noch mannigfaltige interessante Gegenstände zu sehen waren, die alle hier anzugeben zu weitläufig und für den Leser von wenigem Interesse seyn würde.
Der Marsch ging am nächsten Tage weiter nach Nauheim, woselbst sich ein großes Salzwerk befindet, Hier ward ich bei einem Salinenbeamten einquartiert, der mich sehr freundlich aufnahm und da auch seine Frau und Familie eine gleiche Gesinnung zeigten, so verlebte ich in ihrem Kreise einige frohe Stunden.
Von diesem Orte ging der Marsch über Giesen nach Marburg. An beiden Tagen war das übelste Wetter; Regen mit Schnee vermischt, durchnäßte uns dermaßen, daß wir in den Quartieren genöthigt waren sämtliche Kleidungsstücke, das Hemd mitgerechnet an dem Ofen zu trocknen. In Marburg sah ich meine Freunde von Stark und Häberlin wieder, besuchte Vater Wildungen und den Forst-Inspecteur von Witzleben,
einen Sohn des General-Directors der Forsten, und verlebte den Abend dieses Tages möglichst vergnügt.
Dies war am 13ten April 1809. und da der Marsch beeilt wurde; so brachen wir am anderen Morgen früh wieder auf und gelangten am 16ten in Cassel an.
Etwa eine Stunde vor diesem Orte mußten wir Halt machen, wobei befohlen wurde, die Parade-Uniform anzuziehen, was denn auch geschah. Am Thore kam uns der Oberst Dörnberg entgegen geritten, dem wir ein „Hoch!“ brachten. Auch ein Jugendfreund, der als Leutnant bei der Chasseur-Garde stand, kam mir entgegen, und begleitete mich in mein Quartier, welches in der Schloßstraße bei einem Juden war. Mein Freund lud mich zum Essen ein, und indem ich dies annahm, verbrachte ich einen heiteren Abend bei ihm und seinen freundlichen Wirthsleuten, denen er mich vorstellte. Die Zeit ging bald vorüber und die Mitternachtsstunde war bereits vorüber, als er mich wieder
in mein Quartier geleitete. Mein Logis war in einem Hinterhause; mein Freund der mit eintrat, führte mich aber im Vorderhause gleich rechts in ein Zimmer, was elegant meublirt aber schwach erleuchtet war. Hierin saß eine junge und schöne Dame in reizendem Negligée auf dem Sofa, ihre Zofe gegenüber auf einem Stuhl. Er setzte sich neben ihr nieder und nöthigte mich auch auf dem Sofa Platz zu nehmen, was ich that. Bald merkte ich, welcher Klasse die Dame angehörte und in welcher Beziehung mein Freund zu ihr stand, denn er trieb einige Schäkereien, die eine ehrenhafte Frau nicht geduldet hätte. Dies dauerte etwa ½ Stunde so fort, dann nahm er ihr das Umschlagtuch, stand auf und entfernte sich schnell aus dem Zimmer und aus dem Hause, indem er mich mit der Dulcinea allein ließ. Ich behielt meinen Platz in der einen Ecke des Sofas und sie in der anderen, indem sich keiner rührte um dem andern näher zu rücken.
Hier muß ich bemerken, daß ich diese, sonst wirklich reizende Person verachtete, indem ich sie für eine feile Dirne hielt, was sie auch in der That war. Das Prinzip, mich von dergleichen Geschöpfen fern zu halten, hatte ich bisher pünktlich befolgt, und ich war entschlossen, in dem vorliegenden Falle daran festzuhalten. (Die Unsittlichkeit in den französischen größeren Städten war aufs höchste gestiegen, fast noch höher als in Cassel. Die Stadt Metz zeichnete sich hierin besonders aus, dort wurde solche, in Folge der häufigen Durchmärsche von Militair, sehr befördert. Dort in Metz nämlich, besuchten mich eines Tages mehrere Kameraden und luden mich ein, einen Spaziergang durch die Stadt mit ihnen zu machen. Ich war dazu bereit und wir gingen eine große Strecke in einer der Straßen hin bis vor ein stattliches Haus. „Hier,“ sagte einer in der Gesellschaft, „ist ein honoriges Bordell, laßt uns in das Haus eintreten; in dem darin
befindlichen Salon bewegen sich fast Tag und Nacht Herren und Damen in eleganten Costümen und man ist in keiner Hinsicht genöthigt, sich der Unsittlichkeit hinzugeben. Wir trinken einige Flaschen Wein und sahen dem Treiben zu.“ Sofort erklärte ich, daß ich ein solches Haus nie beträte, stellte ihnen den Eintritt anheim und begab mich in mein Quartier zurück.)
Die Dame in Cassel mochte wohl in meinem finsteren Gesicht lesen, daß ich mit ihr nichts zu schaffen haben wollte, sie rührte sich immer noch nicht und blieb stumm wie ein Fisch. Ich glaubte sogar, Furcht in ihren Zügen zu erkennen, und um dieser stummen Unterhaltung ein Ende zu machen, sagte ich ihr kurz gute Nacht und ging in mein Logis. Am anderen Morgen befand ich mich unwohl, ich sandte zum Doctor und dieser gebot mir, einige Tage im Zimmer zu bleiben, indem er noch nicht genau beurtheilen könne, welche Wendung das Uebel nehmen werde. Etwa 8 Tage mochte ich das
Zimmer gehütet haben, da bekam das Bataillon Befehl auszurücken, um gegen die Bauern, welche sich in der Umgegend empört hatten und in großen Massen sich der Hauptstadt näherten, in der Absicht, Herrn Hyeronomus Napoleon gefangen zu nehmen, zu operiren. Der Doctor fand nicht für angemessen mich schon als gesund zu entlassen, da eine Krise in meiner Krankheit noch nicht eingetreten war; insgeheim sagte er mir aber, bleiben sie noch im Zimmer, wer weiß was die Rebellion für Folgen hat, es kann vielleicht die Regentschaft hier mit sammt der französischen umgestürzt werden, da sich die Unruhen nicht allein über Hessen, sondern auch über Preußen, Braunschweig, Hannover etc. ausgebreitet haben sollen, und wenn dann die Gegner reüssieren sollten, so ist es immer besser, wenn Sie nicht mit dagegen gewirkt haben. Dörnberg ist geflüchtet und steht an der Spitze der Hessischen Bauern. Dies theilte mir der Doctor, Sterklof
hieß er, alles mit und ich war wie aus den Wolken gefallen. Einen Augenblick wurde mein Gemüth von freudiger Hoffnung erregt, ich sahe in Gedanken mein Vaterland wieder erstehen und die alte gute Zeit überhaupt zurückkehren; allein bald war der Traum vorüber, denn wenn ich auch schwach in der Politik und ziemlich unerfahren in den Staaten-Verhältnissen war, so zweifelte ich doch daran, daß eine Erhebung der deutschen Völker damals schon allgemein werden und überhaupt, wenn dieser Fall auch einträte, daß eine solche die Kraft haben würde, die Macht des Usurpators zu brechen. Aeußerst überraschend war mir die Mittheilung des Doctors, daß Dörnberg, den ich wirklich schätzte, und mit dem ich erst vor ein paar Tagen, wo ich gegen Mittag bei freundlichem Sonnenschein, mich aus meinem Krankenzimmer geschlichen, auf dem Platze, wo er sein Bataillon exercirte, gesprochen hatte, geflüchtet sey.
Indessen war es für mich eine große Beruhigung, daß er glücklich entkommen war, und man wird im Verlaufe dieser Erzählung noch vernehmen, daß er uns in einer späteren Attaque[47] gegenüber stand.
Das Bataillon rückte denn in früher Tageszeit aus Cassel hinaus und ich, als krank gemeldet blieb in meinem Quartier zurück.
An diesem Tage sehe ich die Dame, von der ich oben erzählte, und die, wie man sich erinnern wird, in dem selben Hause wohnte, auf einen Augenblick wieder, und ich muß gestehen, daß sie wirklich hübsch war. Umso mehr war zu bedenken, daß ein solches Geschöpf die Bahn des Lasters betreten hatte. Man bezeichnete sie mit dem Namen „schwedische Gräfin.“
Um Mittag vermochte ich nicht mehr in meinem Zimmer zu bleiben, die Neugierde trieb mich auf die Straße, und ich schlich hinaus. Die Straßen, welche sonst um diese Zeit außerordentlich lebendig waren, fand ich öde und leer, wie in einer Festung, die
der Feind beschießt. Ich bewegte mich langsam auf der Straße hin in welcher ich wohnte, nach dem Schlosse zu. Als ich diesem näher kam, gewahrte ich, daß der König, Hyeronimus, an der Spitze seiner Adjutanten und hinter diesen eine Abtheilung der Garde du Corps aus dem Schloßhof herausgesprengt kam und irgend einem Thor zueilte. Ich glaubte schon, er sey im Begriff zu flüchten, und wünschte ihm im Stillen eine glückliche Reise nach Frankreich. Diese Voraussetzung war jedoch irrig, was sich bald zeigen wird. Ich setzte nun meinen Gang weiter fort, bis an das nächste Thor der Stadt. Dort war eine Kanone aufgefahren, die Mündung auf das Thor gerichtet, bei welcher die Kanoniere mit brennender Lunte und sonst parat standen. Um diese Zeit hörte ich auch einige Kanonenschüsse nicht fern von der Stadt. – Inmittelst wurden an verschiedenen Straßenecken gedruckte Zettel befestigt, auf denen zu lesen war, daß die verbün-
dete französische Armee die Oestreicher bei Pfaffenhofen, Tann, Abensberg und Eckmühl total geschlagen habe. Hierdurch ward die Hoffnung bei mir sehr herabgestimmt, und ich nahm die Richtung nach meinem Quartier zurück. Ich war noch nicht weit gegangen, so hörte ich hinter mir ein Getöse in der sonst stillen Straße, und nachdem ich mich umsah, kam ein Zug Menschen heran marschirt, der aus ein paar Hundert gefangener Bauern bestand, die von einer Abtheilung Garde-Truppen escortirt wurden. Ich ließ sie an mir vorüber marschieren, es war eine wahre Musterkarte; aber es befanden sich auch einige westphälische Soldaten darunter, die sich mit den Bauern zu gleichem Zweck vereinigt hatten. Alle wurden nach dem großen Gefängniß an der Fulda, Castell genannt, gebracht und dort eingesperrt. Es wurden im Laufe des Tages noch mehr Gefangene dahin gebracht, und am anderen Tage wurden die sämmtlichen Rebellen auseinander
gesprengt; der Feldzug war zu Ende und die Jäger rückten in Cassel wieder ein. In den nächsten Tagen melde ich mich unter Genehmigung des Doktors wieder gesund und trat in das Bataillon ein. Inmittelst ward die Untersuchung über die gefangenen Insurgenten[48] geführt und man verurteilte mehrere Soldaten zum Tode durch Pulver und Blei. Der Tag der Exekution ward anberaumt und von der obersten Militärbehörde befohlen, daß das sämtliche in Kassel garniso-nirende Militär dabei gegenwärtig sein, die Mannschaft zu dem eben nicht angenehmen Geschäft des Todschießens aber, vom Jägerbataillon kommandiert werden solle. Der für einige Inculpaten[49] verhängnisvolle Tag brach an und kurz nach Sonnenaufgang ging mein Bataillon mit 49 Verurteilten an der Spitze und die sämtlichen Garden hinten nach, der Marsch zum Leipziger Thore hinaus, bis auf den ¼ Meile vor
Cassel entlegenen großen Anger, der Forst genannt. Das Jäger-Bataillon marschirte eine ziemlich große Strecke auf dem Forste hin und stellte sich dann etwa 500 Schritte von der Straße, parallel mit dieser, in seiner ganzen Länge, die Front nach dem Richtplatz zu, auf; vor dessen Mitte 9 Mann aufgestellt wurden, welche das Todschießen besorgen sollten. Die übrigen Truppen stellten sich uns gegenüber auf dem rechten Flügel unseres Bataillons auf, die Front ebenfalls nach dem Richtplatze zu, weshalb, wenn man sich diesen als ein Viereck denkt, zwei Seiten davon offen blieben, damit die Kugeln eine freie Passage in der Luft hatten. Die 49 Verurtheilten mußten ihren Platz etwa 10 Schritte vor dem rechten Flügel des Bataillons einnehmen, vor denen sich auch der Platz-Commandant von Cassel, Oberst von Melzheimer, nebst dem Platzmajor aufstellten. Hinter uns hatte sich eine große Zahl Neugieriger eingefunden, die jedoch mindestens
100 Schritte von den Linien entfernt blieben. Viele davon kletterten auf Bäume die in der Nähe standen, um besser sehen zu können, und es ereignete sich einigemale, daß die Zacken brachen und die unbeflügelten Kreaturen mit großem Geräusch herunter purzelten. Zwischen den vorgenannten Jägern und den Verurtheilten, einige Schritte weiter vorwärts, war ein Sandhaufen aufgefahren, was vermuten ließ, daß dies der Platz seyn würde, wo die Execution stattfinden solle, was sich auch bald bestätigte. Nachdem die Aufstellung des Militairs in Ordnung war, ließ sich der Commandant von dem Platzmajor die Acten geben, stellte sich vor die Mitte der Schlachtopfer und las ihnen etwa folgendes Urtheil vor:
„Das Verbrechen was ihr begangen habt, ist zweifacher Art, und besteht einmal in Desertion und dann in Empörung gegen Euren rechtmäßigen König
und Herrn. Durch ein mindergesetztes Kriegsgericht ist Eure That unparteiisch und gründlich untersucht, festgestellt und von ihm das Todesurtheil gesprochen, welches seine Königliche Majestät bestätigt hat.“
Ich hatte meinen Stand gerade in der Mitte des Bataillons und konnte daher Alles hören und sehen, was vor der Front vorging. So bemerkte ich denn, daß nachdem der Commandant den Inculpaten das Urtheil verkündet hatte, ein großer Theil derselben in Ohnmacht sank, die Uebrigen indessen dasselbe mit unerschütterlicher Ruhe vernommen hatten. Nun forderte der Commandant den linken Flügelmann, einen jungen hübschen Grenadier, der jedoch vom Schreck so ergriffen war, daß er nicht stehen konnte, namentlich auf, 5 Schritte vor die schußfertige Mannschaft zu treten, um das tödtende Blei zu empfangen; allein er war nicht im Stande zu gehen und mußte endlich durch zwei Gendarmen
die herzugerufen wurden, bis zu dem bezeichneten Sandhügel geschleppt werden, vor dem er in kniender Stellung, und nachdem ihm die Augen verbunden waren erschossen ward. In diesem Augenblick sanken von den übrigen 48 Verurtheilten noch Mehrere zusammen und Einige erhoben sogar klagende Laute, die Aehnlichkeit von Weinen hatten. Nun nahm der Kommandant seine Todtenliste wieder zur Hand und rief 3 andere namentlich auf, die sich vor das Geschoß begeben sollten. Diese traten vollkommen gefaßt, sofort vor, marschirten an der Front hin und stellten sich den schießenden Jägern gegenüber, indem sie gegen diese Front machten. Die beiden, welche nahe an den Flügeln standen, ließen sich die Augen verbinden, der in der Mitte stand verbat sich dies jedoch, indem er noch folgende Ansprache hielt, soweit mir dies erinnerlich ist: „Ich bin von den niederträchtigen Franzosen zum Tode ver-
urtheilt; ich trete ihm ohne Furcht entgegen, indem ich den festen Glauben habe, daß diese Hunde bald ihren Lohn dafür kriegen werden. Ich sterbe mit einem preußischen Herzen, ich habe dem Tode schon oft ins Auge gesehen. Jäger! Cameraden! trefft mich nur ordentlich hierher, (indem er auf die Brust zeigte) zielt und ihr werdet ein preußisches Herz treffen.“
Indessen waren die 9.Jäger so gestellt und angewiesen, daß je 3 auf einen bestimmten Mann schossen, und nachdem „Fertig, legt an und Feuer“ kommandiert war, knallten die Büchsen, und die 3 stürzten kreuzweise todt über einander zur Erde. Die Gefühle, welche sich bei diesem Anblick in meiner Brust durchkreuzten, kann ich hier nicht beschreiben, mag es auch nicht einmal versuchen; eine Erleichterung gewährte mir indessen nachher der Gedanke, daß die Herrschaft der Franzosen in Deutschland doch wohl einmal ein Ende nehmen könne; obgleich in jenem Au-
genblicke nur sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden war. Wie ich später erfuhr, war dieser eigenthümliche Mann in der Altmark zu Hause, hatte früher in der Preußischen Armee gedient und war als Stellvertreter eines reichen Conscribirten bei den Westphalen eingetreten. Die nun noch übrigen 45 Verurtheilten waren bis auf wenige niedergesunken, was auch wohl nicht anders seyn konnte, denn nachdem was vorgefallen war, mußte jeder voraus setzen, daß seinem Leben nur noch eine kurze Dauer bevorstand.
Der Commandant begab sich nun wieder vor die Front der völlig zerknirschten Gruppe, blickte in seine Acten und las aus denselben etwa Nachstehendes vor: „Obgleich Sn Königz. Majestät Eure Verbrechen mit der größten Entrüstung vernommen haben, so wollen Allerhöchst dieselben dennoch diesmal Gnade für Recht ergehen lassen und es soll Euch das Leben geschenkt seyn.“
Sofort standen sämmtliche Inculpaten[50] kerzengerade im Gliede und brachten dem Könige ein Vivat.
Der Eingang des Dramas ließ schließen, daß mit der Blutarbeit so lange fortgesetzt werden würde, bis alle 49 Verurtheilten in jene Welt geschickt wären. Umsomehr war dieser Wechsel eine Ueberraschung für mich, und mein Gemüth wurde geneigt, von der Wuth über die ersten Scenen etwas zurück zu gehen. Nun mußte das ganze Militair in einem Flankenmarsch möglichst dicht bei den 4 Leichen vorübermarschieren, um einen entsprechenden Eindruck mit nach Haus zu nehmen. Die 3 Kugeln, welcher der Held bekommen hatte, waren, wie die noch blutenden Wunden zeigten wirklich durchs Herz gegangen. Schade, daß ich den Namen jenes heroischen Mannes vergessen habe, ich würde ihn jetzt, nach 44 Jahren, dem Vaterlande zum Andenken mittheilen. Ohne Zweifel sind noch mehrere
von denen, die mit ihm zur Schlachtbank geführt wurden, am Leben; sie würden auch vielleicht dessen Namen angeben können, aber wo leben sie, und wie soll man Kunde von ihnen bekommen? Dies war die nächste Execution, nach der in Marburg, aber weit empörender. Wir begaben uns dann in unsere Quartiere zurück, es dauerte aber lange, ehe ich mich über das in so wenig Stunden Erlebte beruhigen konnte.
Nach wenigen Tagen wurde Befehl zum Abmarsche aus Cassel gegeben, und am 4ten Mai 1809 erfolgte derselbe, und, wie es hieß, sollten wir uns dem Corps des General Vandamme anschließen, um mit diesem nach Oestreich vorzurücken. Dies Corps sammelte sich damals in Baireuth, nach welcher Richtung wir anfänglich unsern Marsch fortsetzten. Bald aber bekamen wir die Ordre, das Bataillon solle die Richtung verändern und über den Harz nach Magdeburg gehen.
Es wurde uns auch zugleich mitgetheilt, daß der Major Schill über die preußische Grenze gekommen und mit seiner Schaar in Westphalen eingebrochen sey.
Wir erreichten am 6ten Heiligenstadt und am 7ten das Städten Worbis, auf dem Eichsfelde. In einiger Entfernung davon wurde eine ziemlich große Zahl Menschen bemerkt, vor denen eine Fahne hergetragen wurde. Unter der Befürchtung, daß das eine Streifschaar von Schill sey, ward sofort scharf geladen, um diese gehörig zu empfangen; allein als die dahin vorgeschobene Patrouille zurückkehrte, ergab es sich, daß es eine katholische Procession war. Dennoch mußten wir in der nächsten Nacht biwouakiren, was mir nicht gar sonderlich lieb war. Der Marsch ging nun nach dem Harze zu, darüber hinweg, über Halberstadt nach Magdeburg. Inmittelst hatten wir uns mit noch mehr Truppen, welche aus 1 Regiment Holländern, 1 Kom-
pagnie Franzosen, ½ Escadron westphälischer Kürassiere und 2 Stück Kanonen bestanden, vereinigt. Als wir in die Nähe von Magdeburg kamen, und zwar in die Gegend von Egeln, ward stets in geschlossenen Colonnen marschirt, die Kanoniere mit brennender Lunte neben ihren Geschützen, es ließ sich aber kein Feind sehen. Von Magdeburg marschirten wir Nachts um 2 Uhr ab; 2 Meilen davon, bei Wolmerstedt, hieß es auf einmal, Schill stehe in dem nahe vor uns liegenden Walde, der angegriffen werden solle. Hinter der Stadt formierten wir uns zum Angriff und nun glaubte ich bestimmt, daß dies der erste Strauß mit dem Feinde zu pflücken seyn würde. Indessen kam die Nachricht, daß sich unsere Gegner in der Richtung auf Stendal zurückgezogen hätten, worauf zur Verfolgung aufgebrochen wurde. Mich traf
mit anderen das Geschäft, eine Seitenpatrouille durch den Wald zu machen, was bei der enormen Hitze und den vielen sich entgegen stellenden örtlichen Hindernissen sehr erschöpfte. Besonders der Durst plagte mich außerordentlich, denn auf dem stundenlangen Marsche durch dick und dünn fand sich kein Tropfen trinkbares Wasser. Endlich hörte der Wald auf und nicht weit vom Saume desselben, lag das Dorf Angern. Beim Einrücken in dasselbe hatten sich die Einwohner bereits bei dem vorhandenen Brunnen mit Eimern, Töpfen etc. postiert, die sie, nach Bedürfniß mit frischem Wasser füllten und dies den Durchmarschierenden zureichten. Endlich kam ich auch an einen Brunnen, aus welchem so eben ein Bauer den Eimer voll des Labsals heraus gehoben hatte. Ich stürzte darüber her und ließ mit dem Trinken nicht mehr nach, bis der Magen voll war. Triefend von Schweiß, hätte es mir wohl schädlich seyn können, allein Noth kennt
kein Gebot, und es war mir auch gleichgültig, was daraus folgen möchte. Das über den Strang schlagen hat mir aber, Gott sey gelobt, bis jetzt nichts geschadet und ich glaube, daß nunmehr auch künftig keine üblen Folgen daraus entstehen werden. Man glaubt, daß ein kalter Trunk auf die Hitze dann nicht so schädlich sey, wenn man sich unmittelbar darauf wieder gehörig bewegt. Dies geschah hier aber nicht, denn ich wurde sofort auf Piquet kommandiert, was sich gleich hinter dem Dorfe befand, und wo ich die ganze kühle Nacht unter freiem Himmel auf die Erde gelagert, ruhig zubrachte. Wenn bei solchen Fällen üble Folgen bei einem Menschen entstehen, so ist meines Erachtens der Keim zur Schwindsucht oder sonst einer Krankheit bereits vorhanden, der dadurch früher entwickelt wird. Doch ich will den Doctoren hier nicht vorgreifen; zu bemerken habe ich indessen, daß ich im Laufe meines
Lebens,
besonders als Militair, vielfach gezwungen gewesen bin, von den
Gesundheitsregeln gänzlich abzuweichen, ohne sonderlich nachtheilige Folgen
dadurch verspürt zu haben. Die Nacht ging vorüber, ohne vom Feinde etwas
bemerkt zu haben, und der Marsch ging am anderen Morgen bei guter Zeit weiter
und so fort, bis eine Etappe hinter Stendal, wo Contreorder eintraf, die uns
nach Magdeburg zurück rief. Wir kehrten auch dann um und marschirten 2
Tage in der Richtung auf diese Stadt; allein als wir in die Nähe von
Wolheirstedt (heute Wolmirstedt?) gelangten, mußten wir wieder Kehrt machen und
gingen bis in die Quartiere zurück, die wir am Morgen verlassen hatten. Am
anderen Tage erreichten wir die Stadt Stendal. Etwa 2 Meilen vor diesem Orte,
zeigte sich auf einmal Schillsche Cavallerie, und wir stellten uns augenblicklich
in Schlachtordnung auf. Die Stellung hierbei war, wie mir noch erinnerlich ist,
folgende: das Jägerbataillon und eine Kompagnie Franzo-
sen nahmen den rechten Flügel ein, die Artillerie stand in der Mitte und 1 Regiment Holländer am linken Flügel. Die Cavallerie 100 Schritte vor der Front. So erwarteten wir nun den Angriff, allein er erfolgte nicht, indem sich die Feinde in dem nicht fern liegenden Walde verloren. Sonach hatten wir auf dem Marsche von Cassel ab, 2, mit den Katholiken auf dem Eichsfelde eigentlich schon 3 mal einen Angriff erwartet, und er erfolgte immer nicht, daher mir die Sache am Ende ganz lächerlich wurde. Mit gehörigen Seitenpatrouillen rückten wir denn auf den Wald los, ohne jedoch ins Handgemenge zu kommen, durch den selben Weg, und gelangten ganz wohlbehalten nach Stendal.
Wie wenig Furcht oder Besorgniß im Ganzen unter den Jägern vor dem Feinde waltete, geht daraus mit hervor, daß einer der Jäger, Namens Rakebrand seine Jagdpassion nicht zügeln konnte; er streifte von der
Seitenpatrouille ab, in den Wald hinein und schoß 2 Schweine, die er auf den uns nachfolgenden Bagagetroß zu schaffen wußte und so in Stendal mit einführte. Ich war neugierig die Thiere zu sehen; allein wie wurde der Schütze ausgelacht, denn es waren ehrliche zahme Schweine, die sich im Walde verlaufen hatten. Ihre Farbe, die der der wilden ähnlich war, konnte freilich in dem Gasthause täuschen, allein ein erfahrener Jäger mußte wissen, daß wenn von 2 wilden Schweinen, die zusammen sind, eins geschossen wird, das andere gewiß nicht so lange stehen bleibt, bis der Schütze wieder geladen hat; denn Rakebrand hatte ja nur eine einfache Büchse. Kurz er mußte auf den Märschen während der nächsten Tage öfter hören, daß einer aus den Gliedern rief: wer hat zwei zahme Schweine für wilde geschossen? worauf dann die Antwort erfolgte: Rakebrand! So marschirten wir denn am linken Elbufer immer fort, bis nach
dem dicht an der Elbe gelegenen Dorfe Hitzacker, wo wir einstweilen stehen blieben, während die Holländer, mit der Artillerie, die Verfolgung Schills fortsetzten. Am letzten Tage oder vielmehr Marsche vor Hitzacker, vor dem Städtchen Lüchow, ereignete sich wieder ein Fall, wo unsere Kolonne in Schlachtordnung treten mußte. Wir mochten etwa bis auf ¼ Stunde mit der Vorhut, der Stadt uns genähert haben, da entstand in derselben ein Getöse, als ob eine Batterie im Gallop heran gesprengt käme. Sofort wurde kommandiert: en Bataille! und wir nahmen die bestimmte Stellung ein. Nun dachte ich, wird’s doch wohl einmal losgehen? Aber Prosit, es kam kein Feind. Was wars aber? In der Stadt war gerade Getreidemarkt, wozu sich eine große Menge Bauerwagen eingefunden hatte. Die Nachricht, daß von Magdeburg her ein Truppencorps
auf die Stadt anrückte, hatte die Ohren der Bauern gerade in dem Augenblick erreicht, als sie im besten Handel begriffen waren. Sie glaubten, es sey der Feind, der vielleicht sie selbst nebst Pferden und Wagen mit fortschleppen würde, und hielten daher für geraten, sofort die Flucht zu ergreifen. Dies geschah denn auch, und indem die sämmtlichen Wagen in der Stadt auseinanderstoben, entstand das erwähnte Gerassel. Es kam aber kein einziger Wagen nach der Richtung zu, wo wir uns aufgestellt hatten; sie jagten Alle am entgegengesetzten Ende der Stadt hinaus, in der Angst mitten durch die Felder. Wir setzten uns dann wieder in Marsch und zogen ganz friedlich, sogar lächerlich gestimmt durch die Stadt, auf deren Marktplatze die Bauern eine große Anzahl Getreidesäcke zurückgelassen hatten.
In Hitzacker bezogen wir
Cantonirungs[51]-Quartier, wenigstens glaubten wir dies, nach dem von Seiten des Kommandos gegebenen Befehle, aber es zeigte sich bald, daß uns erst noch eine ernstliche Operation beschieden war.
Etwa 1 Meile von dem Städtchen Hitzacker liegt die kleine Mecklenburgische Festung Dömitz, welche von den Schillschen Truppen besetzt war. Um diese zu erobern, ward ein Theil der Jäger mit kommandiert, und in der Nächsten Nacht ging das Detachement von Hitzacker ab, setzte über die Elbe /: denn die Festung liegt auf dem rechten Ufer :/ und nahm den Ort unter geringem Widerstand, da derselbe nur eine schwache Besetzung hatte und jedenfalls von Schill nur scheinbar besetzt gehalten worden war, um seine Verfolger, indem er ihre Aufmerksamkeit auf diese Punct richtete über den Weitermarsch des Haupttrupps irre zu leiten
und aufzuhalten. Es befanden sich in dieser alten ganz verfallenen Festung etwa 200 Mann Gesindel, fast von allen deutschen Nationen, Oestreichische Deserteure, andere Ausreißer, Läupe[52] mit zerrissenen Kleidern etc. von denen etwa 120 Mann gefangen genommen wurden; die übrigen hatten sich verkrümelt. Auch einige alte unserer Kanonen fanden sich vor, allein diese wurden auf ihren Lagern ruhig belassen. die Gefangenen, eine wahre Musterkarte, wurden über die Elbe geschafft, dann in 2 Gliedern aufgestellt und von den Franzosen an einer starken Leine, die zwischen den Gliedern in der ganzen Länge hindurch gezogen ward, einzeln festgebunden. Unter Bedeckung der Franzmänner ging nun der Zug von dannen und die armen Teufel wurden, wie ich nachher erfuhr, nach Magdeburg transportiert. Was aus ihnen geworden ist, habe ich nicht gehört.
Wir gingen nach Hitzacker zurück, und der Feldzug schien für uns zu Ende zu seyn, denn am nächsten Tage traten wir den Rückmarsch nach Dannenberg an. Dort hatten wir den anderen Tag Ruhetag. Hierher wurden auch die von Schill in der Affaire bei Todtendorf, ohnweit Magdeburg früher gefangen genommenen Soldaten des 6ten Westphälischen Regiments verlegt und dann weiter zu ihrem Regimente instradirt[53].
In der nächsten Nacht traf plötzlich der Befehl zum Aufbruch ein, und wir gingen wieder nach Hitzacker zurück, aus welchem Grunde, ist mir nicht bekannt geworden, denn wir thaten weiter nichts, als daß wir in unseren Quartieren ausruhten und am anderen Tage wieder nach Dannenberg marschirten. So war das immer ein endloses Hin- und Herlaufen, welches jedenfalls in dem Mangel an Umsicht und in dem Wankelmuth des Oberbe-
fehlshabers, des Generals d’Alvignac, eines Franzosen, lag. Doch der Soldat muß sich in alles fügen, und so ertrug ich denn jedes Ungemach mit Geduld. Von Dannenberg wurde nun der Zurückmarsch wirklich angetreten, es war am 27ten May 1809. Nach vorläufiger Mittheilung war das Ziel Halle an der Saale. Am 31ten trafen wir in Bernburg ein und marschirten am nächsten Tage aus, nach jener Stadt zu. Wir mochten uns etwa 1 Meile davon befinden, als ein Gendarmerie-Officier entgegen gesprengt kam, der den Befehl zur Umkehr nach Bernburg brachte, worauf wir umdrehten und ein Jeder wieder das Quartier dort einnahm, was er am Morgen verlassen hatte. Was zu dieser Marschveränderung die Veranlassung gab, ist mir nicht bekannt geworden, nur so viel ward bestimmt, daß wir am 2ten Juny den Marsch
nach Braunschweig antreten würden. Dies geschah denn auch, indessen wurde uns die Erleichterung zu Theil, daß Wagen requirirt und wir per Ochse bis Fülldorf, etwa 4 Meilen von Bernburg, gefahren wurden. In Fülldorf lebte damals der vormalige preußische Minister von Angern, der in Folge der französischen Invasion außer Dienst gekommen war. Er hatte zwei erwachsene Töchter bei sich, von denen die eine, die unverheiratet geblieben, auf dem Gute jetzt noch lebt. Also eine Jungfer von 70 Jahren.
Dieser Mann spielte eine bedeutende Rolle in der Verwaltung des Preußischen Staats vor jener Invasion, er stand an der Spitze derselben. Im Jahre 1805/6 war ihm die Organisation der ganzen Verwaltung in dem von Preussen, vom Kaiser Napoleon als Köder zum bald erfolgenden Fange hingenommenen Han-
nover
übertragen. Diese führte er, wie man damals munkelte, mit Willkühr, Härte, und
büreaukratischer Tendenz durch, so daß die Hannoveraner, namentlich die
alten Beamten dort, einen ziemlichen Haß auf ihn geworfen hatten.
Nach dem Einmarsch der Franzosen entfernte er sich schnell und lebte, wie ich oben bemerkt habe, still, zurückgezogen und vergessen auf seinem Gute in Fülldorf. So erging es in jener Zeit vielen der Männer von Bedeutung; sie mußten herabsteigen von der Höhe auf der sie standen, und nicht selten sich den Launen eines französischen Sous-Lieutenants oder gar eines Quartiermachers fügen.
Nun weiter. Am folgenden Tage, dem 3ten Juny 1809 fuhren wir ganz gemächlich bis Wanzleben. Der Inhaber der dortigen Domaine war damals der Amtsrath Kühne, unter
dessen Beamten-Personal sich ein Bruder von mir befand. Diesen hatte ich ins besondere sehr lieb, und es wurde mir dadurch, daß ich Gelegenheit hatte bis zum anderen Tage in seiner Nähe zu seyn, eine große Freude bereitet. Beim Abmarsch am 4ten übergab ich ihm den Ring, welchen ich in Metz gekauft hatte, wie der Leser sich wohl erinnern wird. Um diese Zeit langte die für mich betrübte Nachricht an, daß Schill am 31ten May in Stralsund überwältigt und geblieben sey. Der Patriotismus hatte diesen braven Mann zu früh fortgerissen, hätte er sich gezügelt bis zur allgemeinen Erhebung der Völker gegen den Usurpator, so würde er ohne Zweifel Großes vollbracht haben.
Der Marsch ging nun, immer auf Wagen, bis Halberstadt, wo wir bei früher Tageszeit anlangten. In dieser Stadt hatte ich viele Freunde und verlebte einige Stunden in Ihren
Kreisen höchst angenehm. –
Doch jetzt fällt mir ein Gegenstand ein, den ich zu vörderst noch vortragen will:
Bei der Kürassier-Escadron, die die Operation gegen Schill mitmachte, stand ein Lieutenant Namens Trinius, mit dem ich sehr befreundet war. Er war der jovialste Mensch, den ich je kennen gelernt habe. Durchweg ehrenhaft, verstand er zugleich die Freundschaft dessen, mit dem er in nähere Berührung kam, zu gewinnen und zu fesseln. Bei seiner äußeren einnehmenden Gestalt war er auch den Damen nicht unangenehm, und wußte durch Erzählungen von seinen Erlebnissen in dem eben beendigten Feldzuge gegen Schill, ihr Interesse zu erwecken, oder vielmehr zu steigern; denn Alle schwelgten in Enthusiasmus für den Helden, und wünschten ein Andenken, z. B. eine Haarlocke, von Schill zu besitzen. Unser Freund kam, um dem unschuldigen Wunsche der Damen zu genügen, auf den Einfall, sich einige Haarlocken zu verschaffen, was
den auch bald gelang. Diese bezeichnete er dann als dem Haupte Schills entnommen, und wenn er um eine solche, mit einem schwarzen seidenen Faden umwundene Locke in einem Damenkreise zum Vorschein brachte, so entstand bei einer Jeden das Verlangen, sie zu besitzen. Eine Theilung, der an sich schon winzigen Locke, ging freilich nicht an; denn auf diese Weise würde vielleicht jede 2 – 3 Haare bekommen haben, und es ward demnach zur Verlosung geschritten, wobei jedoch die Bedingung gestellt wurde: daß die Gewinnerin den übrigen Damen die Ansicht der Locke zu jeder Zeit zu gestatten habe. In dieser Art vertheilte er noch manche Locke bis dahin, wo ihn sein Marsch in Gegenden versetzte, wo das Interesse für Schill weniger groß war. Im Verfolg meiner Geschichte werde ich, in tragischer Weise auf diesen Officier wieder zurückkommen.
Von Halberstadt aus ging ich an demselben Tage noch voraus, um
andere Freunde, die in der Richtung nach Braunschweig zu wohnten, zu besuchen. Zunächst traf ich in dem Städtchen Dardesheim ein, wo die früher bereits erwähnte Familie Rostoski damals lebte und brachte einige Stunden in deren Kreise vergnügt zu. Von dort begab ich mich zu meinem früheren Principal, dem Oberförster Müller in Stötterlingenburg, bei welchem ich Nachtquartier nahm. Bei diesem fand ich zufällig noch ein paar alte Freunde den Bürgermeister Schneider und Amtsrath Hunt anwesend. Wir hatten uns Vieles mitzutheilen und die Unterhaltung dehnte sich aus bis um Mitternacht. Um 1 Uhr Morgens brach ich schon wieder auf, und setzte meinen Marsch in der Richtung nach Braunschweig fort. In Wolfenbüttel, 1 Meile vor Braunschweig, war ein Militair-Commandant stationirt, bei dem sich, den Bestimmungen nach, jeder durch passirende Militair zu melden hatte. Ich begab mich demnach in dessen Wohnung, fand ihn aber nicht anwesend, weshalb
ich beschloß, mich bei dessen Frau zu melden. Sie ließ mich sogleich vor, und ich machte meine Meldung bei ihr ab. Sie war eine junge und schöne Dame, behandelte mich sehr freundlich und entließ mich mit der Versicherung: daß sie es bei ihrem Manne schon verantworten wolle, daß ich mich ihm nicht persönlich vorgestellt habe. Wenn dies ein alter, vielleicht grämlicher Militair liest, so wird er mit dem Kopfe schütteln über die Art meiner Meldung und daß sich eine Frau in dergleichen ernste Sachen mischte; indessen möge er daran denken, daß er auch einmal jung gewesen ist und sich gern mancherley von einer reizenden Frau hat gefallen lassen.
Eine eigenthümliche Betrachtung durchkreuzt in diesem Augenblicke meinen Geist, insofern, daß zwischen den oben erzählten Fällen und jetzt ein Zeitraum von beinahe einem halben Jahrhundert liegt, und wenn ich auch nicht weiß, ob die erwähnte damals
junge Commandantin noch lebt, so ist mir doch bekannt, daß mein ehemaliger Principal, so wie die übrigen beiden Freunde, welche ich bei diesem traf, schon lägst zu Staub geworden sind.
Hinter Wolfenbüttel traf ich mit meinem Bataillon wieder zusammen und wir rückten dann bald in Braunschweig ein. In dieser Stadt fand ich wieder einige befreundete Familien, in deren Kreise ich viele frohe Stunden verlebte. Andere interessante Vorfälle habe ich von dorther nicht zu bemerken; wir standen daselbst 8 Tage, ohne zu erfahren, aus welchem Grunde man uns dahin verlegt hatte. Doch am 15ten Juny 1809 erfolgte plötzlich der Aufbruch und wir marschirten 3 lange Meilen zu Fuß und dann 4 Meilen auf Wagen geladen bis Blankenburg, wo Nachtquartier gemacht ward. Von dort überstiegen wir das Harzgebirge und bezogen in der Umgegend von Schwarzberg-Sondershausen Cantonirungsquartiere. Nun erfuhr ich bald wohinaus
es gehen sollte; denn in den nächsten Tagen concentrirten sich dort mehr und mehr westphälische Truppen und das Corps wuchs auf circa 3000 Mann von allen Waffen an, welches bestimmt war, nach Oestreich zu marschiren. An der Spitze stand der damalige König Hyronimus, vor dem das ganze Corps am 20ten Revüe hatte; bei welcher Gelegenheit das 6te Linien-Regiment seine Fahne erhielt.
Die Lebensmittel begannen zu mangeln, und daher fanden sich mehrere Jäger veranlaßt, die gute Gelegenheit zu benutzen und einige Stück Rotwild, welches in großer Menge in einem fürstlichen Thiergarten, nicht fern von da wo wir standen, sich befand zu stibitzen. Dadurch stillten wir nun den Hunger; allein die Freude dauerte nicht lange; denn bald kam ein Befehl, wonach das Wilddieben in den fürstlichen Jagden bei Kassation, Degradation und bei Hängen und Würgen verboten wurde.
Endlich am 22ten Juny 1809 setzten wir uns – das Jäger Bataillon an der Spitze des ganzen Armee-Corps – in Marsch und rasteten in der nächsten Nacht in und um das Städtchen Querfurt. Hier verbreitete sich die Nachricht, daß ein oestreichisches Corps aus Böhmen über Dresden und Leipzig uns entgegen rückte. Es schien auch wirklich Ernst werden zu wollen denn am nächsten Morgen beim Anbruch des Tages, wurden die Jäger auf Wagen geladen und es ging in raschem Zuge auf Weißenfels los. Wir passirten auf dieser Tour das Schlachtfeld von Rosebach, wo Friedrich der Große am 5ten November 1757 den Sieg über die vereinigte französische und Reichs-Armee erfocht. Vor Weißenfels waren bereits Piquets[54] von sächsischen Truppen ausgestellt, die unter dem Obersten Thielemann von den Oestreichern bis dahin zurückgedrängt waren. Nun dachte ich, wird es ja wohl einmal ernstlich losgehen. Wir rückten indessen in Weißenfels ein, wohin
das Hauptquartier kam, und wurden einquartiert. Von hier an wollte man mir das Kommando über den Nachtroß übergeben, indessen ich wurde, auf meine Bitte, davon dispensirt, was mich sehr beruhigte, da ich wünschte, bei dem wahrscheinlich bevorstehenden Strauß mit dem Feinde wirksam sein zu können. Am nächsten Tag, also am 24ten Juny 1809 rückten wir, wieder Avantgarde, auf der Leipziger Straße, Lützen entgegen, indem wir uns in halber Zugfront, dicht aufgerückt, fortbewegten. Der Marsch war äußerst beschwerlich, indem die Sonne eine enorme Hitze ausstrahlte und eine Staubwolke sich mit uns fortwälzte. Endlich erblickte ich Lützen und glaubte bestimmt, daß wir uns auf dem Schlachtfelde, wo Gustav Adolph am 6ten November 1632 blieb, mit dem Feinde treffen würden. Indessen wir rückten ruhig in die Stadt ein, welche die am frühen Morgen verlassen hatten.
Von hier aus wurde ein Piquet von 100 Jägern und etwa ebenso vielen sächsischen Schützen und Husaren, in der Richtung nach Leipzig zu, vorgeschoben, wozu ich mit kommandirt wurde. Vor der Stadt wurden mehrere kleinere Piquets formirt und mir ward ein solches, aus Jägern und sächsischen Schützen bestehendes anvertraut, mit dem ich am rechten Flügel eine Brücke über den Floßgraben, nahe bei einer Mühle besetzen mußte. Als junger Unterofficier war mir das Vertrauen, welches man gegen mich durch die Uebertragung dieses Commandos bewieß, sehr schmeichelhaft und ich nahm mir vor, bei etwa vorkommender Gelegenheit den Posten tapfer zu verteidigen.
Ich ordnete nun meinen Trupp, instruirte die Mannschaften gehörig und gab ihnen zu erkennen, daß es mein Wille sey, die Brücke bei einem Angriff des Feindes bis auf den letzten Mann zu halten und ermahnte sie zur Bravour.
Nunmehr wies ich der betreffenden Schildwache ihren Posten an, bestimmte hinter derselben den Lagerplatz in angemessener Entfernung für die übrigen Mannschaften und schärfte ihnen besonders ein, ihre Waffen jeden Augenblick zur Vertheidigung bereit zu halten. Das Lager war unmittelbar an dem Garten des Müllers und durch das Klappern der Mühle wurden unsere Magen aufgeregt, ihnen Arbeit zu geben. Ich sandte demnach einen Mann zu dem Müller und ließ ihn ersuchen, uns einige Speisen und Getränke zu verabreichen. Er war hierzu sofort bereit und brachte uns selbst die erforderliche Quantitaet Lebensmittel, wodurch er uns denn, nach den auf dem beschwerlichen Marsche erduldeten Anstrengungen erquickte. Währenddem war die Sonne untergegangen und der herrlichste Sommerabend trat an die Stelle der Hitze des Tages. Mein Gemüth, immer empfänglich für die Wunder der Natur, war sehr
froh gestimmt, obgleich die Lage in der ich mich befand, als ernstlich betrachtet werden konnte. Die Nacht trat ein; indessen es wurde, wie dies in der Zeit von der ich erzähle, stets, der Fall ist, nicht ganz dunkel, da kein Wölkchen am Himmel war und der am nördlichen Horizont nach Osten vorrückende breite helle Streiben(Streifen ?) die Gegend so erleuchtete, daß die Gegenstände in ziemlicher Entfernung unterschieden werden konnten. Ich verdoppelte nun meine Wachsamkeit und ließ die Posten alle Stunden ablösen, um hierdurch auch die Mannschaften möglichst aufmerksam zu erhalten. So rückte Mitternacht heran; die Natur schien völlig zu ruhen, denn es wehte kein Lüftchen, und ich konnte in einem großen Umkreis hören, was vorging, selbst das Anrufen der Schildwachen oder Wachtposten beim Hauptpiquet, was mindestens 800 Schritte von mir entfernt
war vernahm ich deutlich. Auf einmal hörte ich wieder einen Ruf und gleich darauf einen Schuß fallen. Sofort ließ ich meine Mannschaften unter Gewehr antreten und spähete sorgfältig, ob der Feind etwa einen Angriff auf die Brücke unternehmen möchte. Da sich nach einer halben Stunde nichts Verdächtiges zeigte, so gestattete ich den Leuten, sich wieder zu lagern, doch mußte jeder sein Gewehr neben sich legen, um es nöthigenfalls sofort anfassen zu können. Nach ein paar Stunden brach der Tag an, und als es heller geworden war, bemerkte ich in der Ferne einen Bauer, der auf der inneren Seite des Floßgrabens auf mich zu schritt. Ich ließ ihn herankommen und frug ihn, was sein Begehr sey? Er erwiederte: daß ihn ein Officier von dem Haupttrupp als Bote an mich mit der Weisung schicke, ich solle mich mit meiner Abteilung jenen wieder anschließen. Den Bau-
er sandte ich sogleich an den Officier zurück, mit der Bemerkung: daß er mir entweder einen schriftlichen Befehl oder eine Ordonnanz senden möchte; auf das Wort eines Bauern verließ ich meinen Posten nicht. Der Bote kehrte um und nach einiger Zeit traf ein Jäger mit der bezeichneten Ordre ein, und ich vereinigte mich nun mit dem Hauptpiquet, welches seinen Stand vor einem kleinen Walde hatte. Mit dem Schusse, der in der vergangenen Nacht gefallen war, hatte es folgende Bewandniß: Ein Jäger stand auf Vorposten, und hörte in einiger Entfernung, nach der Gegend zu, wo der Feind stand, Pferdegetrappel. Dies näherte sich, und er bemerkte, daß in dem hohen Getreide ein Reiter herankam. In der Entfernung von 20 – 30 Schritten rief er ihn an, gebot zu halten und verlangte das Feldgeschrei. Es erfolgte keine Antwort und der Jäger gab Feuer. Der Reiter blieb unbeweglich halten; der Jäger sprang auf ihn zu und faßte das Pferd beim Zügel.
da ergab es sich dann, daß es ein sächsischer Husar war, der in der Bestürzung das Feldgeschrei vergessen hatte, es aber im nächsten Augenblick wußte.
Der arme Teufel hätte beinahe das Leben verloren; denn die Kugel war 2 Zoll über dem Kopfe durch die Filzmütze, deren die Sächsischen Husaren damals trugen, gefahren. Den Namen des Jägers weiß ich noch, er hieß Lindemann, und war früher im Dienst des Generals Blücher gewesen.
(Ab hier wird wieder die ganze Breite der Seite genutzt.)
Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Anekdote ein, die besagter Jäger gelegentlich mittheilte. Ich nehme solche aus dem Grunde hier auf, weil sie den alten General Blücher charakterisiert. Letzterer hatte eine Jagd gepachtet, und Lindemann meldete ihm einst, daß er einen Fuchsbau gefunden habe, worin Junge sich befänden. Der General bestimmte, daß der Bau am nächsten Tage besucht werden solle, um wo möglich die Bewohner desselben zu vertilgen. Er traf zur bestimmten Stunde mit noch einigen Bekannten ein, und der Jäger mußte den mitgebrachten Dachshund in den Bau lassen. Da sich nach einiger Zeit kein Erfolg zeigte, so ward Blücher ungeduldig und gab dem Jäger die Schuld,
daß man so lange warten müsse, ehe die Füchse zum Vorschein kämen. Letzterer wollt die Gründe auseinandersetzen, welche die Verzögerung veranlaßten, allein der General wurde ärgerlich, und sagte, schaffst Du nicht bald die Füchse heran, so schieße ich Dir die Knochen entzwey. Der Jäger erwiederte: Excellenz wo hergeschossen wird, wird wieder hingeschossen. Dies imponierte dem alten Blücher, sein Zorn verging sofort, und er sagte zu Lindemann: Du bist ein braver Kerl.-
(Ab hier ist wieder nur die halbe Breite der Seite beschrieben, wie sonst eigentlich immer.)
Nun wieder zu dem Piquet. Ein Bauer hatte gemeldet, daß sich in dem Nahen Wäldchen Oestreicher verborgen hielten. Es wurde nun von dem Commandeur befohlen, daß das Holz durchsucht werden solle, und dies Geschäft ward mir und meiner Abtheilung mit zu Theil. Mit vieler Mühe durchschritten wir den dichten Laubholzbusch, die Büchse gespannt im Arm, gleichsam als ob wir ein Treibjagen machten; fanden aber nichts. Der übrige Theil des Piquets, Infanterie und Cavallerie, hatte sich an beiden Seiten des Holzes vertheilt und rückte, in möglichst gleicher Höhe mit uns so bis ans Ende desselben vor. Außer einigen Haasen hatten diese nichts
herauskommen sehen. Nun formirten wir uns wieder und suchten, indem wir links seitwärts marschirten, die Vereinigung mit dem Hauptcorps zu bewirken. Auf dem Wege dahin, sahen wir mitten im Felde einen feindlichen Infanteristen auf uns zu kommen, der vollständig bewaffnet war. Es wurden sofort 2 Husaren abgeschickt, um ihn gefangen zu nehmen. Jener ließ sich indeß in seiner Richtung nicht irre machen, er bewegte sich auf uns zu, und als er etwa 100 Schritte an die Husaren herangerückt war, machte er Halt, und streckte das Gewehr. Er wurde nun zur Colonne gebracht, und es fand sich, daß es ein Oestreichischer Deserteur war. Dieser wurde nun gehörig ausgefragt, und er gab an, wie ich selbst hörte, daß die Stärke des uns entgegenstehenden feindlichen Corps 8 – 10000 Mann sei, daß es der General Am Ende commandire und daß es sich in der vorigen Nacht von Leipzig auf Dresden zu, zurückgezogen habe. Der Herzog von Oels und der Obrist von Dörnberg seyen auch dabei.
Es bestehe zum größten Theile aus Infanterie, worunter viel Oestreichsche Landwehr sich befände, dann etwas Cavallerie und Artillerie. Inmittelst gelangten wir in die Nähe von Leipzig und vor diesem Orte erreichten wir das Hauptcorps. Wir traten ein und marschirten mit diesem durch die Stadt hindurch bis bei Stötteritz, wo das Lager bezogen wurde. Unser Bataillons-Commandeur, Prinz von Hessen-Philippsthal, nahm sein Quartier in Stoetteritz. In der folgenden Nacht ereignete sich weiter nichts Bemerkenswertes. Die Waffen immer in der Hand, schlief ich ein paar Stunden ruhig fort bis zu Tagesanbruch, wo wir aufbrachen, um dem Feind entgegen zu rücken. Dieser zog sich immer weiter, in der Richtung auf Dresden zurück, und nach einem langen, sehr ermüdenden Marsche bei Hitze und Staub, bezogen wir wieder ein Lager bei dem Dorfe Hausdorf. Unbekümmert darüber, daß der Feind uns gegenüber stand, bauten wir uns Hütten von Stroh und Laub, in welchen wir es uns möglichst behaglich seyn lie-
ßen. Abends in der Dämmerung hörten wir einen Kanonenschuß in dem Oestreichischen Lager.
Am nächsten Morgen ward wieder mit Tagesanbruch aufgebrochen, und der Marsch ging in einer Tour fort bis nach Waldheim. Da besonders wir, die Jäger, durch Entsendung von Seiten- und anderen Patrouillen, auch durch mehrfache Prognoscirungen mehr angestrengt waren, auch wohl um uns zu den Leistungen, welche bei dem nun bald zu erwartenden Zusammentreffen mit dem Feinde von uns verlangt werden würden, kräftig zu erhalten, wurden Wagen in der Umgegend requirirt und diese nach Waldheim dirigirt. Bei diesem Orte, auf einer Wiese, von welcher das Gras in der vergangenen Nacht gemähet war, das aber von der Cavallerie und Artillerie sofort entfernt und den Pferden vorgeworfen worden, wurde Halt gemacht und Seitens derer, die Lebensmittel hatten, gefrühstückt. Nach etwa ½ Stunde ging der Marsch weiter, einen Berg in die Höhe, auf
welchem die Wagen standen, die uns aufnehmen sollten, und bei denen das ganze Bataillon Jäger Halt machte, während die übrigen Truppen vorbei marschirten. Diese Wagen wurden von uns je 10 – 12 Mann, bestiegen und der Zug setzte sich dann in Bewegung. Es wurde uns aber dieses Vergnügen nur eine ganz kurze Zeit zu Theil; denn kaum hatten sich die Vehikel mit uns 10 Minuten fortbewegt, da kam ein Adjutant des Generals in Carriere an unsere Wagen gesprengt, mit dem Rufe: Jäger alles herunter von den Wagen und zur Avantgarde, der Feind erwartet uns 1 Stunde von hier! Wie ein Ungewitter polterten wir von den Wagen herunter und ebenso stoben die Wagen auseinander. Das Bataillon ordnete sich, und dann ging es im scharfen Trabe an der langen Colonne hin, bis an die äußerste Spitze derselben. Neugierig den Feind zu sehen, spähte ich mit meinen Augen umher, allein vergeblich. In der Entfernung von ½ Stunde lag ein Dorf;
ich setzte voraus, daß dies vom Feinde besetzt seyn würde, und war in der That wieder neugierig, erst zu erfahren, wie dies wohl angegriffen werden möchte.
Etwa 500 Schritte vor dem Orte wurde die Colonne zum Angriff formirt, und nachdem dies geschehen war, da – machten wir Halt, ohne das Mindeste von dem Feinde zu gewahren. In diesem Augenblick zog ein Gewitter heran, was mit Blitz und Donner über uns die Schlacht allein ausfocht, denn ein Feind auf der Erde trat uns in dem Augenblick nicht entgegen. Wir mochten so in Schlachtordnung etwa ein paar Stunden gestanden haben, wobei unsere Kleider, die von dem herabströmenden Regen bis auf die Haut durchnäßt waren, durch die wieder hervortretende Sonne fast ganz getrocknet wurden; dann setzten wir uns wieder in Marsch, passirten das vor uns liegende Dorf und erreichten hinter demselben einen Wald, ohne einen Feind zu sehen.
Nahe am Saume des Waldes, etwa 50 Schritte von der Straße, die wir zogen, waren Zimmerleute mit dem Zerschneiden eines Baumes beschäftigt. Zu diesen ging ich, und fragte sie: ob sie keine Oestreicher gesehen hätten? O ja! sagte der Eine, etwa vor ½ Stunde ist ein Trupp Ulanen hier durch geritten, welche äußerten, jenseits des Waldes werden wir die Feinde erwarten. Diese Nachricht war mir in Wahrheit erwünscht; denn der, von den anstrengenden Märschen und sonstigen Entbehrungen ermüdete Soldat wünscht eine Entscheidung herbei, wodurch ihm einige Ruhe in Aussicht steht. Natürlich wurde von mir dabei ein Sieg bestimmt vorausgesetzt. Ich schloß mich nun wieder an, und der Marsch ging etwa ½ Stunde fort, da entstand weiter nach vorn in der Colonne ein Hurra-Rufen, so daß ich glaubte, wir wären in einen Hinterhalt gerathen. Dem war aber nicht so, und es wurde auch nicht geschossen. Das Getöse
kam immer näher und die Sache wurde denn dahin aufgeklärt, daß ein Sächsischer Dragoner einen gefangen genommenen Oestreichischen Ulanen durch unsere Reihe transportierte. Ich sah in diesem Ereignis schon eine Trophäe und stimmte in das Hurra mit ein. Nach einigen Minuten kam unser Commandeur, der Prinz von Hessen-Philippsthal angesprengt, und rief: Allons Jäger vorwärts, der Feind erwartet uns hinter dem Dorfe. Von diesem Augenblick an war alle Müdigkeit verschwunden, ich bewegte mich mit den übrigen in scharfem Trabe, wie neu gestärkt, vorwärts, wir gelangten in ein Dorf, wie es heißt weiß ich nicht mehr. Dies lag in einem Thale und mochte wohl ¼ Stunde lang seyn, daher mir die Zeit lange währte, ehe es ein Ende nehmen wollte. Endlich hörte es auf und es ertönten bereits Schüsse vor uns auf mehreren Puncten. Da wir die Avant-
garde bildeten, so löste sich das ganze Bataillon Jäger in eine Tirailleurlinie[55], rechts und links der Straße, auf. Der Ordnung nach bekam ich meinen Stand an der linken Seite, und kaum hatte ich Posten gefaßt, so kamen auch schon aus einem etwa 150 Schritte entfernten Busche, die Kugeln der Feinde gepfiffen. Ich dachte, wo hergeschossen wird, wird auch hingeschossen, ganz einverstanden mit der Aeußerung des oben erwähnten Jäger Lindemann gegen den General Blücher und ich feuerte nach dem Punkte zu, wo ich den Rauch aus dem Walde emporsteigen sah; denn die Feinde selbst hielten sich in dem Buschwerke versteckt. Auf einmal schlug eine feindliche Kugel in das Bein meines Nebenmanns, was ein eigenthümliches Geräusch machte. Wir rückten nun dem Holze näher im fortwährenden Kugelwechsel, und bald erhielt auch ein anderer Jäger eine Blessur im Gesicht, namentlich wurde ihm das eine Ohrläppchen von der Kugel
mit weggerissen. Die Namen beider Jäger weiß ich noch, der erste Blessirte hies Lüders und der zweite Thielemann. Beide gingen oder wurden zurückgebracht zur Ambulanz. Früher war mir ein solcher erster Fall, so in der Nähe nicht vorgekommen und man hätte es mir nicht verargen können, wenn ich etwas stutzig geworden wäre; allein ich kann in Wahrheit versichern, daß ich dadurch nicht im mindesten irritirt, vielmehr animiert ward, den Feinden nun erst recht Eins zu versetzen. Das Horn signalisirte nun zum raschen Vorgehen, und in wenigen Minuten warfen wir den Feind übern Haufen, welcher sich dann so schnell als möglich zurückzog. Die Büchse im Arm, abwechselnd den Schuß loslassend nach einem sich blicken lassenden Feinde, rückten wir in dem herrlichen Walde, bei prächtigem Wetter nach dem Gewitter, immer weiter vor,
gleichsam als ob wir im Begriff wären, ein Stück Wild zu erlegen, und gelangten so, die Feinde vor uns hertreibend, unter anhaltendem Büchsenfeuer, worauf natürlich geantwortet wurde, bis auf ein mit hohem Roggen bestandenes ziemlich ausgedehntes Feld. Auf diesem rückten wir etwa 500 Schritte vor, und machten auf einer Höhe Halt, von wo aus man über das vorliegende Thal hinweg die Gegend eine weite Strecke übersehen konnte. Es traf sich gerade, daß der Mittelpunct der Tirailleurlinie auf die bezeichnete Höhe zu stehen kam, und da ich dort meinen gewöhnlichen Stand hatte, so bekam ich Zeit mich überall gehörig umsehen zu können, weil den in Unordnung gekommenen Flügeln signalisirt ward, sich nach der Mitte einzurichten. Jenseits der Niederung, gerade vor uns, lag ein Dorf, Namens Marbach, welches vom Feinde besetzt war. Vor dem linken Flügel befand sich eine Höhe, über welche die Chaussee
von Leipzig nach Noshen und Dresden führte, die ebenfalls mit Infanterie besetzt war, welche die Gräben als Deckung benutzte und fortwährend auf uns feuerte. 50 Schritte vor dem Puncte, wo ich mich befand, lag ein etwa 10 Fuß hoher und eben so breiter frischer Erdhaufen, der aus einem neu angelegten Schachte gefördert war. Weiter im Thale war eine Vertiefung, anscheinend ein eingegangener Teich, die da, wo sie sich anfing, mit schwachem Buschwerk bewachsen war, und dann abwärts ihre Richtung nach dem Dorfe zu nahm. Vor dem rechten Flügel erweiterte sich das Thal, und hier schoß sich die äußerste Spitze der Avantgarde, aus Husaren, Jägern und Sächsischen Schützen bestehend, mit dem Feinde herum, was mir einen höchst interessanten Anblick gewährte.
Hierbei erregte besonders ein sächsischer Husar meine Aufmerksamkeit. Dieser flankirte auf eine eigenthümliche Weise zwischen den Plänklern hin und her,
und als er dies eine Weile so getrieben hatte, bemerkte ich ganz deutlich an dem aufsteigenden Rauche, daß er sein Pistol los schoß, und daß im nächsten Augenblick sein Pferd und er mit zur Erde stürzte. Das erste rappelte sich sofort wieder in die Höhe, that einige confuse Sprünge und fiel dann tod nieder. Der Husar schnallte Sattel und Zaum ab, nahm beides auf die Schultern und zog sich hinter die Front zurück. Nach den unregelmäßigen Bocksprüngen, welche das Pferd vor dem bekommenen Schuß machte, ließ sich vermuten, daß es wohl zum Cavallerie-Pferde nicht tauglich war, und die Absicht des Husaren dahin ging, solches bei dieser passenden Gelegenheit los zu werden. Indem dies passirt war, entstand am rechten Flügel ein Gewehrfeuer, wovon einzelne Kugeln in der Nähe von uns vorübersausten. Auf den Feind konnte doch dies unmöglich gerichtet seyn, aber bald klärte sich die Sache auf. Ein Reh hatte sich in den Sträuchern,
die vor der Linie einzeln standen versteckt, und nahm nun aufgeschreckt, die Richtung rückwärts durch die aufgestellten Jäger. Den Feind vor sich vergessend, schoß sämmtliche Mannschaft auf das Reh, aber es kam ganz unverletzt davon. Nun war die Richtung hergestellt, und ohnewachtet[56] das Dorf, die Höhe und der dahinter befindliche Wald vom Feinde besetzt, und das Gros, wie man sah, etwa 1000 Schritte hinter dem Dorfe in Schlachtordnung aufgestellt war, ward das Signal zum avanciren gegeben und ich nebst noch einigen Jägern, suchte den oben bezeichneten Erdhügel zu gewinnen, was uns dann auch gelang. Von hier aus richteten wir dann unser Feuer auf die sich in dem Chausseegraben festgesetzten Feinde, welche jedoch nicht säumten ihre Flinten auf jenen Punct zu richten. Die Kugeln schlugen gleich einem Regen auf den Erdhaufen, und viele Strichen oben und unten, indem
sie allerlei Töne von sich gaben, vorüber. Wir unterließen aber auch nicht, ebenso viel dem Feinde zuzuschicken, wobei eine hinter uns aufgestellte reitende Batterie über uns weg, secundirte. Dies Knallen, Sausen und Brausen, obgleich ernstlich, hatte, wenigstens für mich, etwas Erhebendes; nicht im Entferntesten dachte ich daran, daß mir vielleicht im nächsten Augenblick eine Kugel durch den Kopf gehen könnte. Wenn ich wieder geladen hatte, sandte ich dem Feinde meine Kugel entgegen. Der Durst hatte auch schon längere Zeit gequält, und sehnsüchtig blickte ich nach dem in der oben erwähnten Vertiefung stehenden Buschwerk hin, hoffend, daß dort vielleicht eine Quelle seyn möchte. Der Durst wurde immer stärker und nach einigen Minuten trat ich, trotz des fortdauernden Bleiregens, schnell hinter dem Hügel hervor, lief vorwärts den Hang hinunter in die Sträucher und fand zu meiner Freude
einen klaren Quell. Ich nahm nun eine kleine Flasche, die ich in meinem Jagdranzen hatte, heraus, hielt sie in den Quell und als sie voll gekluckt war, trank ich sie aus, und wiederholte dies mehrmals, kümmerte mich auch durchaus nicht um die Kugeln, die der Feind in das Gebüsch schickte, welche Reiser und Blätter nahe und fern neben mir abschlugen. Nachdem ich das Glas wieder gefüllt und so in die Tasche gesteckt hatte, fühlte ich mich völlig erquickt, ging aber nicht nach dem Hügel zurück, sondern zog mich, ganz allein in dem Gebüsche vorwärts hin bis hinter einen Erdwall, wahrscheinlich der Damm eines früher dort gewesenen Teiches. Hier stand ich dem Feinde, der den früher erwähnten Chausseegraben immer noch besetzt hielt, nicht über 100 Schritte gegenüber und wartete auf eine Gelegenheit, meinen Schuß wirksam anzubringen, als auf einmal ein feindlicher Officier, auf einem Schimmel reitend erschien,
den ich sofort als den Oberst Dörnberg erkannte. Ich hätte ihn ohne Zweifel vom Pferde heruntergeschossen, wenn ich es gewollt, allein ich konnte es nicht übers Herz bringen, diesen Mann, den ich verehrte, zu töten. Ich sandte daher eine Kugel hoch über seinem Kopfe weg, wodurch, und weil inmittelst unsere beiden Flügel immer weiter vorrückten, so, daß nach und nach eine Bagnelinie[57] entstand und der linke Flügel die Truppe, welche den Chausseegraben besetzt hielt, abzuschneiden drohte, er veranlaßt wurde, den Rückzug jener Truppe in der Richtung nach dem Dorfe Marbach zu, anzuordnen. Jetzt rückte auch die Mitte vor und ich vereinigte mich mit meiner Compagnie, indem wir die vor uns liegende Höhe, die der Feind verließ, besetzten. Hier trennte uns nur noch ein etwa 500 Schritte breiter mit Holz bewachsener tiefer Terrain-Einschnitt von dem Haupttrupp des Feindes, der mit Plänklern besetzt war,
die auf uns feuerten, und denen wir nichts schuldig blieben. Ich hatte, nebst einem Cameraden, Namens Schmidt, meinen Stand etwa 20 Schritte von einer großen Eiche. Schmidt hatte in der Hast seine Büchse verladen, welche mehrere male versagte. Hier blieb nun weiter nichts übrig, als die Kugel herauszuziehen, wobei ich ihm vermöge eines Kugelkrätzers, behülflich war. Indem wir hiermit beschäftigt waren, schlug eine feindliche Kanonenkugel in die Zacken der Eiche, so daß mehrere Splitter auf und neben uns herunter fielen. Wir traten nun einige Schritte zur Seite, setzten das Geschäft ruhig fort und nachdem die Büchse wieder im Stande war, begannen wir wieder auf den Feind zu schießen. Während dem war der rechte Flügel bis an das Dorf vorgerückt, und es entstand da ein lebhaftes Feuer, welches, nachdem der Ort genommen war, in dem-
selben noch fortdauerte. Wir rückten nun auch dem Defilee nach und nach näher, und glaubten nun nichts mehr, als daß, wenn wir dasselbe erobert haben würden, die eigentliche Schlacht beginnen müsse. Doch da erfolgte auf einmal das Signal zum Retiriren, und wir mußten uns zurückziehen, was mir wenigstens, dem Anschein nach aber auch vielen meiner Cameraden sehr ungelegen war. Wir sammelten uns in der Nähe des mehrfach von mir erwähnten Erdhügels, der in der Mitte der Stellung lag, und gingen dann zurück, aber nicht etwa so wie eine geschlagene Truppe retirirt, sondern langsam, vermischt von allen Compagnien, gruppenweise unter gegenseitiger Mitteilung der Thaten, die ein jeder in dem eben abgebrochenen Geschäft verrichtet haben wollte. Ein Jäger mit Namen Deleon, berichtete, daß er in dem Dorfe Marbach allein 10 Feinde erschossen habe,
und da dies der Feldwebel seiner Compagnie bezeugte, so mußten wir es glauben. Jener erhielt später die goldenen Medaille dafür.
Ein anderer Heißler, erzählte, daß ein Oestreicher aus der kleinen Dachluke eines Hauses im Dorfe, auf die Jäger gefeuert habe. Nachdem er dies bemerkte, hätte er sich verdeckt aufgestellt und abgewartet, bis der Feind mit seiner Musquete in dem Loche wieder erschienen sey. In dem Augenblick daß dies geschehen, habe er auf die Luke gezielt und losedrückt, da sey die Musquete auf dem Dache heruntergerollt und der Feind, wahrscheinlich in den Kopf getroffen worden. Unter der Erzählung ähnlicher Bravourstücke, gelangten wir endlich bei der Haupt-Colonne an, das Bataillon ward geordnet, und es fand sich, daß 4 Mann fehlten, die wie sich später ergab, sämmtlich leicht ver-
wundet waren. /: einer Namens Volmar, hatte zwar den Schuß, von oben herab, durch die rechte Seite bekommen, allein er ward bald wieder curirt, und ist später als Förster versorgt :/
Nun zogen wir uns weiter zurück, und bezogen auf der Stelle das Lager, vor dem langen Dorfe, wo das Gefecht begonnen hatte, und wurden vom Feinde nicht im geringsten beunruhigt. Den Grund warum das Gefecht abgebrochen wurde und wir bis dahin zurückgingen, glaube ich darin zu finden, daß das Gros de Corps, welches der König Hyronimus selbst commandirte, noch zu weit zurück war, um wirksam mit einschreiten zu können; denn wir, als das vorgeschobene Corps, waren etwa nur 2000 Mann stark. Es wurde nun Anstalt zum Kochen gemacht, und Einige schleppten Stroh aus dem Dorfe herbei, wovon Hütten gebaut wurden,
in die wir später hineinkrochen. Alles wieder Verrichtungen, als wenn gar kein Feind in der Nähe sey. Doch ward die Vorsicht gebraucht, daß jeder seine Armatur an sich behalten mußte. Es erwies sich dies auch bald als notwendig, denn etwa um 12 Uhr weckte einer den andern durch Rippenstoß auf; es wurde ganz in der Stille angetreten, und ebenso geräuschlos abmarschirt. Der Marsch ging durch das lange Dorf zurück. Wir waren noch nicht bis zur Hälfte gelangt, so entstand hinter uns ein Getöse. Ich blickte zurück und bemerkte einen breiten Feuerschein am Horizont; die Einwohner kamen heulend aus den Häusern gestürzt und ich wußte in dem Augenblick nicht, was ich davon halten sollte. Indessen ergab es sich bald, daß die Letzten von uns das Stroh, woraus das Lager bestand, angesteckt hatten. Der Marsch ging nun, wo weit es die Dunkelheit zuließ, möglichst geord-
net vorwärts, oder vielmehr rückwärts, fort, und als wir bei dem Dorfe anlangten, wo wir am vergangenen Tage den Gewitterregen zu bestehen hatten, brach der Tag an. Etwa um 4 Uhr passirten wir Waldheim und bezogen ½ Stunde später das Lager. An demselben Morgen trafen die übrigen Regimenter von Leipzig her ein und bald war das ganze Corps dort vereinigt. Den Nachmittag hatten wir Revue vor dem Könige, der uns zugleich seine besondere Zufriedenheit bezeigte für unser ehrenhaftes, braves Benehmen am gestrigen Tage. In einem bald darauf erscheinenden Tagesbefehl, der natürlich in alle Zeitungen überging, war des Rühmens der braven Jäger, die das Dorf Marbach mit stürmender Hand dem Feinde genommen und ihn bis unter seine Kanonen zurück getrieben hatten, kein Ende. Am nächsten Tage blieben
wir in dem Lager bei Waldheim stehen, und es kam weiter nichts Erhebliches vor, als daß ein Soldat vom ersten Linien Regimente, beim Umfallen einer Anzahl pyramidalisch[58] aufgestellten Gewehre, von denen eines losging, erschossen und einer blessirt wurde; mir persönlich kam auch eine weniger ernste Unannehmlichkeit vor. Ich hatte nemlich mein Rasirmesser verloren, und war daher genöthigt, mir den Bart scheren zu lassen, von einem Pflasterkasten[59] aus der Stadt, der im Lager herum ging und seine Kunst feil bot. Dieser mochte mit seinem Knife[60] vielleicht schon 100 Bärte vor dem Messer gehabt haben, denn er kratzte mir das Gesicht dermaßen zurecht, daß ich mehr Tränen dabei vergoß, als dies je zuvor der Fall gewesen war. Beiläufig will ich hier noch erwähnen, wie sich am Tage nach dem Gefecht, welches am 27 Juny 1809 stattfand, also am 28ten, bei dem Eintreffen im Lager bei Waldheim ergab, daß 2 Jäger, Mark und
Zielfeller mit Namen, vermißt wurden, und man glaubte, sie seyen beim Abbrennen des Lagers umgekommen.
Am 30ten brach nun das Corps auf, in der Richtung nach Dresden zu. Der Marsch bei großer Hitze und viel Staub war sehr anstrengend, er betrug an 7 Meilen und wir rückten erst gegen 1 Uhr Nachts, unter Vivatrufen der Einwohner, in das illuminirte Dresden ein. Der Ruf galt zunächst dem König Hyronimus und den braven westphälischen Jägern. Auf mich machte dies wenig Eindruck, indem ich annahm, daß die Rufer gedungen wären, und daß sie es ebenso gemacht hätten wenn wir Oestreicher gewesen wären. Im Uebrigen mußte ich auf die Wache und zwar am Pirnaer[61] Schlage, aus welchem die Oestreicher am Tage zuvor abgezogen waren. Das Thor fanden wir von Bürgergarden besetzt. Diese erboten sich in ihrer Gutmütigkeit dazu, die Wache noch einige Stunden fortzusetzen, während wir schlafen und uns nach dem
starken Marsche wieder erquicken könnten. Dies wurde natürlich abgelehnt, und jene zogen ab. Nach Ablösung der Wache bezog ich mit noch einem Kameraden das Quartier, in dem wir von der Hausgenossenschaft freundlich aufgenommen und gut bewirthet wurden. Auch das Logis, welches uns angewiesen ward, war freundlich. Nur eine Unannehmlichkeit entdeckte ich in der nächsten Nacht; nachdem ich mich nämlich zu Bett gelegt und den Vorsatz gefaßt hatte, recht tüchtig zu schlafen, womit ich auch sogleich anfing, wurde ich durch ein sonderbares Gefühl, wie Stechen und Beißen aufgeweckt. Nach mehrerer Untersuchung fand sie zu meinem Verdruß, daß diese Störung von – Wanzen herbeigeführt war, und ich konnte nun nicht wieder einschlafen, indem dieses Ungeziefer das Geschäft von Neuem begann, wenn ich ruhig lag. Sobald der Tag angebrochen war, untersuchte ich das Bett genau, und fand noch mehrere Wanzen im Bette vor,
die vertilgt wurden; andere hatten sich aber bereits entfernt und waren in die Ritzen der Dielen und Wände gekrochen, und als ich das Bett etwas von der Wand abrückte, um auch dahinter vielleicht etwas zu entdecken, fand ich eine große Menge von Wanzen an der Wand versammelt, die sich indessen sofort einen Schlupfwinkel suchten. Dies brachte mich auf den Gedanken, das Bett da fortzuschaffen und an die entgegengesetzte Seite des Locals zu stellen, was denn auch geschah. In der folgenden Nacht hatte ich denn wirklich nicht so ernstlich mit den Thieren zu kämpfen, sie mochten vorerst meine Spur verloren haben. In meinen späteren Quartieren wo ich Wanzen witterte, befolgte ich diese Maaßregel und hatte Ruhe, während Andere, die es nicht thaten, sich das Beißen gefallen lassen mußten. Ich habe diesen Fall hier darum bemerkt, um Manchem der in einen ähnlichen Fall kommt, ein Mittel zu zeigen, wodurch er sich gegen diese Plage
wenigstens auf einige Zeit, sichern kann.
Vom Dienste war ich frey; ich hatte Muße, mich in Dresden umzusehen, und muß sagen, daß ich sowohl in der Stadt, als in deren Umgebung manchen Punkt fand, der die Aufmerksamkeit fesselte.
Wäre ich Aesthetiker gewesen, so würde mir diese Umschau Gelegenheit gegeben haben, das Schöne in Natur und Kunst würdig darstellen zu können. /: Beiläufig will ich blos bemerken, daß in dem Schloßgarten ein vollständiges Gerippe von einem Wallfisch zu sehen war. :/ Wir hatten uns nun wieder ausgeruht und zu ferneren Anstrengungen gekräftigt. Dies sollten wir auch bald zeigen; denn am 3. July ging der Marsch aus dem Pirnaer Schlage hinaus nach der Böhmischen Grenze zu. Es war aber nicht das ganze Corps, welches dorthin sich in Bewegung setzte, sondern nur eine Abtheilung von etwa 1500 Mann, unter
Kommando des damaligen Sächsischen Oberst Thielemann. Wir bewegten uns auf der Straße nach Pirna die mit der Elbe fast parallel fortläuft, durch die höchst anmutige Gegend fort, den Feind, der diese Richtung nach Böhmen hin genommen hatte verfolgend, konnten ihn aber an dem Tage nicht einholen. In der Gegend von Pirna passirten wir die Stelle, wo ein Sächsisches Corps im Jahre 1756 von Friedrich dem Großen gefangen genommen wurde. Mehrere alte sächsische Soldaten bezeichneten mir den Platz, wo dies vorgefallen war. Wir langten dann gegen Mittag vor der Stadt an, und harrten des Empfangs von Lebensmitteln, indem sich der Hunger eingefunden hatte. Die Lieferung ließ lange auf sich warten und mehrere Jäger gaben schon laut ihre Unzufriedenheit darüber dem Oberst Thielemann zu erkennen, als dann Brod etc. endlich anlangte. Wir rückten nun weiter vor, dem Gebirge zu, und bezogen Abends bei Berggieshübel
das Lager, welches die Oestreicher am Morgen verlassen hatten. Am 4. July 1809 bei Tagesanbruch, wurde aufgebrochen, wir bestiegen nun das Gebirge, auf der Straße nach Altenburg zu. Nach einigen Stunden entspann sich ein Gefecht mit der Arriergarde[62] des Feindes, doch dies war von kurzer Dauer und endigte mit dem Rückzug des Gegners, der in den Böhmischen Wäldern verschwand. Ein feindlicher Landwehrmann wurde gefangen. Bei inmittelst eingetretenem Regen gelangten wir nach Altenburg, wo das ganze Jäger-Bataillon in den Räumen des Schützenhauses untergebracht wurde. Die Kleider bis auf die Haut durchnäßt, mußten am Leibe wieder trocken werden. In der Abenddämmerung fiel auf einmal ein Kanonenschuß, der uns in Allarm setzte, doch blieb nachher Alles ruhig. Mein Lager schlug ich auf den bloßen Dielen auf, als Kopfkissen den Czakot, die Waffen in der Hand. Um Mitternacht wurden wir
aufgeweckt, indem die Nachricht einging, daß der Feind in einem nahen Dorfe plündere. Sofort ward eine Abtheilung Jäger zur Patrouille dahin kommandirt, indessen kam man zu spät. In wenigen Stunden, als es Tag wurde, setzten wir den Marsch eine Strecke, hart an der böhmischen Grenze, nach Frauenstein, ohne vom Feinde etwas zu sehen fort, wo wir nach Mittag eintrafen. Hier bezogen wir einige Scheuern, um nöthigenfalls gleich formirt werden zu können, allein es gab hierzu keine Veranlassung. Ich bestieg das dort vorhandene alte Schloß, von dem man eine gewaltige Aussicht hat. Den 6 July 1809. wie immer, bei Tagesanbruch, setzten wir, abweichend von Böhmen, bei beschwerlichem Wege den Marsch über Berg und Thal fort bis nach Olbernhau, welcher Ort in einem Kessel des Gebirges liegt. Hier mußte ich auf Piket, welches auf einer Wiese Posto faßte. Zum ersten mal versuchte ich dort Eier mit Fleisch zu backen, was, nach meinen
hungrigen Begriffen vortrefflich gerieth. Die Nacht war aber sehr kühl und daher etwas unbehaglich; denn es hatte gereift.
Den 7ten bewegten wir uns in der Richtung nach Marienberg zu, wo wir, die Jäger, bei den Bürgern einquartiert wurden.
Den 8ten ging der Marsch nach Böhmen zu, dessen Grenze wir in der Gegend von Sebastiansberg überschritten. Hier überraschte mich die herrlichste Aussicht, die ich zu beschreiben versuchen will. Ich befand mich auf dem Puncte, wo die Straße ziemlich steil abwärts lief, das Gebirge sich rechts und links trichterförmig öffnete und gerade aus der Blick frei über eine, mir gewisserMassen zu den Füßen liegende unabsehbare Ebene mit vielen Dörfern und Städten schweifte, die gerade zu der Zeit in den freundlichsten Farben prangte. Ueber diese Fläche hinweg, dachte ich mir, liegt Prag, wohin meiner Meinung nach der Marsch ging. Dort glaubte ich die Stelle zu sehen, wo im 7jähri-
gen Kriege, Schwerin seinen Tod fand, wo die Oestreicher durch den Hunger auf das Äußerste gebracht, nahe daran waren, sich ergeben zu müssen und wo vielleicht noch Rudera von den Stellungen vorhanden waren, welche die Belagerungs-Truppen inne gehabt hatten. Wäre damals Prag erobert worden, so würde vielleicht der siebenjährige Kampf nicht nöthig gewesen und somit viel Blutvergießen, Noth und Verwüstung vermieden seyn. Dies waren so etwa meine Gedanken, indem ich der Berg herunter stieg, und wir mochten etwa ein paar Stunden fortmarschirt seyn, da gelangten wir vor die böhmische Stadt Commotau. Hier kam uns eine Daputation des Magistrats entgegen und überreichte dem Kommandanten des Corps die Schlüssel der Stadt zum Zeichen der Unterwerfung. Wir, die Jäger rückten dann ein, wurden aber nicht einquartiert, sondern mußten uns auf dem geräumigen Marktplatze lagern, wohin die Bürger, nach Maasgabe der Anzahl Leute
die laut Billet bei ihnen ins Quartier gelangt worden wären, Lebensmittel zur Stelle bringen mußten. Sie schleppten nun Tische, Tafeln, Stühle und Bänke heran, setzten ihre Gaben darauf und wir hielten im wahren Sinn des Wortes, offene Tafel. Sie mußten auch Tabak liefern, und einzelne brachten sogar Wein, welcher jedoch von schlechtem Geschmack war. Die Anstalten, welche gemacht wurden, ließen vermuthen, daß der Feind nicht fern sey, obgleich ich von dem oben bezeichneten Puncte nichts Verdächtiges bemerkt hatte. Wir trieben uns nun auf dem Platze umher, und mancher legte sich auch nieder; sich weit zu entfernen war verboten. So kam endlich der Abend heran, und es wurden etwa 30 Jäger zur Patrouille commandirt, unter denen auch ich mich befand. Einen Boten an der Spitze, zogen wir in der Dunkelheit aus und gelangten nach 2 Stunden vor eine kleine Stadt, Namens Seestedt. Nachdem wir uns überzeugt hatten,
daß sie vom Feinde nicht besetzt war, ward der Bote auf seine Bitte entlassen, und wir rückten ein, unvorsichtig genug, die Eingänge des Ortes nicht vorher zu besetzen. Auf die Frage, wo der Bürgermeister wohne? zeigte man uns dessen Haus, und wir gingen dahin. Eine Magd öffnete uns die Thür und sagte, ihr Herr befinde sich auf dem Ratskeller. Dahin begaben wir uns, und überraschten den Hz Bürgermeister beim Kartenspiel mit einigen andern Bürgern. Die Herren machten große Augen, als sie eine Anzahl feindlicher Soldaten sahen, an die sie vorher gar nicht gedacht zu haben schienen. Die Spieler wurden nun festgehalten und dem Bürgermeister wurde angedeutet, sofort an die Einwohner eine Aufforderung ergehen zu lassen, daß von jeder Familie ein gutes rein gewaschenes Hemde, binnen höchstens 2 Stunden, an uns geliefert werden müsse. Dies war der Hauptzweck der Patrouille, denn, wie man sich erin-
nern wird, war unsere sämmtliche Bagage in Weißenfels zurückgeblieben, und jeder hatte nur das Hemde, was sich damals auf dem Leibe befand, bei sich. Essen und Trinken mußte nun die Wirthin, eine Wittwe, herbeischaffen, und der Bürgermeister für die Zahlung garantieren. Es ward inmittelst beschlossen, die Kaiserlichen Kassen in Beschlag zu nehmen, und als der Vorstand der Stadt diese bezeichnet und noch bemerkt hatte, daß auch eine Kirchenkasse vorhanden sey, ward ich commandirt, mit 3 Jägern den Coup auszuführen. Der Wegweiser brachte mich vor ein Haus, in dem die Bewohner in tiefen Schlaf versunken waren und es dauerte lange, ehe sie munter geweckt werden konnten. Ich trat nun in das Kassenlocal und deutete dem Kassenmann an, mir sofort den Bestand der Kasse zu überliefern. Er war dazu bereit und zählte 15 Gulden auf, mit der Versicherung, das sey der ganze Geldvorrath.
Um mich näher zu überzeugen, mußte er mir das Kassenbuch vorlegen, und ich fand dann wirklich, daß nicht mehr vorhanden war. Es war noch dazu Papiergeld, was damals selbst in Oestreich wenig, in anderen Ländern aber gar keinen Werth hatte. In einer anderen Kaiserl. Kasse fand ich etwa 80 Gulden, und dann blieb mir nur noch übrig, der Kirchen-Kasse einen Besuch zu machen. Unter Blitz und Donner von einem herannahenden Gewitter, ließ ich mich zum Hause des Geistlichen führen, der die Kasse verwaltete. Nach langem Pochen an der Hausthür kam ein Frauenzimmer und frug nach dem Begehr; worauf ich verlangte, ihren Herrn zu sprechen. Dieser hatte den Lärm gehört, und kam uns entgegen, führte uns in ein Zimmer, und fragte sehr freundlich, was wir verlangten. Ich eröffnete ihm dann, daß er mir den Bestand der Kirchen-Kasse auszuliefern habe. Er versicherte, daß jetzt in dieser Kasse kein Geld vorhanden sey, die Abgaben an die Kirche würden nur einmal jährlich im Februar bezahlt,
und dann sofort das Geld an die Hauptkasse abgeliefert. Daß dies wirklich so sey, wolle er durch Vorlegung der betreffenden Quittung beweisen, was denn auch geschah. Inmittelst war das Gewitter herangerückt und der Regen fiel in Strömen, so daß der Platz vor dem Hause des Geistlichen in einen Teich verwandelt wurde, was man beim Leuchten der Blitze sehen konnte. Das Wetter zog bald vorüber, ich kehrte dann nach dem Rathause zurück und überlieferte das in Beschlag genommene Papiergeld dem Commandierenden. Die Lieferung der Hemden war dann bald beendigt, und es wurden davon mehrere, die schlecht schienen den Eigenthümern zurückgegeben. Es wurde nun ein Wagen requirirt, auf den die Hemden gepackt wurden; eins der besten behielt ich für mich zurück. Für die Zeche erhielt die Wirthin eine Anzahl Papiergulden, und wir traten dann den Rückzug an. Es mochte wohl 1 Uhr seyn, und wir trafen gegen 3 Uhr in Commotau wieder ein. Das erste Geschäft war
nun, daß ich das reine Hemde anzog und das alte einem Stallknecht in dem Hofe gab, wo ich mich umkleidete, der keine geringe Freude über das Geschenk hatte. Obgleich es bereits Tag geworden war, so legte ich mich doch noch auf mein Lager; denn nachdem ich die ganze Nacht ohne Schlaf zugebracht, hatte mich die Müdigkeit übermannt. Aber kaum war ich eingeschlummert, da ward auch schon wieder zum Antreten geblasen, und das Bataillon stellte sich marschfertig auf. Nun hieß es: der Marsch geht nach Marienberg zurück und dasselbe Kommando, welches in der verwichenen Nacht auf Requisition gewesen ist, macht eine Seitenpatrouille rechts der Colonne! Mein Wunsch, Prag zu sehen, wurde dem nach nicht erfüllt. Der Marsch ging nun zum Thore hinaus, und ich nahm mit dem Kommando die Richtung rechts, dem vorspringenden Gebirge zu.
Wir mochten so etwa 1 Stunde fortgerückt seyn, da sahen wir vor uns ein Städtchen, Namens Jerkau, und darüber,
auf einem Vorberge, ein stattliches Schloß liegen. Das letzte beschlossen wir zu besuchen. Bei der Stadt angelangt, kamen die Einwohner aus der Kirche; denn es war Sonntag den 9ten July 1809. An neugierigen Gaffern fehlte es nicht; allein wir achteten weiter nicht darauf, und setzten den Marsch fort, nach dem Schlosse zu. Der Berg, auf dem es lag, war hoch und steil, allein der Fahrweg dahin war im Zickzack angelegt und daher nicht schwierig zu ersteigen. Als wir auf den Schloßhof gelangten, war alles tod, es ließ sich keine lebendige Kreatur blicken. Nach einigem Warten kam ein alter, aber gut angezogener Mann zum Vorschein, der sich uns als der Burggraf, /: Castellan :/ des Schlosses vorstellte und zugleich frug, was wir verlangten. Da er diese Frage unter Beobachtung der Höflichkeit that, so waren wir wieder höflich, und ersuchten ihn, 6 Stück gute Hemden und einige Erfrischungen zu liefern. Er war sogleich bereit, dieserhalb das Nö-
thige anzuordnen, und ging in das Schloß zurück. Während dem hatten sich die Jäger auf dem Schloßhofe, die verschiedenen Gegenstande beobachtend, zerstreut und trieben dabei allerley Kurzweil, wie dies junge Leute zu thun pflegen. Dieses Geräusch mochte die Schloßzofen neugierig gemacht haben, und es währte nicht lange, da ließen sich ein Paar oben auf einer Galerie blicken. Einer der Jäger. ein lustiger und auch sonst gewandter Kerl, sagte ihnen sofort einige Artigkeiten und lud sie ein, herunter zu kommen, sie hätten nicht die mindeste Unart von ihm und seinen Kameraden zu befürchten. Die Dirnen zogen sich nicht zurück, schienen vielmehr nach ihren freundlichen Gesichtern zu schließen, über den Antrag des Jägers nicht einmal entrüstet zu seyn und nach kurzer Zeit erschien mehr Dienstpersonal beiderley Geschlechts. Einer der übrigen Jäger hatte eine Flöte bei sich, er setzte sie zusammen und begann zu blasen, wonach die anderen unter
sich tanzten. Der lustige Jäger animirte die Frauenzimmer immer fort, herunter zu kommen, und da er ihnen wohl ansehen mochte, daß sie nicht abgeneigt dazu waren, so stieg er rasch die Treppe in die Höhe, faßte eins der auf der Flucht begriffenen Mädchen und brachte solches trotz des Widerstrebens herunter. Nun mußte der Flötist einen lustigen Tanz aufspielen und das Drehen unter freiem Himmel ging ins Zeug. Die sich erst entfernten Dirnen kamen wieder zum Vorschein und nicht lange, so wurden sie von anderen Jägern herunter geholt zum Tanze. Während dem kam der alte Burggraf mit den Hemden, so wie mit Brod, Butter, Braten und mehreren Flaschen Wein an, und wir langten nun tüchtig zu. Der Aufenthalt auf dem Schlosse hatte länger gedauert, als dies, der Ordnung nach, hätte seyn sollen, um mit der Haupt-Colonne in gleicher Höhe zu bleiben, und wir beeilten uns dann, weiter vorzurücken. der Abschied von dem alten Burggraf und
auch von den übrigen Bewohnern war freundlich, und Ersterer bemerkte dabei, den Besuch solcher Feinde ließe man sich gerne gefallen. Als wir den Schloßberg herunter gingen, wurden die Hemden näher besichtigt und es fand sich, daß die Hälfte schlecht war. Diese machten wir dem uns führenden Boten zum Geschenk, der sich nicht wenig darüber freute. Am Fuße des Berges angelangt, wandten wir uns rechts und gelangten über Berg und Thal und immer im Walde, nach mehreren Stunden zu einem Dorfe, in dem wir Halt machten. Am vorigen Tage einen weiten Marsch gemacht, Nachts nicht einen Augenblick geschlafen und heute bey beschwerlichen Wegen, großer Hitze etc. bereits wieder weit marschirt; - das war zu viel und wir beschlossen daher in diesem Dorfe einen Wagen zu requiriren, was uns dann auch nach vielen Mühen und Drohungen gelang, um abwechselnd fahren und dabei unsere Knochen etwas ausruhen zu können. Nach ein paar Stunden
gelangten wir wieder in ein böhmisches Dorf, was nahe an der sächsischen Grenze lag. Bei unserem Herannahen flohen die Einwohner mit Betten und anderen Sachen, die fortgetragen werden konnten, in den nahen Wald, aus unnöthiger Furcht vor Plünderung, woran wir übrigens nicht dachten. Von dem letzten Dorfe bis zur sächsischen Grenze folgte uns ein Haufen Bauern, an der Spitze ein Förster mit einer Flinte auf dem Rücken, nach, wahrscheinlich um uns, so nöthig den Wagen wieder abzunehmen, doch hielt sich der Trupp immer in ziemlicher Entfernung von uns. Endlich gelangten wir an die Grenze, die ein Bach bildete, über welchem eine Brücke lag. Der Ort war halb sächsisch und halb böhmisch, die Häuser wurden blos durch den Grenzbach geschieden; wie es heißt weiß ich nicht mehr. Auf sächsischer Seite, nahe der Brücke, lag ein Wirthshaus, bei diesem machten wir Halt und ich ging mit einigen Jägern hinein und bestellte,
gekochte Eier für uns zu bereiten worauf ich in der Gaststube wartete. Da kam ein Jäger herein und nöthigte mich und die Uebrigen heraus zu kommen, indem sich eine Anzahl Bauern in der Nähe gesammelt hätten, die vielleicht etwas Böses im Sinn hätten. Sorglos wie ich war, folgte ich dem Rufe nicht sogleich; aber bald kam wieder ein Jäger mit der Nachricht, daß die Leute immer näher rückten. Nun säumten wir nicht zu folgen, und in der Entfernung von etwa 50 Schritten standen an 100 Mann, voran der alte Förster mit der Flinte, die er jedoch umgehangen hatte. Wir ordneten uns sogleich in Reihe und Glied, fertig zum Angriff. Der Förster mußte näher treten, und als er gefragt ward, was sie Bauern wollten, sagte er, sie wollen den Wagen welchen wir aus dem vorigen Dorfe requirirt hatten, wieder haben. Es wurde dem Waidmann erwiedert, daß er hier nicht zurückgegeben würde, wohl
aber in Marienberg. Da sie damit nicht zufrieden waren und Mine zu machen schienen, ihn mit Gewalt zu nehmen, so wurde „fertig“ commandirt, aber in dem Augenblick, wo das Knackern unserer Büchsen beim Aufziehen der Hähne hörbar wurde, stoben die Bauern auseinander. Der Förster welcher nur allein stehen blieb, kam als College mit einer tüchtigen Strafpredigt und einem Schub im Rücken davon. Nachdem wir die Eier in dem Wirthshause verzehrt, auch uns sonst noch restaurirt, aber alles bezahlt hatten, brachen wir wieder auf und langten gegen Abend in Marienberg an. Hier wurde der Wagen dem Eigenthümer zurückgegeben, und es bezog dann jeder das Quartier wieder, was er am Morgen des vorigen Tages verlassen hatte. Hier legte ich mich, den Czakot unter dem Kopfe, auf eine Bank, schlief sofort ein und blieb auf derselben Seite, auf die ich mich gelegt hatte, ruhig liegen bis zum anderen Morgen um
7 Uhr. Es waren in der That sehr anstrengende Märsche gewesen, die wir in den letzten Tagen gehabt hatten, und es stellte sich, in Rücksicht meiner, wieder heraus, daß ein Körper, der von früher Jugend an, an Anstrengungen gewöhnt wird, diesen später trotzt denn ich fühlte mich bei dem Weitermarsch von Marienberg durchaus nicht ermüdet.
Vom genannten Orte marschirten wir am 10 July 1809 ab, über Berg und Thal, nach Chemnitz, wo Nachtquartier gemacht ward. Am nächsten Tage erreichten wir Zwickau und passirten ein Dorf, was circa eine Stunde lang war. Gleichzeitig regnete es den ganzen Tag ohne Aufhören, so daß wir völlig durchnäßt in den Quartieren anlangten. Die Kleider konnten nicht gewechselt werden und mußten also auf dem Körper trocknen. Am 12ten gingen wir bis Zellerode und den 13ten vereinigten wir uns wieder mit dem Haupt-Corps und bezogen ein Lager bei Schleiz, in vortheilhafter Stel-
lung auf einer Höhe, die Front nach Böhmen zu gerichtet.
Die ersten Truppen vom Corps, die wir trafen, waren die sächsischen Husaren, mit denen wir früher die Avantgarde gebildet und das Gefecht bei Marbach bestanden hatten. Als sie uns wieder sahen, gaben sie ihre Freude zu erkennen, und riefen: da kommen unsere braven Jäger. Auch wir freuten uns und gaben ihnen dies zu erkennen. Ich habe im Laufe meines Lebens die Erfahrung gemacht, daß man zu denen, mit welchen man ungewöhnliche Gefahren bestanden hat, eine Zuneigung gewinnt, die herzlicher ist als gewöhnliche Freundschaft. So war dies mit den sächsischen Husaren, es waren eben so gewandte als tapfere Militairs, und mochten auch von uns eine gute Meinung gefaßt haben. Als man uns im Lager den Platz angewiesen hatte, bauten wir Hütten so gut es gehen wollte. Nun war aber die Hauptsache: Lebens-
mittel zu erlangen, um den Hunger zu stillen. Reis und sonstige Gemüse bekamen wir geliefert, aber Fleisch kam nicht, und doch war uns dies am meisten Bedürfniß. Es erbot sich nun ein Jäger in ein nahe liegendes Dorf zu gehen, um vielleicht eine Huhn zu fangen oder sonst etwas fleischliches aufzutreiben. Ich ging inmittelst hinter die Linie der Infanterie, wo die Cavallerie aufgestellt war, hauptsächlich darum, um vielleicht meinen Freund den Leutnant Trinius, dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird, aufzusuchen. Es gelang mir auch und wir gingen miteinander vor der Linie der Cavallerie hin, bis wir zum rechten Flügel derselben gelangten, wo die Garde da Corps ihren Platz hatte. Von diesen waren mir einige aus früherer Zeit bekannt. Auch hatte ich gehört, daß die Söhne des nunmehr zu Halle gestorbenen Justiz-Rathes Hirsch bei diesem Truppentheile ständen, weshalb ich einen meiner Freunde darüber befrug. Er sah sich um und sagte,
da ist gleich einer davon, und er rief ihn heran. Indem ich ihm sagte, daß er der Schwager meiner Schwester und ich demnach mit ihm verwandt sey, befanden wir uns bald in freundlicher Beziehung gegen einander, und wir gingen zusammen um seine beiden Brüder aufzusuchen, die wir dann auch bald fanden. Der welchen ich zuerst fand, hieß Gustav, die anderen beiden Gottwald und Eduard. Letzterer lebt, so viel ich weiß jetzt 1853 noch, die übrigen beiden sind in Rußland geblieben, und werde ich später darauf zurückkommen. Bei meiner Rückkehr in das Lager, war der erwähnte Jäger zurückgekommen und hatte ein Huhn mitgebracht. Dies hatte er in dem Dorfe auf eigenthümliche Weise gefangen. Einige holländische Soldaten setzten nehmlich einem Huhn nach, welches in der Angst in einem Holzstoße, hinter welchem der Jäger zufällig stand, sich zu verbergen suchte. Die Holländer kamen ihm nach und
begannen von der entgegen gesetzten Seite unter dem Holze zu stacheln um es zu fangen. Das Huhn kroch aber darin weiter und kam da ans Ende, wo der Jäger stand. Dieser säumte nicht, solches zu fassen, und nahm damit sofort die Flucht nach dem Lager zu, eine ganze Strecke von jenen verfolgt, die ihn jedoch nicht einholen konnten. Dies Huhn ward nun mit heißem Wasser in einem Feldkessel abgebrüht, vorgerichtet und dann mit einer Portion Reis gekocht, was eine gute Suppe gab. Noch ehe es gar war, fingen auf einmal die Kanonen am rechten und linken Flügel an zu feuern, und da man die ganze Gegend vor uns auf mehrere Tausend Schritte übersehen konnte und da kein Feind zu sehen war, so ließ sich keine Ursach denken, was dies Kanonenfeuer, welches nicht nachließ und das sogar, wie man an dem Rauschen der Kugeln hörte, scharf geschah, zu bedeuten haben möchte. Doch
bald erfuhr man es: es war ein Courir von der französischen Armee in Oestreich beim König Hyronimus, der sein Hauptquartier in Schleiz hatte, angekommen, mit der Nachricht, daß die Schlacht von Wagram gewonnen und nun ein Waffelstillstand abgeschlossen sey. Das Kanonenfeuer galt also dieser Nachricht. Nun war die Suppe gar, und wir begaben uns daran, sie zu verzehren. Indem wir uns in dieser angenehmen Beschäftigung befanden, kam unser Compagnie-Chef, und sagte, Jäger wir werden morgen wahrscheinlich angegriffen, ich bin der Ueberzeugung, daß Sie sich in diesem Falle brav halten werden. Waffenstillstand und angegriffen werden, ließ sich nicht wohl zusammen reimen, doch nahm ich die Mittheilung ruhig hin, und ließ mich in meinem Suppenessen nicht weiter stören. Es wurde endlich Abend, die Musik erklang
von allen Truppentheilen und wollte erst gar kein Ende nehmen; doch als es dunkel geworden war, ward alles ruhig und wir krochen in unsere Hütten, wo ich, das Gewehr im Arm, bald einschlief. Nachts, etwa um 12 Uhr, stieß einer den anderen an, unter der Mittheilung. daß sofort unter das Gewehr getreten und in der Stille abmarschirt werden solle. Ich stand sofort an meinem Platze, und nachdem alles geordnet war, gebot ein leises Kommando „Vorwärts Marsch“!
Wir bewegten uns nun statt vorwärts, dem Feinde zu, rückwärts in der Richtung nach Jena hin, in der möglichsten Stille, darüber grübelnd, was wohl die Veranlassung zu diesem Abzuge, wie die Katze vom Taubenschlage, gewesen seyn möchte. Ohne Aufenthalt marschirten wir, bei Kahla über die Saale gehend, 7 Meilen bis Jena, wo ich nebst 3 Jägern bei einem Bürger einquartiert wurde, in welches Haus nachher noch 12 Gre-
nadiere von der Garde gelegt wurden, doch in ein anderes Local. Ich hatte auf diesem angestrengten Marsche nur einmal, und zwar bei Kahla, Gelegenheit, ein paar Semmeln zu kaufen, außerdem habe ich nichts gegessen. Den 15ten setzten wir unseren Marsch nach Weimar fort. Hatte ich gestern die Gegend bei Saalfeld, wo im Jahre 1806 der ritterliche Prinz Louis von Preußen fiel, mit Betrübniß gesehen, so war dies in einem noch höheren Grade der Fall, als wir das Schlachtfeld bei Jena passirten. Die sonst tapfere, taktisch ausgebildete und gut disciplinirte Preußische Armee, wurde nur durch die Arroganz ihrer höheren Führer, unter denen keine Einigkeit herrschte und welche der altersschwache General en Chef nicht in den gehörigen Schranken zu halten verstand, ins Verderben gestürzt. Doch sie hat sich wieder ermannt, und die Thaten, welche sie in den Befreiungskriegen 1813 – 1815 verrichtete,
haben Alles wieder ausgeglichen. Wir langten nun in Weimar an. Der König nahm sein Hauptquartier im herzoglichen Schlosse. Wir mußten einige Male vor dem Schlosse vorbeimarschiren, während dem der König und die ganze herzogliche Familie auf dem Balkon herausgetreten war.
Ich dachte: ihr habt da leichtes Zusehen, aber wir armen Schlucker, wir sind ermüdet und hungrig, wir wünschen bald in das Quartier zu gelangen. Letzteres wurde uns denn auch zu Theil. – Am 16ten ging der Marsch bis Erfurt. Hier ward uns ein Ruhetag verheißen. Am anderen Tag besuchte ich die Gegenstände, welche man mir als Merkwürdigkeiten bezeichnete. Hierunter war auch die große Glocke. Ich erinnerte mich, daß mir mein Vater einmal gesagt hatte, er habe diese Glocke auch gesehen und in dieselbe seinen Namen geschrieben. Ich bemühte mich, diesen aufzufinden, allein unter den Tausend ein gekritzelten Namens-
zügen, war er nicht mehr zu finden, was mir sehr leid that. Um Mittag wurde auf einmal Alarm geblasen, und wir versammelten uns vor dem Quartier des Königs. Nachdem wir uns hier in geschlossener Colonne aufgestellt hatten, kam ein Officier und ein Trompeter vom Corps des Herzogs von Oels, welche in das Haus geführt wurden. Ihr Aufenthalt war kurz, was ihr Begehr gewesen, erfuhr man nicht, indessen mochte es doch wohl den freien Durchzug durch Westphalen betreffen. Statt in Erfurt den Ruhetag zu vollenden, marschirten wir noch an demselben Tage bis Gotha, am nächsten nach Kreuzburg. Als wir Eisenach passirten, sah ich auf einmal einen alten Bekannten, den Amtmann Neubauer, an der Straße stehen, worüber ich mich sehr freute, und von dem ich erfuhr, daß er seit Kurzem in der Gegend ein Gut gepachtet habe. Von Kreuzburg ging der Marsch bis Velmer und
von dort nach Cassel, wo wir am 20 July 1809 wieder eintrafen. Seit dem 4ten May, an welchem Tage wir von dort abrückten hatten wir einen ziemlichen Landesstrich von Deutschland durchzogen und auch Böhmen besucht. Ich sah auf diese Weise ohne erhebliche Reisekosten, manchen anmutigen Punct, worunter jedoch der, welchen ich bei unserem Einmarsch in Böhmen beschrieben habe, obenan steht.
Nach einigen Tagen traf denn auch unsere Bagage ein, und ich fühlte mich sehr erfrischt, als ich das inmittelst wieder sehr schwarzwäschig gewordene böhmische Hemde mit einem reinen wechseln konnte. In Cassel ging nun sofort das Putzen und Schniegeln wieder los, und als Alles proper gemacht war, reisten Appell, Parade, Wachen, Exerciren etc. nicht ab. Jeden Sonntag paradirten wir nur allein auf dem Platze vor dem Schlosse,
und Hyronimus musterte uns allemal selbst, ein Zeichen, wie man uns sagte, daß er uns wegen des gut bestandenen Gefechts in Sachsen, sehr in sein Herz geschlossen habe. So ging es fort, und eines Tages wurde ich bei dem Prinzen von Philippsthal auf Ordonnanz kommandirt. Gegen Mittag kam auf einmal der nach dem Gefechte vermißte Jäger Mork, dessen ich früher erwähnt habe, frisch und gesund an, um sich beim Prinzen zu melden. Ich begab mich zu diesem, der sogleich befahl, den Ankömmling ihm vorzuführen. Mork sagte nun bei militairischem Anstande: Eur. Durchlaucht ich melde mich zum Wiedereintritt in das Bataillon. Woher kommen Sie, und wo haben Sie sich so lange herumgetrieben? frug der Prinz. Jener erwiederte: Wir, Zielfelder und ich, hatten uns in dem Lager an dem bewußten Dorfe verspätet und wurden von den Oestreichern überrascht. Wir setzten uns zur Wehr, allein
Zielfelder ward bald in Stücke gehauen und ich wurde überwältigt und gefangen nach Eger gebracht, von woher ich jetzt komme. Der Prinz glaubte diese Meldung und befahl mir, dem Chef der Kompagnie, wobei Mork früher gestanden, zu sagen, daß derselbe wieder eintreten könne. Nach etwa 8 Tagen kam auch Zielfelder frisch und gesund an, und meldete sich bei dem Prinzen, indem er wie er sagte, ebenfalls in Eger gefangen gewesen und nun entlassen sey. Mork wurde nun zum Prinzen gefordert, und indem er bei ihm eintrat, war Zielfelder in ein Nebenzimmer gewiesen. Mork mußte nun den Hergang in Betreff des letzteren nochmals erzählen, und er blieb bei dem ersten Vortrage stehen, nämlich, daß jener in Stücke gehauen worden sey. Nun ward Zielfelder vorgeführt und dem Mork gegenübergestellt. Ist das Zielfelder frug der Prinz, „Ja Eur. Durchlaucht.“ Sie sagen doch, er sey in Stücke gehauen. Eur. Durch-
laucht, ich erstaune selbst, daß ich ihn hier sehe, aber bei Gott ist kein Ding unmöglich, er muß die Stücke wieder zusammengesetzt haben. Der Prinz, sonst stets ernst, konnte dem Lachen nicht widerstehen, und ließ, in seiner Gutmüthigkeit, Zielfelder ebenfalls in die Compagnie eintreten.
So verging die Zeit in militairischen Beschäftigungen bis Anfangs September, da mußte ich, mit etwa 9 Jägern, die Wache am Auenthore beziehen. Es mochte wohl Nachts um 2 Uhr seyn, da rief die Schildwache vor dem Gewehr „Heraus“! Ich stürzte mit den übrigen hinaus, ließ sofort unter Gewehr treten, und bemerkte dann, einige Schritte vor der Front, einen höheren Officier. Er trat näher und ich erkannte in ihm den General Lepel. Er sagte, es wird morgen früh marschirt, und befahl mir die Officiere sogleich davon in Kenntnis zu setzen, was denn auch auf der Stelle geschah.
Das Unangenehmste war mir daß er nicht sagte, wohin! und ich zerbrach mir den Kopf mit Vermutungen; aber dabei blieb es auch. Alles war nach Anbruch des Tages in Bewegung, Officier und Jäger liefen durcheinander, um dies und jenes noch zu besorgen, aber keiner wußte, aus welchem Thore es gehen würde. Ich hatte als bestimmt vorausgesetzt, daß ich mit meiner Wache gleich abgelöst werden müßte, allein die Jäger marschirten ab und meine Ablösung erfolgte nicht. Ich schickte zum Kommandant und ließ ihn ersuchen, er möchte doch meine Ablösung befehlen, und obgleich er mir sagen ließ, es sollte bald geschehen, so kam die neue Wache doch erst an als meine 24stündige Wachzeit verstrichen war. Bei der Ankunft in meinem Quartier erfuhr ich dann erst, daß das Bataillon in der Richtung nach Hannover zu abmarschirt, und die Stadt Göttingen die erste Etappe sey, wohin ich so schnell als möglich
nach zu folgen habe. Ich marschirte denn etwa um 3 Uhr Nachmittags mit meiner Mannschaft von Cassel ab, und da Goettingen von Cassel 5 Meilen entfernt ist, so traf ich Morgens um 3 Uhr erst dort ein. Es rüstete sich bald Alles zum Weitermarsch, daher an Schlaf nicht zu denken war. Seit 2 Tagen und 2 Nächten den Schlaf entbehrt, ward mir der Marsch nach Einbeck ziemlich beschwerlich, doch es half nichts und ich mußte mit den Uebrigen gleichen Strich halten. In Einbeck machten wir Nachtquartier; indessen hatte ich mir in Folge der Anstrengung, auch wohl der Erkältung, einen Durchfall zugezogen, der mir in der Nacht wenig Ruhe ließ. Am anderen Tage wurden Wagen requirirt, auf denen wir vertheilt wurden. Bei meinem Zustande war mir dies nicht einmal lieb, denn ich wurde oft genöthigt abzusteigen, was immer mit Aufenthalt
verknüpft war. Ueberdies regnete es noch den ganzen Tag. Einmal als ich vom Wagen stieg, fiel ich auf dem schmutzigen Weg mit den Händen bis an die Ellenbogen in eine Pfütze, wodurch meine Aermel völllig mit dickem kothigem Schlamm bedeckt wurden, den ich auch erst wieder abwaschen konnte, als wir Abends um 11 Uhr in Hannover ankamen. Dort bekam ich indessen ein gutes Quartier, und weil wir einige Tage Ruhe hatten, so erholte ich mich bald wieder. Die erste Excursion galt nun der Besichtigung der Stadt, allein sie fiel wenig befriedigend aus, indem Merkwürdigkeiten in Hannover nicht vorhanden sind.
Ein Gang auf der Straße nach dem Lustschlosse Herrnhausen, die mit 4 Reihen colossaler Linden bestanden war, war sehr anmuthig. Herrnhausen selbst befand sich jedoch damals in einem wüsten verfallenen und überhaupt betrübten Zustande, der dabei befindliche, ziemlich geräumige Park, war ganz vernachlässigt, hohes Gras stand in den Gängen,
ein Springbrunnen war ganz mit Moos bewachsen und theilweise äußerlich ruinirt, die Bäume theils im Absterben begriffen, theils ganz verschwunden und selbst ganze Strecken der Umfassungsmauer fehlten. Das einzige, was noch einiges Interesse gewährte, war eine Ananastreiberey. Von wem diese erhalten wurde, habe ich nicht erfahren. Daß hier ehemals Pracht und überhaupt Ordnung gewaltet hatte, war noch in mancher Hinsicht zu erkennen, die Vernachlässigung hatte wahrscheinlich von der Zeit an begonnen, als der Kurfürst Georg Ludwig auf den englischen Thron erhoben wurde, damals 1714., und es mag dann in dem Zeitraum von einem Jahrhundert der gänzliche Verfall sucessive erfolgt seyn. Alles ist vergänglich, doch glaube ich daß Herrnhausen jetzt, da eine Hofhaltung in Hannover existirt, wieder in Flor gebracht seyn wird. Inmittelst war auch der König Hyronimus in der Stadt angelangt, und es wurden, auf Befehl
Vorbereitungen zu einer Illumination von den Bürgern etc. getroffen. Auch hatten wir am Abend freies Theater, und da ich weiter nichts zu thun hatte, besuchte ich solches. Das Stück welches gegeben wurde, weiß ich noch zu nennen, es war „die Reise nach Braunschweig“ von Knigge. Ich amüsierte mich dabei, denn es kam ein Grünrock, der Oberförster Dornbusch, darin vor. Nach dem Schauspiele durchschlenderte ich noch eine Weile die Straßen, um die Illumination in Augenschein zu nehmen, wobei ein Transparent in dem Fenster eines Schusters auffiel. Es befanden sich darin die Worte „Es lebe der König“. Welcher König gemeint war, war nicht zu sehen; doch glaube ich, daß es dem Könige von England galt. Nachdem wir 14 Tage in Hannover verweilt hatten, traten wir am 22ten September 1809. den Rückmarsch nach Cassel an, auf dem selben Wege, den wir gekommen waren, aber nicht weniger hastig.
In Nordheim, am 24ten, feierte ich meinen Geburtstag damit, daß ich eine Flasche Wein trank. Sonst passirte nichts auf dem Marsche, was der Erwähnung wert wäre, und wir langten am 26ten wohlbehalten in Cassel an. Bald nachdem wir dort eingetroffen waren, wurden mehrere Executions-Commandos[63], wegen ausgetretener Conscribirten[64], auf die Ortschaften in der Umgebung Cassels abgefertigt, und ich befand mich unter diesen, indem ich nebst einem Mann in das Dorf Haide gelegt ward. Wir quartierten uns bei den Familien ein, aus denen ein Conscribirter entflohen war, und blieben unter guter Bezahlung und Beköstigung so lange dort, bis der Entflohene zurückkehrte. Dies war ein faules und zugleich langweiliges Leben, denn eine passende Conversation fehlte gänzlich, da nur ein schlichter Schulmeister vorhanden war
und der Pastor auf einem entfernten Dorfe wohnte. Endlich kehrte der Refrectair[65] zurück, und ich allein ward hier nächst auf ein an der Paderborner Grenze liegendes Dorf verlegt, und da in dem Gasthofe einquartiert. Dort wohnte ein Pastor und ein Privat-Rentmeister, Mit Letzterm ging ich auf die Jagd und mit der Familie des erstern ward ich nach und nach befreundet. So oft es anging, wurde dort eine Partie L’hombre gemacht, woran auch die Frau Pastorin theilnahm, die ziemliche Uebung resp. Fertigkeit darin hatte. Es war mir übrigens interessant, daß die Schwiegermutter des Rentmeisters, eine betagte Dame aus der Zeit des 7jährigen Krieges zu erzählen wußte. So versicherte sie auch unter andern, daß die bei Roßbach geschlagenen Franzosen noch durch das Dorf geflohen seyen, wo sie gewohnt habe, und daß diese, wenn die Preußen erwähnt worden, in
große Furcht geraten wären. So wechseln unter den Nationen die Verhältnisse; die Franzosen wetzten 1806 die Scharte bei Jena aus, allein Preußen ermannte sich und in den Jahren 1813 – 1815. zeigte es Jenen, was ein Volk vermag, das durch schwere Bedrückung zur Rache aufgestachelt wird. Wer die Behandlungsweise der Franzosen in den Jahren 1806 und folgende gegen die Einwohner der eroberten Länder und deren Obrigkeit nicht beobachtet hat, kann sich keine Idee davon machen, wie sie mit der größten Höflichkeit, bei welcher jedoch Ironie und nach Befinden Gewalt stets durch schimmerten, Alles was sie brauchten und wünschten, zu erlangen verstanden.
Nun wieder weiter in der Erzählung. Nach einiger Zeit stelle sich der ausgerissene Conscribirte und ich wurde denn bald nach Cassel zurückberufen. Dort wechselten Paraden und
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Kamaschendienst[66] miteinander ab, bis Anfangs December,
wo ich um Urlaub anhielt und diesen auch auf 4 Wochen bekam. Trotz des
ungünstigen Winterwetters trat ich die Reise, versteht sich zu Fuß, in meine
Heimat an, und ich kann wohl sagen, in froher Stimmung, indem ich dem
Widersehen meiner Angehörigen und Freunde entgegen ging. Am Abend des 3ten
Tages traf ich auf einem Vorwerke, welches zur Domaine meines Geburts-Orts
gehörte, ein. Dies bewirthschaftete mein Jugendfreund, der jetzige /: 1854 :/
Oberamtmann Hecht für seinen Vater, den Kammerrath Hecht. Außerdem erlernte
mein jüngster Bruder dort die Oeconomie und es befand sich auch daselbst noch
ein Inspector, ein immer heiterer Mann. Mit diesem lebenslustigen Kleeblatt
hatte ich früher manche frohe Stunde verlebt, und daher beschloß ich gleich
beim Abgange von Cassel, diesen Ort meiner Heimat zuerst zu besuchen. Vor
Jahrhunderten war hier ein Kloster gewesen, wovon noch ein Gebäude vorhanden war, ein großer durch und durch massiver Koloß. In diesem befand sich nur ein einziges bewohnbares Local, bestehend in einer kleinen Stube und einer wenig geräumigen Kammer, welches die fragliche Gesellschaft benutzte. In der Kammer standen 4 Betten, wovon eins ein Gastbette war, was ich bei meinen Besuchen, in Beschlag nahm. Kam aber mehr Einkehrung, so blieb nichts übrig, als daß zwey in einem Bett schlafen mußten, was in damaliger Zeit als etwas ganz Gewöhnliches betrachtet wurde. Das Wohnzimmer mit geweißten Wänden, war spärlich mit Meubeln ausgestattet, wo fast jedes Stück in Material und Form anders war. Das Hauptstück davon bestand in einem alten Klavier was übrigens gut gestimmt war und dessen Ton uns damals vollkommen genügte. Mein Jugendfreund spielte das
Instrument mit ziemlicher Fertigkeit; wir begleiteten ihn bei geeigneten Stücken so gut wir konnten, und zwar: der Inspector und ich mit Gesang und mein Bruder auf der Geige. Ohne Begleitung trug mein Freund auch zuweilen größere Meisterstücke vor wovon ich mich noch der Oper „Eleonore“ recht gut erinnere. Doch ich schweife zu weit von meiner Erzählung ab, und knüpfe daher den Faden wieder an.
Ich langte also in der Dunkelheit vor dem grauen Hause, /: so wurde der alte Klumpen genannt :/ an, ohne daß mich Jemand bemerkt hätte. Eine Hausthür war im Eingang gar nicht vorhanden, wohl aber eine Treppenthür. Ich stieg eine alte Treppe hinauf und gelangte in eine Art Vorgemach, was immer offen stand. Im Wohnzimmer ging es ganz lustig zu und ich freute mich schon auf die Ueberraschung. Unentschlossen, ob ich anklopfen oder sofort eintreten sollte, zö-
gerte ich einige Zeit. Da fiel mir ein, daß der Spaß vielleicht größer werden würde, wenn ich den Inspector herausrufen ließe, und mit diesem ein absonderliches Maneuver verabredete. Ich ging nun die Treppe wieder herunter und in die gleich nebenan belegene Wohnung der Wirthschafterin, einer alten Matrone, die ich schon seit vielen Jahren kannte und mit der ich noch dazu weitläufig verwandt war. Bei meinem Eintritt machte die alte Dame große Augen; doch bald erkannte sie mich und rief: I Herrje! Herr Vetter! wo kommen sie denn so spät her? Nachdem ich ihr kurz das Nöthige mitgetheilt hatte, bat ich sie, eine Person zum Herrn Inspector zu schicken, mit der Bitte, er möge doch herunter kommen, es wünschte ihn jemand zu sprechen. Dies geschah denn auch, und ich ging nun mit ihm wieder hinauf bis vor das Wohnzimmer. Hier machte er den Vorschlag, daß ich auf seinem Rücken hocken möchte, und er würde
mich auf diese Weise den Uebrigen vorstellen. Anfänglich weigerte ich mich dies zu thun, mit der Bemerkung, daß ich ihn zu Mus drücken würde; allein es half nichts, ich mußte mich fügen, kletterte auf seinen Rücken und ritt so in das Zimmer hinein. Nun brach bald ein Halloh aus, und ich erfreute mich eines freundlichen Willkommens von allen Seiten. Nachdem der erste Rausch der Freude vorüber war, ward bald zum Abendessen geschritten, und es verging der Abend bei einer Bowle Punsch von ächtem Rum, /: denn solche Schmiererey[67], wie jetzt damit vorgenommen wird, kannte man damals nicht :/ in traulicher Unterhaltung, wobei der Vortrag meiner Erlebnisse keine kleine Rolle spielte. Noch muß ich mich hier ein wenig bei einer Sage verweilen, die in der Gegend, von der ich erzähle, umging und vielleicht jetzt noch umgeht. Sie betrifft den großen Jäger und Ritter von Hakelberg.
Eine kurze Strecke von dem Vorwerke, liegt ein isolirtes Wirthshaus, der Klöpperkrug genannt. In dem dortigen Garten liegt Hakelberg mit seiner Frau begraben. Ein Helm von ihm und ein Halspanzer von seinem Esel, beides von Eisen, werden noch aufbewahrt. Auf dem Leichensteine des Ritters ist, wenn ich nicht irre, die Jahreszahl 1581 ausgehauen. Er sitzt auf einem Esel, das Gewehr umgehangen, der Hund an der Leine läuft nebenher. Von diesem Manne ist nun folgende Sage in der ganzen Gegend im Umlauf.
Auf einem Jagdzuge in die Wildnisse des Harzes, trifft er ein ungewöhnlich starkes wildes Schwein, dem er jedoch für den Augenblick nicht beikommen kann. Er kehrt nach Hause zurück. In der folgenden Nacht träumt ihm, er würde durch dasselbe große Schwein sein Leben verlieren. Am grauenden Morgen zieht er wieder aus nach der Gegend
zu, wo er gestern das Thier gesehen hatte. Beim Durchsuchen der Wildniß trifft er dasselbe, schießt und streckt es tod nieder. Verwundert über den Koloß, denkt er auch an den Traum und sagt zu sich selbst: durch dich habe ich sollen sterben, und du liegst nun da, unfähig anderen zu schaden. Er läßt das Schwein in seine Wohnung schaffen und macht sich daran, solches zu zerlegen. Die erste Arbeit, wenn man ein Schwein zerlegen will, ist die, daß ihm der Kopf abgeschlagen wird. Hiermit beginnt er denn auch das Werk. Er schneidet das Wildprett rings um den Hals herum bis auf den Knochen durch, nimmt ein Beil und schlägt damit den Halsknochen durch. Er will nun den Kopf beiseite legen, dieser, von bedeutender Schwere, entfällt seinen Händen, fällt auf die Erde und verwundet ihm im Fallen eins seiner Beine. Die Wunde scheint nicht gefährlich zu seyn, und er achtet daher wenig darauf, aber nach einigen Tagen
verschlimmert sie sich, der Brand schlägt hinzu und es erfolgt bald der Tod. Vor seinem Ende habe er erklärt, da ihm nicht vergönnt gewesen sey, hier auf der Erde das edle Waidwerk noch länger zu treiben, so wolle er dies nach seinem Tode fortsetzen, und so durchsteift er nun mit seinem wilden Herrn in dunkler Nacht die Lüfte, unter Blasen, Juchen und Hundegebell. In meiner frühen Jugend glaubte ich diese Sage, und vernahm die Thaten des großen Waidmannes immer mit Ehrfurcht.
Doch nun wieder zu der Erzählung. Die Zeit meines Urlaubs brachte ich im Kreise meiner Verwandten und Freunde äußerst vergnügt zu. Außer der Zuneigung, welche sie durchweg zu mir hegten, erschien ich ihnen auch schon als eine respectable Person, da ich feindliche Kugeln hatte pfeifen hören. Die letzten Tage des Urlaubs brachte ich bei einem Stiefbruder
dem Oberförster Schmidt in Friedrichshohenberg zu, wo freilich meine Heiterkeit durch den Umstand sehr herabgestimmt ward, daß mein älterer rechter Bruder dort an einer unheilbaren Krankheit laborirte, woran er auch nach einigen Wochen starb. Ich kehrte nun nach Cassel zurück, wo der Winter mit gewöhnlichen militairischen Beschäftigungen hingebracht wurde. In der That ward nach einigen Tagen beim Abend-Appell der Befehl bekannt gemacht, daß am nächsten Morgen um 7 Uhr das Bataillon mit Sack und Pack auf dem Friedrichs- Platze zum Abmarsch bereit stehen solle. Wohin derselbe gehe, wurde nicht gesagt, und ich konnte mir durchaus nicht zusammenreimen, was die Sache bedeuten solle. Das Bataillon stand wie natürlich zur bestimmten Stunde auf dem genannten Platze zur weiteren Disposition bereit. Es erschien
denn auch bald unser Chef, der Oberst Bergeron, der in die Stelle des in die Nähe des Königs gezogenen Prinzen von Hessen-Philippsthal, getreten war. Es war dies ein Franzose, der wenig deutsch sprach; indessen hatte er sehr viel Gutmüthigkeit in seinem Benehmen und wir gewannen bald Zutrauen zu ihm. Hier erfuhren wir denn den Zweck des Marsches, welcher darin bestand, daß wir dazu bestimmt waren die Stadt Göttingen einige Zeit zu besetzen, indem die dortigen Studenten sich etwas unruhig betragen hatten. Der Oberst ließ uns dies mitheilen, und bemerkte dabei, daß es sich hier nicht um ein hartes Einschreiten handle vielmehr sey diese Maasregel nur darum befohlen, um durch die bloße Anwesenheit von Militair in Göttingen, den Musensöhnen die Lust zu benehmen, einen ähnlichen Krawall zu versuchen. Auch seyen
wir, vermöge höchsten Befehls, zu dieser Excursion darum bestimmt, weil man sich nach Maasgabe unseres bisherigen Verhaltens überzeugt halte, daß wir uns dabei als ehrenhafte Soldaten zu benehmen wissen würden. Sehr schön, aber die Bezeichnung „Soldaten“ sagte mir nicht so ganz zu, ich hätte es lieber gesehen, wenn er „Jäger“ gesagt hätte. Doch nun wurde zum Abmarsch commandirt, und, unsere hübsche Hornmusik an der Spitze, zogen wir aus dem Leipziger Thor hinaus, am ersten Tage bis nach dem 3 Meilen entfernten Städtchen Dransfeld. Der Marsch am nächsten Tage bis Göttingen war nur 2 Meilen und wir trafen frühzeitig dort ein. Eine ziemliche Menge Einwohner, worunter auch Studenten, empfing uns beim Einrücken, und von Letzteren begrüßten Mehrere ihre Bekann-
ten unter den Jägern, was auch mich betraf, indem ein Verwandter von mir, mit Namen Götting, dort studierte. Ich bekam dann ein sehr gutes Quartier, in welches mich mein Vetter brachte. Wir standen in Göttingen etwa 2 Wochen, und ich fand den Aufenthalt dort sehr angenehm. Um die in der Umgebung liegenden Forsten kennen zu lernen, machte ich mit einigen gesinnungsgleichen Freunden Excursionen dahin, und fand manche interessante Bewirthschaftungs-Art. In einem Gemeinde-Wald fand ich eine Eichelsaat von circa 2. Morgen, die auf eigenthümliche Weise im Herbste vorher ausgeführt war. Der Platz schien beim ersten Anblick, als zur Grasnutzung bestimmt zu seyn, denn man sah weiter nichts als frisch aufsprossendes Gras. Ein gegenwärtiger Jäger, dessen Vater in der Nähe Förster war, machte mich aufmerksam darauf, daß die Fläche
mit Eicheln belegt sey, und bei genauer Untersuchung fand sich, daß diese Kultur auf folgende einfache Art ausgeführt war. Mit einer, wahrscheinlich schweren Hacke, war im rechten Winkel, mit zwei Hieben durch die dicke Grasnarbe gehauen und das dadurch gebildete Dreieck in die Höhe geklappt. In die dadurch entstandene Vertiefung waren dann 3 – 6 Eicheln gelegt und die Klappe wieder in die vorige Lage gebracht, weshalb eine Verwundung des Bodens so nicht sichtbar war. Die Eicheln lagen mindestens 3 Zoll tief, aber dennoch waren bereits viele Keime zu Tage getrieben. Ob diese Kultur gelungen ist, habe ich nicht erfahren können; wäre es aber der Fall, so würde diese Methode insofern zu beachten seyn, als die Vorbereitung des Bodens mit wenig Kosten verknüpft ist. – Wie ich oben bereits bemerkt habe, betrug unser Aufenthalt in Göttingen etwa 2 Wochen,
wir marschirten aber nicht nach Cassel zurück, sondern erst bis Homburg und dann nach Hersfeld an der Fulda. In Homberg blieben wir etwa 10 Tage stehen, während welcher Zeit militairische Uebungen, Wachtdienst etc. nur wenig vorkamen, ich also vielfach Zeit gewann, mit meinen Freunden zu verkehren. Dies waren, wie ich auch schon früher erwähnt habe, vorzugsweise von Stark und Häberlin. Diese hatten zusammen ihr Quartier bei einem Kaufmann, Namens Zikendrat, welches ein freundlicher und geselliger Mann war, der auch nebenbei gerne eine Partie Whist spielte, Indessen muß ich bemerken, daß Herr Zikendrat stark unter dem Pantoffel seiner Frau stand, weshalb er nur periodisch am Spiele Theil nehmen durfte. Indessen suchte er sich so oft als möglich von seinen Geschäften, die in der Handhabung eines schwunghaften Materialhandels bestanden, los zu machen, um mit uns zu spie-
len. Er schien sonst in guten Vermögens-Umständen zu seyn; denn er besaß, außer seinem hübschen Hause in der Stadt, auch einen großen Garten vor dem Thore mit einem freundlichen Gartenhäuschen. Eines Tages lud er meine beiden Freunde und mich dorthin ein, und wir säumten keinen Augenblick dieser Einladung zu folgen. Bei unserem Eintreffen war der Spieltisch bereits hergerichtet und es begann sofort der Kampf. Unser Wirth hatte auch von seinem besten Tabak mitgebracht, der ihm und mir /: meine Freunde rauchten beide nicht :/ zu einer Tasse Kaffee vortrefflich schmeckte. Cigarren kannte man damals in Deutschland beinahe nur dem Namen nach. Gegen Abend ward ein hübsches Mahl, bestehend in sogenannter kalter Küche servirt, und wir begannen tüchtig reinzuhauen, denn unsere noch jungen Mägen verspürten fast immer Hunger. Auf einmal stieg der Kaufmann eine kleine Treppe
in die Höhe, die auf den Boden des einzimmerigen Gartenhäuschens führte. Er kehrte bald mit einigen Flaschen und vier Gläsern zurück. Die Dienerin, welche den Tisch gedeckt hatte, war entlassen worden und man war geneigt anzunehmen, daß dies aus der Befürchtung geschah, sie möchte der Gattin hinterbringen, daß bei dem Soupee auch Flaschen und Gläser mitgewirkt hätten. Es wurde nun eine Flasche geöffnet und bald perlte ein schöner Madeira in den Gläsern. Einer armen Soldatenzunge ward dergleichen sehr sparsam geboten, und wir sprachen dem Rebensaft gehörig zu, so daß wir lustig und guter Dinge wurden. Erst spät in der Nacht kehrten wir in die Quartiere zurück. Am Tage vor unserem Weitermarsch genossen wir noch einmal ein ähnliches Vergnügen in dem erwähnten Gartenhause, und schieden in freundlicher Erinnerung an die verlebten Tage.
Inmittelst fällt mir noch ein Fall ein, der mir in Homberg vorkam
und welcher vielleicht für den Jäger auch sonst interessant seyn könnte. Ich ging mit einigen meiner Kameraden eines Sonntags aus, um die dort vorhandene Kirchen-Ruine zu besehen. Neben dem zusammengestürzten Mauerwerk der Kirche, stand der Thurm noch ziemlich erhalten. Um beides zu betrachten, hatten wir uns in einiger Entfernung auf einem Eichenblocke, der da zum Verzieren bestimmt lag, niedergesetzt. Einige andere Jäger kletterten auf dem Gemäuer herum und Andere gingen in die Thüre des Thurms und versuchten, die sich noch ziemlich erhaltenen Treppen hinan zu klimmen, um vielleicht oben einen hübschen Ausblick in die Umgegend zu genießen; denn der Thurm war bis an die obersten Schall-Luken doch wohl an 100 Fuß hoch. Auf einmal erschien in Letzterem ein durch das Gepolter aufgeschreckter Marder, der an der steinernen Einfassung einer der Luken in die Höhe klettern wollte, um in den obern Theil zu entfliehen. Er konnte indessen mit den Krallen in dem Steine nicht gehörig ein-
greifen, gerieth daher ins Fallen, kam aber gleichsam in der Luft schwebend, wobei er den Schwanz /: Rute oder Fasen :/ förmlich als Segel gebrauchte, langsam zur Erde nieder und ergriff dann sofort die Flucht. –
Doch nun wieder auf den Marsch. In Hersfeld ging unser bisheriger Kommandeur, der Oberst Bergeron, wieder ab und wurde Chef des 8ten Linien-Regiments. In dessen Stelle erhielten wir den bis dahin in Oestreichschem Dienst gestandenen Capitain von Rauschenplatt als Bataillons-Chef, mit dem Character „Oberstleutnant“
Beiläufig bemerke ich hier, daß in der damaligen französischen Armee, also auch in Westphalen, der Oberstleutnant in seiner Stellung mit der des Majors in der preußischen Armee identisch war. Dieser Herr von Rauschenplattt, als alter Soldat, glaubte im Anfang eine östreichsche Füsilier-Compagnie vor sich zu haben, und exercirte uns barbarisch zusammen; doch
allmählich schien er zu begreifen, daß der größte Theil der Jäger anständigen Familien angehörte und daß bei deren ehrenhaftem Betragen und ihrer Anstelligkeit der kaiserliche Stock nicht nöthig und anwendbar sey. Er wurde daher humaner und wir versöhnten uns mit ihm. /: Später werde ich Gelegenheit haben, seiner in einer Zeit zu erwähnen, die fast einzig in der Geschichte dasteht :/ Das Exercieren und Maneuvrieren ward nun fleißig geübt, bis es eines Tages hieß, es solle ein Commando zu einem gewissen Behuf abgehen, den ich aber noch nicht kannte. Die Mannschaft, etwa in der Stärke von 40 – 50 Mann, wurde dann einige Tage nach dem Gerücht wirklich commandirt, und es traf auch mich die Reihenfolge, was mir sehr genehm war, da die Commandirten in den meisten Fällen eine angenehmere Stellung haben als in der Garnison, wo Kamaschen- Wacht und unzählige andere Dienste abwechseln. Zum Führer der
Truppe ward der Premier-Leutnant Metzner, ein Jugendfreund von mir, dessen ich auch bei Gelegenheit unserer Rückkehr aus Frankreich im Jahre 1809. bereits erwähnt habe, bestimmt, und wir begaben uns auf den Marsch. Dies war in der Mitte des Monats Mai 1810, also in der schönsten Jahreszeit und gerade bei dem herrlichsten Wetter. Der Zweck des Kommandos war nun: das ehemals reichsritterschaftliche Gebiet, welches sich der Fürst Primas, Großherzog von Frankfurth, aneignen wollte, militairisch für Westphalen zu ocoupiren, und wir besetzten 1 Stadt und einige Dörfer dieser Provinz. Das Hauptquartier wurde Mensbach, ein Ort, in dem sich 3 Rittergüter der Herren von Geisau und von Mensbach befanden. Metzner quartierte sich auf eins der Güter und ich mich bei einem reichen Kaufmann ein. Im Allgemeinen bestehen bei den acti-
ven Soldaten zwei Extreme, entweder es treffen ihn anhaltende Anstrengungen oder er hat gar nichts Nützliches zu verrichten. In letzterer Lage befand sich das Detachement, von dem ich erzähle. Wir Alle hatten völlige Freiheit zu thun und zu lassen was uns gefiel, wenn es der militairischen Stellung und Ordnung nicht entgegen war. Mein Freund, der Kommandeur der Abtheilung, und ich, wir waren so lange uns der Schlaf nicht hinderte, stets zusammen und suchten uns auf alle mögliche Weise zu ergötzen. Das Vornehmste war die Jagd, und obgleich der Wildstand so viel als Nichts war, /: denn die sämmtlichen Gutsbesitzer im Reichsritterschaftlichen hatten die Koppeljagd so weit als der Himmel blau war :/ so trieb uns doch die Jagdpassion dermaßen, daß wir die Wälder und Felder der Umgegend tagelang durchstreiften, oft ohne das mindeste Wild getroffen zu haben. Nebenbei
trieben wir auch Fischerey; wir verschafften uns Angeln, und senkten diese in einen Bach, der etwa ½ Stunde von Mensbach vorbeifloß und in welchem es Forellen gab. Stundenlang saßen wir dann am Ufer und warteten auf Beute; aber selten ließ sich eine Forelle oder sonst ein kleiner Fisch gelüsten anzubeißen; geschah es aber, so freuten wir uns herzlich über den Fang. Etwas lohnender war der Fang an Forellen durch Nachtschnüre. Da dies Apparat nicht einem Jeden bekannt seyn möchte, so will ich es hier kurz beschreiben. Man nimmt eine nach Verhältniß längere oder kürzere Schnur und befestigt an solcher in passenden Entfernungen mehrere Angeln an schwächerem Bindfaden, so daß sie etwa 1 Fuß tief in das Wasser reichen. An der längeren Schnur werden Korkstücke angebracht, damit sie nicht unter sinkt, der Köder an den Angeln besteht in der Re-
gel aus einem Regenwurm. Bei fließendem Wasser muß die Leine an einem Ende befestigt seyn, damit sie der Strom nicht mit fortnimmt. Diese Vorrichtung legten wir am Abend aus, und unsere Spannung war dann so groß, daß wir kaum den Anbruch des nächsten Tages erwarten konnten, um unsern Fang kennen zu lernen. Ich habe bei unsern Operationen gefunden, daß der Fisch nicht zu jeder Zeit gleich willig den ihm dargebotenen Köder annimmt. Am bereitwilligsten scheint er anzubeißen, bei schwüler, stiller Gewitterluft. Bei einem solchen Anlaß machten wir einen hübschen Fang; denn außer mehreren kleineren Forellen, hatte sich auch eine unmöglich große Forelle berücken lassen. Diese wurde dann von unsern Wirthsfrauen gehörig zubereitet, und wir ließen sie uns vortrefflich schmecken. Zuweilen verirrte sich auch ein Reh in die dortige Gegend; wenn dies
gespürt ward, so wurden unsere Nerven und Muskeln sofort in die größte Bewegung gesetzt, aber in dem Jagdreviere, welches zu beschießen uns erlaubt war, ist es uns nie geglückt, ein solches zu erlegen. Nur einmal war mein Freund allein fortgegangen, um den Wald zu durchstreifen, und gelangte unbekannt mit der Grenze, in ein angrenzendes fremdes Revier, über das sich die Koppeljagd nicht erstreckte, und wo noch einige Rehe vorhanden waren. Er traf dort dergleichen zufällig auf schußmäßiger Entfernung, schoß darauf und hatte eins verwundet. Dies ging in den Wald herüber, in dem wir zu schießen die Erlaubniß hatten, mein Freund suchte eine Strecke nach, konnte es aber nicht auffinden. Er kam nach Hause zurück und sagte mir dies, und wir gingen dann zusammen nach der Gegend hin, wo er glaubte, daß es sich befinden werde. Hier wurde nun der Hünerhund, mit
Namen „Tiras“ welcher meinem Freunde eigenthümlich gehörte, und dessen ich später auf dem Zuge in Rußland wieder zu erwähnen Gelegenheit haben werde, losgelassen, worauf uns denn bald ein Klagelaut des Rehes sagte, daß es der Hund gefangen hatte. Wir stürzten darauf zu, griffen es und gaben ihm den Genickfang. Wir transportierten solches nun im Triumpf in unser Standquartier; allein bald gewann es den Anschein, als solle uns die Sache versalzen werden. Nemlich der Förster des fremden Reviers, in welchem mein Freund gedachtes Reh angeschossen, hatte dies in Erfahrung gebracht und schrieb nun an Letzteren, indem er ihn aufforderte, das Reh heraus zu geben oder zu gewärtigen, daß Klage geführt würde. Was war nun zu thun? mir war dieser Fall sehr unangenehm, denn ich hielt an dem Prinzip fest, nie eine Uebertretung zu begehen, und doch konnte man diesen Fall als eine solche ansehen. Mein Freund
dagegen, den es nicht so sehr irritirte, wenn er bei der Jagd etwa die Grenze überschritt, war gefaßter, und erwiderte daher dem Anschreiber keck, daß er sein Revier gar nicht kenne und es ihm noch weniger eingefallen wäre, darin das Reh zu schießen; der Beschwerdeführer möge seine Behauptung gründlich erweisen, widrigenfalls er die eclatanteste Satisfaction nehmen würde. /: Womöglich in den letzten Ausdrücken :/ Jener schien die Sache nicht weiter zu verfolgen und wir waren auch ruhig, und das Reh wurde in meinem Quartier zerlegt. Die beiden Förster, welche im Orte wohnten, wurden mit einer geringen Geldsumme von dem Kaufmann, dem sie mehr oder weniger schuldig waren, abgefunden, das Reh wurde gegessen und hiermit der Streit geschlichtet. Doch muß ich bemerken, daß später die beiden Förster geneigt waren, die Sache wieder
aufzunehmen, indem es den Anschein hatte, als ob ihnen der Kaufmann nicht völlig gerecht gewesen wäre. Besonders zeigte sich der eine Namens Haßel, ziemlich widerspenstig; der andere, Steinbröck, der einen erwachsenen Sohn hatte, der nächstens bei den Jägern eintreten wollte und dem ich einigen Unterricht aus „Hartings Lehrbuche für Förster“ ertheilte, gab bald klein bei. Wir überlegten nun, was wohl zu thun sey, und beschlossen zu ihm, nemlich zu Haßel, zu gehen, und vor Allem zuerst seiner hübschen Tochter die Cour zu machen, vielleicht gäbe er dann nach. Wir gingen nun zu ihm, und er schien in der That etwas verdrießlich zu seyn; indessen die Frau, ein gutmüthiges Wesen, war freundlich. Ich muß bemerken, daß Haßel den Freiheitskrieg in Amerika mitgemacht hatte, und wenn ihm dieser in Erinnerung gebracht wurde, so vergaß er alles Andere. Von dem begannen wir dann zu sprechen, und
seine Gesichtszüge gingen schon merklich in Befriedigung über. Ein Haupthema von ihm waren die Colibriehen /: Colibris :/ die er in Amerika gesehen hatte und die er gar zu gerne beschrieb, indem er sagte: sie seyen nicht größer als eine Hummel, /: Bremse :/ bei uns. Währenddem ging auch die Tochter ab und zu, die wir verabredeter maaßen möglichst becourten, wobei zu bemerken war, daß er diese Aufmerksamkeit gerne sah. Endlich war er völlig aufgeheitert, indem wir seinen Erzählungen aufmerksam zuhörten, und als wir endlich die Sache mit dem Rehe in Erwähnung brachten, so machte es nicht viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er sie fallen ließ.
Auf einem der Güter des Orts lebte ein alter Hagestolz, ein Herr von Geysen, der sich den Titel „Regierungsrath“ gekauft hatte. Ein langer alter Mann von mehr an 70 Jahren, angethan mit einem bis an die Füße
reichenden Rock von rothem Plüsch, woran auf vielen Stellen die Haare, oder was es sonst ist, abgeschabt und außerdem allerley Schattierungen durch Ausbleichen entstanden waren. Kurze manchesterne Beinkleider, bis an die Hüften, ohne Hosenhalter, eine lange Weste von dem Stoffe des Rocks, kurze an den Beinen schlotternde Stiefeln, eine Perücke, die über der Stirn herum mit einem ziemlich hohen Wulst versehen, eingetalgt und gepudert war, woran hinten ein kleiner Zopf hing. Das Ganze beschloß ein ziemlich breiter Buchenstreifen[68] und ein schwarzer, über der Krempe eine Handbreit mit Fett getränkter Hut. In der Hand einen langen Stock von spanischem Rohr, einen ähnlichen, wie ich jetzt selbst, von meinem Vater herstammend, noch besitze, mit einer dicken Troddel von schwarzer Seide. So trat
der alte Junggeselle jeden Morgen zur bestimmten Minute bei dem Kaufmann, wo ich im Quartiere lag, ein, und trank ein Viertel Wein, wozu er etwas Gebackenes verzehrte. Er blieb jedes mal pünktlich eine Stunde da, und während dieser Zeit war er sehr heiter und unterhaltend, und ich gewann den alten Burschen recht lieb. Auch ich schien einen Stein bey ihm im Brett zu haben; denn wenn er kam und ich war nicht gleich zugegen, so ließ er mich aufsuchen, um ihm Gesellschaft zu leisten. Ich erschien auch gern denn er war ein vielfach gebildeter Mann. Jeden Nachmittag, wenn das Wetter nicht zu übel war, machte er einen Spaziergang nach einem Dorfe Namens Buttlar, welches an der Chaussee vom Thüringer Walde nach Frankfurt a/m lag. Auf dem Wege dahin lag das Gut seines Bruders, eines pensionierten Preußischen Oberst-
leutnants. Eines Tages ersuchte er mich, ihn auf seinem Gange zu begleiten, und ich willigte ein. Wir machten uns nach Tische auf den Weg, und da fand ich, daß der alte Mann außerordentlich viel Gefühl für die Schönheiten der Natur hatte. Fand sich am Wege eine Schöne Blume, so blieb er stehen und beschrieb und prieß das Farbenspiel derselben, worüber zuweilen ¼ Stunde verging. Ich war zwar damals nicht gewohnt im langsamen Tempo einen Fuß vor den andern zu setzen, allein ich fand Interesse an den Untersuchungen meines Begleiters und brachte ihm gern ein Opfer. So gelangten wir denn endlich an das Gut seines Bruders, welcher ebenfalls ein gebildeter Mann war und dem man sofort das preußische militairische Exterieur bemerkte. Seine Frau war eine geborene Gräfin von der Schulenburg, aus Preußen, eine höchst freundliche
herablassende Dame. Wir gingen dann weiter nach Buttlar, wo mehrere stattliche Gasthöfe sich befanden, von denen die alten Herren denjenigen wählten, der am nächsten an der Chaussee lag, damit sie Alles was die Straße passirte, und diese war wirklich sehr frequent, sofort in Augenschein nehmen konnten. Wir stiegen eine Treppe hoch und betraten ein sehr geräumiges Zimmer, in dem ein Billard stand, und als Eckstube, an zwei Seiten die Fenster nach der Straße zu hatte.
Mein alter Freund, der Regierungsrath, forderte mich auf, eine Partie Billard mit ihm zu spielen, worauf ich nun um so lieber einging, als ich, weit ab vom Meister, doch glaubte, es mit ihm aufnehmen zu können. Aber die Partie dauerte sehr lange, denn sobald ein Wagen oder sonst etwas auf der Straße hörbar war so trieb
meinen Gegner die Neugierde ans Fenster und er mußte erst wissen, was es draußen gab. Wie die alten Herren ihre Zeit überhaupt in gewisse Abschnitte theilten, so war es auch mit dem Aufenthalte in Buttlar der Fall; mit dem Glockenschlage, (welchen weiß ich nicht mehr) wurde der Rückzug in eben der Art angetreten, wie der Hinweg. Später habe ich diesen Marsch noch öfter mit dem alten Herrn gemacht, wobei sich die Ereignisse immer gleich blieben. Eines Tages begleitete ich die eine Tochter meines Wirths nach dem Gute des Oberleutnants, mit dessen Schwester die Erstere befreundet war. Jene Schwester war ein bereits bejahrtes Fräulein, aber sonst sehr artig und freundlich. Sie hatte eine außerordentliche Zuneigung zu einem Mops, bei alledem daß er lachen(?) und sonst sehr häßlich war. Von seinem verstorbenen Vor-
gänger war das gegerbte Fell halbirt auf ein angemessen decorirtes Brett geklebt und hing als theures Gemälde in ihrem Zimmer. Von dem lebenden Mops wußte sie viele Tugenden zu rühmen, und wenn ich ihre gute Laune erhalten wollte, so mußte ich Ihren Vortrag scheinbar in Ruhe anhören.
Bald trat auch die Gräfin ein und begrüßte mich mit der größten Liebenswürdigkeit, wo sich denn die anfänglich auftauchende Schüchternheit bald verlor. Ich fand in ihr eine sehr geistreiche Dame, so weit ich dies von meinem Standpuncte aus zu beurtheilen fähig war. In dem Zimmer hingen vier Gemälde, die vier Jahreszeiten vorstellend, in Oelfarbe, die, nach meiner Ansicht, sehr gut ausgeführt waren, was ich auch aussprach. Sie bestätigte dies und bemerkte, daß sie nach Thomsons Jahres-
zeiten dargestellt seyen. Sie ging nun in die Werke dieses berühmten englischen Dichters näher ein, und fuhr über diesen Gegenstand in fließender Rede dermaßen fort, daß ich nicht ein einziges Mal zu Worte kommen konnte, was mir übrigens sehr willkommen war; denn wenn ich auch den Namen des Dichters wohl kannte, so war ich doch außer Stande, ein Urtheil darüber zu fällen, auf welcher Stufe er als Dichter gestanden. Meine Begleiterin machte dann bald Anstalt, den Rückweg anzutreten, was mir sehr erwünscht war, indem ich aus der Klemme kam, in der ich mich der hochgebildeten Frau gegenüber zu befinden glaubte. Indessen war ich durchdrungen von den Vorzügen, die sie entwickelt hatte, und schied mit wahrer Verehrung für sie. Wenn ich jetzt, nach 44 Jahren, in jene Zeit zurückdenke, so
wird mein Herz mit Wehmuth erfüllt, denn es lebt von alle den Personen, wovon ich in den letzten Zeilen erzählt habe, wohl keine mehr.
Nun gehe ich wieder zu meinem alten Regierungsrath über. Er setzte seine Frühstücksbesuche bei dem Kaufmann regelmäßig fort. Eines Morgens trat er äußerst vergnügt ein, die Töchter des Hauses nahmen ihm Stock und Hut ab, und er ließ sich auf seinem gewöhnlichen Platze, in einem Großvater-Stuhle, nieder. Als ihm ein Glas Wein nebst Zubehör gebracht war, sagte er, er sey in der verwichenen Nacht zu dem Entschlusse gekommen, ein Heirats-Institut in Mensbach zu stiften. Mein Freund, der Lieutenant Metzner, ein Notar, welcher in dem Orte wohnte, meine Wirthsleute und ihre Töchter waren gegenwärtig und wir Alle sahen ihn verwundert an. Er blieb aber dabei und bestimmte sich
selbst zum Präsidenten, den Notar, der beiläufig gesagt sehr klein und bucklig, aber noch unverheirathet war, zum Procurator, meinen Freund und mich zu Agenten des Instituts. Die Instructionen für uns wolle er in Zukunft entwerfen, bis dahin müßten wir unserer Wirksamkeit Anstand geben. Nachdem seine Stunde um war; entfernte er sich, und ließ uns in dem Wahne zurück, er habe übergeschnappt. Dies schien aber nicht der Fall zu seyn, denn er kam am anderen Morgen ganz verständig wieder, äußerte aber nichts weiter von seinem gestrigen Benehmen, und es ist auch dabei geblieben. –
Mein Freund und ich, wir beschäftigten uns theils mit militairischen theils mit anderer Lectüre, unterließen aber auch nicht, uns auf sonstige Weise die Zeit zu vertreiben. So hatten die Söhne des Pächters, bei welchem mein Freund wohnte, ein Blasrohr, welches
zu handhaben dieser ein besonderes Geschick und dermaßen eine Kraft der Lunge hatte, wie mir bei anderen Menschen nie vorgekommen ist. Die Munition zu diesem Geschoß bestand aus, von weichem Thon geformten und dann hartgetrockneten Kugeln.
Im Garten des Gutes hatte eine Elster ihr Nest, aus dem die ausgebrüteten Jungen, 4 an der Zahl, als sie bald flügge wurden, hervorkamen und sich in der Nähe ihrer Wiege auf die Zweige stellten. Diese herunter zu schießen, nemlich mit dem Blasrohr, wurde nun ans Werk gegangen, und mein Freund, der den ersten Schuß hatte schoß eine herunter. Nun kam ich an die Reihe, allein obgleich ich das Thier traf, so bekam es wohl einen Schreck allein es stürzte nicht zur Erde. Kurz der Effect von meinen Schüssen genügte nicht, und doch habe ich immer geglaubt, ich hätte eine kräftige Lunge. – Mein
Freund schoß die übrigen Elstern herunter.
Ein zweiter Fall giebt ebenfalls Zeugniß von der Luftmenge, die mein Freund in der Lunge zu entwickeln fähig war. Er logirte in einem Seitenflügel des herrschaftlichen Wohnhauses des Guts, worauf er lag. Zwei Fenster von dem Zimmer gingen nach dem Hofe hinaus, wo man das Souterrain des Hauptgebäudes übersehen konnte. Aus diesem streifte zuweilen eine Ratte, deren es da viele gab, ins Freie. Wir beschlossen, eine Kirre[69] dafür anzulegen, um so möglich mit dem Blasrohr einige zu erlegen. Ich ging zur Hausfrau und bat sie, mir ein wenig frischen Käse zu geben, indem ich ihr zugleich den Zweck, wozu ich ihn verwenden wollte, mitheilte. Sie war sogleich bereit und der Köder wurde etwa 30 Fuß vor den Fenstern meines Freundes an dem Fundamente des Hauses niedergelegt, da wo die Ratte sich am meisten gezeigt hatte. Wir hatten nun wie-
der eine Unterhaltung daran, daß wir auf der Lauer saßen, um, anstatt Wildpret, Ratten zu erwarten. Es dauerte auch nicht lange, so erschien ein solches Thier, labte sich weidlich an dem Käse und verschwand dann wieder. In der Voraussetzung, daß bald mehrere erscheinen würden, und weil die erste ziemlich klein war, hatten wir sie nicht gestört. Bald kamen auch mehrere, wobei sich ein ungewöhnlich großes Thier befand. Diese fiel über den Käse her und biß die kleineren sämmtlich ab, um die Mahlzeit allein zu halten, während mein Freund sich mit seinem Blasrohr schußfertig machte. Als sie nun recht behaglich den Fraß zu verzehren begann, drückte, ich wollte sagen, blies er los, und die Ratte lag auf der Seite und nachdem sie noch einige Male gefuischt(?) hatte, war sie tod. Auf diese Weise erlegte er, zur Zufriedenheit der Hausfrau,
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noch mehrere dergleichen Thiere, bis sie endlich scheu wurden, und nicht mehr zum Vorschein kamen. Außerdem suchten wir uns die Zeit auch durch Musiciren zu vertreiben. Nemlich mein Freund blies etwas die Flöte und auch ich hatte mir auf diesem Instrumente einige Fertigkeit in meiner Jugend angeeignet. Die Flöte besitze ich jetzt 1854 noch, jedoch ohne im Stande zu seyn, auch nur das Gewöhnlichste darauf vortragen zu können. Jener blies dann, wenn wir wirkten, die erste und ich die zweite Flöte, versteht sich nach Noten. Der Hauswirth meines Freundes spielte sehr fertig und anmuthig das Violoncell und mein Hauswirth das Klavier. So fügte es sich dann oft, daß diese Musikbande sich in einem Quartiere vereinigte, und wir ließen dann, nach unserem eigenen Urtheil, recht harmonische Stücke los. Zuweilen trug auch der Violoncellist einige Solos vor, und ich muß
sagen, daß die Töne, welche er hervorbrachte, noch jetzt in meinem Gedächtnisse angenehm nachhallen.
Noch einen eigenthümlichen Fall will ich hier anführen. In dem selben Dorfe, auf einem der Rittergüter, lag auch ein Infanterie-Officier im Quartier, mit welchem wir einen freundlichen Umgang pflogen. Eines Tages traten wir zusammen, um einen Spaziergang in den Wald zu machen, woran auch einige Damen, namentlich die aus meinem Quartiere, Theil nahmen. Wir gingen einen bergauf führenden Hohlweg hinauf. Auf einmal sprang aus dem Gebüsch ein Haase auf, der, anstatt abwärts zu laufen, über den Weg sprang, in diesem Augenblick aber von jenem Officier mit der Faust einen Schlag erhielt, daß er mitten zwischen uns nieder fiel. Ein ergötzlicher Fall für die junge Gesellschaft, aber auch merkwürdig genug, weil es in der Gegend, wie ich bereits frü-
her erzählt habe, nur sehr wenig Hasen gab, und weil die, welche man etwa zu sehen bekam, äußerst scheu waren.
In dieser Art ging der Sommer vorüber, und der Herbst trat ein. Etwa Ende October wurden wir, mein Freund und ich, von unserem früheren Chef, dem Prinzen von Philippsthal, dessen Besitzungen etwa 1 Meile entfernt lagen, eines Tages zur Treibjagd eingeladen. Wir nahmen diese Einladung mit großem Vergnügen an, und trafen zur bestimmten Zeit auf dem Sammelplatze ein. Bei dieser Jagd hatte ich das Vergnügen, mehrere Haasen und Füchse zu erlegen, wodurch sich der Prinz veranlaßt fühlen mochte, mich ferner zu einer Jagd in einem seiner entfernteren Reviere einzuladen, wozu der Sammelplatz in der Residenz bestimmt wurde. Auch hierbei wurde mir das Glück zu Theil, einen Rothirsch zu erlegen, was von dem Jagdherrn
äußerst freundlich bemerkt wurde. Es war auf einem hohen Berge, wo ich den Hirsch anschoß, er wurde von dem Schweißhunde verfolgt und endlich von diesem in ein Thal getrieben, wo ein Fluß, die Werra genannt, floß, in welchem er Schutz suchte. Hier ward er durch einen Schuß völlig erlegt.
Noch muß ich eines merkwürdigen Natur-Ereignisses erwähnen, welches sich, nicht fern von dem Orte, wo ich stationirt war, im Laufe des bezeichneten Sommers, 1810, ereignete. Nach einem ungewöhnlich starken Gewitter mit wolkenbruch-ähnlichem Regen, entstand auf einem mit ziemlich hohen alten Eichen bestandenen Berge, plötzlich ein Erdfall von etwa 1 Morgen Größe der so groß war, daß die Spitzen der Bäume nur wenig aus dem Grunde hervorragten. Die Hälfte der Tiefe war mit Wasser angefüllt, und ein dicker Boden von Erde und rothem Schlamm bedeckte die Oberfläche. –
Endlich am 17ten December 1810 ward ich wegen Arancements von Mensbach abgerufen, und ich schied von meinem Freunde, von meinen Wirthsleuten und den übrigen mir lieb gewordenen Personen, in deren Kreise ich so viele frohe Stunden verlebt hatte, mit Wehmuth und traf 3 Tage nachher in Kassel, wohin das Jägerbataillon inmittelst zurückgekehrt war, glücklich ein.
Am 2ten Tage traf ich, nach Maaßgabe der mir ertheilten Marschroute in einem Städtchen, Namens Simmern ein, wo ich bei einem Kaufmann einquartiert wurde, den man mir schon zuvor als sehr ruhig, aber auch als außerordentlich geizig schilderte. Ich trat mit meinem Billet in das Haus ein und erschrak schon da nicht wenig, den Flur in einer so ärmlichen Verfassung zu finden, wie bei dem geringsten Tagelöhner. Hinter einer der Thüren, die denen vor einem Stalle gleich waren, hörte ich sprechen, und klopfte an dieser.
Auf das „Herein“ trat ich ein, und fand in dem Zimmer einen sehr ärmlich angekleideten kleinen Mann und eine ältliche, dem Anzuge nach dem Tageslöhnerstande angehörige Frauensperson vor. Ich grüßte, und übergab dem ersteren das Billet, der es stumm und mit ernster Mine annahm. Außer daß ein ordinairer Tisch und etwa 3 eben solche Schemel in der Stube vorhanden waren, hatte sie denselben Anstrich, als der Hausflur, und als der Hausherr mich nieder zu setzen einlud, war ich einige Zeit unentschlossen, ob ich meinen eben nicht zu leichten Corpus dem betreffenden Sessel aufbürden dürfe, um nicht mit ihm zusammen zu brechen. Doch er hielt glücklich, aus, und es entspann sich allmählich ein Gespräch zwischen uns. Anfangs war ich willens, sofort zu dem Billeteur zurückzugehen, um mir ein anderes und besseres Quartier anweisen zu lassen, allein einestheils war ich von dem ziemlich langen Marsche
sehr ermüdet, und scheute das weitere Umherlaufen, anderntheils dachte ich, eine Nacht geht hin; und beschloß demnach zu bleiben. Im Laufe des Gesprächs wurde mein Wirth nach und nach freundlicher, und schien Vertrauen zu mir zu gewinnen, was sich nach einigen Stunden dermaßen steigerte, daß er seinen Äußerungen freien Lauf ließ, wobei ich bemerkte, daß ich einen ziemlich gebildeten Mann vor mir hatte. Endlich war das Abendbrod bereit, und wenn dies auch ein ganz ländliches genannt werden konnte, so genügte es mir doch und bei, in der Regel hungrigem Magen, wurde es mir nicht schwer, tüchtig einzuhauen. Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, und die Zuneigung meines Wirthes zu mir, schien zu wachsen, indem er seine Haushälterin beauftragte, einiges Obst zum Nachtisch herbei zu holen. Sie brachte unter anderem eine Sorte Birnen heran, die mir vortrefflich schmeckten, was mir insofern auf-
fällig war, als wir uns bereits in der Letzten Hälfte des December befanden. Endlich verlangte mich nach Ruhe, und ich ersuchte unseren Wirth, mir mein Schlafgemach anzuweisen. Wir stiegen nun eine etwas wandelbare Treppe hinauf, und ich wurde in ein Zimmer geführt, dessen Meublement nicht um ein Haar besser war, als in dem, worin wir den Abend zugebracht hatten. Ein Bett, mit zwar reinlichen aber sehr geflickten Ueberzügen, ein kleiner Tisch und ein ebensolcher Schemel, war alles was sich darin befand. Mein Wirth entfernte sich und überließ mir eine gewöhnliche Oellampe, und ich legte mich dann bald zur Ruhe, wobei ich bei näherer Untersuchung des Bettes fand, daß dasselbe statt mit Federn, mit Häcksel gepolstert war. Nach einer kurzen Betrachtung, daß mein Herr Wirth doch wohl der größte Geizhals sey,
schlief ich ruhig ein und erwachte erst gegen Morgen. Mein Wirth war eben so freundlich als gestern, ließ ein ordentliches Frühstück auftragen, und nach Beseitigung desselben trat ich den Weitermarsch an. Er begleitete mich eine ganze Strecke, und drang in mich, ich möchte doch bald zurückkommen und dann für immer bei ihm wohnen. Als ich ihm bemerklich machte, daß dies meine Verhältnisse nicht gestatteten, bat er, ich möchte dann wenigsten zuweilen an ihn schreiben, und wo möglich in späterer Zukunft zu ihm zurückkehren er habe mich lieb gewonnen, und würde mich gewiß reichlich bedenken. Indem ich ihm bemerklich machte, daß wir dies dem Schicksal überlassen wollten, drückte ich ihm dankbar die Hand und nahm Abschied von ihm, was denn auf ewig geschehen ist. Ich habe mich bei diesem Gegenstande aus dem Grunde etwas länger aufgehal-
ten, um einen Beweis zu geben, daß es Fälle giebt, wo selbst der verstockte Geizige, wenn vielleicht auch nur momentan, eine menschliche Regung fühlt und das Laster vergißt. So schien es mir mit diesem Manne zu seyn; denn nach weiter angestellter Nachforschung erfuhr ich, daß derselbe sehr reich, aber auch schmutzig geizig sey, -
In Kassel meldete ich mich am nächsten Morgen bei dem Chef des Bataillons, Oberst-Lieutenant von Rauschenplatt, und wurde freundlich von ihm empfangen; aber ich erhielt auch sogleich die Ordre, am anderen Tage wieder von Kassel ab (Randbemerkung schlecht lesbar aber im gleichen Sinne) und nach dem Harz auf Wilddiebs-Kommando zu gehen, wo bereits ein Capitain und etwa 40 Mann Jäger stationiert waren. Dies war ein angenehmer Auftrag für mich; denn ich ward dadurch in eine Gegend versetzt, wo
ich eine Zeit meiner Jugend verlebt hatte. Der Marsch dahin war weit und beschwerlich, denn ich hatte unterwegs das schrecklichste Wetter zu bestehen, Regen und Schnee durchweichten täglich meine Kleider bis auf die Haut, in tiefem Koth mußte ich die Beine fortschleppen und einmal war ich sogar genöthigt, am Fuße des Gebirges in einem Dorfe 48 Stunden liegen zu bleiben, weil die Bergströme durch den Regen angeschwollen, die ganze Gegend überflutet hatten. Da ich hierdurch in meinem Marsche zwei Tage aufgehalten wurde und danach nicht zu der nach der Marschroute bestimmten Zeit an meinem Bestimmungs-Orte eintreffen konnte, so wurde es nothwendig, eine Bescheinigung zu erlangen, um mich damit legitimiren zu können. Diese stellte mir dann der Ortsmaire auch willig aus, also: Derselben konnte wegen Wetter und Ge-
wässer nicht weiter kommen und mußte im hiesigen Orte Quartier nehmen. Dieser Marsch fand gerade um die Weihnachtstage 1810 statt, was mir dadurch in Erinnerung geblieben ist, daß ich in der Nacht auf den ersten Feiertag, in der Katholischen Stadt Duderstadt Quartier hatte, wo sämmtliche Bewohner um Mitternacht durch das Läuten der Glocken in die Christmette gerufen wurden. Hierbei fällt mir ein Intermezzo ein, was sich in Duderstadt zutrug. Der Mann welcher dort als Billetteur fungierte, war, wie ich später erfuhr, Magistratsbeamter gewesen, hatte sich aber dem Trunke ergeben, so daß er entlassen werden mußte. Um ihn nicht ganz zu verstoßen, hatte man ihm das Billetteur-Amt übertragen, was natürlich mit einem ganz geringen Einkommen verbunden war.
Er war aber dem Laster der Trunkenheit treu geblieben; denn ich fand ihn bei meiner Ankunft in reichlich halb benebeltem Zustande, im schmutzigen fast zerlumpten Anzug und einem Gesicht voll der widerlichsten Züge, was noch dazu mit einem Wulst schwarzer borstenartiger Haare, die dem Anschein nach in mehreren Wochen mit keinem Kamm in Berührung gekommen, um geben war.
Obgleich ich in Folge des höchst beschwerlichen Marsches sehr verstimmt und der Anblick des Mannes eben nicht geeignet war, diese Mißstimmung zu beschwichtigen, so faßte ich mich doch, und ersuchte ihn ganz ruhig, mir ein Billet zu geben, indem ich ihm meine Marschroute vorlegte. Statt meinem Wunsche freundlich zu genügen, wurde er anzüglich und reizte mich durch allerlei Redensarten dermaßen, daß ich schon im Begriff
war mein Schwert zu ziehen und dies auf seinem Rücken tanzen zu lassen, als ich mich noch zur rechten Zeit besann, daß bei einem Falle, den ich auf dem Marsche gethan, ein Stück von der Klinge gebrochen war. Ich erhielt dann endlich ein Billet, welches jedoch auf ein sehr mangelhaftes Quartier lautete; indessen hatte ich keine Lust, mich noch weiter mit dem Kerl herumzuzanken, und blieb dort. Als ich im Jahre 1815 in Duderstadt mit meiner Compagnie in Garnison stand, lebte der Mann noch, und fungierte auch als Billetteur. In einem Falle, wo sich einige meiner Jäger über die Confusion , welche er mit Austheilung der Billets triebe, beschwerten, ging ich selbst zu ihm, um den Streit zu schlichten. Bei meinem Eintreten hatte er sich in das Bett gelegt, aus dem ich ihn, trotz aller Capi-
tulation, nicht herausbringen konnte, weshalb ich ihm das, was ich verlangte, vor dem selben stehend mittheilen mußte. Ob er mich nach 5 Jahren wieder erkannte vermag ich nicht zu behaupten, aber seine liederliche Lebensweise schien er noch nicht abgelegt zu haben, und wie mir die Jäger sagten, die periodisch mit ihm zu thun hatten, war er stets in Lumpen gehüllt und meistens betrunken. Gott möge jeden Menschen vor einem solchen Laster bewahren. –
Als sich die Gewässer etwas verlaufen hatten, setzte ich den Marsch fort, und langte nach 2 Tagen in Bennekenstein an, wo sich das Hauptquartier des Detachements befand. Der Capitain war sehr erfreut mich zu sehen, und ließ mir ein Quartier im Orte anweisen, um mich immer in der Nähe zu haben.
Das Commando war aus dem Grunde in den Harz verlegt, um der Wilddieberei, welche von den Bewohnern dort stark getrieben wurde, Einhalt zu thun. Etwa 10 Mann Jäger waren resp: zu 2. oder 3. in einzelne Ortschaften des Gebirges verlegt, die Uebrigen blieben in Benneckenstein stehen. Ueber sämmtliche Mannschaften übertrug mir der Capitain das spezielle Kommando, wonach mir überlassen blieb, das anzuordnen was erforderlich seyn möchte, um den Zweck der Sache zu erfüllen. Hierzu gehörte auch die Maaßregel, Patrouillen in die Gebirge zu machen, was dann auch öfters geschah, indem ich Nachts, kurz vor Abgang der Patrouille einen Theil der Jäger vor mein Quartier bestellte wo ich mich dann an die Spitze setzte, und so bei Nacht und Nebel das Gebirge durchkreuzte. Bei einer derselben, wo ich mich von 10 Mann begleiten ließ
marschirte ich etwa eine Stunde weit in den Wald, bis an einen Punct, wo sich 2 Wege kreuzten. Hier detaschirte ich 7 Jäger nach 2 verschiedenen Puncten, wo ich vermutete, daß Wilddieberey getrieben werden könne; die übrigen 3 Mann behielt ich bei mir zurück. Als jene nun abmarschirt waren, zog ich mich etwa 10. Schritte von dem Kreuzwege in das Dickicht zurück, wo ich mich mit den Jägern so niederlegte, daß der Weg überwacht werden konnte. Es war gerade Nachts 12 Uhr. Nach einigen Stunden brach der Tag an und wir verdoppelten unsere Aufmerksamkeit auf den Weg. Als es so hell geworden war, um schießen zu können, /: also als nach der Jägersprache Büchsenlicht eingetreten war :/ fiel auf einmal hinter uns ein Schuß. In der Gegend, wo geschossen wurde, befand sich, wie mir bekannt war, eine Fichtencultur,
die wegen der frischen Kräuter, um die Frühjahrszeit, /: es war damals gegen Ende des Mai :/ vom Wilde gern angenommen, /: besucht :/ wurde. Rasch rückte ich mit den Meinigen bis fast an den Rand der Dickung vor, befahl ihnen rechts und links von mir eine gerade Linie von etwa 300 Schritten zu bilden und dann, sich nach mir richtend, auf die Kultur hinaus zu rücken. Würde der Wilddieb auf dem Freien bemerkt, so wollte ich rasch auf ihn zueilen, beide Flügel sollten dann aber rasch im Bogen vorrücken, damit jener umzingelt würde. Als ich aus der Dickung heraus trat, sahe ich etwa 150 Schritte vor mir einen Mann, der anscheinend ein Gewehr nachlässig im Arm, etwas gebückt auf der Erde umher blickte, und zu untersuchen schien, ob er nicht Zeichen des Anschusses entdecken möchte. Da er
hiermit sehr eifrig beschäftigt war, so bemerkte er uns gar nicht, und ich gab den Jägern einen Wink langsam vorzurücken, indem ich mich selbst dem Manne allmählich näherte. Als ich bis etwa auf 50 Schritte an ihn herangerückt war, und ich nun in der Dämmerung bemerkte, daß er die Uniform meines Jägerbataillons trug, schlich ich vorsichtig näher, und so nahe, daß ich, als er sich umdrehte, dicht vor ihm stand. Ich ergriff nun sofort seine Büchse und frug, was er hier zu schießen habe? Er brachte allerlei Entschuldigungen vor, die ich nicht mehr weiß; indessen ließ ich ihn arretieren und marschirte nach meinem Standorte zurück. Es erfolgte zwar eine nachdrückliche Bestrafung und die Absendung in die Garnison; allein es blieb immer ein Fall, der insofern ein nachtheiliges Licht auf das Commando warf, als das Publikum mit vollem Recht mutMassen konnte, die Jäger
trieben selbst Wilddieberey. Das übrigens trotz des Militärkommandos die Wilddieberey durch die sogenannten Wildschützen nicht unterblieb geht aus Folgendem hervor. Eines Sonntags besuchte ich die Kirche aus der ich gegen Ende des Gottesdienstes herausgerufen wurde. Ich fand draußen einen Jäger von einem auswärtigen Detachement der mir einen Brief von dem dort Commandierenden übergab und darin wurde gemeldet daß am Abend zuvor den Jäger Lorenz von einem Wilddiebe am Knie gefährlich blessiert sey in dem Briefe befand sich zugleich ein Vermerk des nächsten Cantons-Chirurgus wonach die Kugel durch die Kniescheibe gegangen und diese so zerschmettert dadurch sey, daß wenn der Brand nicht eintreten solle, dem Lorenz binnen 24 Stunden das Bein abgenommen werden müsse. Ich sandte den Jäger sofort zurück
mit der Ordre, daß die Operation vorgenommen werden könne und mit dem Versprechen, daß ich selbst dabei gegenwärtig seyn würde. Nach kurzer Zeit begab ich mich zur Stelle, woselbst der Chirurgus bereits eingetroffen war. Der Blessirte war ein junger Mann von 18 – 20 Jahren, und deshalb glaubte ich, er würde kleinmüthig und betrübt über das in betroffene Unglück seyn. Aber im Gegentheil, ich fand ihn ganz heiter auf einer Bank liegend und Tabak rauchend. In Gegenwart des Orts-Maire trug der Chirurgus mir nochmals die Notwendigkeit vor, daß das Bein abgenommen werden müsse, wogegen ich natürlich nichts einwenden konnte. Der Blessierte wurde nun auf einen Tisch gelegt, wobei nicht die mindeste Veränderung in seiner heiteren Stimmung zu bemerken war; auch die Pfeife ließ er nicht ausgehen. Der Arzt legte nun eine feste Bandage um den Ober-
Schenkel, und als dies geschehen war, schnitt er mit außerordentlicher Geschicklichkeit die den Schenkelknochen umgebenden Fleischtheile, etwa 2 Zoll über dem Knie, rasch durch, unterband die größten Adern, sägte dann den Knochen durch und legte einen Verband an. Dies Alles dauerte etwa 10 Minuten, wobei der Patient, den ich genau beobachtete, kein Zeichen des Schmerzes äußerte, vielmehr seine Pfeife fortrauchte bei und nach der Operation. Bei einem gesunden und kräftigen Körperbau wurde er bald hergestellt, und erhielt später eine Stelle als Büreau-Förster in einer Forst-Inspection. –
Nun will ich auch den Hergang er Sache mittheilen, wodurch die Verwundung des Lorenz entstand. In der Abendstunde des vorhergehenden Tages, (es war Sonnabends) machte Lorenz mit einem älteren Jäger, Namens Spürer, in dem Gebirge eine Patrouille nach Wild-
dieben. Sie richteten ihren Gang nach einer Fichtenschonung zu, in deren Nähe immer Wildpret stand und wo früher schon Zeichen von Wilddieberei bemerkt wurden. Sie mochten etwa 1000 Schritt von dem Districte entfernt seyn, da hörten sie dort wirklich einen Schuß fallen. Mit möglichster Geschwindigkeit bewegten sie sich nun auf besagten Ort zu, und langten auch bald am Rande des jüngsten Schlages an, so daß derselbe übersehen werden konnte. Hier bemerkten sie, circa 200 Schritte weit zwei mit Gewehren versehene Männer die, das Gesicht zur Erde gekehrt nach etwas zu suchen schienen. Jenen verdeckt näher zu kommen war nicht Thunlich, sie entschlossen sich daher kurz, auf die Wilddiebe zu zu laufen, um solche wo möglich einzuholen. Sie brachen demnach aus der Dickung hervor, allein in dem selben Augenblick ergriffen jene die Flucht und gelangten in einen Fichten-
bestand, der so hoch war, daß er ihnen etwa bis an die Brust reichte. Dort blieben sie stehen; der Hinterste wendete sich um und legte das Gewehr auf den vordersten Jäger (Spürer), der seinem Begleiter eine Strecke vorgeeilt war, an, welcher aber auch sofort Halt machte, sein Doppelgewehr, wovon der eine Lauf mit einer Kugel, der andere mit Schrot geladen war, auf den Wilddieb anschlug und schnell abdrückte. Nach dem Schusse sah er den einen derselben in der Dickung fortlaufen, worauf er den zweiten Schuß abschoß. Nun hörte er seinen Kameraden rufen, den er beim Umsehen auf der Erde liegen sah. Er eilte ihm zu Hülfe und fand zu seiner Verwunderung, daß Lorenz am Knie durch einen Schuß blessirt war; denn Spürer hatte nicht bemerkt, daß auch der Wilddieb geschossen hatte; beide Schüsse waren also in demselben Augenblick gethan. Ohne
Zweifel zielte der Wildschütz auf Spürer, die Kugel fuhr aber vorbei und traf zufällig das Bein des 10 Schritte hinterher laufenden Lorenz. hier war nun schnelle Hülfe nöthig, und Spüre eilte zu einem etwa ¼ Stunde weit von dort beschäftigten Köhler. Dieser hatte, wie fast alle Kohlenbrenner im Harzgebirge, ein Pferd, womit das nöthige Kohlholz auf einem Schlitten zur Mailerstätte herangeschleift wird. Dies mußte der Mann sofort einspannen, und beide begaben sich eiligst damit zur Stelle wo Lorenz lag. Bei der Dringlichkeit der Sache untersucht Spürer den Platz weiter nicht, wohin er geschossen hatte, vielmehr ward dem Lorenz von Fichtenzweigen ein Lager auf dem Schlitten bereitet und er über Berg und Thal nach dem Dorfe Wiede, wo die Jäger einquartiert waren, gebracht. Dorthin wurde dann vom Orts-Maire schleunigst ein Chirurgus herbeigerufen und dann, als dieser
eingetroffen war, der Vorfall wie oben bemerkt, zunächst an mich berichtet. Beim Anbruch des nächsten Tages begab sich der Köhler in die Gegend, wo Spürer auf den Wilddieb geschossen hatte, durchsuchte das Gebüsch, und fand einen todten Mann, neben welchem ein abgeschossenes Gewehr lag. Die Kugel war ihm von vorn durch die Stirn gefahren. Spürer hatte wegen des vorstehenden Gebüschs, aus dem nur der Kopf hervorragte, nicht sehen können, daß der Wilddieb gestürzt war, mithin war der, auf den er mit Schrot geschossen dessen Begleiter gewesen. Der Köhler transportirte nun jenen, nebst dem Gewehre, gleich nach dem Dorfe und es kam nun darauf an, den zweiten Wilddieb zu ermitteln. Der Orts-Maire und auch andere Bewohner des Dorfes bezeichneten einen verdächtigen Kerl aus dem Städtchen Sachsa, welcher öfters in Begleitung des Erschos-
senen gesehen worden war, und es wurde dieser von dem anwesenden Gendarmen ausfindig gemacht, arretirt und herbeigebracht. Er ward verhört, leugnete aber, an jenem Abend in Gesellschaft des Todten gewesen zu seyn, Das räumte er zwar ein, daß er früher gewilddiebt habe, allein schon seit mehreren Jahren wäre dies nicht mehr geschehen. Er wurde nun zu dem Todten geführt, indem man glaubte, der Anblick desselben würde ihn zum Geständniß bringen, allein es war vergeblich. Er gab zu, daß er ihn kenne, nannte auch dessen Namen, blieb aber dabei, daß er nicht mit ihm gegangen sey. Man wird sich erinnern, daß der Jäger Spürer auf den fliehenden zweiten Wilddieb mit Schrot geschossen hatte, und in der Voraussetzung daß er vielleicht von einigen Körnern getroffen, glaubten wir, ihn durch diese Merkmale überführen zu können. Der Inculpat ward
seiner sämmtlichen Kleidungsstücke entledigt, und es fanden sich auf dessen Rücken mehrere, aber völlig geheilte Flecke, wo Schrotkörner eingedrungen waren. Auf Befragen: woher diese Blessuren gekommen? erzählte er Folgendes.
Vor mehreren Jahren sei er eines Tages auf die Jagd gegangen, und habe dabei einen Rehbock geschossen. Im Begriff, diesen zum Transport vorzurichten, hätte er hinter sich ein Geräusch gehört und als er sich danach umgesehen, einen herannahenden Jäger bemerkt. Hierauf habe er die Flucht ergriffen, allein der Jäger hätte auf ihn geschossen und dabei wären die Schrotkörner, wovon die Spuren noch zu sehen wären, in seinen Rücken gefahren, jedoch habe er seine Flucht doch so fortsetzen können, daß ihn der Jäger nicht einholen konnte. Sein Körper wurde
nun weiter betrachtet, und es fand sich an einem Beine eine bereits geheilte Narbe von einer Kugel. Hierüber sagte er Nachstehendes: Bei einem Gange im Gebirge um Wild zu schießen, habe er ein Stück Rothwild erlegt. Während er dasselbe hätte aufbrechen wollen, sey wieder ein Jäger herangekommen und als er die Flucht genommen, habe ihm derselbe eine Kugel durch das Bein gejagt. Hiervon gestürzt, wäre er von dem Jäger ergriffen und arretirt. Vor Gericht der That überführt, habe er eine zweijährige Zuchthaus- Strafe verbüßen müssen, sey dann aber niemals wieder Wilddieben gegangen. Unter diesen Umständen konnte er nicht als schuldig befunden werden, und ist denn auch später entlassen. Der Jäger Spürer erhielt eine goldene Medaille und Lorenz ward, wie ich früher schon gesagt habe, versorgt. Man sieht aus diesem Falle, daß
die Wilddiebe am Harze damals ihre Sache auf nichts gesetzt hatten und daß es für uns nicht ganz ohne Gefahr war, ihnen entgegen zu treten. Die Localitaet dort gestattete die Existenz eines bedeutenden Wildstandes, allein die große Zahl der Wilddiebe die meistentheils den Wilddiebstahl als Erwerbszweig trieben, war Ursach, daß im ganzen nur wenig Wild vorhanden war, und der Zweck des Jäger-Commandos, den Wilddiebstahl zu steuern nur unvollkommen erreicht werden konnte.
In Bennekenstein hatte ich in den letzten Monaten meines dortigen Aufenthalts, mich bei einer 60jährigen Jungfer, mit Namen Demoiselle Poppenius, eingemiethet und zugleich die Beköstigung accordirt, welche letztere mir indessen von Seiten des Bataillons-Kommandos ver-
gütet wurde. Diese räumte mir eine Stube im oberen Geschoß ihres Hauses ein, die, wenn auch sehr ärmlich ausstaffirt, mir dennoch genügte, und geeignet war, darin mich in Ruhe beschäftigen zu können, so weit es der Dienst zuließ. Insbesondere trieb ich dort Geschäfte, die in das Forstfach einschlugen, wobei ich vorzugsweise das ohnlängst erschienene Werk „Hartigs Lehrbuch für Förster“ benutzte. Auch stopfte ich Vögel aus, wozu ich mir selbst dergleichen schoß, z. B. einen Schwarzspecht, Eulen Raubvögel etc. welche ich indessen, da ich solche beim Abmarsch nicht transportiren konnte, verschenkte. Außerdem befanden sich im Orte einige sehr ehrenwerte Familien, und ich denke immer noch mit Vergnügen an die Tage, welche ich in deren Kreise verlebt habe, obgleich nunmehr bereits
eine Zeitkluft von mehr als 40 Jahren dazwischen liegt.
Bevor ich weiter schreibe, trage ich hier noch einen Fall vor, der sich in dem Augenblick ereignete als ich die Anzeige bekam, das der Jäger Lorenz geschossen sey. Als ich nemlich aus der Kirche kommend den Rapport in Empfang nahm, kam der Conservateur (Oberforstmeister) von einer Revision des Bennekensteiner Reviers, an der Spitze einiger Forstbeamten, durch die Stadt geritten und hielt, weil er mich kannte, bei mir an. Er grüßte mich, und frug dann unter anderem, wie es mit der Wilddieberey jetzt beschaffen sey? Ich gab ihm den Rapport und das Attest des Chirurgus zur Durchsicht, worauf er sichtlich betroffen ward, sogleich „Adien“ sagte, und noch äußerte, daß er wohl selbst hier vor den Wilddieben nicht sicher sey.
Anfangs July 1811., nachdem ich zuvor meine Heimat noch einmal besucht hatte, ward das Commando nach Kassel zurückgerufen, woselbst wir dann nach einigen Tagen auch glücklich eintrafen. Zunächst wurden wir bei den Bürgern einquartiert, nach einigen Wochen aber nebst dem ganzen Bataillon in eine Kaserne verlegt. Diesen Soldatenzwinger hatte das Chasseur-Bataillon der Garde vor einigen Monaten verlassen, um eine andere zu besetzen. In dieser Zeit waren Millionen Flöhe aus den Eiern gekrochen, die nun abgemagert und fast verhungert, sich langsam in Bewegung setzte, in die bereits aufgestellten Betten krochen oder unter unseren Pantalons[70] Schutz suchten und sobald sie die Haut erreichten, mit der größten Wut ihre Saugrüssel in dieselbe einließen, wodurch, wie jedem aus Erfahrung bekannt seyn wird, eine eigenthümliche, aber durchaus keine angenehme Empfindung entstand. Erst nach einigen Tagen nachdem die Säle wiederholt ge-
scheuert und die Betten gereinigt worden, verminderte sich das Ungeziefer, die gänzliche Vertilgung war aber nicht durchzuführen. In Kassel ging nun der gewöhnliche Kamaschendienst wieder an, wobei weiter nichts Erhebliches vorkam. Gegen Ende des July 1811. gelang es mir durch Vermittlung des Bataillons-Arztes, mit dem ich befreundet war, einen Urlaub von 6 Wochen zu bekommen, dessen Nothwendigkeit der Doctor dadurch beglaubigte, daß eine längere Entziehung vom anstrengenden Dienste meine angegriffene Gesundheit wieder befestigen würde. Am 1ten August reiste ich also ab, und brachte gedachte 6 Wochen im Kreise meiner Verwandten und Freunde zu, während welcher Zeit der frühere kräftige Zustand meines Körpers völlig wieder eintrat. Bemerken will ich hier noch, daß sich der Sommer vom Jahre 1811. durch große Hitze
und anhaltende Dürre besonders auszeichnete und daß ein sehr glänzender Comet mehrere Wochen zu sehen war. Nach meiner Rückkehr wohnte ich wieder in der Caserne, und der Aufenthalt darin war behaglicher geworden, insbesondere waren die kleinen schwarzen Plagegeister bei der fortgesetzten Reinigung der Locale und Betten, fast ganz verschwunden. Unter der gewöhnlichen militairischen Beschäftigung verstrich nun die Zeit bis in den Monat October, wo wenigstens die größeren Uebungen außerhalb der Garnison eingestellt wurden. Um diese Zeit etablirten sich in Cassel zwei Kaufleute, alte Bekannte und Verwandte von mir, und legten eine Tuchhandlung an. Der Zufall hatte es gefügt, daß sie mit Fabrikanten dieses Stoffes in Frankreich resp: Niederland in Verbindung treten konnten, und so höchst preiswürdiges Tuch für ihr La-
ger ankauften. Die Preise der Tücher standen bis dahin sehr hoch, und da nun meine Freunde durch obige Verbindung, um mindestens 1/3 niedriger verkaufen konnten, so wendeten sich die Käufer in großer Zahl zu diesen, wodurch sie bald zum Wohlstand gelangten. Der Verkehr in dem kleinen Verkaufs-Local war außerordentlich, so daß solches oft die Käufer nicht alle fassen konnte. Die tägliche Einnahme stieg nicht selten auf 500 – 600rtlr., was ich selbst gesehen habe, indem ich das Geld zählen half. Unter diesen günstigen Verhältnissen schwangen sich meine Freunde bald empor, und es wurden endlich aus wenig bemittelten Kaufmanns-Dienern, reiche Kaufleute, so daß der eine ein solches Vermögen erobert hatte, daß er in neuerer Zeit seinen beiden erwachsenen Söhnen, jedem ein Rittergut von beträchtlichem Umfange erworben hat,
wovon das eine das Gut Wuticke bei Rathenow ist, welches früher eine Familie von Möllendorf besaß. Um diese Zeit ereignete sich in Cassel ein Fall, der vielleicht geeignet seyn möchte, einiges Interesse zu gewähren. Am 23ten November 1811 gegen Abend, machte ich, nach beseitigten Dienstgeschäften mit einem Kameraden einen Spaziergang, und wir kamen dann auch in die Nähe des Schlosses. Als wir dies betrachteten, sahen wir, daß es bis in die äußerste Spitze bewohnt war, denn man sah aus den Dachfenstern überall Köpfe von Frauen und Kindern heraus gaffen. Diese Wohnungen befanden sich in der That in einer beträchtlichen Höhe, und ich äußerte gegen meinen Freund, daß es denen dort oben schlecht ergehen würde, wenn etwa Feuer in den unteren Geschossen entstünde. Wir kehrten dann bald in unsere Kaserne zurück und legten uns,
nach verrichtetem letzten Tagesdienst zur Ruhe. Ich bewohnte mit noch einem Kameraden eine Giebelstube der Kaserne, deren Fenster an eine Hauptstraße der Stadt stießen, welche die Richtung auf das Schloß zu nahm. Es mochte um Mitternacht seyn, da vernahm ich im leichten Schlummer drei Schläge an die größte Glocke der Stadt. Da dies täglich, Morgens um 6., Mittags um 12 und Abends um 6 Uhr geschah, so glaubte ich, es sey bereits früh 6 Uhr, und doch kam mir die Zeit, die ich geschlafen hatte sehr kurz vor. Indessen die Töne wiederholten sich, und als nach dem 9ten Male wieder 3 Klänge erfolgten, so sprang ich aus dem Bett, riß das Fenster auf, und hörte nun vom Hauptthurme durch ein Sprachrohr rufen: „Feuer im Schloß!“ Meine Uniformstücke und Sack und Pack überzuwerfen bedurfte nur einiger Minuten und ich rannte dann die Treppe
hinunter zum Hornisten, der sofort Allarm blasen mußte. Alles stürzte noch halb schlaftrunken aus der Kaserne, einige Officiere die ihre Quartiere in der Nähe hatten, wurden herbeigeholt und das ganze Bataillon trat, völlig gerüstet in Reihe und Glied. In der erst erwähnten Straße hin sah man den Schein des Feuers. Nun wurde zuerst auf Kommando das Gepäck gleich an der Kaserne niedergelegt und ein Posten dahin gestellt, und dann ging es im scharfen Trabe dem Schlosse zu. Wir waren die ersten vom Militair an der Brandstätte, und im Augenblick unserer Ankunft brach die Flamme aus dem Fenster des Zimmers, in dem das Feuer entstanden war, in einem Strome von mindestens 10 Fuß Länge und in solcher Mächtigkeit hervor, wie der Raum der Oeffnungen nur gestatten wollte. Nun ward sofort der größte Theil der Jäger in zwei Reihen vom Schlosse an einem Abhang herab bis an die unten fließende Fulda, angestellt, um Wasser zum Löschen herbeizuschaffen; allein dies war
ganz vergeblich, denn es konnte, wegen der Glut, kein Mensch den schmalen Raum zwischen dem Schlosse und dem steilen Abhang betreten. Um diese Zeit kam der König, die Königin am Arm, nebst Gefolge aus dem Schlosse, und flüchtete sich in das Schloß Bellevüe, welches etwa 800 Schritte entfernt lag. Vor dem Schlosse wurden nun diejenigen Sachen, welche man retten wollte, zusammengelegt und um dieselben ein Kreis von Jägern gebildet, welche indessen bald von der Nationalgarde abgelöst wurden. Auch ich begab mich in das Schloß, um nach Befinden einige Gegenstände zu retten, und gelangte hierbei in das Schlafzimmer der Königin, wo das Bett stand, was sie eben verlassen hatte. Gerade unter diesem Zimmer war das Feuer ausgebrochen und wüthete eben fürchterlich. Den Gefühlen von Theilnahme und Verehrung, die sich meiner hier bemächtigten, konnte ich nicht lange nachhängen, denn unter mir tobte ein Vulkan. Dies hielt
mich jedoch nicht ab weiter vorzudringen und ich gelangte in ein hinter diesem Zimmer befindliches Cabinett, in welchem unter andern ein Schrank mit Glasthüren stand, worin viele kleine Porzellan-Büchsen aufgestellt waren. Da der Schlüssel steckte, so schloß ich auf, nahm eine dieser Büchsen und begab mich damit in das erleuchtete Zimmer, wo ich denn sahe, daß darauf in französischen Worten geschrieben stand: Gelee für die Königin. Sogleich wurde diese Büchse von mir als gute Prise erklärt und in eine Tasche meiner Uniform gesteckt. Gern wäre ich zum Schrank zurückgekehrt, um mir noch einige dieser Kruken zu zueignen, allein es war gefährlich, über dem unmittelbar unter dem Fußboden tobenden Feuermeer, aus dem bereits die Flammen an die Fenster züngelten, lange zu verweilen, und indem ich einige transportable Gegenstände rettete, verließ ich eilig den gefahrvollen Ort und legte die Beute im Kreise der Nationalgarde nieder. Ich ging nun wieder ins Schloß zu-
rück, um nach Möglichkeit noch mehr zu bergen, da begegnete mir unten an der Treppe der Oberst Graf Widenberg, unser Commandeur, welcher einige unbedeutende Gegenstände in den Händen trug, um doch zu zeigen, daß er auch beflissen sey, so viel als möglich von den Sachen seines Herrn, denn er war zugleich Kammerherr und Adjutant des Königs, zu retten. Auf meine Bitte übergab er solche mir, und ich schaffte sie zu den Uebrigen. Dabei befahl er mir zugleich, daß ich mit noch einigen Jägern in die Hof-Kellerey gehen, den Kellermeister in seinem Namen zur Verabfolgung einer Quantitaet Schnaps für die beim Feuer beschäftigten Jäger auffordern und diesen dann gehörig vertheilen möchte. Ich ging in Begleitung von 2 Jägern durch das erste Portal des Schlosses in den Schloßhof, um nach dem Schoßkeller zu gelangen, dessen Eingang unter dem entgegengesetzten Flügel sich befand. Es war schwierig, ja sogar gefährlich, über den von allen Seiten durch Gebäude
eingeschlossenen nicht sehr großen Hofraum zu dringen; denn er war mit dichtem Rauche angefüllt, und die Flamme drang aus den unteren Fenster-Oeffnungen mehrere Ellen lang hervor, so daß nur ein schmaler Durchgang frei blieb. Indessen gelangte ich glücklich an die Kellerthüre und trat ein. In dem Vorkeller, der für ein ziemlich gut meublirtes Zimmer gehalten werden konnte, fand ich mehrere Personen von den höheren Königlichen Hofchargen, die sich den Burgunder etc. in gemüthlicher Ruhe recht wohl schmecken ließen und sich um den Brand über ihren Köpfen nicht zu kümmern schienen. Es stellte sich mir auf Befragen nun bald der Kellermeister vor, dem ich sofort den Befehl des Oberst Widenberg mittheilte, worauf er versprach, meinem Wunsche schleunigst zu genügen. Er machte auch eine Bewegung nach dem hinteren Raume des Kellers zu, wo die Herrlichkeiten der französischen rheini-
nischen etc.
Weinberge ihren einstweiligen Ruhepunct gefunden hatten; allein da packte ihn
ein General oder sonst eine Hof-Persönlichkeit an, und verlangte sofort
die Befriedigung seines Appetits, so daß der Mann ganz confus ward und nicht
wußte, wen er zuerst abfertigen sollte. So kam es dann, daß er mich lange
warten ließ und ich mich genöthigt sahe, ihn etwas ernstlicher zu erinnern, mir
den verlangten Schnaps zu geben. Beim Eingange in den hintersten Keller
wiederholte sich indessen die erste Scene und er vergaß mich wieder. Da die
Zeit drängte, so sah ich mich genöthigt mit meinen Mannschaften wieder
abzuziehen, wobei ich mich jedoch nicht enthalten konnte, dem Kellermeister
einige nicht gar feine Worte an den Hals zu werfen und mit Verklagen beim
Obrist zu drohen. Beim Heraustreten aus dem Keller in den Schloßhof hatte sich
die aus den
Fenster-Oeffnungen hervordringende Flamme und der Rauch so bedeutend vermehrt, daß ich im ersten Augenblick fast willens war, in den Keller zurückzutreten; jedoch besann ich mich bald, sondirte das Terrain und fand, daß am entgegengesetzten Theile des Hofes ein kleiner Raum, obgleich mit dichtem Rauch angefüllt, vom Feuer nicht erreicht werden konnte. Diesen passirte ich in möglichster Geschwindigkeit und gelangte unversehrt auf den Platz vor dem Schlosse. Hier war ein arger Krawall, Alles lief durcheinander und ich hatte Mühe den Oberst wieder aufzufinden. Diesem meldete ich, daß ich trotz aller Bemühung keinen Schnaps hätte bekommen können und trug ihm die Sache so vor, wie sie war und wie ich sie eben dargestellt habe. Er wurde sehr entrüstet und wollte selbst nach dem Keller gehen, allein er konnte nicht mehr durch die Flam-
men dringen, die sich inmittelst im Hofe noch vergrößert hatten. Nun ging ich wieder ins Schloß, und bemerkte dort allerley Proceduren, die vermutlich von den Militair-Arbeitern vorgenommen wurden, um Effecten zu retten. In einem der Säle hing ein sehr wertvoller Kronleuchter von Kristall und goldenen Zierrathen, von diesem hieb ein Zimmermann die Schnur ab, er fiel herunter und zerstob in viele Stücke. Ein anderer hieb mit der Axt in die Wand neben einer verschlossenen Thüre, um ein Feld[71] einzulegen. Indessen es fand sich, daß dies nicht so leicht war, denn die Wand war an beiden Seiten mit Brettern verschlagen und der hohle Raum mit kleingehacktem Dornenreis[72] ausgefüllt. Einen Dritten sahe ich eine kleine Commode anpacken. Er schleppte sie an ein Fenster und warf sie, nachdem dies zuvor eingeschlagen
war, hinunter, wobei solche natürlich ganz zertrümmerte. Glücklicher Weise wurde kein Mensch dabei beschädigt. Das Feuer hatte auch den Thronsaal ergriffen und darin selbst den Sessel des Königs nicht verschont. Doch wurde dieser Sessel, freilich in angebranntem Zustande, noch geborgen und in ein anderes Local gestellt, wohin der Brand nicht gelangte. Etwa um 3 Uhr wurde man des Feuers so weit Herr, daß es nicht weiter konnte. Es hatte sich auf einen ganzen und einen halben Flügel des Schlosses beschränkt, hierin aber tobte es noch immer fort. Man führte einen alten Juden um das ganz isolirt stehende Schloß herum; welcher das Feuer besprechen sollte, damit es nicht weiter um sich greifen möchte;[73] - natürlich vergebens – Um diese Zeit ging ich zu meinen Freunden, den früher er-
wähnten Kaufleuten, um mich ein wenig zu restauriren. Es mochte wohl vier Uhr seyn und wir traten vor deren Thüre, von wo das Schloß nicht weit stand, um den Verlauf des Feuers weiter zu betrachten, als auf einmal der Dachstuhl des ausgebrannten Theiles mit Ziegeln, Latten etc. mit einem furchtbaren Krachen herab in die stehen gebliebenen Mauern stürzte in Folge dessen eine unzählbare Menge kleiner Funken hoch in die Lüfte stiegen und gleich einem Heere von Sternen durch einen leisen Hauch des Ostwindes, langsam in der Richtung nach der Stadt zu hingetrieben wurden, wo sie auf den Dächern herunter rollend, glühend auf die Erde fielen. Dies war ein herrliches Schauspiel, welches gleichsam als das Ende des Dramas betrachtet werden konnte.
In den Mauern glimmte der Schutt noch mehrere Tage fort, und es wurde der Vorsicht halber, eine Brand-
wache in das Schloß gelegt. Diese zu beziehen traf auch mich die Reihe, und wenn auch von diesem Dienste wenig zu rühmen ist, so will ich doch bemerken, daß ich öfters dabei den oben erwähnten, halb verbrannten Thronsessel zum Gesäß benutzte. Während der langen Nacht, die ich darin versitzen mußte, kamen mir allerley Gedanken in den Kopf, die ich jedoch nicht mehr weiß. Es kann aber seyn, daß ich davon geträumt habe, wie das Ansengen der Thrones ein Herstirben[74] des zusammengestoppelten Königreichs Westphalen bedeuten könnte.
Zum Wiederaufbau des Schlosses wurde nicht die geringste Anstalt gemacht, der Schutt blieb den ganzen Winter auf 1812 in der Ruine liegen, und als ich im Jahre 1815 Kassel wieder besuchte, hatte der alte Kurfürst immer noch keine Anstalt treffen lassen, das Gebäude herzustellen. Die Nachtwachen dauerten so lange fort, bis kein Rauch mehr aus dem Schutte aufstieg und der Schnee alles be-
deckte.
Die Ursach des Feuers konnte nicht zuverlässig ermittelt werden; das Gerücht sagte nur, daß es in dem Zimmer des Schloßhauptmanns dadurch entstanden sey, daß eine der Röhren, die zur Erwärmung des Zimmers unter den Dielen desselben angebracht waren, gesprungen wäre. Weiter hieß es: die dann ausströmende Hitze zündete die Bretter an, diese die Tapeten und Vorhänge, worauf im Augenblick das ganze Innere in Brand gerieth. Der betreffende Militair-Posten, ein Jäger, vernahm ein Knistern in dem Zimmer, sah durchs Fenster und bemerkte den Brand. Eilig meldete er dies dem wachthabenden Officier und dieser rief den Schloßfourier[75] herbei. Beide stürzten zu dem Zimmer, worin es brannte, fanden solches aber verschlossen und schlugen eine Scheibe entzwei um einzusteigen, allein im selben Moment drang die Flamme, die
Luft bekam, aus der Oeffnung ihnen entgegen, sie mußten zurück und als bald wurde das ganze Fenster herausgedrückt, indem ein mindestens 10 Fuß langer Feuerstrom hervorbrach, so daß von dem Augenblick eine Dämpfung der Flammen unmöglich ward, wie das aus obiger Erzählung hervorgeht.
Dies Ereigniß wurde im Allgemeinen unter den Angehörigen der usurpirten Länder, nämlich Preußen, Hannoveranern, Braunschweigern und Hessen, in vertraulichem Kreise auf mancherley Weise gedeutet, meistens nahm man an, daß es ein böses Omen für das Königreich Westphalen seyn könnte, und mancherley Hoffnungen für eine frohe Zukunft tauchten auf, die sich natürlich hauptsächlich auf den status quo der alten Regierungen bezogen. In wie weit sich dies verwirklicht hat, haben die Ereignisse gezeigt. Die angestammten Regenten haben
ihre Länder zurückgenommen, und was deren Unterthanen dabei fühlten, können nur die beurtheilen, welche in jener Zeit bereits ein reiferes Alter erreicht hatten; die inmittelst entstandene Generation vermag es nicht. Der Moment der Umgestaltung im Jahre 1813. mag einen großen Jubel der anwesenden Patrioten hervorgerufen haben; ich meinerseits konnte nicht Zeuge oder Mitempfindender seyn, weil ich damals gerade einige hundert Meilen vom Vaterlande in russischer Gefangenschaft festgehalten wurde. Doch endlich gelangte die Kunde auch dorthin und ich vernahm sie mit einiger Freude, wozu sich die frohesten Erwartungen für die Zukunft gesellten, die auch in Betreff meiner Verhältnisse in Erfüllung gegangen sind, wofür ich Gott danke.
etwa 2 Meilen von Kassel liegenden Habichtswalde veranstaltet wurde. Eines Abends beim Appell wurde befohlen, daß das Bataillon am nächsten Morgen in frühester Zeit auf dem Platze erscheinen solle, um bei einer Jagd des Königs behülflich zu seyn. Ein angenehmeres Commando war im Laufe der Zeit nicht vorgekommen, und sämmtliche circa 600 Jäger sahen dem folgenden Tage froh entgegen. Der Abmarsch erfolgte und bei der Ankunft am Ziele wurden die 6 Kompagnien in eben so viele, um den Wald herumliegende Dörfer verlegt. Es ward uns nun mitgetheilt, daß an einer geeigneten Stelle des Waldes ein eingestelltes Jagen hergerichtet werden solle und daß zu diesem Behuf, als Vorbereitung, das Rothwildpret etc. durch zu veranstaltende großartige Treiben in einem Kreise von einer Meile gezwungen werden solle, sich auf jener Stelle zu concentrieren. Wir als gelernte Jäger wären dazu auser-
sehen, sowohl selbst mitzutreiben, als insbesondere die Bauern, welche in großer Zahl zum Treiben requirirt seyen, in der gehörigen Ordnung zu erhalten. Nachdem die Stunde des Ausrückens am nächsten Tage bestimmt war, marschirten die Compagnien in ihr Quartier, und jeder Jäger sah dem Anbruch des künftigen Tages mit Vergnügen entgegen. Er brach an, und mit dem ersten Schimmer marschirten wir, den ganzen Troß der Bauern des Dorfes hinter uns, bis zu einem uns bereits früher bezeichneten Puncte, wo die Treibwehr in der Art hergestellt wurde, daß abwechselnd etwa alle 10 Schritte ein Jäger und ein Bauer sich aufstellte und so eine Linie gebildet wurde. In eben der Art stellten sich die übrigen Compagnien mit ihren Bauern auf bis auf die letzte und es entstand dadurch ein Kreis, der den ganzen Wald umschloß. Als nun der Schluß hergestellt und somit Alles geordnet war, wurde von Seiten des Bataillons-Commandeurs der
Stabshornist veranlaßt, durch den Halbmond (Signalhorn) das Zeichen zum langsamen Avanciren zu geben und als dies von den Compagnie-Hornisten wiederholt war, setzte sich die ganze Treibwehr in Bewegung, jedoch immer in möglichster Stille. Von jetzt an kann ich mich nur darüber äußern, was bei meiner Compagnie, resp: in meiner Nähe vorging, denn wir gelangten bald in den Wald, folglich war der Gesichtskreis sehr beschränkt. Wir rückten indessen stets in der besten Ordnung im Walde vor, was aus dem Grunde möglich war, weil jede Bewegung oder Halt, jede Veränderung der Direction durch den Klang der Hörner bezeichnet wurde. Der Schall der Hörner mitten im Walde, das schöne Wetter, das Aufschrecken von allerley Wild und die nach und nach wilder werdende Gegend, das Alles erfüllte die ächte Jägerbrust mit Vergnügen und ich denke oft jetzt noch, im 70ten Lebensjahre, an jenen Moment zurück. Ein wirklicher Halt um auszuruhen wurde nicht
gemacht, Jedem war überlassen, entweder zu hungern oder das zu verzehren, was er aus seinem Quartiere an Speise mitgebracht hatte. Gegen Abend langte der Kreis am Fuße des höchsten Punctes des Waldes an. Hier fanden sich bereits nicht unbedeutende Klippen vor, die mich an Partien des Harzes erinnerten. Auf diesem Puncte wurde zum Halten geblasen, und als wir einige Zeit dort gestanden hatten, zeigte sich höher hinauf ein Rothhirsch, der andern Orts aufgeschreckt, die Flucht durch die Treibwehr versuchte. Er prallte erst links von uns an die Treibwehr, wurde dort zurückgescheucht und versuchte dann rechts von uns seinen Zweck zu erreichen, allein auch dort gelang es ihm nicht zu entkommen und nun nahm er seine Richtung genau auf den Punct zu, wo ich stand. Er setzte in wildem Rennen die Flucht fort und als er etwa noch 20 Schritte vor mir war, stürzte er und stieß mit dem Kopfe gegen einen Felsen, daß sofort das
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Genick zerbrach und er tod vor mir lag. Nun wurde der Berg bis dahin, wo die Teibwehr stand, mit Tüchern umstellt, während welcher Zeit die Sonne unterging, wo wir dann durch das Horn zum Sammeln gerufen und der Rückmarsch in das Quartier geboten wurde. Das Schicksal des Hirsches war dem Könige gemeldet und dieser hatte befohlen, daß ihn die Compagnie vor welcher derselbe seinen Tod gefunden habe, zum Geschenk erhalten solle. Er wurde sofort aufgenommen und wir zogen mit ziemlichem Geräusch und im Vorgeschmack eines Bratens von dem selben, in unser Dorf ein.
Der Hirsch, ein 10Ender, wurde nun unter meiner Mitwirkung kunstgerecht zerwirkt und zerlegt, und da er ein Gewicht von circa 200 tt hatte, so genügte er, daß jeder von der Compagnie, die Officiere nach Verhältniß mehr, etwas davon bekam. Auf welche Weise in meiner Section die Zubereitung geschah, ob das Wildprett gebraten oder gekocht wurde,
weiß ich nicht mehr, so viel ist mir indessen noch erinnerlich, daß es mir gut geschmeckt hat.
Am anderen Morgen, schon vor Tages-Anbruch zogen wir wieder aus, jedoch ohne Begleitung der Bauern, und rückten bis an den Ring der gestern mit Tüchern umstellt war. Es war die Absicht, das sämmtliche Wildprett auf dem Plateau des Berges zu concentriren, zu welchem Behufe die Umstellung in der verwichenen Nacht von den herrschaftlichen Jagdbedienten und Troßknechten an 3 Seiten bis an die Grenze desselben vorgerückt war, mithin nur noch die eine Seite offen blieb. Das Wildprett befand sich dem nach schon sehr eingeengt und es war nun unsere Aufgabe, dasselbe in das an einer Seite offene Viereck hinein zu treiben. Wir, circa 600 Mann stark, nahmen nun an der gestern aufgestellten Tücherstrecke Stellung und breiteten uns soweit daran aus, als der vor uns liegende
Raum noch nicht eingestellt war. Nun rückte die ganze Linie in gehöriger Ordnung langsam vor bis an die beiden Flügel der Stellung, womit das eigentliche Haupt-Treiben eingeschlossen war, und machten dort so lange Halt, bis man die Oeffnung mit den schnell heran geschafften Tüchern geschlossen hatte. Bei dem Treiben dahin zeigte sich nun schon mehr Wildprett als am gestrigen Tage, meistens jedoch nur Rothwild, was mich indessen sehr ergötzte. Unmittelbar an die zuletzt aufgestellte Wand, grenzte der Lauf, nemlich der Platz ohne alles Gesträuch, wo abgeschossen werden sollte, an welchen sich weiterhin eine Dickung anschloß, in die sich das Wildprett zurück gezogen hatte. Diese Dickung, die etwa 30 Morgen in einem länglichen Viereck enthalten mochte, war durch drei 12 Fuß breite Schneisen in 4 gleiche Flächen getheilt und das Ganze war überhaupt so gestaltet, daß man wohl annehmen konn-
te, daß die betreffenden Kurfürsten eingestellte Jagen in früheren Jahren dort schon abgehalten hatten. Dieser Tag wurde nun noch zu mancherlei Verrichtungen benutzt. An einem Ende des Laufs ward ein Pavillon errichtet von dem Umfange, daß außer für den König zum Einlegen des Wildes noch Platz genug darin war, für die Königin und den ganzen Hofstaat. Rechts auf dem Laufe wurde eine Vorrichtung gemacht, um einige Hirsche lebendig einzufangen. Diese war folgendermaßen construirt. Es wurde ein 8 Fuß hoher Fluchtzaum angefertigt, der trichterförmig in der Mitte der Tuchwand, welche auf der Grenze der Dickung und des Laufes sich befand, begann, über den letzten in schräger Richtung hinzog und in der nordöstlichen Ecke der Stellung mit einer Oeffnung von etwa 2 Fuß endigte, rep: ausmündete. Dieser
Zaun lief circa 20 Fuß von der Mündung, mit der äußeren Tuchwand parallel 2 – 3 Fuß fort und war in seiner ganzen Länge oben quer über 12 Fuß mit Falltühren versehen, die vermittelst einer Vorrichtung durch Schnüre aufgerollt und heruntergelassen werden konnten, gleich wie dies bei den Fensterrolleaux eingerichtet ist.
Der Tag ging nun unter Fortsetzung der Vorarbeiten hin, und der nächste ward zum Einfangen der Hirsche bestimmt. Wir gingen dann in unsere Quartiere zurück, und marschirten am nächsten Tage, bei Tagesanbruch wieder auf den Jagdplatz. hier begann nun sofort der Trieb des eingestellten Wildes nach dem Laufe zu, um das Einfangen der Hirsche zu bewirken. Es befand sich eine ansehnliche Zahl Wildprett in der Stellung, was aus männlichem und weiblichem Rothwild, wilden Schweinen und Füchsen bestand. Das ganze Bestreben dabei wurde
darauf gerichtet, einen Theil der Hirsche von dem übrigen Wildpret zu sondern, was unter vieler Mühe durch die Rolltücher mit 7 Hirschen auch gelang. Diese waren endlich in der dem Laufe zunächst liegenden Kammer eingeschlossen. Nun ward das Rolltuch, soweit es der Raum zwischen dem Fluchtzaun und der nördlichen Tuchwand schloß aufgezogen und, wenn ein oder mehrere Hirsche durch die Oeffnung gingen, sogleich wieder niedergelassen . Diese befanden sich demnach schon in dem Fange und es wurde nun dahin gestrebt, vermittelst Aufziehen und Herunterlassen der über dem Fange befindlichen Rolltücher, einen einzelnen Hirsch weiter vor zu bringen, was auch leicht gelang. Dieser wurde nun vorsichtig in dem Fange weiter nach der Oeffnung zu getrieben und nach und nach durch Herunterlas-
sen der Rolltücher in den oben bezeichneten engen Raum versetzt, wo er sich zuletzt nicht mehr umdrehen konnte. So ging denn das Vorbuchsiren immer fort, bis der Hirsch die Oeffnung, vor welcher ein Hölzerner Kasten von entsprechender Räumlichkeit stand, in welchen er, wohl oder übel, übertreten mußte und somit, nach Herunterlassung eines Schiebers, gefangen war. Der Kasten mit dem Hirsche ward nun auf einen in der Nähe stehenden Wagen geschoben und an dessen Stelle ein anderer gesetzt. Das Geschäft ging denn auf vorbemerkte Weise fort, und es wurden so 7 Hirsche eingefangen. Ein gleiches Schicksal war für die Füchse beschlossen, was jedoch viel weniger Mühe verursachte. Zunächst wurden die Rolltücher vor dem Fange etwa 1 Fuß hoch von der Erde in die Höhe gerollt, damit
nur ein Fuchs, aber kein größeres Wildprett, hindurch kommen konnte. Nun gingen die Treiber an das äußere Ende der Stellung zurück, stellten sich da regelmäßig an und trieben den District in der Richtung nach dem Laufe zu ab. Die Sauen waren hartnäckig und gingen gleich Anfangs mit Gewalt durch die Treiber, rannten auch wild auf die Jäger los, wo keine Saugarme[76] vorgezogen waren, und wie aus der Pistole geschossen durch jene hinweg in die weite Welt, so daß auch nicht eine einzige im Triebe blieb. Die Form der Löcher, welche dadurch in den Tüchern entstanden, sehe ich immer noch in Gedanken, Sie bildeten Alle ein Dreieck. Ein Rothschmaltier welches mit andern Wildpret ebenfalls durch die Treiber zurückging, versuchte über die Tücher zu fallen, was ihm mit einem ungeheuren Satze beinahe gelungen wäre, denn es befand sich mit den Vorderläufen bereits auf der oberen Leine, als es sich jedoch mit den Hinterläufen den
letzten Schwung geben wollte, fuhren diese durch das Tuch und es fiel rücklings wieder herunter. Die Reineckens gingen in ihrer gewöhnlichen Manier beim Beginn des Treibens sogleich vorwärts, immer an den Tüchern entlang in der Meinung einen Ausgang zu finden. Diesen fanden sie auch an der Stelle, wo die Tücher etwas gehoben waren, und glaubten nun ohne Zweifel, sie seyen geborgen. Dem war aber nicht so, sie gelangten bald in den sich weiterhin immer mehr verengenden Fang, in welchem ihnen durch die Herablassung eines der letzten Rolltücher vor dem Kasten Halt geboten ward. Bei der Ankunft der Treibwehr an dem Laufe, wurden die etwas in die Höhe gezogenen Tücher heruntergelassen, und die Hühnerdiebe sahen sich nunmehr auf einem engen Raum gefangen, indem noch hinter ihnen das letzte Rolltuch fiel. Der Kasten, worin sie einstweilen aufbewahrt werden sollten,
stand bereits vor der Oeffnung und als das zunächst befindliche Rolltuch aufgerollt wurde, wurden sie gezwungen, vorwärts und endlich in den Kasten zu rücken. Ich betrachtete nun die Herren Reineckens, (zufällig auch 7 an der Zahl); sie machten ein verschämtes Gesicht, aber im Hintergrunde blieb immer die Schlauheit und Tücke sichtbar. Der Kasten wurde dann einstweilen bei Seite gesetzt, die Oeffnung, vor der er gestanden, geschlossen und dann der Fluchtzaun weggeräumt. Nach einem langen Tageswerke hatten wir eine kurze Zeit Ruhe und marschirten dann in unsere Quartiere zurück. Zuvor betrachtete ich jedoch noch die Hirsche in ihrem Kasten. Ihre Physiognomie war von der der Füchse sehr verschieden, das Auge blickten Einen offen und mit einer gewissen Sanftmuth an, während es die Füchse
sobald man sie scharf ansahe, stets schlossen. Am folgenden Tage vereinigte sich das Bataillon wieder auf dem Jagdplatze und erwartete die Ankunft des Königs.
Etwa gegen 10 Uhr erschien er mit der Königin in Begleitung des ganzen Hofstaats mit einigen hohen Fremden. Der Zug begab sich, nach von dem Oberjägermeister Grafen von Hardenberg dem Könige gemachten Rapport auf den Lauf und in den Pavillon. Der König nebst dem Oberjägermeister begaben sich in den Schießstand, und nunmehr begann das Treiben nach dem Laufe zu, indem die Rolltücher, welche, diesen bis dahin geschlossen hatten, aufgerollt wurden. Das Wildpret rückte sehr bald auf den Lauf und das Abschießen begann. Das Wild prallte nun zurück auf die Treiber zu, und wurde in der Nähe des Laufes, durch Oeffnung der
Treiberlinie, durchgelassen. Dann ward der Trieb wiederholt und so ging es fort, bis sämmtliche Hirsche erlegt waren. Bemerkenswerth ist, daß der Stärkste dann nicht bis auf den Lauf vorging, vielmehr in der Nähe desselben sich jedesmal in einem dicken Dornhorste zu verstecken wußte. Dies veranlaßte mich, ihn näher zu beobachten. Beim nächsten Treiben stellte ich mich auf die erste Schneise am Lauf und beobachtete diesen genau. Der inmittelst in das Treiben zurück gegangene Hirsch erschien sogleich, als die Treiber anfingen vorzurücken und kroch in den besagten Busch, der sich etwa 100 Schritte vom Laufe befand, hinein und that sich da nieder, so daß ich ihn nur sehen konnte, wenn ich mich auf ein Knie niederließ. Den ersten Jäger, der herankam, sandte ich ab, um dem Oberjägermeister dies zu melden, während ich den Treibern gleichzeitig sagen ließ, daß sie einstweilen Halt machen möchten, was dann auch geschah. Nicht lange nachher kam der König, mehr springend als gehend, und in ziemlicher Entfernung hinter ihm der schon ältliche und wohlbeleibte Oberjägermeister keuchend an. Ich blieb in meiner knienden Stellung, bis der Erstere ganz nah an mich heran gekommen war, erhob mich dann und zeigte mit der Hand nach dem Orte hin, wo der Hirsch saß. Nachdem der König auf der Stelle, wo ich gesessen hatte, sich auch auf ein Knie niederließ, wurde er den Hirsch sofort gewahr und im nächsten Augenblick schoß er zweimal darauf und hatte ihn so gut getroffen, daß er in der Nähe des Laufes stürzte. Als der König wieder nach dem Pavillon zurückhüpfte, folgte ich noch bis an den Lauf und sah dann und hörte, wie er von der
Königin auf die freundlichste Art ob der heroischen That beglückwünscht wurde. Das Treiben ging nun so lange fort, bis die in dem Triebe vorhandenen Hirsche alle todgeschosen waren; sie wurden dann in einer Reihe hingelegt (gestreckt) und es waren dann 32 Stück. Das weibliche Wildpret, wovon eine ziemliche Anzahl sich in der Umstellung befand, ward in Freiheit gesetzt. Nun kam die Reihe an die Herrn Reineckens. sie wurden einer nach dem anderen mit einer Dachszange aus dem Kasten hervorgeholt und auf den Lauf gelassen, und so sucessive vom Könige todtgeschossen. Sie wandten alles an, um sich zu retten, einer kletterte an den Tüchern in die Höhe und hatte die oberste Leine bald erreicht, als er heruntergeschossen wurde. Als die 7 Füchse
tod waren, wurde auch ihnen die Ehre zu Theil, neben den edlen Hirschen gestreckt zu werden, und als dies geschehen war, begaben sich die sämmtlichen Herrschaften dorthin, um das Wildpret näher zu beschauen. Beim Anblick der glänzenden Gesellschaft, worunter sich manche schöne Dame befand, regten sich deutlich patriotische Gefühle in mir; ich war aber genöthigt, sie zu unterdrücken. Bald darauf entfernte sich der König mit seinem Gefolge und der ganze Zug kehrte nach Kassel, wir aber nochmals in unsere Quartiere zurück. Die lebendigen Hirsche waren bereits nach Kassel transportirt, sie sind später zugbändig gemacht und förmlich zum Fahren abgerichtete, jedoch im Jahre 1813, als die Kosacken zum ersten male Kassel besuchten
von deren Commandeur als gute Prise erklärt und nach Peterburg geschickt worden.
Die Jagd war nun zu Ende und wir rückten am nächsten Tage wieder in die Garnison ein. Dort wurde der Kamaschendienst nach wie vor getrieben, mitunter kamen auch Manöver und Parade vor. Eines Tages wurde eine dergleichen bestellt und zu deren Abhaltung ein Platz in der Nähe der Stadt, die Aue genannt, bestimmt. Zur bestimmten Stunde trafen wir dort ein und es erschienen nach und nach sämmtliche Gardetruppen. Später traf der König nebst seinem ganzen glänzenden Gefolge ein und das Manöver begann. Da erst bemerkte ich, daß ich meinen Hirschfänger vergessen hatte, nicht in meinem Quartier, sondern in dem des Feldwebels, den ich vor dem Ausrücken besuchte und wo ich zu einem gewissen Behufe das Schwert ablegte und es in eine
Ecke des Zimmers stellte. Es wurden nun allerlei Evolutionen gemacht, unter anderem ward auch ein Bajonett-Angriff fingirt, wobei der Hirschfänger auf die Büchse gesetzt werden mußte. Zum Glück stand ich nicht mit im vordersten Gliede, sondern hinter der Compagnie, resp: meiner Section, und ich brauchte daher den Hirschfänger nicht aufzupflanzen, wodurch ich vor einer sonst unbedingt erfolgten Arreststunde bewahrt wurde. Die Verlegenheit war aber noch nicht vorüber, denn nach der Parade mußte ich einen vorgeschobenen Wachtposten zwischen Kassel und Napoleonshöhe mit einer Anzahl Mannschaften beziehen, und diese hätten doch wohl leicht entdecken können, daß ihr Commandant das Schlachtschwert nicht an hatte. Doch niemand bemerkte es und als ich am nächsten Tage abgelöst wurde, fand ich meinen Hirschfänger harmlos in der bezeichneten Ecke stehen.
Es waren eben noch einige Unterofficiere daselbst, und ich suchte meinen Säbel unvermerkt zu erhaschen, aber der Feldwebel schien es doch bemerkt zu haben, denn er drohte mir mit dem Finger. Nach dieser Zeit habe ich mein Seitengewehr nicht wieder vergessen.
In dieser Zeit munkelte es mitunter, daß wahrscheinlich ein Krieg mit Rußland entstehen würde; doch zerschlug sich das Gespräch wieder, - und das verhängnisvolle Jahr 1812. brach an. Im Februar besuchte ich meine Verwandten wieder einmal. Bei meiner Rückkehr wiederholte sich das Gerücht, daß wir nach Rußland marschiren würden; auch deuteten mancherley Vorkehrungen darauf hin. Dazu gehörte unter anderen das Formen angeschafft wurden, die um ein Geringes schwächere Kugeln lieferten, als die Paßkugeln für unsere Büchsen, um schneller damit laden zu können. Freilich ward der Schuß dadurch unsicher, doch dies schien man damals
nicht sehr zu beachten, da man den Vorzug der mit einem Schneckenzuge[77] versehenen Büchsen und den Vortheil, welchen der Soldat im einzelnen Gefecht damit zu leisten im Stande war, in der französischen Armee nicht kannte oder nicht kennen wollte, und doch hatte sich die auf diese Art construirte Büchse in den kleinen Gefechten im Jahre 1809., die ich oben beschrieben habe, bereits bewährt. Gegen die Mitte des Monats März vermehrten sich die Vorbereitungen zu einem Feldzuge und dieser war nun nicht mehr zu bezweifeln. Natürlich konnte er nur Rußland zugedacht seyn, denn Oestreich war in Folge der erlittenen Niederlagen auf dem Puncte angekommen, vorerst einen Zusammenstoß mit Frankreich zu vermeiden, ebenso leider auch Preußen. Um diese Zeit wurde mir das Amt übertragen, die Ausrüstung des Bataillons in jeder Beziehung zu leiten und ich wurde zu dem Range ei-
nes Sou adjutanten der Garde befördert, was eine Stellung in der Armee bedeutete, die dem Sou-Lieutenant in der Linie gleich war. Als Alles gehörig vorgerichtet war, erfolgte, wenn ich nicht irre am 4 April 1812. der Abmarsch und das erste Nachtquartier wurde in Hannoversch-Münden genommen. Wer hätte wohl gedacht, daß von dem aus 600 und einigen sechzig Mann junger rüstiger Jäger bestehenden Truppe, in Zeit von 10 Monaten nur 29 Mann in dem traurigsten Zustande nach Kassel zurückkehren würden? Ein Kamerad und Freund, der sich unter den Zurückgekommenen, befand, schrieb mir vor Kurzem Folgendes darüber:
„Endlich in den ersten Tagen des Februar 1813. erreichten wir, 5 Officiere und 24 Jäger, Kassel, Alles strömte herbei uns ankommen zu sehen, aber wie viele wurden getäuscht? Unter den zurückgekehrten Officieren befanden sich: Capitain Metz-
ner, Adjutant Schmidt, die Lieutenants von Bodungen, von Stark und Hüttenroth, welche letztere drei sogleich zu Capitains befördert wurden, auch der kleine von Götz war glücklich zurückgekehrt. Unser armer Freund Koch fand sein Grab schon in der Gegend von Smolensk, er hatte nicht mehr die Kraft weiter zu gehen, und erfror auf jämmerliche Weise. Walkerling dagegen mußte auf ganz entgegen gesetzte Art sein Leben beschließen, indem er in einer russischen Bauernhütte mit mehreren unserer ehemaligen Gefährten verbrannte. Unser Hauptmann von Stein hatte sich bis Königsberg i/P geschleppt und starb dort im Hospitale, so wie auch der Jäger Weiß in Magdeburg starb.“ (Die Zeilen dieses Zitates sind alle am linken Rand mit Anführungsstrichen versehen.)
Soweit mein alter Leidensgefährte, und nun wieder zu den Dingen die da kommen sollten. In Münden rasteten wir einige Tage und dann ging der Marsch weiter über Göttingen, Mühl-
hausen, Sondershausen, Eisleben bis Halle. In Eisleben besuchte ich das Haus, wo unser großer Reformator Dr. Martin Luther im Jahre 1483 geboren wurde, und zeichnete meinen Namen in das dort vorhandene Fremdenbuch ein. In Halle blieben wir einige Tage stehen, und ich konnte in dieser Zeit umsomehr vergnügt seyn, als ich dort nahe Verwandte in der Familie des Justiz-Rathes Hirsch fand. Diese Tage sind mir jetzt noch in freundlicher Erinnerung und ich ward unter andern eines Tages von der Familie eingeladen, einem veranstalteten Balle beizuwohnen, was mir sehr erwünscht war. Der Tag erschien und die Vorbereitungen zu dem Vergnügen wurden getroffen, da auf einmal rief das Signalhorn zum Appell. Angelangt auf dem Allarmplatze wurde befohlen, daß das Bataillon in einigen Stunden dort zum
Abmarsch parat stehen sollte. Dies war zwar eine sehr unerfreuliche Kunde, allein hier war nur zu folgen. Es lagen mir nun noch andere Vorbereitungen als die zum Balle ob, und diese nahmen meine Zeit dergestalt in Anspruch, daß mir kaum möglich war von meinen Lieben Verwandten Abschied zu nehmen. Sosehr ich mich auch beeilte, so wenig konnte ich mit meinen Geschäften bis zum Abmarsch des Bataillons fertig werden, und ich konnte mit meinem Troß erst spät Nachmittag nachziehen und zwar auf Dessau zu. Nachdem ich ein paar Meilen zurückgelegt hatte, wurde es dunkel und der unwissende Wegweiser, den ich bei mir hatte, führte mich von der rechten Straße ab und ich gerieth zuletzt ganz in die Irre. Als ich hierüber den Führer nicht ganz fein zur Rede setzte und ihm sonst noch drohte, war er in der Dun-
kelheit verschwunden, und ich war nun meinem Schicksal überlassen. In der Folge sahe ich mich bei dergleichen Gelegenheiten besser vor; ich ließ die Boten an einen Strick nehmen, woran er von einem der Bedeckung an der Spitze des Trosses geführt ward. Dies will ich einem jeden rathen, der in solche Lage kömmt. Nach längerem Vorrücken kam ich an ein Dorf, was Köckern heißt, und das mindestens 1 Meile von der Straße ablag. Diese wieder zu gewinnen und dann noch bis Dessau zu marschiren, war nicht möglich, da die Pferde bei dem grundlosen Wege so ermüdet waren, daß sie für den Augenblick nicht weiter konnten. Ich beschloß daher in diesem Dorfe Quartier zu nehmen, was mir von den Bewohnern auch willig gewährt wurde. Ich für meine Person kam auf ein großes Bauerngut zu liegen, und sonderbar genug, daß ich später im Jahre 1816., auf meiner Reise von
Halle nach dem Erzgebirge, mit dem Besitzer desselben in Gemeinschaft kam. Wir, nämlich ich und der Bauerngutsbesitzer nahmen 1916. in Leipzig Extrapost und in der Nacht war der Mann eingeschlafen. Wir fuhren durch einen seichten Fluß und als wir in die Mitte desselben gelangt waren, fiel ihm die Mütze vom Kopfe ins Wasser und floß fort. Als wir in Schneeberg anlangten, hatte er sofort einen Besuch zu machen, wozu ich ihm meine Mütze borgte.
Nun weiter: Von Kockern setzte ich mich in aller Frühe in Marsch und traf gegen Mittag in Dessau ein. Hier befand sich bereits der französische General Vandamme, unter dessen Commando wir gestellt waren. Er musterte uns eines Tages, und es zeigte sich dessen Ruf als grober Gast gleich in der Wahrheit, - was auch aus folgendem Falle hervorgeht. Ein anständiger Bürger Dessaus, der sich un-
ter den Zuschauern befand, trat in der Nähe des einen Flügels des in Linie aufgestellten Bataillons etwas weit vor, um die Jäger von vorn zu betrachten. Der Vandamme, welcher vor der Front herunter ging, bemerkte den Mann und schlug ihm sofort mit der Faust so ins Gesicht, daß ihm das Blut aus der Nase drang. Ich hörte mehrere Jäger murmeln: wenn dieser Hund in der Schlacht in unsere Nähe kömmt, so soll die erste Kugel von uns statt auf den Feind, ihm durch den Wanst fahren. Ein Glück für ihn, daß er nur bis an die russische Grenze mit uns, von Grodno aber nach Frankreich zurückging. Hätte er doch früher eine Kugel auf den rechten Fleck bekommen, dann würde manche Gräuelthat, welche er später in Hamburg, Bremen etc. ausübte, unterblieben seyn. Die Mobilmachung der Truppe bei der ich stand, war immer noch lange nicht vollendet und ich hatte
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so mancherlei damit zu schaffen, daß ich immer erst spät Abends in meinem Quartier eintreffen konnte und selbiges schon vor Tage wieder verlassen mußte. Aus diesem Grunde weiß ich jetzt nicht mehr, in welchem Hause und bei wem ich wohnte. Später, als ich bereits hier lebte, wollte eine mir befreundete Dame, deren Vater damals Forstrendant in Dessau war, behaupten, ich habe bei ihren Eltern mein Quartier gehabt, was ich schon deshalb nicht bestreiten konnte, weil, obgleich ich sonst ein gutes Gedächtniß habe, doch die Erinnerung daran gänzlich verwischt war. Bei Besorgung der mir obliegenden Geschäfte kam ich mit einem fürstlich Dessauischen Beamten, dem CammerRath Basedow, später von Basedow in Berührung. Dieser war mit Allem, was auf die Einquartierung, Verpflegung der Truppen und deren
Fortschaffung Bezug hatte, beauftragt. Bei unserem Abmarsch der nach einigen Tagen Aufenthalt erfolgte, hatte er 2 Pferde für mich bis Wittenberg zu stellen. Bei meinem Abgange sprach er den Wunsch aus, daß ich gedachte Pferde von der nächsten Etappe bald wieder zurücksenden möchte, was denn auch geschah. Der nächste Etappenort war Wittenberg. Etwa eine Stunde von Dessau, bei dem Dorfe Poetnitz war ein ziemlich hoher Erdhügel, dem Anschein nach vor kurzer Zeit aufgeschüttet, auf welchem ein fremdartiges Gebäude, natürlich auch ganz neu, stand. Nach Aussage eines Mannes, der in der Nähe war, sollte es ein Denkmal zu Ehren Napoleons seyn; dieser habe nemlich im Jahre 1806., als die Franzosen das Dorf Poetnitz passirten, mit dem Fürsten von Dessau auf der Stelle ge-
halten, wo der Berg aufgeschüttet sey. Da wäre eine arme Bauer-Frau weinend an den Fürsten herangetreten und habe ihm geklagt, daß die Franzosen ihr eine Kuh genommen hätten. Napoleon habe dies bemerkt, und den Fürsten gefragt, was das Weib wolle? Nachdem ihn dieser davon unterrichtet, wäre sofort ein Adjutant mit dem Befehl versehen worden, zu veranlassen, daß das Thier der Frau zurückgegeben würde, was dann auch geschehen sey.
An diesem Tage marschirten wir in der Gegend von Oranienbaum an einem Forstdistricte vorüber, der mir im Jahre 1819. zur Verwaltung mit übertragen wurde. Schon oft habe ich daran gedacht, wie sonderbar die Vorsehung die Zukunft der Menschen bestimmt. Bei der damaligen Macht Napoleons hatte wohl Niemand eine Ahnung davon, daß er in etwas mehr als Jahresfrist entthront und
fortgejagt seyn würde. Und wie würde ich den verlacht haben, der mir gesagt hätte, jener Wald dort wird in Zeit von 7 Jahren zu dem Reviere gehören, was du dann verwalten wirst. Bei dem Durchmarsch durch die Dessauer Waldung spürte man viel Rothwildpret, was für mich, als Jäger, ein großes Interesse hatte. Einige von den Jägern waren unvermerkt abseits gegangen, um wo möglich einige Stücke Wild zu erlegen. Bei der Ankunft in Wittenberg ergab sich, daß dies gelungen war, denn bei Musterung der Wagen dort, fanden sich 3 Stück vor. Ich rügte zwar, in Rücksicht meiner Untergebenen, jeden dergleichen Fall, wenn er zu meiner Kenntniß kam, allein in jenem war der Thäter nicht zu ermitteln und es blieb keine Zeit übrig, eine weitläufige Untersuchung anzustellen, da der Marsch am nächsten Tage
in aller Frühe weiter ging und ich durch den von Dessau bis Wittenberg äußerst angegriffen und ermüdet war. In Wittenberg bekam ich ein Quartier in einem Gasthofe, jetzt „die Stadt London“ genannt. Der Marquer[78] wies mir ein Zimmer an, und als er fortging äußerte er noch insgeheim, wenn ich vielleicht später eine weibliche Gesellschafterin zu haben wünschte, so möchte ich es ihm nur sagen. Ihn darauf mit Entrüstung zurück zu weisen, hielt ich nicht der Mühe wert, denn er hätte in jener leichtfertigen Zeit, wo die Unsittlichkeit gänge und gebe war, doch wohl an meiner strengen Sittlichkeit, die ich in der That bewahrt hatte, nicht geglaubt, und ich sagte ihm denn blos, daß er das Weitere abwarten solle. -
Der Marsch ging dann weiter bis Jüterbogk. Hier fand ich ein Curiosum, was darin bestand, daß an einem der Thore eine hölzerne
Keule hing, neben welcher eine Tafel mit folgender Aufschrift befestigt war: „Wer seinen Kindern giebt das Brod und leidet nachher selber Noth, den schlägt man mit der Keule tod.“ Bei näherer Erkundigung über das Wahrzeichen erfuhr ich, daß sich solches auf einen in Jüterbogk wirklich vorgekommenen Fall bezöge, wo ein alter Mann aus Vertrauen und Liebe zu seinem Sohn, diesem sein ganzes Vermögen unter der Erwartung ausgeantwortet habe, mit ihm bis an sein Ende in Eintracht zu leben und seinen Unterhalt zu empfangen. Dies sey aber nicht zugetroffen, vielmehr habe dessen Sohn ihn bald hintenanstehen lassen, so daß er das Leben in Dürftigkeit und Noth hätte hinbringen und beschließen müssen.
Auf diesem Marsche passirten wir das Feld bei Dennewitz, wo später, in etwas länger als Jahresfrist, die preußischen
Waffen einen glorreichen Sieg über die Franzosen erfochten haben. Wer hätte bei diesem Marsche daran wohl gedacht? Wieder ein Beweis, wie wunderbar die Fügungen Gottes sind. Der Marsch ging nun weiter auf Dahme zu, und war für mich in der Hinsicht interessant, daß ich an dem Tage in der Nähe des Dorfes Zinna vorüber kam, wo vor 8 Jahren mein Schicksal einen Wendepunct bekam, worüber ich mich früher näher ausgelassen habe. Von diesem Tage ab nahm der Marsch eine andre Gestalt an, nemlich das Armeecorps concentrirte sich mehr und mehr und es entstand bisweilen unter den marschierenden Truppentheilen ein wahres Drängen nach Quartieren und Transportmitteln. In letzterer Beziehung fing es an schwierig zu werden, der nöthigen Vorspannpferde, deren ich täglich eine ziemlich große Zahl be-
durfte, habhaft zu werden, und ich sah mich daher genöthigt mehrfach einzelne über mehrere Etappen mitzunehmen. Dies war in Spremberg auch der Fall, wo ich einige Pferde bereits während zweier Märsche anhalten mußte. Die dazu gehörenden Fuhrleute hatten aber nicht so viel Futter mitgenommen, daß es weiter reichte, und auch sie hatten nichts zu leben. Da die ganze Sache auf Regiments-Unkosten ging, so schrieb ich ihnen französische Bons auf eine angemessene Zahl Rationen und Portionen und eine Requisition an den Billeteur wegen Quartier mit Kost. Alles wurde gewährt und die Bauern kamen mit frohem Gesicht in mein Quartier, bedankten sich schönstens, und erklärten, auf diese Weise wären sie bereit, noch ein paar Märsche mitzumachen. Indessen ließ ich sie nachher bald los. Bei zunehmender Schwierigkeit Pferde zu er-
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langen sahe ich mich öfters genöthigt, die welche ich einmal requirirt hatte, lange zu behalten. Die dabei befindlichen Knechte resp: Bauern wandten bei der Ankunft im Etappenorte Alles an, um fortzukommen und ich sahe mich dann veranlaßt, die sämmtlichen Zugthiere in einen umschlossenen Raum stellen zu lassen, vor dessen Oeffnung eine Schildwache Platz nahm. Dennoch kam es mitunter vor, daß einer entwischte, doch waren dies nur einzelne Fälle und ich konnte meistens den Mangel bald ersetzen. So gelangten wir denn nach Schlesien, und ich weiß noch, daß ich in Glogau bei einem Herrn von Holzendorf ins Quartier kam, der Preußischer Officier gewesen war. Ich erwähnte beiläufig des Feldzugs von 1806., doch merkte ich bald, daß das für ihn ein sehr unangenehmes Thema war, und ich brach in dieser Hinsicht von der Unterhaltung ab. Sonst ver-
lebte ich einen ziemlich frohen Abend in seinem Hause, wozu dessen freundliche Gattin manches beitrug. Von Glogau marschirten wir quer durch Schlesien in der Richtung nach Polen zu und das nächste Nachtquartier war Guhrau. Hier kam ich bei einem Gutsbesitzer ins Quartier, wie der hieß, habe ich vergessen. Von diesem verlangte ich einige Pferde Vorspann für den nächsten Tag. Der Mann kam zu mir und bat, ich möchte ihn mit Stellung der Pferde verschonen und spielte darauf an, sich durch Geld mit mir abzufinden, doch that er dies nur verblümt. Ich wies ihn mit dergleichen Zumuthungen ernstlich zurück und deutete ihm an, daß die Pferde zur bestimmten Stunde parat seyn müßten. Bei schlechtem Wetter und grundlosem Wege begann der Abmarsch. Außer einer Bedeckung marschirte noch eine Abtheilung leicht kranker Jäger mit mir, unter Führung eines
Sergeanten, Namens Aberté. Dieser hatte die Weisung, dem Wagenzuge unmittelbar zu folgen und sich nicht davon zu entfernen. Der Fahrweg führte um ein Dorf im Bogen herum und war außerordentlich schmutzig. Am Anfang des Ortes trennte sich ein Fußsteig über den Kirchhof hinweg, der trockener als jener und auch kürzer war. Diesen schlug Alberté mit seiner Schaar, ohne daß ich es bemerkte, ein. In diesem Augenblick kam der Bataillons-Commandeur, Major Müldner, der sich im Quartier länger verweilt hatte, geritten und bemerkte sogleich, daß der Unterofficier mit den Kranken nicht an dem bestimmten Platze war. Er ritt an der Spitze der Colonne, wo ich mich befand, neben mir vorüber, sagte aber nichts davon, was er rücksichtlich des Marsches der Kranken
bemerkt hatte. In Rawicz, dem Etappenorte, angekommen, begab ich mich zum Commandeur und meldete, daß Alles in Ordnung sey. Als dies geschehen war, sagte er, er habe den Marsch der Kranken nicht in Ordnung gefunden, dafür hätte ich Stubenarrest, ich solle meinen Säbel nur ablegen und bis auf Weiteres in mein Quartier gehen. Ich mußte dies dictatum natürlich ruhig hinnehmen und verfügte mich sofort in mein Logis. Innerlich war ich recht froh, einmal den Plackereyen, die ich fast jeden Tag und Nacht bei meinem Geschäft hatte, auf längere Zeit überhoben zu seyn, und machte es mir hübsch bequem in meinem Quartier. Doch die Freude dauerte nicht lange, nach einigen Stunden kam eine Ordonnanz und brachte den Befehl, ich möchte sogleich zum Major kommen, was denn geschah. Beim Eintreffen sagte er,
ich solle diesmal meinen Degen nur wieder nehmen, künftig aber auf Ordnung halten. Nun erst konnte ich dem Major sagen, daß ich den Arrest ganz unschuldig erlitten habe, indem ich, als der Sergeant mit seinen Leuten einen trockenen Weg einschlug, mich an der Spitze des Zuges befand, wie er auch selbst gesehen, und ich mithin nicht bemerken konnte, was hinten geschah. Hierauf sagte er, schicken Sie Alberté in Arrest. Dies war mithin so gemeint, daß ein Keil den andern treibt; doch ließ ich jenen frei. Die Pferde welche ich von Guhrau mitgenommen hatte, schickte ich zurück. Bald darauf sagte mir mein Bursche: „der Herr, bei welchem wir in vergangener Nacht gelegen haben, hat ein paar Flaschen Ungarwein eingepackt, hier sind sie.“ Da sie nun einmal da waren, so trank ich sie suc-
cessive aus, und es fiel mir ein, daß er gestern gesagt hatte, wenn ich kein Geld nehmen wolle, so würde ich doch einige Flaschen Ungarwein wohl nicht verschmähen. Dergleichen Versuche zu Bestechungen kamen täglich bei mir vor, indessen kann ich versichern, daß ich außer der vorgemerkten Weinflaschen nie etwas angenommen habe. Als ich des Arrestes entlassen war, begann ich sofort mich wieder mit der Vorbereitung zu dem morgenden Marsche zu beschäftigen und hatte hiermit zu thun bis in die Nacht, was auf der ganzen Tour alltäglich der Fall war. Am andern Tage ging der Marsch weiter und zwar nach Krotoczin. In der Nähe dieser Stadt bezog ich mit dem Stabe und meiner Compagnie ein Dorf, wo ein Ruhetag gehalten wurde. Ich erhielt nebst dem Adjutanten
mein Quartier bei einem Förster, während der Stab auf ein Rittergut zu liegen kam. Hier begannen bereits die großen polnischen Waldungen, und war das Dorf von solchen ganz umschlossen.
Als Forstmann war mir dies sehr interessant, denn die Bestände hatten einen Umfang, einen Wuchs und eine Dichtigkeit, wie ich solches noch nie gesehen. Ware Colosse von Stämmen fand man dort, und stellenweise waren ganze Gruppen theils vor Alter von selbst umgefallen, theils vom Winde geworfen und lagen über einander, um sie herum und dazwischen war bereits durch natürlichen Anflug ein neuer Bestand vorhanden. Dieser Wechsel mochte schon seit Jahrhunderten stattgefunden haben, so daß man diesen Wald füglich als Urwald ansprechen konnte. Der Besitzer des Forstes, und über-
haupt des Guts und Dorfes wo wir einquartiert waren, war ein Deutscher, der diese Besitzung vor mehreren Jahren angekauft hatte; der Förster, mein Quartierwirth, war dagegen ein Stockpole, der gar kein Deutsch sprach. Indessen war er sehr artig und zuvorkommend, hatte auch, dem Anschein nach, einige Bildung, in Folge dessen es möglich war, sich mit ihm durch Zeichen etc. möglichst zu verständigen. Mein erstes Bemühen war nun, von ihm zu erfahren, wie die Jagd in dem Urwalde beschaffen sey, worauf er durch allerley Zeichen zu verstehen gab, daß einige wilde Schweine, Wölfe und Füchse vorhanden wären. Durch diese Mittheilung erwachte meine Jagdpassion und ich gab dem Förster die Frage zu erkennen, ob sein Herr vielleicht geneigt seyn möchte, am nächsten Tage eine Treibjagd zu veranstalten?
Da er dies nicht in Zweifel stellte und auch unser Bataillons-Chef Jäger war, so theilte ich diesem die Aussagen des Försters mit. Auf seine Veranlassung ward zum nächsten Tage die Jagd bestimmt und wir zogen am frühen Morgen in den Wald. Nachdem die Schützen und Treiber ihre Plätze eingenommen hatten, begann die Jagd, und bald fielen einige Schüsse, wodurch, wie sich nach Beendigung dieses Treibens ergab, ein wildes Schwein erlegt war. Die Jagd ging nun in der besagten Weise fort und es wurde dabei, merkwürdiger Weise, ein Luchs erlegt. Diesen schoß ein Jäger des Bataillons, welcher versicherte, daß er das Thier bei dessen Ankunft von Weitem erst für einen Fuchs, dann für eine große Katze gehalten, da er vorher nie einen Luchs gesehen habe. Nach beendigter Jagd zogen wir mit unserer Beute in
[I.506] (im Original ein Zählfehler)
die Quartiere zurück. Der Luchs wurde gestreift, den Balg bekam der commandierende General und wir Uebrigen nahmen von ihm andere Theile z. B. die Fänge, (Zähne) Krallen etc. zum Andenken mit, doch zweifle ich, daß einer von uns Allen davon aus Rußland etwas mit in die Heimat wird zurückgebracht haben. In Rücksicht meiner ist dies wenigstens nicht der Fall gewesen, die Krallen, welche ich mir genommen, sind mit unseren Habseligkeiten bei Kraßnow in die Hände der Kosacken übergegangen. Obgleich seit jener Zeit mehr als 40 Jahre über die Welt gegangen sind, so ist die Erinnerung an diese Jagd jetzt noch nicht erloschen, und ich betrachte sie, als Jäger, immer noch als einen angenehmen Punct, in meinen Erlebnissen, insbesondere weil dabei ein Thier erlegt wurde, was im Ganzen nur noch sehr selten
vorkömmt und das ich vorher nie lebendig gesehen hatte.-
In diesem Orte hatte ich Gelegenheit, meine Ansicht von der Stellung und Lage in der sich die mindere Klasse der polnischen Bevölkerung gegen die Gutsherren befand, zu bekommen, was einen unangenehmen Eindruck auf mich machte. Sämmtliche Bewohner des Dorfes waren Leibeigene. Nach Äußerung eines derselben mußten sie 5 Tage in der Woche für die Herrschaft arbeiten und nur 2 Tage gehörten ihnen. Außerdem gehörten sämmtliche Gebäude und Zubehör den Herren, und wenn ein Bewohner sich widerspenstig zeigte oder sonst etwas versah, so konnte er gezüchtigt, auch, nach Befinden, von Haus und Hof gejagt werden, wo dann ein Anderer angenommen wurde. In Folge dieser Befugniß der Gutsbe-
sitzer, von welcher nur zu oft Gebrauch gemacht wurde, hatten die betreffenden Polen eine höchst betrübliche Situation und waren völlig zur Knechtschaft herunter gedrückt bis in den Staub, was sich auch beim Anblick eines solchen Menschen schon herausstellte. Wenn ein Bauer etwas erbitten oder einer Unbill zuvor kommen wollte, so fiel er, mit der Kopfbedeckung in der Hand, auf die Knie, und küßte Einem die Füße, Hände, Rock etc., aber dennoch habe ich gesehen, daß vorgesetzte Polen einen solchen Bittenden mit dem Kantschuh[79] tractirten.
Außer den Personen, gehörte auch dem Gutsherren alles Ding, Schiff und Geschirr, was auf dem Bauerhofe sich befand und er konnte nach Willkühr darüber disponieren, ohne daß der Bauer sich im Geringsten opponiren durfte. Sämmtliche Wirtschafts-
gerätschaften waren aus Holz, mit Ausnahme des Beils, der Säge, der Hacke und der Spaten. An dem Wagen befand sich, so zu sagen, nicht für einen Pfennig Eisen, der Struts[80] mußte betreffenden Orts aushalten. Alles wird indessen dem Menschen, mehr oder weniger zur Gewohnheit. Diese Polen vergaßen sofort ihre Knechtschaft, wenn ihnen Gelegenheit wurde, Branntwein zu trinken. Sie wurden über alle Begriffe fröhlich, ja fast wild, bis sie der Kantschuh des Vorgesetzten daran erinnerte, daß sie nur elende Solaren[81] seyen. Jetzt, unter der milden Regierung Preußens, mögen sich die Bauern dort wohler befinden, ob sie es aber mit Dank erkennen, steht dahin.
Doch nun weiter in der Geschichte. Wir setzten den Marsch nach Kalisch fort. Dort ward
ich bei einem Apotheker einquartiert, und es rückte auch bald ein Capitain von unserer Grenadir-Garde in das Haus ein der von Langerke hieß. Der Wirth war ein Deutscher und dabei ein aufgeweckter Mann. Wir blieben einige Tage in Kalisch stehen, während welcher wir auch eine Revue vor dem Könige hatten.
(Der Rest der Seite ist unleserlich gemacht worden.)
(Der Anfang dieser Seite ist ebenfalls unleserlich gemacht worden)
Um nachrückenden Schaaren Platz zu machen wurden wir bald auf die nahen Dörfer verlegt, und ich kam mit dem Stabe 1 Stunde von Kalisch nach einem Orte mit Namen Opatriveck. Dort war ein großes Schloß, welches neu erbaut war, und, wie es schien, zur Huldigung, oder vielmehr als Denkmal Napoleons, denn an vielen Theilen des Gebäudes, sogar oben am Dache herum prangte dessen Name in großen goldenen Buchstaben. Der Premier-Lieutenant von Fischer, /: derselbe, welcher Anfangs der 1850er Jahre Oberst und Commandant von Magdeburg war :/ und ich, wir logirten uns in
ein neben dem Schlosse stehendes Haus ein, über dessen Hausthüre „Officium“ geschrieben stand. Wir amüsirten uns übrigens mit Lectüre und anderen Geschäften ganz gut. Unter andern besaß Herr von Fischer Haug’s Satiren, bei deren Lesen wir uns manche vergnügte Stunde verschafften. Ein paar von den darin enthaltenen Witzen sind mir noch erinnerlich; z. B. Hyperbel auf Wahls große Nase: „Er trägt, wie frech und sittenlos, den größten Theil des Körper blos“ und: „Das Volk der Juden zog, man denke, durchs rothe Meer frohlockend hin, auch Joel jubelt in der Schenke, dort zieht das rothe Meer durch ihn“ Einen sehr lieblichen Genuß gewährte uns auch der Gesang der Nachtigallen die in der Umgebung des Schlosses und des ganzen Dorfes ihren Stand eingenommen hatten. Ich übertreibe nicht, wenn ich versichere, daß die Zahl derselben an 100 betrug. Nie
habe ich eine so große Masse dieser Vögel auf einem entsprechenden Raume wieder gefunden, und in den reizenden Mainächten, die wir damals hatten, erweckten ihre Töne in uns die Sehnsucht nach der Heimat. Nach einiger Zeit setzten wir unseren Marsch weiter fort, und zwar, wie es hieß, zunächst nach Warschau. Bis etwa auf 2 Meilen hatten wir uns dieser Stadt genähert, als es hieß, wir würden in dem Orte, dessen Namen ich nicht mehr weiß, einige Tage stehen bleiben und dann unseren Marsch rechts vorbei nehmen. Ich wünschte indessen Warschau zu sehen, und bat daher den Commandeur, mir bis zum nächsten Tage Urlaub zu ertheilen, was denn auch geschah. Ein paar Officiere waren mit von der Partie, und wir traten unsre Reise zu Pferde an. Dort angekommen, war das erste, einen honorigen Gasthof zu ermitteln,
denn wenn man jung ist, so ist man fast immer hungrig und durstig. Nachdem wir einige Straßen durchritten waren, zeigte sich an einem anständig aussehenden Hause ein Schild, worauf Deutsch stand: „Zum römischen Küfer“ Halt! hier wird eingekehrt, unsere Pferde wurden dienstfertig von dem Hausknechte übernommen und wir wurden in das Gastzimmer, dessen Einrichtung der draußen erlangten Ansicht entsprach, geführt. Es war Mittag, und bald sahen wir uns an einer gut besetzten Tafel sitzen. Wir sprachen den Schüsseln und Flaschen /: Ungarwein :/ leidlich zu, und wurden am Ende, wie man zu sagen pflegt, kreuzfidel. In Warschau gewesen zu seyn und das Innere der Stadt nicht ordentlich gesehen zu haben, konnte nicht rühmenswert seyn, und wir beschlossen daher, vermit-
[I.514] (Ein weiterer Zählfehler im Original.)
telst eines Fuhrwerks die Runde darin zu machen. Der Wirth wurde nun veranlaßt, einen Wagen für uns herbeizuschaffen; doch müsse der Führer deutsch sprechen. Nach wenigen Minuten rollte ein Wagen vor, ein eispänniger sogenannter Hamburger Korbwagen, der dort Fiaker genannt wurde. Als wir das Fuhrgeld verdingen wollten, sagte der Kutscher, jede Stunde der Fahrt koste 2 Gulden polnisch, was eben so viel ist als 10 Silbergroschen. /: Beiläufig bemerke ich hier, daß bereits damals in Warschau eine Fiaker- (Droschken) Anstalt bestand, freilich in sehr beschränktem Maaße, weil in jener Zeit die Städter noch nicht so bequem waren als sie es jetzt sind, wo z. B. in Berlin, die jungen Leute von einem Vergnügungs-Local zum anderen per Droschke fahren u. s. w.) – Wir
fuhren denn zunächst durch die lebhaftesten Straßen und gelangten auf den sächsischen Platz, an welchem der sächsische Garten, ein anmutiger Park, grenzt. Wir stiegen aus und betraten den letzteren, in dem ein großer Theil der Warschauer schönen Welt lustwandelte. Der Wagen mußte draußen warten. Für uns junge Leute war der Anblick so vieler geputzter Damen, nach französischer Mode, etwas höchst Angenehmes und wir konnten uns nicht satt sehen. Auch ihre Lebendigkeit und ihr ganzes Wesen schienen sie sich von den Französinnen angeeignet zu haben, und wir glaubten uns in Frankreich zu befinden. Nach diesem Genuß bestiegen wir wieder den Wagen, und beschlossen über die Weichsel hinüber nach Praga zu fahren, was dem Kutscher angedeutet wurde. Dieser fuhr
denn los, durch mehrere größere Straßen und dann in eine enge Nebengasse, die als Quergasse 2 größere Straßen verband. Kaum waren wir einige Schritte in derselben langsam gefahren – was der Kutscher absichtlich zu thun schien – so wurden rechts und links, fast in jedem Hause, mehrere Fensterflügel geöffnet, und aus denselben neigten sich weibliche Figuren heraus, deren wollüstige Attitüde sofort schließen ließ, was sie beabsichtigten. Im Vergleich mit der, wenigstens äußeren Sittlichkeit der Frauen im sächsischen Garten, erregte dieser Anblick die größte Indignation in uns, und der Kutscher mußte daher rasch vorüber fahren bis in die Nächste ehrbare Straße. Diese führte nach der Weichsel zu, und wir fuhren, am Ufer derselben an-
gelangt, über die daselbst befindliche Schiffbrücke, nach der Festung Praga. Es war freilich da weiter nichts Erhebliches zu sehen, als die Werke derselben; indessen war es für mich insofern interessant, als ich 18 Jahre früher, 1794 in meines Vaters Hause, durch die Hamburger Zeitung vernommen hatte, daß der Russen-General Suwarow die Festung Praga durch Sturm erobert habe und Alles hätte über die Klinge springen lassen. /: Der Ausdruck, über die Klinge springen, war mir damals neu und es bedurfte einer Erklärung meines Vaters, die mir denn auch zu Theil wurde. :/ Wir begaben uns nun wieder auf den Rückweg nach der Stadt, denn der Tag neigte sich zu Ende. Bei der Ankunft im Gasthofe, fanden wir eine Ordonnanz von unserem
Bataillons-Commandeur mit einer Depesche vor, wonach das Bataillon, kurz nach unserer Abreise von dem selben Ordre zum sofortigen Abmarsch auf eine andere Station erhalten habe, wohin wir uns sofort zu begeben hätten. Da in der Ordre gerade nicht zur Eile getrieben wurde, so nahmen wir erst noch ein tüchtiges Abendbrod zu uns und ritten dann gemütlich dem bezeichneten Orte, dessen Namen ich vergessen habe und der 2 Meilen südlich von Warschau lag, entgegen wo wir etwa um 3 Uhr früh eintrafen. Sämmtliche Officiere des Bataillons-Stabes und von meiner Compagnie, hatten ihr Quartier auf dem Gute des Orts, und wir Nachzügler blieben auch dort. Nach zwei Tagen erhielt ich den Befehl:
mich mit einer entsprechenden Zahl Wagen und Mannschaften nach Warschau zu begeben, um Lebensmittel und Fourage zu empfangen, was von da an während der 3 Wochen, die wir dort standen, wöchentlich zweimal geschah, und eben so viele Male sah ich Warschau. Hätte ich dies vorher gewußt, so konnte ich die erste Reise dahin unterlassen. Auf dem Gute fehlte es uns nicht an Unterhaltung, wozu ein paar hübsche Töchter der Herrschaft nicht wenig beitrugen, die in der ersten Zeit zwar schüchtern thaten, nachher aber häufig mit uns verkehrten. Unter andern Objecten zum Amüsement befand sich auch eine Kegelbahn dort, die in Gesellschaft der Damen, häufig benutzt wurde. Ein Lieutenant von Bodungen, ein Passionierter Jäger, und ich, wir suchten so viel als möglich
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dem Jagdvergnügen nachzugehen. Jener hatte unter anderen Jagdgerätschaften auch ein Stecknetz, womit man Rebhühner, Wachteln etc. fängt. Mit diesem zogen wir früh bei Tagesanbruch und Abends wenn die Sonne sank, in die Felder, und es gelang uns, mehrere Wachteln zu berücken, die wir den Damen zur Pflege übergaben. Auch eine andere Jagd trieben wir dort, nemlich auf Marder. Diese gab es in dem alten Gemäuer des Gutes in großer Menge, besonders war ihr Schlupfwinkel in der höchsten Spitze eines Gebäudes. Wenn man diesen Ort betrat, so verriet gleich der Moschusgeruch ihre Gegenwart. Wir ermittelten bald, daß wenn sie hier vertrieben würden, sie die Flucht über eine Mauer nehmen müßten, welche das Gebäude mit einem anderen verband.
Einer von uns postirte sich denn auf einer an die Mauer-Wand gelehnte Leiter, und der andere vertrieb die Thiere durch allerley Gepolter aus ihrem Versteck. Es dauerte immer nicht lange, so bekam der Posten Gelegenheit mit seinem Knüppel einen Schlag auf die Flüchtlinge anzubringen und wir haben auf diese Weise die Sippschaft beträchtlich vermindert. Etwa eine halbe Meile von unserem Standorte war das Hauptquartier des Armeecorps unter dem schon früher erwähnten General Vandamme in einer Papiermühle. Dorthin mußten Ordonnanzen gegeben werden. Ein Officier von uns hatte ein Gespräch, was zwischen Vandamme und einem anderen General über die muthmaßliche Dauer des bevorstehenden Feldzuges geführt wurde, angehört, und die Aeuße-
rung von
ersterem vernommen, daß sobald die Russen getroffen würden, der Krieg binnen 24
Tagen beendigt seyn müßte. In Rücksicht der hohen Stellung dieses Menschen
in der Armee, und da er also mit den politischen Verhältnissen mehr vertraut
seyn mußte als wir, glaubten wir der Prophezeiung; doch ging unsere Meinung
dahin, daß wenn im Laufe des Sommers noch etwas geschehen solle, nun bald
vorgeschritten werden müsse, zumal die russische Armee damals wenigstens noch
30 Meilen von uns entfernt stand. Endlich kam Marsch-Ordre, und zwar für uns
zunächst bis Warschau. Wir rückten ein und ich bekam ein Quartier bei einem
Beamten, der beim Militair-Verpflegungs-Amte angestellt war. Dieser war dort
vom frühen Morgen bis spät in die Nacht beschäftigt, und ich habe ihn nur einmal gesprochen, sonst weiter gar nicht gesehen. Den Tisch hatte ich bei dessen ziemlich jungen und hübschen Frau, die aber leider nur polnisch und sehr wenig französisch sprach. Dagegen hatte sie eine unverheiratete hübsche Schwester zum Besuch, um diese in ihrer Wochenzeit zu unterstützen. Es gereichte mir zum Vergnügen, mich in dem Kreise dieser Damen geduldet zu sehen, und es ist mir darin manche frohe Stunde zu Theil geworden, zumal die Schwester sehr musikalisch war und durch ihre Fingerfertigkeit auf einem guten Flügel mich oft ganz begeisterte. Das Wohnzimmer der
Damen war äußerst gemüthlich und höchst anständig eingerichtet. Das Wochenbett stand in demselben Zimmer, jedoch hinter einer Tapetenwand und wo diese aufhörte, führte eine Thüre in ein Cabinet, in dem wahrscheinlich ihr Ehegemahl hauste.
Der Aufenthalt in Warschau mochte wohl zwei bis drei Wochen dauern. In dieser Zeit hatte ich in Bezug auf die völlige Mobilmachung unseres Truppentheils unendlich viel zu thun. Es mußten etwa 20 Pferde angekauft, und dazu das nöthige Geschirr und andere Utensilien beschafft werden. Auch gehörte viel Mühe dazu, die Pferde, unter denen sich mehrere recht wilde Thiere befanden, zu bändigen, und täglich vom Morgen bis zum Abend hatte ich zu thun, um sie einzufahren, wobei ich oft viele weite Tou-
ren in die
Umgegend machen mußte. Die Mußestunden verbrachte ich entweder im Kreise der
Damen in meinem Quartiere oder mit meinem Freunde, dem Capitain Metzner /: von
dem ich früher bereits gesagt :/ im sächsischen Garten zu. Dieser anmuthige
Park war fortwährend von der Noblesse Warschau‘s, besonders Abends, zahlreich
besucht, und es fehlte dort nicht an Unterhaltung aller Art. So verstrich mir
die Zeit sehr rasch, bis gegen die Mitte des Juni Anstalten zum Vorrücken
getroffen wurden. Es wurde befohlen, daß sich jeder Officier auf 14 Tage und
jeder Soldat auf 3 Tage mit Lebensmitteln zu versehen habe; denn von jetzt an
würde stets im Freien gelagert werden. Ich machte sogleich Anstalt, dem Gebote
nachzukommen, brachte die nöthigen Lebensbedürfnisse zusammen und vergaß auch
nicht 2 Flaschen Liqueur (Anis) u 1 Quart, 2tt. Kaffee, 2tt Zucker und noch andern kleine Gegenstände einzukaufen. Kaffee und Zucker kosteten damals das Pfund 1ep.8ggr.,[82] der Liqueur 1ep4ggr. die Flasche.
Noch will ich einige Worte über die Bauart Warschau’s hinzufügen: Die Hauptstraßen waren sehr breit, allein es machte der Umstand einen unangenehmen Eindruck, daß die Häuser von so verschiedener Dimension aufgeführt waren. Da Stand z. B. ein großes schönes Palais, dann kam ein leerer Raum und dann ein kleines schmutziges einstöckiges Haus. Dies wechselte häufig durch die ganze Stadt. /: Ob es jetzt noch so seyn mag, will ich dahin gestellte seyn lassen. :/
In den letzten Tagen unseres Aufenthalts in Warschau war noch eine Revüe der Kavallerie des Corps vor dem General Vandamme. Besonders großartig war hier-
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bei der Eindruck, den der Aufmarsch einer Kürassier-Division von 8 Regimentern, nämlich: 2 Westphälische, 2 Sächsische 2 Polnische und 2 Französische, auf den Zuschauer machte. In ihrer ganzen Ausrüstung erblickte man eine Wehrkraft, der zu widerstehen unmöglich zu seyn schien. Und doch sollte diese Kraft später an den Redouten[83] der Russen zerschellen, wie Spreu vor dem Winde. Ebenso erging es den französischen Kürassieren unweit Waterloo, beim Empfang von Congrarischen Raketen[84]. In der Mitte Juni brachen wir denn von Warschau auf, mit der festen Meinung, daß die Russen in der ersten Schlacht vernichtet werden würden und dann der Friede unmittelbar folgen müsse. Von diesem Tage an mußten wir bivouaquieren und es trat, wie man zu sagen pflegt, Schmalhansen’s Küche ein. Doch war mir eine dergleichen Lebensweise
bereits aus dem Feldzuge von 1809. bekannt, weshalb mir die Sache nicht sonderlich auffiel. Nur meine Geschäfte vermehrten sich bedeutend, da ich für Alles zu sorgen hatte, was sich auf die Erhaltung der meinem Commando anvertrauten Menschen und Pferde bezog und auch das möglichste Wohl des Corps betraf, dem ich einverleibt war. Ich kann versichern, daß die Arbeit Tag und Nacht anhielt, so, daß ich keine Nacht länger schlafen konnte als 3, höchstens 4 Stunden. Diese Entbehrung am Schlafe ist von jener Zeit ab mir völlig zur Gewohnheit geworden, denn jetzt noch, in meinem 70ten Jahre, habe ich an 4 – 6 Stunden nächtlichen Schlafes völlig Genüge. Das erste Nachtlager war bei Sierok, und dann ging es weiter über Pultusk bis Ostrolenka. Hier wurde einige Tage Halt gemacht, und wir bezogen etwa 1 Stunde hinter der Stadt ein Lager. Das trock-
ene Futter für die Pferde war aufgezehrt, und es mußte darauf Bedacht genommen werden grünes zu beschaffen. Etwa ½ Stunde hinter dem Lager hatte ich eine Breite Klee bemerkt, und da das Gewächs bekanntlich ein gutes Futter für Pferde ist, so beschloß ich, dergleichen von dort zu holen. Ich kommandirte eine Anzahl Leute mit Wagen, Sensen etc. setzte mich zu Pferde an deren Spitze und langte mit einer bedeutenden Masse Futter bald im Lager wieder an. Inmittelst war dies jedoch in der Art verändert, als man für nöthig erachtet hatte, den rechten Flügel eine Strecke zurückzulegen, mithin Frontveränderung vorzunehmen. Dieser mußte natürlich die Wagenburg folgen oder vielmehr vorangehen, und da ich einen großen Theil der Bespannung und Wagen zum furagieren mit fortgenommen hatte, so kamen
die einstweilen an Ort und Stelle abgelegten Effecten vor der Front zu liegen. Dies wurde von dem Commando sehr unangenehm bemerkt und man dictirte mir, als dem quasi schuldigen Theil, Stuben- ich wollte sagen Hütten-Arrest zu, indem der Adjutant mir den Degen abnahm. Dieser Arrest traf mich eben so unschuldig als der in Rawiz, er kam mir indessen auch eben so erwünscht, denn ich sollte, dadurch einige Stunden ruhig in meiner Hütte zubringen und zu meiner Unterhaltung Besuch empfangen können. Dem war aber nicht so; bald erhielt ich mein Schlachtschwert wieder, und war auf freien aber sehr beschäftigten Füßen. Bei diesem Falle zeigte es sich wieder einmal, daß ich den Sündenbock machen mußte; denn ich hatte mich ja nicht heimlich und ohne erhebliche Ursache aus dem Lager entfernt, mithin war es Pflicht der Vorgesetzten, für
die
Hinwegschaffung der fraglichen Effecten zu sorgen. Endlich wurde das Lager
abgebrochen und wir marschirten, parallel mit der nicht sehr fernen russischen
Grenze, nordöstlich nach Grodnow zu, um dort die Grenze, den Niemen, zu
überschreiten. Vor dem Beginn des letzten Marsches dorthin, hielt Herr
Vandamme eine Ansprache an das ganze Corps, worin er sagte, daß die
Feindseligkeiten nunmehr nahe bevorstünden und daß unser König, und auch er,
erwartete, das jeder seine Schuldigkeit thun würde. Dies geschah während eines
fernen Gewitters, wobei der Regen dermaßen herabströmte, daß wir Alle naß
wurden bis auf die Haut. Kurz nach Mittag passirten wir den Niemen und langten
somit auf feindlichem Boden an. Das Hauptquartier des Königs Jerome kam nach
Grodnow und auch ich bekam dort ein Quartier.
Das erste, was ich zu besorgen hatte, war Futter für die Pferde, es waren aber weiter keine Körner aufzutreiben, als Roggen. Hieran waren jedoch die Thiere nicht gewöhnt, und sie wurden mit wenigen Ausnahmen krank davon. Das Uebel ward so schlimm, daß viele krepirten; man sagte, es seyen von der ganzen Armee in dieser Zeit 10,000 Stück gefallen. Ich kam mit meiner Cavalcade noch ganz glimpflich weg; denn ich verlor nur eins, und zwar aus dem Grunde, weil ich beim ersten Erscheinen des Uebels, die Thiere durch rasches und anhaltendes Reiten in Bewegung setzen ließ, wodurch die gestörte Leibes-Oeffnung erfolgte und sie hergestellt waren. Später schadete ihnen der Genuß von Roggen nichts mehr. In Grodnow begab ich mich zu einem Kaufmann, Juden, um mir Taback zu kaufen. Bei dieser Gelegen-
heit frug
ich denselben, was das Pfund Kaffee oder Zucker koste, worauf er erwiderte: 2
polnische Gulden = 8 ggr. Man denke sich mein Erstaunen über diesen geringen
Preis, da ich in Warschau, wie ich bereits früher gesagt, vier mal so viel
hatte bezahlen müssen. Dies war eine Folge der Contiental-Sperre, die von
Napoleon über alle Länder seiner Botmäßigkeit verhängt war. In Grodnow
entzweite sich der General Vandamme mit dem Könige Jerome, und jener ging nach
Frankreich zurück, bei welcher Gelegenheit wir den Wütherich zum Popanz
wünschten. (Streichung in rot, Randbemerkung in rot: eine glückliche Reise) Das
Geschäft welches man mir übertragen hatte, war einestheils in der That ein sehr
mühsames, was man aus den früheren Darstellungen gefolgert haben wird; anderntheils
wünschte ich in der Reihe der Combattanten zu fechten, obgleich
ich im Stillen mehr Neigung hatte, mit den Russen gegen die Unterdrücker meines Vaterlandes, die Franzosen, zu streiten. Ich ging danach zu meinem früheren Capitain, dem ältesten dieses Grades im Bataillon, dem bindarn von Stein, einem Hessen von Geburt, und trug diesem meinen Wunsch vor. Dieser erwiederte: er ehre zwar meine Ansicht, indessen wünsche er, daß ich, so nahe vor den Ereignissen, die bald eintreten müßten, in meiner gegenwärtigen Stellung verbleiben möchte, da ich einmal mit dem Geschäft vertraut sey und so zweckmäßiger für das Wohl des Bataillons wirken könne, als in Reihe und Glied, umsomehr, weil er keinen kenne, der zur Ueberwachung der Function sich eigne. Nach diesem Gespräch beschloß ich zu bleiben und habe dies zu bereuen in der Folge keinen Grund gefunden. Wir hatten nun das große russische
Reich betreten und bald begannen die Operationen zum weiteren Eindringen ins Innere desselben. Unser Corps, das 8te, gehörte eigentlich zum Centrum der Hauptarmee. Den rechten Flügel bildeten die Oestreicher und Sachsen, unter Schwarzenberg; der äußersten linken ein Gemisch von Preußen, Franzosen und anderen deutschen Truppen, unter Macdonald. Unser Marsch wurde in der Richtung nach der Berezina zu angetreten. Bei dem Städtchen Mir entstand das erste Cavallerie-Gefecht mit den Russen unter Bagration. Der Widerstand war hartnäckig gewesen, man bemerkte dies an der Masse der Todten, welche am anderen Tage noch auf dem Schlachtfelde lagen, die übrigens der enormen Hitze wegen wie aufgeblasen und ganz blau aussahen, auch nebst den todten Pferden einen abscheulichen Geruch
verbreiteten. Wir rückten nun noch eine Strecke vor, bis in die Gegend von Nieswicz, wo wir ein Lager bezogen. Am anderen frühen Morgen erging der Befehl, unser König würde mit seinen Garden, wozu unser Bataillon gehörte, eine rückgängige Bewegung machen, und wir marschirten dann auch wirklich in die Richtung nach Grodnow zu, zurück. /: Hier schied ich das erste Mal von meinem Jugendfreunde, dem Lieutenant Teichmüller vom 6ten westphälischen Regimente, von dem ich künftig noch weiter sprechen werde :/ Es hieß in der That, wir würden mit dem Könige nach Hause gehen, den Grund warum, konnten wir uns aber nicht erklären. Der Marsch ging dann etwa 2 Tage fort, bis zu einem Städtchen, Namens Coretliza, wo Halt gemacht wurde. Hier ruhten wir einige Tage, wo denn auf einmal der Kö-
nig mit der Garde du corps, etwa 120 Mann Cavallerie, aufbrach und nach Kassel zurück ging, wir aber der Armee nach rennen mußten. Da die russische Armee sich fortwährend rückwärts bewegte, so folgte ihr die französische im gleichen Maaße, und da wir mehrere Tage in Coretliza geruht hatten, so erforderte es sehr forcirte Märsche, um sie wieder einzuholen. Diese erfolgten dann auch. Da die Hitze in jener Zeit am Tage gerade beispiellos war, so beschloß das Commando: daß in der Kühle des Tages und Nachts marschirt werden solle. Zu diesem Ende brachen wir Abends gegen 9 Uhr auf und sollte dann am andern Tage früh um 6 Uhr das Lager bezogen werden. Da indessen bei den Nachtmärschen leicht Stockungen eintreten und das auch hier der Fall war, so ka-
men wir in der Regel statt um 6 erst um 9, ja mehrere Male um 12 Uhr im Lager an. Nun sollte geruht werden, aber dies ging nicht an, man wollte auch den Magen erquicken durch Speise und Trank, und die Vorbereitungen hierzu nahmen schon eine beträchtliche Zeit in Anspruch. Es wurde dann gekocht und gegessen und ehe man sich dem Schlaf hingeben konnte, ging der Marsch wieder weiter. Ich empfand zwar die Mühseligkeit dieser Märsche nicht ganz so stark als die Fußgänger, weil ich sie zu Pferde machte, aber dennoch wurde ich sehr ermüdet durch die Aufmerksamkeit, welche ich darauf richten mußte, meine Colonne in Ordnung und geschlossen zu erhalten, besonders wenn bei Dunkelheit der Nacht große Wälder passirt werden mußten, was dort sehr häufig vorkam, und wo
Knüppeldämme, Hohlwege, desolate Brücken, Sümpfe etc. zur Vorsicht mahnten. Bei den ersten zwey Märschen dieser Art, waren nur wenige Mannschaften der Infanterie, wegen Ermattung genöthigt zurück zu bleiben, aber beim dritten vermehrten sich die Maladen schon außerordentlich. In der Dunkelheit entfernten sich Viele unbemerkt aus den Gliedern, gewöhnlich im Walde, legten sich nieder und schliefen ein; wo sie dann geblieben sind, weiß ich nicht, wiedergekommen ist keiner. Ich habe sogar, nicht fern von der Straße einige erhängt gefunden, jedenfalls aus Verzweiflung. Nach einigen solcher Märsche wurden die Lücken welche entstanden, dem Commandirenden zu auffällig, und die Nachtmärsche wurden eingestellt. Freilich fehlte es auch bei diesen nicht an Nachzüglern; denn die Anstrengungen in der enor-
men Hitze war zu groß. Selbst die Pferde litten sehr, und begannen theilweise zu fallen. Aus diesem Grunde sahe ich mich genöthigt, an einem Ruhetage, dem einzigen welchen wir auf dem Marsche hatten, eine Abtheilung Jäger in die Wälder, wohin sich die Bauern mit ihrem Viehe geflüchtet haten, zu schicken, um einige Pferde zu requiriren. Dies gelang auch, und ich war nun im Stande die krepirten zu ersetzen und außerdem noch ein Reitpferd für mich zu reserviren. Wir passirten bei Boriczow die Bereszina und trafen nach einigen starken Märschen in Dubrowna ein. Ich schlug mein Lager nebst meinen Leuten auf dem Marktplatze auf, wo sogleich einige Hütten gebaut wurden. Um diese Zeit litt ich sehr an Zahnweh, gerne hätte ich die hohlen Zähne schon früher ausziehen lassen, allein dazu war auf dem Sturmmarsche
keine Zeit zu erübrigen gewesen. Hier beschloß ich indessen, mich um jeden Preis von der Plage zu befreien und schickte zu dem Chirurgus einer in der Nähe lagernden Grenadier-Compagnie, mit dem Ersuchen, ein Instrument zum Zahnausziehen mitzubringen. Er erschien bald, aber, sonderbar genug, in dem Augenblicke waren die Schmerzen vergangen. Nicht die Furcht vor dem Schmerz, den die Operation hervorrufen möchte, hielt mich ab, mich derselben zu unterwerfen, sondern der Gedanke: daß der Operateur in seiner Kunst nicht ganz so firm sein möchte, um den Zahn, ohne Lädirung der Kinnlade, herausnehmen zu können, bestimmte mich, ihn wieder fortzuschicken. Es war Abend geworden, und ich kroch in meine Hütte, um von der Hitze des Tages auszuruhen, allein kaum hatte ich mich auf das Strohlager hingestreckt,
als auch sofort die Zahnschmerzen zurückkehrten und dermaßen heftig wurden, daß ich während der ganzen Nacht keine Ruhe hatte. Nun wieder zum Chirurgus zu schicken hielt ich nicht für rathsam, was auch nicht anging; denn bei Eintreten des Tages ward der Marsch fortgesetzt. Bei der Ankunft im nächsten Lager bemühte ich mich sogleich einen Zahnauszieher aufzutreiben, denn die Schmerzen wüteten immer noch fort. Ich fand dann auch einen Unterarzt des 1ten Chasseur-Bataillons den ich kannte und der bereit war, die Operation vorzunehmen. Er ging, um sein Instrument zu holen, und kam nach einiger Zeit in Begleitung von 2 Soldaten, die jeder 1 Bund Fourage mitbrachten, zurück. Auf Befragen, was das bedeuten solle, sagte er, die Fourage solle
mir als Sitz dienen und die Leute würden mir den Kopf halten, wenn ich bei dem Geschäft etwa muckte. Ich erwiederte ihm, die Anstalt mit der ersteren hielte ich für zweckmäßig und dankte ihm dafür, dagegen möchte er die Chasseurs nur zurücktreten lassen, weil das Halten meines Kopfes nicht erforderlich sey, indem ich nicht die geringste Scheu wegen des Schmerzes der durch das Ausbrechen des Zahnes entstehen würde, hegte; nur dafür sey ich besorgt, daß wenn dies nicht mit der gehörigen Gewandheit geschähe, leicht die Kinnlade beschädigt werden könne, und dadurch würde bei der Lebensweise, die wir jetzt führten, das zweite Uebel am Ende schlimmer als das erste war. Er möge in Gottes Namen seine Vorkehrungen zu der Operation vor meinen Augen machen, und dann
solche mit Ruhe ordentlich ausführen. Ich setzte mich nun nieder, und er umwickelte sein Instrument mit einem Tuche, setzte es an den Zahn, und – glücklich heraus sprang derselbe. Noch jetzt empfinde ich das Wohlbehagen darüber, daß die Schmerzen verschwunden waren; in dem Augenblicke vergaß ich alle Mühseligkeiten des Lebens, welche ich damals zu bestehen hatte. Ich bot ihm Geld für seine Bemühung an, dies lehnte er mit der Bemerkung ab, daß er das Geschäft als einen Dienst betrachte, den ein Kamerad dem andern immer leisten müsse. Da fiel mir ein, daß ich die beiden von Warschau mitgenommenen Flaschen Liqueur noch unangebrochen im Wagen hatte; denn sonderbar genug, ich hatte von besagter Stadt aus, einen wirklichen Widerwillen gegen jede Art Branntwein; selbst schon der Geruch davon erweckte eben solchen Ekel in mir als der Gestank von einem todten
Pferde. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn ich zuweilen etwas Schnaps getrunken hätte; denn ich litt schon seit längerer Zeit an Diarrheu, was fast mit allen Militairs der Fall war; welches Uebel in der unordentlichen Lebensweise und in häufigen Erkältungen seinen Grund haben mochte. Insbesondere schien das Getränk dazu die Veranlassung zu geben; denn der brennende Durst bei der Hitze, gebot Einem, allerley Flüssigkeiten, Milch, Wasser mit schlechtem Essig, unreines Wasser, oft aus faulen Pfützen, den untersten Schlamm aus einem von Anderen bereits ausgeschöpften Brunnen etc. zu genießen. Ich bot dem Doctor eine solche Flasche an, und er erklärte, daß er dies Anerbieten mit Vergnügen annähme. Sie wurde aus dem Wagen geholt, und beim Ueberreichen derselben, äußerten sich die Zeichen der Freu-
de auf seinem ganzen Gesichte, während mir an dergleichen Getränk gar nichts gelegen war.
Wir waren nun bis Oroza gekommen und hatten uns mit der Armee wieder vereinigt. Diese Stadt liegt am Dniepr und wir lagerten uns in der Nähe. In dieser Zeit regnete es mehrere Tage und Nächte so, daß unsere Kleidung nie trocken wurde. Auch äußerte sich dieser Zustand des Wetters sehr nachtheilig auf die Gesundheit der Pferde, so daß eine große Masse krepirten. In der Stadt sahe es confus aus, die Einwohner waren geflüchtet, sämmtliche Häuser waren von Militair besetzt. Ein großes Haus was als Gerichts Local benutzt worden, war zur Aufnahme von Militair geräumt, und man hatte sämmtliche darin vorhandene Akten auf die Straße geworfen, in der sie stellenweise als Straßenpflaster benutzt und in den Koth
getreten, andere aber durch den Regen durchnäßt verdorben oder auf allerley Weise untauglich gemacht waren. Hier wieder ein Beweis, welche Uebel der Krieg mit sich führt; ohne Zweifel befanden sich unter den Acten viele Documente, durch deren Vernichtung manche Familie oder Individuum in ihrem Rechte, vielleicht für immer zu Grunde gerichtet wurden. Freilich mögen auch wohl solche Verhandlungen darunter befindlich gewesen seyn, durch deren Vernichtung viele Betrüger und sonstige Verbrecher der Strafe entgangen sind; doch erachte ich dies für das allgemeine Wohl noch weit nachtheiliger, als den erst bezeichneten Fall. Ehe ich die Ereignisse, welche uns damals bevorstanden, weiter verfolge, muß ich noch einige Bemerkungen über die Folgen, welche der so eben zurückgelegte Marsch hervorbrachte, beifügen.
Durch die unerhörten Anstrengungen der Truppen auf den Nachtmärschen, war ein großer Theil der Mannschaft, wie ich schon erwähnt habe, in die Lage versetzt, sich bei jeder Gelegenheit aus den Reihen zu entfernen. Gewöhnlich geschah dies Nachts in den großen Wäldern, die wir sehr häufig antrafen; die Soldaten verloren sich dann, oder machten aus Verzweiflung ihrem Leben ein Ende. Andere, die vom Hunger geplagt, sich in die Dörfer begaben, wurden von den erbitterten Bauern gemißhandelt und ausgeplündert und mußten schließlich noch froh seyn daß sie nicht erschlagen wurden. Daher waren die Reihen bei unserem Eintreffen am Dnieper, schon ziemlich gelichtet, was aber freilich nicht an die große Glocke geschlagen wurde, um Verweise von oben herab zu verhüten. Die Verluste an Menschen bei dergleichen Gelegen-
heiten wurden möglichst bemäntelt, was sogar nach einem Gefecht oder einer großen Schlacht auch der Fall ist; Freund und Feind wurden mit Unwahrheiten abgespeist. Die Nachtmärsche, welche wir eben gemacht hatten, waren in der That nicht so dringend; denn der Aufenthalt der Armee dauerte ja mehrere Tage bei Orcza, die wir da ebenfalls warten mußten, die Truppen waren mithin unnütz bis aufs Blut angestrengt worden. Nachdem unsere Kleidung bei dem anhaltenden Regen halb verfault war, erfolgte der Uebergang über den Dniepr und es wurde auf Smolensk vorgerückt. Diese von hohen und dicken Mauern, abwechselnd mit hervorragenden festen Thürmen umgebene Stadt ward von den Russen hartnäckig verteidigt und es kostete deren Eroberung, die am 3ten Tage erfolgte, viele Menschenleben, wobei die Polen,
die in der ersten Linie standen, am meisten zu leiden hatten.
In der Hitze des Angriffs, wurden nicht wenige Brandkugeln in die Stadt geworfen und sie stand bald an mehreren Orten in Flammen. Diese griffen schnell um sich; dessen ungeachtet ließ sich der Feind nicht stören, die Verteidigung mit gleicher Ausdauer fortzusetzen, bis die Dunkelheit eintrat, wo der Kampf ruhte. Das Feuer in der Stadt tobte indessen immer fort, bis zum anderen Morgen, wo es sich ergab, daß sie von den Russen freiwillig geräumt war. Letztere hatten ohne Zweifel die Feuersbrunst mehr befördert als gelöscht, um dem Feinde das Obdach und die Lebensmittel möglichst zu entziehen. Es wurden nun zwar von unserer Seite Anstalten getroffen, um dem Elemente Grenzen zu setzen, was auch nach vieler Mühe gelang, allein der größte Theil der Stadt war ein Schutthau-
fen geworden. Bei meinem Durchzuge durch dieselbe, stellte sich mir die Verwüstung in ihrer ganzen Größe dar; es machte viele Mühe, in den nur nothdürftig aufgeräumten Straßen vorwärts zu kommen. Doch gelang es mir endlich, das entgegengesetzte Thor zu erreichen, vor welchem sich nicht fern eine Brücke über den Dniepr befand, die wir passirten. Es ist mir noch erinnerlich, daß sich das Terrain, auf dem die Stadt liegt, nach dem Flusse zu allmählich abdachte und am entgegengesetzten /: rechten :/ Ufer etwa ebenso wieder stieg. Das 8te Armee-corps wurde rechts von Smolensk dirigirt, und war bestimmt durch einen forcirten Marsch den Russen zuvor zu kommen und einen Theil derselben wo möglich von der Hauptarmee abzuschneiden. Dies wäre auch wahrscheinlich gelungen, wenn der Commandant des Corps, Jünot Herzog von Abrantes, den Angriff
mehr beschleunigt hätte, aber so entstand nur ein, jedoch ziemlich blutiges Gefecht mit der russischen Arriergarde[85], wobei unser Bataillons-Commandeur Helsberg von einer feindlichen Kugel in den Unterleib getroffen wurde, woran er am anderen Tage seinen Geist aufgab. Die Russen waren entkommen und setzten ihren Marsch auf der Straße nach Moskau fort. Ob, wie man damals wissen wollte, der kommandierende General Junot daran Schuld war, muß ich dem Urtheile höher stehender Militairs anheimgeben. /: Der französische General Graf von Segür behauptete dies in seiner Geschichte Napoleons und der großen Armee im Jahre 1812. 1ten Theil Seite 224 und 225. :/ Außer obigen Officieren blieben auch einige Jäger auf dem Platze, und die Verfolgung der Russen nach Moskau zu ward fortgesetzt. Täglich kamen wohl kleine Gefechte mit
deren Arriergarde, aber weiter nichts Entscheidendes vor, bis bei Borodino, in der Gegend von Mosaisk, was von Smolensk circa 40 Meilen entfernt liegt. Hier muß ich eines Capitains erwähnen, der meines Erachtens von Niemen ab mit dem sogenannten Kanonenfieber[86] befallen war. Er stand mit mir bei demselben Truppentheile, jedoch will ich ihn weiter nicht nennen, was hoffentlich nichts zur Sache thut. Er hatte sich beim Eintritt der Armee in Rußland einen kleinen russischen Wage /: Kibittka :/ nebst einem entsprechenden Pferdchen zu verschaffen gewußt. Dieser war mit etlichen Stücken Betten versehen, in die sich der Herr Capitain einwickelte und sich von seinem Diener immer in gehöriger Entfernung hinter der Armee her, kutschiren ließ. Natürlich machte er sich krank. –
Von Smolensk ab begannen die Russen das berüchtigte System der
Vertilgung aller Ortschaften auf der Straße die sie zogen. Die schon ziemlich bedeutenden Städte Dorogobusch, Viazma und Gihatzk waren halb niedergebrannt und sämmtliche Bewohner mit fortgezogen, was einen sehr unheimlichen Eindruck machte. Bei der letzten Stadt befand sich ein großes Salz-Magazin, was ebenfalls angesteckt war, jedoch fand das Feuer nur in den Säcken, in welche das Salz gepackt war einige Nahrung, so daß diese langsam fortglimmten, weshalb noch Salz in großer Masse zu erlangen war. Bei dem sich steigernden Mangel an Lebensmitteln, deren regelmäßige Lieferung schon lange aufgehört hatte, ward vom Bataillons-Commando um diese Zeit ein Officier mit etwa 10 Jägern, von der Straße abwärts, auf Requisition geschickt, der mit seinen Mannschaften aber nie zurückgekehrt ist. Wahrscheinlich war die Truppe von den Kosacken oder Bauern gefangen genommen
auch wohl erschlagen worden. Das Commando befürchtete einen Verweis wenn es rapportirte: „der verschollene Officier sey nach Lebensmitteln ausgeschickt“, es sagte also lieber: er sey desertiert und zum Russen übergegangen; wodurch dem selben, wohl unverdient, ein Schandfleck angethan wurde. Bei Borodino hatten endlich die Russen Posto gefaßt und es kam dort zur Schlacht. Von dieser eine Beschreibung zu liefern, ist nicht mein Plan; ich verweise vielmehr auf die zahlreichen Werke geeigneter Schriftsteller, wovon ich wieder Segür nennen kann, wo man das Nähere findet. Daß sie zu den blutigsten gehörte, die in diesem Jahrhundert geschlagen sind, ist nicht zu bezweifeln, der Kanonendonner war so stark, daß die Erde in einem großen Umkreise erbebte. Todt und Blessirte gab es in großen Massen. Bemerkenswerth ist es, daß einem
Officier von dem Bataillon bei dem ich stand, Namens Burchenne, von unserem eigenen Geschütz, also von hinten durch eine Kanonenkugel das Bein zerschmettert wurde. In dem Augenblick wo ihn die Kugel traf, rief er: „Die Hunde schießen auch von hinten.“ Er ward zurückgetragen zur Ambulance, und dort von einem alten Freunde dem Staabsarzt Harklof sofort amputirt, was sehr gut von Statten gegangen war, wie dieser mir nachher sagte. Der Unglückliche starb dessen ungeachtet bald darauf, an zu großem Blutverluste. Sein Hinsterben hatte, wie mir der Doctor später mittheilte etwas Eigenthümliches. An der Wunde selbst empfand der Blessirte gar keinen Schmerz, dagegen entstand zunächst eine Beklemmung im Unterleibe, gleichsam ein Gefühl, als ob die Eingeweide mit einer Schnur zusammengepreßt würden. Diese stieg allmählich höher im Körper herauf und als sie in die
Gegend des Herzens kam, hauchte er schnell das Leben aus, ohne weitere Klage über Schmerzen. – Ein nicht schwer blessirter Capitain von irgend einem westphälischen Linienregimente begegnete mir aus dem Schlachtgetümmel zurückkehrend, und lamentirte laut und anhaltend darüber, daß man sich von den niederträchtigen Russen die Knochen entzwei schießen lassen müsse. So raisonirte er immer fort, war aber so glücklich einen kleinen russischen Wagen zu erfassen, vor welchem ein eben so winziges Pferd gespannt war. Diesen Wagen bestieg er und verließ damit eiligst das Schlachtfeld. Was er für ein Ende genommen hat, ist mir nicht bekannt geworden. Die Schlacht dauerte unter ununterbrochenem Kanonen- und Gewehr-Feuer, bis zum Eintritt der Dunkelheit fort, wo dies zwar verstummte, allein nunmehr erhob sich das gräßlichste Klagegeschrei
der Blessirten, deren Schmerzen durch Hunger und die Kälte der Nacht, welche letztere im Verhältniß der noch nicht weit vorgerückten Jahreszeit, 7ten September, sehr empfindlich geworden war, außerordentlich gesteigert wurden. Das 8te Armeecorps hatte viele Leute verloren, doch ließ sich deren Zahl sofort nicht ermitteln. Das Schlachtfeld war freilich von unserer Armee erobert und sämmtliche Redouten der Russen waren genommen, allein eine weitere Verfolgung der Feinde geschahe nicht, die ganze Armee bivouarquirte vielmehr auf demselben, während man die Nachtfeuer jener in einer unabsehbaren Linie glänzen sah. Man erwartete die Fortsetzung der Schlacht am nächsten Tage allgemein; die Nacht verging und der Tag brach an, allein es ergab sich, daß die Russen, bei Unterhaltung ihrer Nachtfeuer das Lager verlassen
und den Rückzug auf Mosaisk, resp: Moskau angetreten hatten. Nun bewegte sich der größte Theil der Armee vorwärts, das 8te Armeecorps bekam indessen den Befehl, auf dem Schlachtfelde bis auf weitere Ordre, stehen zu bleiben, und die Todten zu begraben, auch den Verwundeten möglichst zu helfen. Den Eindruck, welchen der Anblick dieses Schlachtfeldes auf mein Gemüth machte, werde ich nie vergessen; der Gräuel, welches ein solches Gemetzel hinterläßt, ist für den Beschauer haarsträubend, und kann nur an Ort und Stelle empfunden, aber nicht beschrieben werden. Die Verwundeten schrien nach Hülfe, viele hatten sich in der vergangenen kalten Nacht zu den todten Pferden geschleppt um Schutz zu finden. Einige habe ich gesehen, welche den Bauch derselben aufgeschnitten und die Eingeweide heraus
gerissen hatten; sie krochen dann in den hohlen Cadaver, um vor dem scharfen Luftzug gedeckt zu seyn, auch wohl mit den Eingeweiden den Hunger zu stillen. Sie wurden dann nach und nach fortgebracht, in Häuser, welche in der Nähe des Schlachtfeldes stehen geblieben waren, und dort Chirurgen übergeben, um sie zu verbinden.
Bei der großen Masse Verwundeter konnte nicht Allen schnelle Hülfe werden, und viele verschieden schon, bevor sie an die Reihe kamen. Etwa ½ Stunde rückwärts vom Schlachtfeld lag eine Abtei, /: wenn ich nicht irre hieß sie Kolotskoi :/ in deren großen Gebäuden das Haupt-Lazareth eingerichtet wurde. Ein Geschäft führte mich am dritten Tage nach der Schlacht dorthin und ich fand daß die Räume nicht groß genug waren, um alle Blessirte darin unter zu bringen.
Hunderte, fast durchgängig Russen, lagen in der Näher der Gebäude auf dem kalten Boden umher, ohne daß ihre Schmerzensrufe, sie zu verbinden oder ihnen Nahrung zu reichen, gehört wurden oder werden konnten. Mehreren davon waren Arme und Beine, bald mehr bald weniger zerschmettert, sie krochen auf der Erde von einem Orte zum andern fort, stießen klagende Töne und Verwünschungen aus und baten mit traurigen Geberden jeden Gesunden um Hülfe und Nahrung. Gern hätte ich ihnen das gewährt, aber in welcher Art sollte dies geschehen? ich verstand nichts von der Heilkunde und hatte selbst nichts zu Essen. Mit dem Verscharren der Todten, die von unserer Armee gefallen waren, wurde eifrig fortgefahren; die Russen
blieben auf dem Schlachtfelde liegen. Ebenso sämmtliche Pferde. Die Leichen fanden bald ihren Ruheplatz in den Rissen und Klüften, welche früher durch das Aufthauen des Schnees oder durch heftige Gewitterregen in dem abschüssigen Boden entstanden waren. Sie wurden in diese, beiläufig 10 – 15 Fuß hoch und eben so breit, eingepackt und dann nothdürftig mit Erde bedeckt. Wenn man auf diese Gräber trat, so senkte sich der Boden, gleichsam als wenn man auf einem Moorboden gestanden hätte, dessen Rasendecke so zusammenhängend ist, daß sie sich wohl biegt aber nicht durchbricht. Das Bewußtseyn auf so vielen Todten zu stehen, erweckte zwar ein eigenthümliches Gefühl, indessen war dies nach den gräßlichen Scenen, die ich bis dahin durchgemacht hatte, bereits ziemlich abgestumpft. Wenn diese Gräber mit Kanonen oder anderen Fahrz-
zeugen passirt wurden, so sanken sie tief ein und es kam neben der Spur, welche die Räder, auch die Pferde machten, hier ein Kopf da ein Bein und dort ein Arm der Todten ans Tageslicht. Nach meinen Gedanken konnten aber die Todten in diesen leicht bedeckten Gräbern, eine lange Ruhestätte nicht finden, und sind wahrscheinlich auch von der ersten Wasserfluth aufgewühlt und in alle Welt zerstreut worden. Noch jetzt, nach mehr denn 40 Jahren, treten diese Scenen oft wieder vor meinen Blick, und ich denke dann, ob wohl noch ein Knochen von den Tausenden die in jener Mörderischen Schlacht umkamen, und die damals von abermals tausend Angehörigen beweint wurden, existieren möchte. Ich glaube es nicht. Außer diesen Gräbern durchstreifte ich auch einen Theil des Schlachtfeldes. Hierbei zeigte sich die zerstörende Kraft der Geschosse
in ihrer ganzen Größe. Mehrere Todte waren durch grobe Geschützkugel buchstäblich zerrissen. Viele Pferde waren zur Hälfte zerschmettert, andere blos gelähmt und noch lebend. Schwere Reuter[87] lagen umher, durch deren Kürasse und Brust Faß- und Kartätschenkugeln gedrungen waren. Helme, Czakots, zerstückelte Gewehre, Säbel, Patronentaschen, Zerrissene Tornister, Stücke von Wagen und Rädern, Kanonenkugeln, Mantelsäcke, etc. bedeckten den von Kugeln durchfurchten Boden. Zwischen diesen Werken und Zeichen der Zerstörung blieben wir ca. 4 Tage stehen, und rückten dann ohngefähr 1 Meile vom Schlachtfelde vorwärts nach Mosaisk zu, wo wieder ein Lager bezogen ward. Einige Stunden nachdem wir eingerückt waren, kamen 3 Jäger von meinem Commando zu mir, und baten mich, es ihnen
zu gestatten, sich einige Stunden entfernt von der Straße seitwärts zu begeben, um Lebensmittel zu suchen, woran es uns schon seit geraumer Zeit mangelte. Anfangs hielt ich die Sache für zu gewagt, doch endlich als die beherzten Kerle ihre Bitte wiederholten, willigte ich ein, und sie marschirten möglichst geheim von dannen. Am 2ten Tage wurde das Lager abgebrochen und wir rückten in Mosaisk ein, wo das Hauptquartier aufgeschlagen wurde. Da ein Theil der Stadt abgebrannt war, so konnten nicht Alle Quartier bekommen unter Dach und Fach, und ich nahm, nebst einer Abtheilung den Marktplatz zum Lager, indem da sofort Hütten von Brettern errichtet wurden. Der Mangel und Hunger nahm immer mehr zu, und ich erwartete die Zurückkunft der aus dem letzten Lager abmarschirten Jäger mit Sehnsucht, in der Hoffnung, daß diese mir einige Lebensmittel zuführen
würden. Die Nahrung beschränkte sich vorerst auf gekochte Kohlstrünke, deren Geschmack mir jetzt noch recht wohl erinnerlich ist. Diese Kohlstrünke, welche sonst kaum zu Futter für das Vieh brauchbar sind, waren schon seit geraumer Zeit unsere fast einzige Nahrung gewesen, und war es auch in Mosaisk zum größten Theil noch. Der häufige Genuß der Brühe davon, so wie der salzigen Strünke und Wurzeln, schien nachtheilig auf den Körper zu wirken, so daß die Glieder mehrerer Jäger aufschwollen und eine gelb blasse Farbe annahmen, die auch das Gesicht überzog. man wollte damals behaupten, daß diese gelbe Farbe der äußeren Glieder des Körpers von dem krankhaften Zustande der Leber herrühre.
Noch einmal auf die Schlacht von 7ten September zurückgehend, bemerke ich, daß von dem Jäger-
Bataillon, welches in 6 Compagnien â 110 Mann aus Kassel marschirte und am Schlachttage mit ca. 450 Mann ins Feuer ging, 48 Mann, also durchschnittlich per Compagnie 8 Mann, geblieben waren. Hiernach war beinahe der zehnte Mann gefallen, ohne die Blessirten, welche diese Zahl ebenfalls erreichten. Ein Beispiel, welches Schicksal manchen Menschen von der Vorsehung beschieden ist, will ich hier noch anführen. Ein naher Verwandter von mir, der Sohn eines Forstmannes, Namens Götting, trat in das Jäger-Bataillon etwa im Jahre 1810 ein. Es fügte sich, daß derselbe bei dem Tribun als früsichenten[88] v. P., der nahe bei Kassel, an der nach /: damals Napoleons= jetzt :/ Wilhelmhöhe führenden Alle wohnte, einquartiert wurde. Dieser war unverheirathet, hatte daher eine Haushälterin und diese eine hübsche 18 jährige Tochter, die,
wie die böse Welt damals sagte, von dem Präsidenten abstammen sollte. Bald entstand zwischen meinem Vetter und dem Mädchen ein vertrautes Verhältniß, nach einiger Zeit verlobte sich das Paar und zu Anfang des Jahres 1812 wurde deren Hochzeit im Hause des Präsidenten gefeiert und ich dazu eingeladen. Unter den anwesenden Gästen befand sich auch einer der General-Inspectoren der Forsten, Herr von Winzingerode, dessen nächster Nachbar ich bei dem Soupee wurde. Die Unterhaltung kam bald in Gang, und als sie mein Nachbar auf das Forstwesen lenkte und er meine Erwiedrungen nicht ganz ohne Interesse erachten mochte, so wurden wir am Ende so vertieft darin, daß nur so lange eine Pause entstand, als der General-Inspecteur genöthigt wurde, einer Nachbarin Rede zu stehen, oder wenn eine Gesundheit ausgebracht ward. Sogar das Trinken
vergaßen wir im Eifer der Unterhaltung; doch versäumte mein anderer Nachbar, Appellations-Rath Ihringk nicht, daran zu erinnern, wozu er von dem freundlichen Hochzeitsschmausgeber als Hausfreund ein für allemal ermächtigt war. Kurz, ich verlebte in jenem Kreise einen recht frohen Abend, der aber auch in Bezug auf meine gegenwärtige Stellung nicht ohne günstigen Einfluß gewesen ist, indem ich der Bekanntschaft mit Herrn von Winzingerode, welcher nach Aufhebung des Königreichs Westphalen in preußische Dienste übertrat und hier bekanntlich bis zum Oberlandforstmeister hinaufstieg, meine erste Anstellung im Forstfache zu verdanken habe. Mein Vetter hatte mehrere Nebenbuhler gehabt, und wurde nach einiger Zeit von einem derselben beleidigt, so daß er denselben zum Duell zu fordern genöthigt war;
dasselbe fand statt und die Folge war, daß Goetting einen tüchtigen Hieb über den Elenbogen bekam. Hieran laborirte er noch, als das Bataillon nach Rußland aus marschirte, und er mußte in Kassel zurückbleiben. Indessen als er genesen war, bekam er Befehl, uns nachzufolgen und traf einige Tage vor der Schlacht von Borodino beim Bataillon ein. Er sollte jedoch seine junge Frau und sein Vaterland nicht wiedersehen, denn er fiel in jener Schlacht, von einer Kugel, die ihm das Herz spaltete.
Nach diesem Intermezzo knüpfe ich den abgerissenen Faden der Geschichte wieder an. Wir befanden uns nemlich in Mosaisk und lagen dort in Baracken auf dem Marktplatze. Da die Zurückkunft der drei Jäger die ich abgeschickt hatte, immer noch nicht erfolgte, so bekam ich einige Besorgniß über ihr Schicksal. Ich begab mich zu unserem Battaillons-Com-
mandeur, Capitain von Stein, und trug ihm die Sache offen vor. Er schien anfangs etwas ungehalten zu werden, doch bald äußerte er, ich sollte nur ruhig seyn, es wäre nun einmal geschehen und die Jäger würden ja wohl zurückkehren. Wer war froher als ich, so leichten Kaufs aus einer Verlegenheit gekommen zu seyn; ich legte mich in meine Hütte und wartete. Die nächste Nacht verging, sie kamen nicht; endlich gegen Mittag trafen sie ein. Um mich nachsichtig zu stimmen, führten sie mir eine, mit einem kleinen hübschen russischen Pferde bespannte Droschke zu meiner Disposition vor. Außerdem überreichten sie mir ein Paar reich vergoldete englische Tassen, einige schöne Gemälde und noch andere Sachen von Werth, die ich nicht mehr anzugeben weiß. Doch alle diese Gegenstände hatten, bis auf das Pferd, keinen reellen Werth für mich; Lebensmittel,
um den Hunger zu stillen, waren die Hauptsache. Doch auch diese brachte sie mit, und zwar auf einem Wagen der mit 24 Hühnern, etwa 30 tt. Honig, Kartoffeln, getrockneten Heidelbeeren etc. beladen war. Eine passendere Gabe hätte mir in jener Zeit des Hungers und der Entbehrungen nicht gespendet werden können, und ich war so befriedigt, daß ich nicht umhin konnte, den Jägern meine Anerkennung auszudrücken. – Nun war das Erste, über die Sachen zu disponiren. Ich bestimmte dann für den Bataillons-Commandeur 3 Hühner und für die übrigen Officiere je 1 Huhn, die übrigen reservirte ich für mich. So wurden auch die Kartoffeln, der Honig etc. nach Verhältniß vertheilt. Freilich konnte dies alles nur auf kurze Zeit vorhalten.
Nun trat ein unangenehmer Fall für unsere Lage, für das Gemüth aber zugleich eine ernste Erschütterung ein. Wie ich früher gesagt
habe, befand sich das Hauptquartier in Mosaisk, wo also auch der Chef des 8ten Corps, Herzog von Abrantes /: Jünot :/ residirte. Die daselbst einquartierten 3 Infanterie-Bataillons der Westphälischen Garde, wozu das unsrige gehörte, mußten abwechselnd die Ehrenwache vor ihm beziehen. Eines Tages wurde diese von Jägern besetzt, und einer bekam, wie das immer der Fall ist, den Posten vor dem Gewehr, während die Uebrigen vor den Quartieren der anderen Generale aufgestellt wurden. Jener, der Sohn eines Försters in Hessenkassel, ein sonst ganz unbescholtener junger Mann, bemerkte, daß auf dem Vordertheile eines Fourgons[89] des Herzogs, ein silberner Becher stand, der auch in den 2 Stunden die er schildern mußte, nicht fortgenommen wurde. /: Dabei muß ich noch vorausschicken, daß das Silber unter den Truppen damals fast als nur gewöhnliche
Sache betrachtet wurde; denn fast jeder besaß dergleichen, hervorgegangen aus den russischen Kirchen und Klöstern, wovon diese mehr oder weniger enthielten, was natürlich von den eindringenden Soldaten immer als gute Prise betrachtet ward; und nahm es dieser nicht, so nahm es der nächste. Ich selbst hatte eine ziemliche Quantitaet von Soldaten gekauft und bestimmte dies in Gedanken im Voraus zur Garnitur eines Hirschfängers oder Gewehrs, auch wohl zu ein paar Sporen; was jedoch, wie sich später ergeben wird, in den Bereich der Luftschlösser gehörte. :/ Also als der Wachposten abgelöst wurde, nahm er den Becher an sich, in der Meinung, der vorige Posten habe ihn da vergessen. Dem war aber nicht so, vielmehr hatte ein Diener des Herzogs, beim Herausnehmen anderer Sachen aus dem Wagen, den Becher nicht wieder eing-
schlossen. Der Diener vermißte ihn bald, und veranlaßte ein sorgfältiges
Nachsuchen, wobei er in dem Tornister des Jägers gefunden ward. Dies wurde
brühwarm dem Herrn Jünot angezeigt, welcher nicht verfehlte, ein
Kriegsgericht niederzusetzen, in welchem der Jäger zum Erschießen verurtheilt
ward. Das Urtheil legte man Napoleon, der damals schon in Moskau war, vor, der
es ohne Umstände bestätigte. Die Execution wurde auf den nächsten Tag bestimmt;
die Strafe traf aber nicht allein den Thäter, sondern, freilich in etwas
gelinderer Weise, alle 3 Garde-Bataillone, indem wir augenblicklich Mosaisk
verlassen und neben der Stadt auf freiem Felde ein Bivouac beziehen mußten. Am
nächsten Morgen wurde der arme Verurtheilte unter militairischer Bedeckung
herangeführt und, indem wir unterm Gewehr
standen, vor die Front gebracht. Dort stand er stumm und bestürzt dem Commando gegenüber, welches ihn erschießen sollte. Ein Major der Grens d^ armerie las das Urtheil vor, es wurden ihm die Augen verbunden, in wenigen Augenblicken knallten die Büchsen und der Jäger sank leblos zu Boden. Man scharrte den Todten sogleich auf der Stelle wo er gefallen war, wie ein wildes Thier ein, wonächst uns noch eine derbe Strafpredigt gehalten wurde, nach welcher wir das Lager wieder einnehmen mußten. Es hatte bereits in der verwichenen Nacht zu regnen begonnen und fuhr damit während der Execution und später noch 36 Stunden fort, so daß jeder das vom Himmel strömende Wasser auf der Haut spürte. Ich überlegte, wie es wohl anzustellen seyn möchte, sich einigen Schutz gegen das Wetter zu verschaffen, und fand bald
ein Mittel. In Mosaisk befand sich ein großes Branntwein-Magazin, wie dies in allen größeren Städten damals der Fall war. In diesem lagerte eine große Menge neuer leerer Fässer, die so lang und weit waren, daß in Jenen ein starker Mann Raum hatte, sich ganz zu verbergen. Von diesen ließ ich eins in das Lager schaffen und hinter der Front unseres Bataillons niederlegen. Nun ward der eine Boden ausgeschlagen und, nachdem ich etwas Heu hineingelegt, kroch ich in dasselbe, versteht sich mit den Beinen zuerst. Ich war nun gegen den Regen völlig geschützt, es war ein wirklich angenehmes Gefühl, die Regentropfen auf das Faß klappern zu hören, ohne sie mit der Haut auffangen zu müssen. Die übrigen Officiere wurden aber gar bald aufmerksam
resp: neidisch auf diese Anstalt und es dauerte gar nicht lange, so sah man eine Reihe solcher Fässer hinter der Front entstehen, in welchen je ein Officier steckte, wie ein Dachs im Bau. In allerley Entbehrungen standen wir bereits seit längerer Zeit mit dem cynischen[90] Philosophen Diogenes gleich, freilich gezwungen, und nun wurden wir es noch mehr indem wir unser Lager in einer Tonne aufschlugen. Da es bis zum dritten Tage immer fortregnete, so befanden wir uns sehr behaglich in unserem Fasse, und es ward von Manchem dieser Einfall gewürdigt. Hin und her wurde besprochen, wie lange man uns in der wenig beneidenswerten Lage wohl noch belassen möchte, daß wir die Häuser der Stadt wieder beziehen könnten. Drei Officiere, von Stark, von Fischer und Brück,
bezogen mit mir ein kleines Haus in einer Vorstadt von Mosaisk, welche nördlich tiefer als die eigentliche Stadt lag, und richteten uns da so gut als möglich ein. Ich habe wohl früher einmal schon bemerkt, daß sämmtliche Einwohner der russischen Ortschaften mit ihrer Armee geflohen waren, und dies war auch hier der Fall. Wir fanden in dem Hause keine lebendige Kreatur, eine mit einer hölzernen Bank und einem plumpen Tische ausmeublirte einzige niedrige Stube nahm uns auf, doch fanden wir uns darin viel behaglicher als unter Gottes freiem Himmel; denn es regnete uns nicht auf den Kopf. Nun war aber die Hauptsache: Lebensmittel zu beschaffen, denn das Wenige welches die von mir früher abgeschickten Jäger mitgebracht hatten, war längst aufgezehrt. Ich ließ sie zu mir kom-
men und frug sie, ob es ihnen nicht an Courage fehle, zur Herbeischaffung von Eßwaaren eine ähnliche Expedition als die neuliche zu unternehmen? Sie erklärten sofort, daß sie bereit seyen ihr Heil zu versuchen, und marschirten ab. Ich habe früher schon erwähnt, daß ich an Diarrhoe litt, was auch damals noch der Fall war. Da ich gehört hatte, daß getrocknete Heidelbeeren wirksam dagegen seyen, so that ich eine tüchtige Quantitaet von denen, welche mir die Jäger das erstemal mitgebracht hatten, in ein kleines Fäßchen, goß Branntwein darauf und ließ Mischung einige Tage stehen. Obgleich mir der Schnaps zuwider war, so nahm ich doch eine Dosis von der Flüssigkeit, die so consistent wie Oel geworden war und gar nicht übel schmeckte. Nach 2 Tagen äußerte sich die Wirkung in solcher Weise, daß ich ganz
erfreut war. Das sich bisher geäußerte Uebel ward gänzlich gehoben, aber es fand sich ein merkwürdiges Gefühl in meinem Körper danach ein. Wenn ich mich nemlich auf der Bank niederlegte, z. B. auf die rechte Seite, so entstand ein Gefühl etwa so, als ob zwischen der Haut und dem Fleische ein leerer Raum befindlich, der mit Quecksilber angefüllt sey, was mit etwa ½ Minute dauerndem Kribbeln sich nach der Seite des Körpers senkte, der unten lag. Legte ich mich auf die andere Seite, so erfolgte dieselbe Empfindung, während ich mich sonst nicht im Geringsten unwohl fühlte. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage, so sich das rätselhafte Gefühl gänzlich verlor, ich auch keine üble Folgen weiter danach verspürt habe. Mehreren Aerzten habe ich dies erzählt, erst noch in ganz neuerer Zeit,
aber keiner hat mir genügenden Aufschluß über die Ursache geben können. Daß es von der Beschaffenheit und dem Laufe des Blutes hergekommen ist, vermuthe ich wohl, aber wie dadurch eine solche eigenthümliche Empfindung entstanden seyn könne, vermag ich nicht aufzuklären.
In den ersten Tagen die wir in dem Hause zubrachten, hatten wir stark mit dem Hunger zu kämpfen, doch wurde dieser bald gestillt. Die abgesandten Jäger kehrten zurück und brachten außer andern genießbaren Gegenständen eine große fette Kuh zurück. Dies erfreuliche Ereigniß machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich die Farbe und Gestalt der Kuh in diesem Augenblicke, mehr als 40 Jahre nachher, noch vor mir erblicke. Sie hatte Aehnlichkeit mit der großen friesischen Race[91], eine pechschwarze Farbe mit großen
weißen Flecken und kurzem glänzendem Haar. Kurz, sie mochte von der Mastung weggeführt seyn, denn sie war außerordentlich gut bei Leibe und schenckenfett. Dies war ein guter Fang für hungrige Magen, und noch mehr für vollständig ausgemergelte. Ein Jäger von meinem Commando, Namens Stockmann, welcher bei dem damaligen Oberforstmeister /. später pensionirten Oberforstmeister :/ Olberg in Akenau an der Elbe, gelernt hatte, war unser Hausverwalter. Ein kleiner winziger, aber höchst anstelliger Bursche, der in jeder Beschäftigung, welche auf die Hauswirtschaft Bezug hatte, sehr erfahren war. Er verstand das Mahlen, Backen, Schlachten vollständig und war auch im Kochen ziemlich erfahren. Dieser besorgte nun das Tödten der Kuh, indem er sie mit einem Beile vor den Kopf schlug und ihr dann schnell
die Gurgel durchschnitt. Nachdem die Haut heruntergearbeitet war, ließ ich sie zertheilen und theilte jedem Officier und jedem Jäger ein verhältnißmäßiges Stück Fleisch mit, war aber auch beflissen unsere Speisekammer gehörig zu versorgen. Nun fehlte es nur noch an Brod; doch zur Anschaffung dieses wichtigen Nahrungsmittels ward auch bald Rath. Die Mühle, welche nicht weit von unserem Quartier lag, hatten die Russen demoliert und war also nicht gangbar, dagegen befand sich eine solche etwa ¾ Stunden von dort, welche noch im Gange war. Stockmann wurde dann beauftragt, sich mit einer Quantitaet Roggen, auf einem Wagen geladen, dorthin zu begeben und Mehl zu bereiten. Am andern Tage brachte er das Mehl zurück und nun ging es ans Backen in bester Form. Bald hatten wir einen tüchtigen Vorrath von Brod in unserer Speisekammer und wa-
ren denn für den Augenblick außer Sorge für unsere Subsistenz. Um diese Zeit kam der Ueberrest eines bairischen Cavallerie-Bataillons, bestehend in 2 Offizieren und etwa 20 Pferden von Moskau zurück. Dies Detachement nahm Quartier in den einzelnen nicht demolierten Häusern eines Dorfes, circa 1 Stunde von uns gelegen. Diese Leute hatten buchstäblich nichts zu leben für Menschen und Vieh, und sollten doch als Depot, Nachschub vom Vaterlande erwarten. Ein verrücktere Maasregel kennt wohl die Geschichte nicht; eine so schon halb verhungerte Truppe wird zurück in eine Gegend verlegt, in der bereits der Mangel auf das Höchste gestiegen war; sie soll da warten, bis Verstärkungen 300 Meilen weit aus der Heimat anlangen, die mindestens 100 Meilen eine Gegend durchziehen müssen, wo fast kein
Haus mehr stand, kein Einwohner zu sehen und Lebensunterhalt auf keine Weise zu erlangen war. Man muß daraus folgern, daß der, welcher die Ordre zum Zurückgehen ertheilte, nicht gewußt hat, was im Rücken der zusammengeschmolzenen Armee passirte, oder er gab den Rest eines sonst schönen Regiments gänzlich auf. Bald erschienen die Officiere in unserm Cantompment[92], in der Hoffnung dort einige Lebensmittel zu erlangen; allein sie wurden natürlich getäuscht, denn Alle, bis auf mich und meine Hausgenossen, litten Mangel. Mein Calfaktor Stockmann vernahm dies und hörte, daß sie Silber gegen Brod etc. vertauschen wollten. Er überbrachte mir diese Nachricht und meinte, dabei sey wohl ein gutes Geschäft zu machen. – Der Mensch, selbst ein Elender, behält stets ein Fünkchen Speculation in sich, und so war
es in der That mit mir. Ich gestattete ein paar Brode auf diese Weise zu
vertauschen und erstaunte nicht wenig, als er zurückkam und einen ziemlich
großen Klumpen dieses Metalls, von allerley Gerätschaften zusammengeschlagen,
mir übergab. Wieder ein Beitrag zu meiner Sammlung von derartigem Stoffe; es
fehlte nun weiter nichts, als daß ich den Vorrath erst einige hundert Meilen
rückwärts in Sicherheit gebracht hätte, wo denn Hirschfängerbeschlag,
Gewehrgarnitur, Sporen etc. bald in Angriff genommen seyn würden. Wie diese
Luftschlösser verwirklicht worden sind, wird man in dem Verlaufe dieser
Geschichte sehen. – Meine Geschäfte waren sehr einfach, so daß ich Muße genug
hatte, mit meinem alten Freunde, dem Capitain Metzner, dessen ich früher
vielfach gedacht habe,
auf die Jagd zu gehen. Wir durchstreiften die Umgegend und erreichten dabei eine Feldflur, auf der das sämmtliche Getreide, besonders Gerste und Hafer, noch unangerührt stand, da die Besitzer der russischen Armee nachgezogen waren. Metzner hatte einen recht fermen[93] Hühnerhund aus der Heimat mitgenommen und bis nach Mosaisk glücklich erhalten. Mit diesem durch suchten wir das Getreide und fanden weiter nichts von Wildpret, als die Spur eines Haasen, den wir aber körperlich durchaus nicht zu Gesicht bekommen konnten. Dagegen bemerkten wir 2 Pferde dort, die in den Gefechten bei Mosaisk blessiert waren, das eine in der Keule, das andere am Vorderbein; es wurde ihnen dadurch schwer, sich von der Stelle zu bewegen. Sie hatten sich von dem Getreide und Gras das Leben erhalten, waren jedoch
in einem kümmerlichen Zustande. Wir beschlossen diesem ein Ende zu machen und erschossen sie mit Schrot in naher Distanz. – An das Feld grenzten Wiesen, die von einem breiten See eingeschlossen waren. Auf diesem Wasser bemerkten wir hunderte von Enten, die jedoch bei unserem Herannahen sämmtlich die Flucht ergriffen, sich indessen etwa tausend Schritte auf dem Wasser abwärts wieder niederließen. Wir verfolgten sie, indessen gelang es uns nicht, schußmäßig an solche heranzukommen, sie standen auf und zogen dahin zurück, wo wir sie zuerst gesehen hatten. Für den Tag standen wir von weiterer Verfolgung dieser Thiere ab und durchsuchten nur noch andere Felder, fanden aber nichts. Am nächsten Tage ward die Jagd wiederholt und wir fanden die Enten an der Stelle, wo wir sie gestern verlassen hatten. Sie ergriffen abermals
die Flucht und ließen sich wieder in der Gegend nieder, wo sie früher eingefallen waren. Hiernach praesumirten[94] wir, daß die Vögel auf dem See, wenn man sie unterhalb störte, wieder zurückziehen würden. Ich stellte mich danach in dem Schilf hart am Ufer an und mein Kamerad begab sich in großem Bogen nach der Stelle hin, wo sich die Enten befanden. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Schwarm wieder auf dem hergezogen, ich schoß dazwischen, und obgleich die Entfernung groß war, so hatte ich doch das Vergnügen, eine Ente auf den See tod herabfallen zu sehen. Aber leider war solche nicht zu erlangen; und noch dazu trieb sie der Wind von mir abwärts, dem entgegengesetzten Ufer zu. Mein Freund kam nun heran und ich zeigte ihm mit Schmerz den Vogel an der anderen Seite des Wassers. Der wußte
sich indessen bald zu helfen; er animirte den Hund, in das Wasser zu springen, was er auch sogleich that, und indem ihm die Richtung angedeutet wurde, wo die Ente lag, durchschwamm er den See in einer Breite von etwa 200 Schritten und brachte sie ebenso zurück. Sie war speckfett, wurde später gebraten, und noch jetzt empfinde ich die Behaglichkeit, welche damals der Genuß des Bratens in mir hervorbrachte. Wir versuchten später noch einige Male einen solchen Fang zu machen, allein die Enten waren vorsichtiger geworden und die Jagd auf dieselben blieb ebenso fruchtlos, wie auf den gespürten Haasen.
Um diese Zeit wurde ein Commando auf höheren Befehl abgeschickt, um die auf dem 2 Meile rückwärts liegenden Schlachtfelde noch umherliegenden Kanonenkugeln aufzusuchen und ins Wasser zu werfen. Dies schien
anzudeuten, daß man höchsten Orts befürchtete, die Russen möchten die Oberhand bekommen, uns zurückdrängen und dann diese Geschosse gegen uns wieder benutzen. Dies war ein eben nicht sehr ergötzliches Zeichen. Die Commandirten gingen ab, und mußten sich mehrere Tage, bei Hunger und Durst, geschwächt an Geist und Körper, zwischen todten Menschen und Pferden, die auf dem Schlachtfelde nach 4 Wochen noch unbegraben umherlagen, hin und her bewegen und den pestilenzialischen Gestank einathmen. Sie waren bei ihrer Zurückkunft alle den Leichen ähnlich und der größte Theil starb auch an den Folgen dieser Expedition. Das Schicksal hatte auch ein Vetter von mir Namens Hopstock, welcher vor seinem Tode völlig wahnsinnig wurde.
Die Noth ward immer größer bei uns; um diese möglichst zu lindern, mußte zu der Absen-
dung von Commandos in fernere Gegenden, um Lebensmittel herbeizuschaffen, geschritten werden. Ein solches von 10 Mann wurde unter der Führung des einen Adjutanten, Namens Jaeger, abgefertigt. Dies nahm seine Richtung südlich, der Stadt Vorega zu, die etwa 2 Meilen von Mosaisk liegt. Diese war von einem Bataillon des 6ten Infanterie Regiments besetzt, welches sich auf einer nahe liegenden Anhöhe leicht verschanzt hatte. Die Jäger langten bei Vorega an und begaben sich, nicht fern von der Schanze, doch außer dem Bereich der Kugeln derselben, dicht an der Straße, in einen Garten, wo noch Stachelbeeren vorhanden waren, die sie emsig abpflückten und aßen, um in etwas den Hunger zu stillen. Da stürzten aus einem Versteck eine Anzahl Kosacken und Bauern hervor, fielen über die Jäger her und
hieben oder stachen den Adjutanten und 9 Jäger nieder, mit solcher Geschwindigkeit, daß die Besatzung der Schanze, welche Augenzeuge der Metzelei war, ihnen nicht zu Hülfe eilen konnte. Einer der Jäger, welcher etwas zurückgeblieben war, kam mit dem Leben davon und brachte die Hiobspost in unser Standquartier. Mit einem 2ten Commando ging ich in nördlicher Richtung ab. Zwei Stunden von Mosaisk passirten wir einen Fluß, in der Nähe eines demolirten Klosters und Dorfes. Als wir eine Strecke auf der anderen Seite hinmarschirt waren, bemerkten wir etwa ½ Stunde links ein Dorf, in welchem Rauch aus mehreren Häusern aufstieg. Dies war uns ein Zeichen, daß da noch Menschen wohnten, wir nahmen unsere Richtung dorthin und rückten ein. Es war aber wieder einmal Täuschung, denn beim Durchsuchen
der Häuser fanden wir keine Seele vor, wohl aber Zeichen, daß die Menschen eben geflohen waren, denn in den Kochhöfen standen noch Töpfe mit heißem Wasser, in einigen auch Rüben, die wahrscheinlich zum Mittagsmahle zubereitet werden sollten. Es wurden nun auch die Ställe untersucht, um vielleicht Vieh zu finden, aber dies war ebenfalls im ganzen Dorfe nicht vorhanden. Wir marschirten nun wieder ab, nach einem Dorfe zu, welches wir etwa 1 Stunde weit nördlich liegen sahen. Die Gegend war frei und wir konnten den Ort stets genau beobachten. Als wir soweit vorgerückt waren, um mit bloßem Auge einen Menschen erkennen zu können, bemerkte man, daß sich zwei auf dem Dache eines einzelnen, etwa 100 Schritt von dem Dorfe abstehenden Hauses befanden, wahrscheinlich um uns genauer beob-
achten zu können. Wir ließen uns hierdurch in unserer Vorwärtsbewegung nicht stören, gewahrten jedoch, als wir uns dem Dorfe bis auf etwa ½ Stunde genähert hatten, am Eingange desselben eine größere Anzahl Menschen, wobei sich auch Reiter befanden. Einen Augenblick überlegten wir, ob unsere Truppe von 30 Mann jenem Haufen wohl gewachsen seyn möchte; doch Lebensmittel waren uns durchaus von Nöthen und wir beschlossen daher, um diese zu erlangen, das Äußerste zu wagen. Um die etwa vorfindlichen sogleich transportiren zu können, hatte ich mehrere Wagen mitgenommen. Diese ließ ich von dem Puncte ab, wo wir eben standen, rechts hinter eine Anhöhe hinrücken und in gleicher Höhe mit dem Dorfe, halb verdeckt, sich aufstellen, um so den vielleicht überlegenen Feinde glauben zu machen, als sei Artillerie
oder Cavallerie hinter der Anhöhe aufgestellt, indem nur die Köpfe der Pferde darüber hervorragten. Nun wurde im schnellen Schritte auf das Dorf, an dessen Ende immer noch dieselbe Anzahl Menschen wahrzunehmen war, losgegangen, bis auf eine Distanz von etwa 400 als ein Schuß von dort fiel, dessen Kugel man pfeifen hörte. Man gewahrte indessen, daß der Haufen nur aus Bauern, unter welchen sich auch Frauen befanden, bestand, und nun wurde in geöffneten Gliedern, mit Plänkler-Distanor[95], beim Blasen des Signalhorns rasch vorgegangen, wo dann die Menschen sofort die Flucht ergriffen, die Weiber jedoch zurückblieben. Beim Einrücken in das Dorf transportirten wir die Letzteren bis auf den Kirchhof, hier mußten sie sich, mit einer Wache umgeben, aufstellen, wobei ihnen durch Zeichen mitgetheilt wurde, daß
wenn ihre Männer, die beiläufig gesagt, in ein kleines in der Nähe liegendes Holz retirirt waren, daraus hervorbrechen sollten, sie erschossen werden würden. Ein langes Säumen wäre nicht klug gewesen, denn es konnte leicht Verstärkung von anderen Dörfern her eintreffen, und daher begaben wir uns gleich daran, in den Ställen nach Vieh zu suchen. Dies wurde dann auch gefunden. 3 Schweine, welche gleich erschossen und auf einen Wagen geladen wurden. Dann einige Kühe und etwa 15 Schafe, die man lebendig sofort aus dem Dorfe heraus trieb, an welche sich der Wagen mit den Schweinen anschloß und der ganze Zug mit einer Bedeckung den Rückweg nach Mosaisk nahm. Ein Jäger, der mehrere Häuser durchsucht hatte, meldete, daß er in einem Keller eine große Anzahl, mitunter blutiger Uniformen und andere Militair-Utensilien, welche unsern Truppen
angehört hätten, gefunden habe, daß die Einwohner dieses Dorfes die Todten auf dem Schlachtfelde und sonst geplündert hatten. Doch hierbei hielten wir uns weiter nicht auf, es wurde zum Sammeln geblasen, und als wir bemerkten, daß unsere Beute die eben erwähnte Höhe überschritten hatte und in Sicherheit war, traten wir den Rückmarsch an; doch wurde die Vorsicht gebraucht, daß einige Jäger die Weiber noch eine Zeit lang in Schach hielten, bis wir ebenfalls an der Höhe angelangt waren, wo wir sie erwarteten. – Gegen Abend trafen wir dann ohne Unfall in Mosaisk ein und es entstand da ein großer Jubel unter dem Reste des Bataillons, in dem Bewußtseyn der Hungernden, daß sie sich nun einmal sättigen könnten. Die Hälfte von einem der Schweine bestimmte
ich sogleich für unsere Küche, und wir waren froh, nunmehr wenigstens einige Tage außer Brod auch Fleisch genießen zu können, denn das von der Kuh war längst aufgezehrt worden.
Wir in unserm engen Kreise empfanden den Mangel an Lebensmitteln am wenigsten, wofür ich, wie man aus Obigem gefolgert haben wird, nach Kräften gesorgt hatte. Aber mit der Gesundheit des einen Blattes[96], des Lieutenants von Stark, stand es öfters nicht zum Besten. Es besuchte ihn daher täglich ein ihm befreundeter Arzt von dem andern Jäger-Bataillon der Garde. Dieser hatte außerdem eine Menge Blessirter und Kranker, welche sich in der Stadt befanden, zu behandeln. Von diesen besaß er ein Namensverzeichniß, was er mich, auf meinen Wunsch durchsehen ließ. Ich fand darin
den Namen meines Schwagers, des Kürassier-Lieutenants Hirsch, dessen ich bei der Erzählung der Erlebnisse im Feldzuge von 1809 bereits erwähnt habe. Indem ich diesen zu sehen wünschte, frug ich den Doctor, in welchem Hause er zu finden sey? Nach dessen Aeußerung, daß er von unserm Quartier aus dorthin gehen würde, lud er mich ein, ihn zu begleiten, was denn auch geschah. Wir traten in das Haus und in diesem in ein sehr ärmlich ausgestattetes Zimmer ein, wo links am Fenster ein ebenso beschaffenes Bett stand, in welchem ein Kranker lag. Das Mitleid spornte mich an, rasch auf das Bett zuzugehen, um meinen Schwager zu begrüßen; aber welche Ueberraschung wurde mir zu Theil als der Inhaber des Lagers sich schnell erhob und mir zurief: willkommen mein lieber Bruder, Gott sey Dank, daß ich dich noch einmal sehe.
Bei diesen Worten der Freude schob er einen Theil der leichten Decke zurück und hob den rechten Schenkel in die Höhe, von welchem ihm das Bein, in Folge einer Blessur abgenommen worden, was aber bereits wieder geheilt war. Es war dieser schwer Blessirte der Cavallerie-Lieutenant Trinius, auch ein alter Kamerad aus dem Feldzuge von 1809., dessen ich ebenfalls früher erwähnt habe. Selbst im größten Elend war er derselbe Humorist wie früher geblieben, denn als er mir das abgeschossene Bein zeigte, sagte er: sieh Bruder, ich habe zwar nur noch einen Stumpf davon, es ist aber nunmehr doch geheilt und wenn wir wieder in unser Vaterland zurückkommen, so wollen wir ebenso vergnügt zusammen leben, als dies in früheren Zeiten der Fall war. Man wird aber bald vernehmen, wie sich der Arme täuschte.
Nun ging ich zu dem Bett, in welchem mein Schwager krank lag, welches weiter hinten in einem anstoßenden dunklen Gemache stand. Dem Anschein nach hatte er von der Unterhaltung, die ich mit Trinius geführt hatte, nichts vernommen, und ich mußte ihn mehrere male berühren ehe er die Augen aufschlug. Er erkannte mich erst dann, als ich ihm meinen Namen nannte, ohne jedoch einen Funken Freude blicken zu lassen. Ich frug den Doctor, was ihm wohl eigentlich fehle, worauf dieser sagte, daß er, in Folge lange anhaltender Diarrhoe in eine große Schwäche verfallen sey, die trotz der angewandten Medizin hartnäckig fortdauere. Freilich mangelten alle stärkenden Speisen in jener traurigen Situation; wo sollten diese auch herkommen, da nur sehr selten Ge-
legenheit war, z. B. etwas frisches Fleisch zu Suppe zu erlangen. Ich machte meinem Schwager Vorwürfe, daß er sich in den 4 Wochen, wo wir bis dahin schon in Mosaisk gestanden, nicht bemüht hatte mich aufzufinden, da er hätte wissen können, daß das Jägerbataillon dort weilte und daß ich, wenn ich noch am Leben war, ebenfalls da seyn müsse. Doch er hörte diesen Verweis ohne weitere Theilnahme an und verfiel bald wieder in eine Art Lethargie. Mit Bedauern schied ich von ihm, sandte ihm jedoch nachher öfters einige Lebensmittel. Etwa 8 Tage nachdem ich meinen Schwager aufgefunden hatte, wurden sämmtliche Kranken, vielleicht 300 an der Zahl, auf herbeigeschafften Wagen, in der Richtung nach Smolensk zu forttransportirt, und ich nahm Abschied von meinem Schwager, der wo möglich
noch schwächer geworden war, und von meinem Freunde Trinius, der jedoch seine muntere Laune nicht verloren hatte, um sie nie wieder zu sehen. Dieser Transport war aber leider nach einigen Tagesmärschen, wie ich später erfuhr, in einem Walde von Kosacken und russischen Bauern überfallen worden. Die Kranken wurden von den Wagen herunter gerissen und indem man die Letzteren eilig wegführte, blieben Erstere auf der Erde liegen und erlagen Alle dem Hungertode. Aus diesem Beispiele sieht man wiederholt, welches Uebel der Krieg mit sich führt. diese Kranken waren in den Schlachten mit dem Leben davon gekommen; als sie von Mosaisk zurückgebracht wurden, gaben sie sich der Hoffnung hin, nunmehr dem Elende zu entrinnen und ihr Vaterland
wieder zu sehen. Aber Gott der Herr hatte es, vielleicht um sie vor noch größeren Qualen zu bewahren, anders beschlossen, er setzte ihrem Leben plötzlich ein Ziel, was Tausende von uns später nach unendlichen Leiden nur langsam traf. –
Wie ich früher dargestellt habe, so fehlte es mir und meinen drei Kameraden resp. Hausgenossen an den nothwendigsten Lebensmitteln, worunter ich Brod und Fleisch verstehe, gerade nicht, indessen giebt es doch noch andere kleine Lebensbedürfnisse, z. B. Tabak, Kaffee, Zucker etc., welche dem Menschen der daran gewöhnt ist, stets willkommen sind. In der ersten Zeit als wir in Mosaisk standen, waren dergleichen Sachen von den Marketendern, die solche von der geplünderten Stadt Moskau holten, für Silbergeld verhält-
nismäßig billig zu bekommen. Bald häufte sich indessen das Geld von diesem Metall in ihrer Kasse dermaaßen an, daß sie besorgt wurden, die Kasse möchte bei dem Zurückmarsche zu sehr ins Gewicht fallen, auch dann wohl leicht verloren gehen. Sie beschlossen daher, nur gegen Goldmünzen zu verkaufen. Hiergegen ließ sich nicht wohl zwangsweise verfahren, da die Verkäufer dann gar keine Waaren von Moskau mehr geholt haben würden, denn die Reise dorthin, 12 Meilen, war wegen der am Wege lauernden Kosacken und Bauern höchst unsicher geworden. Dies hatte sich dadurch ergeben, daß nicht längst ein Marketender auf diese Weise seiner ganzen Habe beraubt ward und nur durch einen Zufall seine Person
rettete, um nackt und blos die Hiobspost nach Mosaisk zu bringen. Gold haten wir nun freilich nicht, und mußten daher, wohl oder Übel, auf die kleinen Lebensbedürfnisse verzichten. Den Kaffee vertrat gebrannter Roggen, den Zucker dachten wir uns dazu. Schon längst an Entbehrungen gewöhnt, wurde es uns nicht sonderlich schwer, auch diese zu ertragen. Wir führten dann unser Leben so in langweiliger Einsamkeit und nicht ganz ohne Besorgnisse für die Zukunft fort. Besonders trübe wurde unser Blick in die nächste Zeit dadurch, daß es uns ein Räthsel war, auf welche Weise wir das Leben fristen würden, wenn unsere Versetzung in eine Gegend wo hinreichende Lebensmittel vorhanden seyen, nicht vor dem Eintritt des Winters erfolgen sollte. Gerecht und tief begründet, wird jeder diese Besorgniß finden, der an das was ich über
unsere bisherige Situation gesagt habe, denkt und auch erwägt, daß nicht allein die Menschen, sondern auch sämmtliche Pferde eine Beute des Hungertodes geworden seyn würden. Doch bei allem Elend ward mir auch periodisch eine frohe Stunde zu Theil, und zwar beim Anhören von unserer Bataillons-Musik. Beim Ausmarsche von Kassel bestand das Musikpersonal aus 28 Köpfen, in Mosaisk waren nur noch 15 übrig. Diese waren gehalten, wöchentlich dreimal vor dem Quartiere des Commandeurs zu spielen, und dies war jederzeit ein hoher Genuß für mich. Das Geräuschvolle in dieser Musik hatte sich durch den Verlust der großen und kleinen Trommel, des Schellenbaums, des Triangels etc. verloren, das Harmonische bestand aber noch. Es stellte sich hier heraus, daß durch gute Musik das Gemüth des Menschen
sey es durch Noth und Sorgen auch noch so sehr gedrückt, aufgerichtet, und erheitert wird. Wenigstens war dies und ist es bis jetzt noch bei mir der Fall. Freilich dauerte das Gefühl nur so lange, als die Musik erklang, nachher traten die Sorgen für die Zukunft wieder ein.-
In der letzten Hälfte des Octobers tauchte dann und wann das Gerücht auf, wir würden den Zurückmarsch nach Polen antreten. Allein nicht genug, daß das Gerücht wieder verstummte, es gewann sogar den Anschein, als ob wir den Winter über in unserer Position zubringen und dem sicheren Verderben entgegen gehen sollten, weil die Rede davon war, daß Mosaisk mit einem Graben umgeben und überhaupt, wenigstens gegen den ersten Anlauf des Feindes befestigt werden sollte. Obgleich diese Maasregel, nach meiner Ansicht, nahe an Unsinn
grenzte, so schien die Ausführung in jenem Zeitpuncte, wo das traurige Verhältniß der Armee durch Tod und Hunger immer bedenklicher wurde, als letzte Zuflucht nicht ganz unmöglich. Der Lieutenant von Fischer, dessen ich früher gedacht habe, legte am Ausgange der Vorstadt von Mosaisk eine kleine Schanze an, die ganz nach den Regeln der Befestigungskunst eingerichtet war. Doch fehlte die Hauptsache darin, die Kanonen. –
Eines Tages, gegen Abend, befanden wir uns in unserem Zimmer, als wir auf einmal ein Getöse auf der Straße vernahmen, als ob eine große Menge Wagen heran rollte. Dies war dann auch wirklich der Fall; der Zug bildete eine lange Reihe und bestand aus 180 Munitionswagen, die von Moskau zurückgeschickt wurden. Was dies Maneuver bedeuten sollte,
war für uns ein Rätsel, doch klärte sich die Sache bald auf. Bei der Armee, in und bei Moskau, stürzten die Pferde wie die Fliegen. Die Ergänzung aus Feindesland oder durch Nachschub aus der Heimath, war nicht thunlich, da in ersterem viele Meilen in der Runde kein Pferd zu erlangen und dergleichen aus Polen nachkommen zu lassen, aus dem Grunde nicht thunlich war, weil auf einer Strecke von 100 Meilen so wenig Körner als Halmfutter erlangt werden konnte, um die Thiere zu erhalten. Auch würde eine Remoute[97], ohne zahlreiche militairische Bedeckung, auf dieser verwüsteten Strecke ohne Zweifel von den überall sich zusammen gerotteten Bauern und Kosacken, ohnfern derselben, bestimmt aufgehoben worden seyn. Dies zu befürchten, war Grund genug vorhanden, denn ich habe selbst gesehen, daß ein französischer
General, der zum Hauptquartier in Moskau gehend, Mosaisk passirte, mindestens ein Bataillon als Bedeckung bei sich hatte; wäre er allein marschirt, so hätte ihn gewiß das Schicksaal getroffen, welches, wie ich vorhin erzählte, den armen Kranken zu Theil ward.
Doch nun wieder zu den Pulverwagen. Diese wurden über eine Brücke gefahren und jenseits des Flusses, zwischen einer Reihe Häuser dicht aneinander gestellt; die Pferde, welche theils unserer Artillerie, theils andern Truppentheilen angehörten, gingen zu ihren Standpuncten zurück. Wir folgerten aus dieser Maaßregel, daß diese Wagenmasse der Vernichtung preisgegeben sey, was sich auch bald bestätigte. Als es dunkel geworden war, wurden die Häuser in Brand gesteckt, das Feuer ergriff die Wagen und alles Holzwerk ward
von dem Elemente mit einem grausamen Geprassel verzehrt. Auch Kanonenschläge kamen dabei vor, woraus hervorging, daß noch scharfe Patronen sich in den Wagen befanden. Warum die nicht vorher herausgenommen und in das ganz nahe Wasser geworfen wurden, konnten wir uns damals nicht erklären; indessen habe ich den Hergang vor einigen Jahren erfahren. Der damalige Premier-Lieutenant du Vignan hatte das Verbrennen dieser Pulverwagen mit geleitet. Er war glücklich zurückgekehrt und später bei der Preußischen Artillerie angestellt. Dieser wurde etwa im Jahre 1840. beauftragt, mit mir wegen Ankaufs von Hölzern für die Artilleriewerkstatt in Berlin zu unterhandeln. Dies geschah, indem ich mit ihm in einem Theile des hiesigen Reviers zusammentraf. Nach beseitigtem Geschäft kam die Unterhal-
tung auf den russischen Feldzug von 1812., und als ich ihn frug, was das Knallen bei der Verbrennung der Munitionswagen bedeutet habe, theilte er mir mit, daß die Munition, welche sich darin befand, hätte in das Wasser geworfen werden sollen, was auch anfänglich geschehen sey. Da habe einer der Officiere eine Hohlkugel in ein brennendes Haus geschleudert, und diese wäre dann natürlich bald geplatzt. Dies hätte mutwilliger Weise Nachahmung gefunden und so sey das Bombardement entstanden.
Unter diesen Verhältnissen schien dann die frühere Annahme, daß wir den Winter in Mosaisk stehen bleiben würden, nicht richtig zu seyn, vielmehr deutete alles darauf hin, daß wir den Rückmarsch bald antreten würden, was uns sehr erwünscht kam. Nach einigen Tagen ward schon mit mehr
Wahrscheinlichkeit von einer rückgängigen Bewegung gesprochen und dann wurde diese auf den 28ten October 1812 endlich befohlen. Das Bataillon sollte an diesem Tage früh 7 Uhr an der großen Straße von Moskau nach Smolensk marschfertig bereit stehen. – Erleichtert durch den Eindruck, welchen dieser Befehl auf das Gemüth hervorbrachte, indem wir dem Hungertode zu entgehen hofften, begab ich mich sofort an die Vorbereitungen, welche zu dem weiten Marsche nöthig waren. Vorzüglich war ich besorgt, dem Brodvorrathe einen sicheren Platz in einem meiner Wagen zu verschaffen, denn durch die Thätigkeit des mehr erwähnten Jägers Stockmann, betrug derselbe 30 Brode, jedes etwa 4 tt. schwer. Wie ich schon früher bemerkt habe, hatte ich gegen 20 Pferde in meiner Colonne, die ich in Folge guter Pflege sämmtlich erhalten
hatte, während von denen anderer Truppentheile die Hälfte gefallen war. Am Tage des Abmarsches war ich bereits in früher Morgenstunde mit dem Packen etc. beschäftigt und etwa um 6 Uhr wurde der Marsch angetreten. Da, wo von den Truppen die Quartiere verlassen wurden, fanden sich alsbald französische Kürassiere ein und legten Feuer an die Häuser, in denen das Element nach einigen Minuten prasselnd um sich griff. Dies war bereits der Fall in der Straße, die ich mit meiner Colonne passiren mußte und ich sah mich genöthigt, einen Umweg durch Gärten, deren Verzäunung ich mit Gewalt durchbrechen ließ, zu machen, um ins Freie zu gelangen, was mir auch glückte. Als ich eine Strecke fortgerückt war, fiel mir ein, daß ich einen mir werthen Gegenstand im Quartier vergessen hatte, und eilte
dahin zurück. Als ich bei dem Hause anlangte, war ein Kürassier so eben im Begriff dasselbe anzuzünden. Ich rief ihm schon von weitem zu, er möge noch ein wenig inne halten, was er denn auch that, aber kaum war ich aus dem Gebäude wieder herausgegangen, als er Feuer daran legte und nach kurzer Zeit stand es in lichten Flammen. Diese Maaßregel wurde aus dem Grunde vorgenommen, um den verfolgenden Russen kein Obdach zu hinterlassen; sie war jedoch, meines Erachtens, eben so barbarisch als unnütz; denn ob die Feinde in Häuser einkehren konnten oder bievouacquiren mußten, blieb sich gleich, was sich bei uns durch eigene Erfahrung bestätigt fand. Wir trafen nun an der großen Straße ein und marschirten da in früherer Ordnung auf. Hier bemerkte
ich, mit Schrecken, wie das Armee-Corps zusammen geschmolzen war; etwa den 3ten Theil der ursprünglichen Stärke hatte es noch, und dabei war die Kavallerie zur Hälfte zu Fuß. Nun kamen bald die retirirenden Mannschaften von Moskau an; an der Spitze zwei unabsehbare Glieder Kavallerie zu Fuß, den Mantelsack über der Schulter auf den Säbel gehängt. Dann Infanterie, Artillerie, ohne Geschütz, Trainknechte, Chirurgen, Commisaire und sonstiger Troß, Alles bunt durcheinander, ohne Ordnung. – So herabgesunken hatte ich mir denn doch diese Armee, welche sonst als ein Muster militairischer Ordnung und Disciplin aufgestellt werden konnte, nicht gedacht; der Glaube an ihre Unüberwindlichkeit verschwand mit einem male und ich versprach mir nicht sonder-
lich viel Ersprießliches für die nächste Zeit. Dieser unordentliche Marsch dauerte länger als eine Stunde, und als die Musterkarte vorüber war schwenkten wir rechts und marschirten ihr nach, indem wir die Avantgarde der hinter uns erscheinenden noch geschlossenen Spitze des Ueberrestes der Armee bildeten. Es war ein schöner October Tag, die Sonne beschien uns hell und freundlich, und wenn, nachdem was ich gesehen hatte, mein Gemüth nicht so sehr verstimmt gewesen wäre, so hätte ich recht heiter seyn und mich über Gottes schöne Natur innig freuen können.
Wir passirten an dem Tage das Schlachtfeld von Borodino wieder, und da die größte der Redouten
621 (Offensichtlich fehlt hier der Zusammenhang. Die Seiten zahlen laufen aber munter fort. Hier die Ergänzung aus den losen Blättern, mit Seite 215 bezeichnet)
auf dem selben nicht fern von der Straße, die wir passirten, lag, so trieb es mich an, sie noch einmal in der Nähe zu betrachten. Ich ritt daher dorthin und in das Werk hinein. In derselben lagen noch einige zerschossene Lavetten und daneben rückwärts die todten Russen von dem Regiment oder Bataillon, welches zur Deckung der Schanze aufgestellt gewesen war. Der dritte Theil der Truppe lag tod da, gleicherMassen so, daß man sehen konnte, wie sie in einem Viereck gestanden hatten. von der Schanze, die auf dem höchsten Punkte des Schlachtfeldes lag, konnte ich einen großen Theil desselben übersehen. Das Auge traf, so weit es reichte, überall auf todte Cadaver von Menschen und Pferden, erstere völlig entkleidet, von der Sonne und Luft weiß gebleicht und zusammengeschrumpft. Dieser Anblick versetzte mich in Gedan-
ken einen Augenblick auf einen Punct der Erde, welcher ganz in der Nähe meines Geburtsortes liegt, nemlich auf den Brocken. Auf dessen Kuppe, die man von dem Thurme, welcher sich dort befindet, übersehen kann, erblickt man eine unzählige Menge kleiner und größerer Granitblöcke, die im Laufe der Jahrhunderte äußerlich verwittert, und gewisserMassen gebleicht sind, also etwa die Farbe hatten, wie die todten Russen auf dem Schlachtfelde bei Borodino. – Freilich stieg ein Zweifel in mir auf, ob ich diesen, von da über 300 Meilen entfernten Punct je wieder schauen würde; denn wenn ich das Unglück, welches mich in der nächsten Zeit wirklich traf, auch nicht in solcher Größe vermuthete, so war ich doch nicht ohne Sorgen über die Noth, die mich auf dem langen Wege zur Heimath begleiten würde,
da das damals ja schon so weit gekommen war, daß für regelmäßige Lieferungen für das Militair von oben herab schon lange nicht mehr gesorgt werden konnte, vielmehr ein Jeder darauf hingewiesen war, für seine Erhaltung selbst zu sorgen, so gut es anging. Wer nun daran dachte, noch hundert Meilen durch eine völlig verwüstete Gegend zu ziehen, wo gewöhnliche Lebensmittel ermangelten und noch dazu der Winter vor der Thür war, der konnte wohl in Verzweiflung gerathen, was auch, wie man bald sehen wird, in der Folge bei vielen Tausenden der Fall war. Ich schied nun von der Stätte des Todes, gelangte wieder auf die Straße und holte sehr bald meinen Trupp ein. Der Marsch ging etwa noch 2 Meilen fort, wo wir in der Nähe von Giaz gegen Abend ein Lager bezogen. Die Nacht war hell und kalt, denn es fing an zu frieren, doch war dies
für mich eben nicht empfindlich, denn ich hatte mir von den Marketendern in Mosaisk zwei gewirkte lange Decken gekauft, in welche eingehüllt und bei Wachtfeuer liegend, ich von der Kälte wenig empfand. Am andern Morgen setzten wir den Marsch bei guter Zeit fort, doch nicht weit, da mußten wir Halt machen. Wir lagerten an der Straße bis zum Mittag, da kam Napoleon mit einem großen Gefolge von Generalen etc. die Straße hergeritten, und als er etwa 500 Schritte von uns sich fortbewegt hatte, bog er links von der Straße ab, querfeldein und hielt endlich auf einer Höhe still, die unsern Blick in die weitere Ferne beschränkte. Er mochte wohl ¼ Stunde so gehalten und die Gegend beobachtet haben, da kehrte er nach der Straße zurück, diese verfolgend. Die Russen marschirten, wie mir bekannt war, hinter uns und in unserer linken Flanke, und ohne Zweifel
begab sich Napoleon darum auf die bezeichnete Höhe, um ihre Bewegungen zu erspähen. Für den Augenblick mochte er wohl nichts Wichtiges bemerkt haben, indem er den Marsch fortsetzte und wir nachfolgten. Das Wetter war auch an dem Tage so freundlich als am vorhergehenden, wir bewegten uns eine ziemliche Strecke vorwärts und bezogen das Lager am Rande eines Waldes. In der Nacht wurde es windig und rauh, es begann zu regnen, was am nächsten Tage auch anhielt und es zeigten sich sogar einige Schneeflocken unter dem Regen. Daß man sich damals nicht von der Straße weit entfernen durfte, geht aus Folgendem hervor. Ein vom Hunger gequälter Soldat, war in der Nacht vorher von der Straße ab in ein Dorf voraus gegangen, um Lebensmittel zu suchen. Dort hatten ihn die Bauern gefaßt; man zog ihm die Kleider aus bis auf die Beinkleider und
das Hemd, mißhandelte ihn und er mußte froh sein, daß er die Flucht ergreifen konnte. Er kam nun nach der Straße zurück; verwundet und von Blut triefend stand er an derselben, und bat, man möge ihn mitnehmen; wonach ihm auch ein Platz auf einem der Wagen meiner Colonne gewährt ward. Was aus ihm weiter geworden ist, weiß ich nicht, denn bald fingen die Kanonen an zu donnern, indem sich ein Gefecht mir der russischen Avantgarde entspann. Es wurde an mehreren Orten zugleich gekämpft, hinter dem Hauptcorps und in unserer linken Flanke, indessen der Feind wurde zurückgewiesen und zog sich gegen Abend in die Ferne. Wir setzten nun den Marsch fort, bis in die Nähe der Stadt Wiazma, wo ein Lager bezogen wurde. Regen und Schnee wechselten ab, und wir hatten eine beschwerliche Nacht. Doch thaten mir die in Mosaisk gekauften Decken
in dieser Lage ersprießliche Dienste und ich schlief am Ende ruhig ein. Beiläufig bemerke ich hier, daß, als wir die Städte Giaz und Wisma passirten, von diesen noch einige Häuser standen. Diese wurde jedoch von der Arrieregarde sämmtlich niedergebrannt, und es schien von Mosaisk aus, ja so weit ich den Rückzug beobachtet hatte, das Prinzip Platz gegriffen zu haben, kein Haus an der Straße die wir zogen zu verschonen. alles mußte niedergebrannt werden, um den verfolgenden Feinden kein Obdach zu hinterlassen. Der folgende Tag war kaum angebrochen, da donnerten die Kanonen und das kleine Gewehrfeuer schon wieder, doch etwa eine Stunde rückwärts von dem Orte wo wir standen. Dies dauerte etwa zwei Stunden fort, dann entfernte es sich mehr und hörte am Ende ganz auf.
Das Wetter war kälter geworden, doch hatte es aufgehört zu regnen. Wir setzten unsern Marsch in der Richtung nach Smolensk zu fort und bezogen nach einigen Stunden das Lager, in eben der Weise als an den früheren Tagen. In der Nacht passirte weiter nichts bemerkenswerthes die Waffen ruheten, was auch am nächsten Tage der Fall war, mithin hatten die Russen für den Augenblick von dem Drängen auf uns abgelassen. Nach Tages-Anbruch ging der Marsch auf Dorogobusch los. Um diese Zeit ging die Armee ihrer Auflösung auffallend entgegen. Ein Gemisch von allen Truppenteilen, sie mochten Namen haben wie sie wollten, von allen Uniformen, die meisten zu Fuß, einzelne auf kleinen russischen Pferden reitend, Marketenderwagen mit Frauen und Kindern, mitunter auch Kutschen, die von
abgemagerten Pferden fortgeschleppt wurden, und die entweder Officier-Frauen oder einen kranken höheren Officier enthielten, wälzte sich auf der Straße fort, alle gewiß mit der Hoffnung, ihr Vaterland bald wieder zu sehen. Wie diese Wünsche in Erfüllung gingen, darüber wird man später das Weitere vernehmen. Wir erreichten gegen Abend die vorbemerkte Stadt und rückten vor derselben ins Lager. Als ich meine Geschäfte beseitigt hatte, war es schon lange dunkel geworden und ich legte mich auf Gottes bloßer Erde bei einem Wachtfeuer nieder, hüllte mich in meine Decken und schlief fest ein. Es mochte wohl 2 Uhr nach Mitternacht seyn, da erwachte ich zufolge eines Gefühls von nasser Kälte, und als ich die Sache näher prüf-
te, lag mindestens 2 Zoll Schnee auf meinen Decken und es schneite immer noch fort. Was war aber zu machen? Das Feuer ward angefacht, ich setzte mich daneben auf einem Holzstück nieder und erwartete so den Tag. Der folgende Marsch war nicht weit, der Schnee bedeckte überall den Boden und wir lagerten uns wieder unter freiem Himmel. Am Ende der nächsten Nacht trennte sich der Ueberrest des Jäger-Bataillons von der großen Straße und marschirte links seitwärts, um 2 Meilen unterhalb Smolensk über den Dnieper zu gehen; ich mit meiner Colonne ging jedoch gerade aus auf letztgenannte Stadt zu. dort hofften wir Alle Magazine und Lebensmittel im Ueberfluß zu finden, diese Hoffnung war so ermuthigend, daß die halb Verhungerten und Schwachen sogar neues
Leben bekamen und rüstig fortschritten. Am nächsten Tag erreichten wir indessen das ersehnte Ziel noch nicht, wir bezogen abermals ein Lager in der gewöhnlichen Art. Die Nacht war kalt, es fing an zu frieren, und es hatte überhaupt den Anschein, als ob der Winter völlig eintreten wolle. Ich hatte wenig Ruhe und schon um 2 Uhr deutete ich meinen Untergebenen an, sich marschfertig zu machen und um 3 Uhr brach ich bereits auf. Der mehr erwähnte Capitain Hille, mit seiner Kibittke und dem Diener, schloß sich mir an. Der Marsch ging gut von Statten, der Mond leuchtete uns dabei, und etwa 1 Stunde nach Tages-Anbruch sahen wir die Ränder von Smolensk vor uns liegen. Ich quartierte mich mit meiner Begleitung in die auf dem rechten Ufer des Dnieper liegende, nicht völlig zer-
störte Vorstadt ein, die Pferde wurden untergebracht, und ich bezog mit Hille ein kleines Haus. Das erste Geschäft war nun die Reinigung des Körpers, was seit dem Abzug von Mosaisk nicht hatte geschehen können. Der lang gewachsene Bart ward abgenommen, die Wäsche gewechselt und ich fühlte mich wie neu erstanden. Das Haus schien bloß von einer Frau bewohnt zu seyn, wenigstens kam kein männliches Wesen zum Vorschein. Dieses Weib vermochten wir, Brod für uns zu Backen, wozu sie auch bereit war, indem sie dazu schritt den Teig vorzurichten. Gegenüber lag die Stadt, wohin man mittelst einer Brücke über den Fluß gelangte. Man sah in dem Augenblick noch nichts von Militair, mithin war ich der erste der an dem Puncte angelangt war, wo wie wir fest vertrauten, Hunger und Kummer endigen würden. Ich ging über den Strom und gelangte
vor dem Thore der Stadt an. Dies war so weit geöffnet, daß nur ein Mann hindurchgehen konnte, was ich that. Gleich links stand ein kleines massives Häuschen in welchem sich ein Jude etablirt hatte, der Taback und andere kleine Bedürfnisse feil hatte. Es war freilich alles sehr teuer, doch kaufte ich ihm einige Sachen, namentlich Taback und Kaffee ab. Die Straßen in Smolensk waren tod und öde; ich ging eine lange Strecke zwischen Ruinen hin, bekam aber keinen Menschen zu sehen und kehrte endlich zurück. Die Frau hatte, wie ich schon bemerkt habe, den Teig eingerührt und wir warteten mit Verlangen auf das frische Brod. Endlich kam die Zeit, wo der Backofen geheizt, der Teig zu Brod geformt und in den Ofengeschoben wurde. Inmittelst trafen die übrigen Truppen ein, die Masse
vermehrte sich mit jedem Augenblick und es wurden alle Häuser, die noch standen, voll gestopft davon. Auch unser kleines Haus ward nicht verschont, indem 8 oder 10 Grenadiere der Garde eindrangen. Es war mit dem Zustande der Armee bereits so weit gediehen, daß alle persönlichen Rücksichten aufhörten, sobald es darauf ankam, den Hunger zu stillen und überhaupt das Leben zu fristen. In dieser Lage vermochten wir nicht die Eindringlinge zurück zu weisen, fanden es vielmehr ganz in der Ordnung, mit ihnen das Obdach zu theilen, welches sie ebenso wie wir, schon seit längerer Zeit entbehren mußten. Unser Augenmerk war nur auf das im Backofen befindliche Brod gerichtet, welches indessen in ein Stadium getreten war, wo es selbst für unsere, durch allerley Dünste abgestumpften Geruchsnerven, bereits einen höchst ange-
nehmen Duft entwickelte. Die hungrigen Grenadiere rochen jedoch ebenfalls diesen Braten, gingen dem Winde nach und entdeckten bald den Schatz in dem Backofen. Sie waren so unverschämt und nahmen den Inhalt in Beschlag. Als wir dagegen protestirten und behaupteten, das Brod sey unser Eigenthum, entstand ein Wortwechsel, der aber nur dazu führte, daß einer von ihnen sich mit Gewehr vor den Ofen als Schildwache stellte und erklärte: das er jeden Angriff darauf mit der Waffe verteidigen würde. Was war zu thun? Die Subordination hatte durch Hunger und Elend bereits einen harten Stoß erlitten; die zweite Periode des Faustrechts begann; unsere beiden Säbel, zumal der des kranken Capitains, hätten gegen 10 Bajonette sicher den kürzeren gezogen und mithin sahen wir uns genöthigt auf das Brod
zu verzichten. Für mich war dieser Vorfall nicht so drückend als für meinen Kameraden; denn ich hatte noch einen kleinen Vorrath von Brod von Mosaisk her, den ich jedoch möglichst verheimlichte, auch sonst sehr sparsam damit umging. Die Nacht verlief ziemlich ruhig, denn auch die Soldaten lagerten sich endlich und begannen mit enormem Schnarchen den Schlaf. Am anderen Morgen erwartete ich die Aufforderung zum Empfang von Lebensmitteln für meine Leute und Fourage für die Pferde, allein vergeblich. Im Gegentheil erhielt ich gegen Mittag den Befehl aufzubrechen und mich mit dem Haupt-Corps jenseits Smolensk zu vereinigen. Sehr bald war ich auf dem Marsche, passirte die Brücke, durfte jedoch nicht durch die Stadt, sondern mußte sie rechts lassend, um solche herumziehen. Nach etwa ½ Stunde traf ich das Corps, welches in der Nähe
von Smolensk aufmarschirt war und nahm den Platz wieder ein, der mir
angewiesen wurde. Hier traf ich denn meinen früheren Quartiergenossen, den
Lieutenant von Fischer, dem ich einiges von unserem Vorrücken mittheilte. Von
diesem Augenblick ab, sahe ich diesen Officier nicht wieder, bis im Jahre
1847., wo ich ihm in Magdeburg auf der Straße begegnete. Er war dort
Commandant, schien aber sehr stolz geworden zu seyn, denn außer der
gewöhnlichen Höflichkeit, verrieth er nicht die leiseste Spur von Interesse für
einen alten Leidensgefährten. Doch nun weiter von Smolensk. Wir standen
dort einige Zeit, man hörte nicht fern Kanonendonner, auch mitunter einzelne
Pulverwagen explodiren, was sich indessen schon seit mehreren Tagen ereignet
hatte; indem sobald die davor gespannten Pferde durch Hunger matt wurden, der
Wagen mit seinem Inhalte in die Luft gesprengt ward, um ihn den Russen nicht als Beute zu überlassen. In mehreren Fällen war jedoch hierzu nicht immer Zeit und dann ward wenigstens die Munition heraus in den Schnee oder ins Wasser geworfen, während der Wagen offen stehen blieb. In solcher Verfassung habe ich oft mehrere Fahrzeuge dieser Art nebeneinander an der Straße stehen sehen, und wenn in Betrachtung gezogen wird, daß dergleichen allein in Mosaisk 180 Stück mit einem male vernichtet wurden, so wird man ermessen, daß die Zahl der, auf der 100 Meilen langen Rückzugs-Linie zurückgelassenen, sich in die Hunderte belaufen mußte. Endlich setzte sich das Corps in Bewegung, und zwar immer Rückgängig in der Richtung nach Wilna zu. Die in Smolensk gehoffte Erquickung, und somit
das erwartete Ende unserer Noth war ein Traum gewesen; nicht ein Loth von Lebensmitteln wurde uns verabreicht. Ich für meine Person, hatte, wie man aus meiner Erzählung entnommen haben wird, nicht die Noth bis dahin so hart gefunden, als es bei denen der Fall war, welche entweder keine Gelegenheit hatten oder es versäumten, sich einen kleinen Vorrath von Eßwaren zu verschaffen, oder, wenn letzteres auch der Fall gewesen war, nicht sparsam genug damit umgingen, im Hinblick auf die eingebildeten unermeßlichen Vorräthe zu Smolensk. Napoleon mit seiner Umgebung, die dort gerade gegenwärtigen höheren und niederen Officiere von der Garde und auch die Soldaten selbst, faßten Lebensmittel im Ueberfluß. Es drängten sich nach und
nach Hungrige von andern Regimentern hinzu und es entstand durch gewaltsamen Andrang bald Unordnung, die zuletzt so arg ward, daß an eine regelmäßige Vertheilung welche vielleicht anfänglich beabsichtigt war, nicht mehr gedacht werden konnte. Auf diese Weise nützten die Vorräthe nur denjenigen, welche mit nachdringender Faust sich dergleichen zu verschaffen im Stande waren, alle Uebrigen sahen sich getäuscht, und hörten nur, daß der größte Theil der Lebensmittel schändlicher Weise verwüstet worden sey. – Das Corps setzte sich in Bewegung und ich folgte demselben mit meiner Colonne nach der Marschordnung. Der Winter war förmlich eingetreten, der Boden hatte überall eine einige Zoll hohe Schneedecke, auch Frost hatte sich eingestellt. Ich fand heute Gelegenheit, mir für wenig Geld einen Schaafpelz
wie solchen gewöhnlich die Schäfer und Bauern hier und anderwärts zu tragen pflegen, das heißt ohne Ueberzug, so wie auch eine Eerelappe(?)[98] von weißem Haasenpelz mit hellgrünem Überzuge von Taffent, welche früher eine russische Dame getragen haben mochte, von einer Marketenderin, die in Moskau gewesen war, zu kaufen, und indem ich diese Hüllen sofort umhing, fühlte ich mich sehr behaglich, indem nun die Kälte auf meinen Corpus nicht sonderlich einzuwirken im Stande war. Mit den Füßen war dies freilich nicht ganz der Fall; indessen in Folge früherer Abhärtung, war es mir leicht, dies zu ertragen. Der Marsch ging so lange vorwärts bis es dunkel geworden war, und da es die Verhältnisse erheischten, daß ich selbständig an dem Orte Halt zu machen ermäch-
tigt war, wo ich es am zweckmäßigsten fand, so bezog ich unmittelbar an der Straße, wo von einem ruinirten Dorfe noch ein paar Häuser standen, das Nachtlager. Von den Ueberbleibseln der demolirten hölzernen Häuser ließ ich ein Feuer anzünden und dicht neben demselben für mich ein Lager bereiten, und als ich alles in Ordnung gebracht hatte, legte ich mich, unter Benutzung der schon öfter erwähnten Decken nieder und verfiel bald in einen festen Schlaf. Nach einiger Zeit, /: welche Stunde es in der Nacht war, weiß ich nicht :/ empfand ich in der Bauchgegend einen Schmerz, den ich augenblicklich nicht beachtete, der aber doch bald so zunahm, daß ich davon endlich munter wurde. Als ich die Augen aufschlug, sahe ich zu meinem Schrecken, daß die auf mir liegenden Decken in
Brand gerathen waren. Daß ich unter diesen Umständen nicht lange säumte, den Brand zu löschen, ist eine ausgemachte Sache. Ich sprang auf, ergriff einige Hände voll Schnee und dämpfte so, sehr bald das Feuer. In der obersten Decke war bereits ein Loch von solcher Größe entstanden, daß man füglich mit dem Kopfe hindurch kriechen konnte, in der zweiten war es halb so groß, und da beide nicht überall, und vermutlich da, wo sich die Löcher befanden, meinen Körper berührten, so war ich ohne Beschädigung meiner Kleider, mit dem Schmerz davon gekommen. Unangenehm war dennoch dieser Fall für mich; die Decken gewährten in dem Zustande den Schutz nicht völlig mehr, und flicken konnte ich sie augenblicklich nicht, doch der Sol
dat, an Entbehrungen gewöhnt, setzt sich über dergleichen Unfälle bald hinweg; die Hauptsache bleibt stets, den Hunger stillen zu können. Wie bei Dorogobusch, so brachte ich auch hier am Feuer sitzend den folgenden Theil der Nacht wachend zu. Mit Anbruch des Tages brach ich wieder auf und setzte den Marsch auf der Straße fort. Der nicht sehr ferne hinter uns und in der linken Flanke ertönende Kanonendonner deutete an, daß die Russen fort andrängten, doch war es noch so weit, daß ich dadurch eine Beschleunigung des Marsches nicht für nöthig erachtete. Ich langte dann als es bereits dunkel geworden war, bei einer Scheune an. Diese war leer und ich nahm sie mit meinen Leuten in Besitz und ließ in der Mitte derselben ein Feuer anzünden. Seither waren schon mehrere eigenthümliche Krankheits-
639 (gibt es nicht mehr. Die folgende Ergänzung stammt aus der Veröffentlichung im „Soldatenfreund“ 24. Jahrgang 11. Heft, Mai 1857)
und Todesfälle unter meinem Kommando vorgekommen. Erst in der vergangenen Nacht starb plötzlich mein Diener, dessen ich auf dem Marsche in Polen erwähnte. Die Ursache des Todes war mir unbekannt. Mangel an Lebensmittel konnte nicht Schuld sein, denn ich theilte mit ihm das was ich hatte oder erlangte. Bald folgte ihm einer der mir untergebenen Jäger, Namens Wegener, nach. Schon auf dem Marsche beklagte er sich über Mattigkeit in den Gliedern, doch suchte er sich, zwar mühsam, aber doch in Reihe und Glied fortzubewegen. Angekommen in der erwähnten Scheune, suchte er sich ein Lager hinter einem Thorflügel. Beim Aufbruch am andern Morgen, der noch vor Tage erfolgte, trat er nicht mit an, er wurde gesucht und man fand ihn in der Scheune, er war verschieden.
Wir gelangten nach einem Marsche von etwa einer Stunde in einem Thale an, durch welches, weil es sumpfig, ein ziemlich hoher Damm gezogen war, auf dessen Krone die Straße hinführte. In diesem Damme befand sich eine Brücke, um über den vorhandenen Abzugsgraben zu gelangen. An der entgegengesetzten Seite erhob sich das Terrain, und die Straße stieg ziemlich steil daran hinauf. Der größte Theil der Geschütze, die unser Corps noch besaß, hielt am Fuße des Berges, und man war im Begriff, solche den Berg in die Höhe u schaffen. Da die Straße in Folge des Frostes und Schnees und bei der vielen Passage sehr glatt geworden, auch die Pferde auf französische Weise ohne Stollen oder Haken beschlagen waren, so war dies so schwierig, daß, wie ich gesehen habe, oft 12 Stück vor eine Kanone gespannt, und diese doch nicht im Stande waren, den Berg damit zu erklimmen, sie stürzten nieder und das Geschütz nahm seinen Weg wieder rückwärts bis in das Thal. Da dies sehr aufhielt, anderes Fuhrwerk aber nicht vorrücken durfte, so stopfte sich die Brücke und der Damm dermaßen damit, daß kaum ein Fußgänger sich durchzudrängen vermochte. Unter diesen Umständen war auch ich genöthigt, mit meiner Wagenburg auf der Stelle zu halten, die sich nach rückwärts jede Minute mehr verlängerte, indem sich immer mehr von hinten kommende Fahrzeuge anschlossen, so daß diese, mindestens auf 500 Schritte weit, die Straße vollständig stopften. Das Kanonenfeuer hinter uns hatte bereits am frühen Morgen begonnen und rückte immer näher, ein Zeichen, daß die Arrieregarde dem Drucke der Russen nachgeben mußte. Auf einem Fourgon saßen 2 kranke Offiziere von dem Bataillon, wobei ich stand. Den Namen des einen weiß ich noch, er hieß von Oehnhausen, den des andern habe ich vergessen. Sie befanden sich in einer höchst betrübenden Lage, gehen konnten sie der Schwäche wegen nicht, und weiter zu fahren war unmöglich, wenn nicht bald die Straße und Brücke wieder frei wurden. Dies ließ sich indessen in den nächsten Stunden nicht erwarten, da es nur selten gelang, eine Kanone den Berg in die Höhe zu schaffen und unten standen vielleicht noch 30 Geschütze, die alle noch geborgen werden
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sollten. Die Offiziere erkannten ihre kritische Lage, denn der Kanonendonner näherte sich immer mehr. Sie fragten mich, was mit ihnen werden sollte, wenn die Nachhut ganz zurückgedrängt wurde. Ich wußte für den Augenblick so wenig für mich als für sie einen Rath, doch sagte ich ihnen, daß, wenn die Gefahr größer würde, sie die Stränge von 2 Wagenpferden abschneiden, sich darauf werfen und so der Gefangenschaft zu entrinnen suchen möchten, ich würde ihnen sagen, wenn es Zeit sei, was ich aus dem Grunde einigermaßen im Stande war, weil ich die nach rückwärts sich etwas erhebende Straße in einer halbstündigen Entfernung übersehen konnte. Eine kurze Strecke rückwärts hielt mein alter Gefährte, der Capitain Hille, mit seiner Kibittke in Betten gepackt. Zu diesem ging ich, und auch er fragte mich um Rat, was im ungünstigen Falle wohl zu machen sei. — Schon sein Äußeres flößte mir Bedauern ein, und ich hatte schon im Voraus die traurige Ueberzeugung, daß, wenn ihn die Kosacken gefangen nähmen es ihm so ergehen würde, als den armen Kranken, die von Mosaisk fortgeschafft wurden. Welchen Trost sollte ich ihm geben? Doch fiel mir ein, freilich leidiger Trost ein, ich sagte ihm nämlich, daß es den Anschein hätte, als würde die Brücke bald frei werden, und dann würde es ihm leicht sein, sich der Gefangenschaft durch rasches Vorrücken zu entziehen. Der Bataillons- Arzt Starklos, ein alter biederer; mir immer sehr gewogener Mann, befand sich unter dem Knäuel vor der Brücke, und auch er fragte mich um meine Meinung, welches Ende wir wohl zu erwarten hätten, da das schießen immer näher käme. Alles Fragen, auf welche nur ungenügende Antworten gegeben werden konnten. Inmittelst wurde gegenüber, links auf einer Höhe, eine Batterie aufgefahren, was mich vermochte, auf meine Rettung Bedacht zu nehmen. Zunächst schloß ich jedoch meinen Wagen auf, nahm die beiden Brode heraus, bohrte in jedes mit einem Messer in der Mitte ein Loch durch, und schnallte sie auf meinen Mantelsack fest: Nun begann die Batterie zu feuern, über unsere Köpfe hin, ein Zeichen, daß der Feind näher heranrückte. Ich sah rückwärts nach der Straße und bemerkte, daß die Arrieregarde im kurzen Trabe wich. Nun wiederholte ich den beiden Offizieren, daß sie sich nunmehr der Pferde bemächtigen und damit entfliehen möchten, sobald die Brücke geräumt sei. Ich nahm indessen mein Pferd an den Zügel, ging auf dem Damme rückwärts, wobei ich eine umgestürzte Kanone neben demselben im Sumpfe liegen sah, bis dahin wo er aufhörte, bog dann links ab und in das Bruch, um zu versuchen, ob es zu passiren sein möchte, da ich lieber in demselben versinken, als mich von den Kosacken gefangen nehmen lassen wollte. Aus der horizontalen Fläche des Moors ragten zahlreiche Büschel von Binsen hervor; ich trat auf den nächsten derselben und fand zu meiner Zufriedenheit, daß er durch den Frost eine hinreichende Festigkeit erhalten hatte, um die
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Last meines Körpers zu tragen. Ohne Zögern sprang ich auf den nächsten Hügel, er hielt, und so weiter, bis ich glücklich am entgegen gesetzten Ufer anlangte. Mein Pferd, was früher ein Kosack geritten hatte, ein knochendürrer Schimmel, war daran gewöhnt, seinem Reiter treulich nachzufolgen, und dies that es auch in diesem Falle der Noth. Der alte Schimmel schien mit dergleichen Passagen, die ihm vielleicht in seiner Jugend in den Steppen der Kosacken schon bekannt geworden sein mochten, sehr vertraut zu sein, denn auch er setzte von einer Erhöhung auf die andere: doch gelang ihm dies nicht immer, denn bei einigen Fehlsprüngen sank er jedesmal bis an den Leib in den Boden hinein. In wenigen Augenblicken jedoch faßte er wieder festen Fuß, und gelangte so, ohne daß ich den Zügel losgelassen hatte, mit mir zugleich am Ufer an. Der Durchzug durch diesen theilweise unergründlichen Sumpf; war äußerst gefährlich, und ich war genöthigt, jeden Tritt genau zu beobachten, wenn ich nicht riskieren wollte, völlig zu versinken. Im Laufe der Bewegung auf dem Sumpfe entstand hinter mir auf der Straße ein entsetzlicher Lärm, ein Hurrah mit Flintenschüssen gemischt, — ein Zeichen, daß die Kosacken die Arrieregarde überwältigt und den Damm genommen hatten, worauf bald auch einige Kugeln über und neben mir vorbeipfiffen. Ich mußte, wie schon bemerkt, meine Aufmerksamkeit stets auf den Weg vor mir richten und konnte mich also nicht umsehen, was hinten vorging. Am Ufer endlich angelangt, befand ich mich vor einer steilen Höhe, die mit Dorngesträuch bewachsen war. Diese Anhöhe zu erklimmen, wäre fast unmöglich gewesen, wenn das Gebüsch nicht vorhanden gewesen wäre. Dies erfassend half ich mir indessen mit vieler Mühe fort und langte mit meinem treuen Pferde endlich auf dem Berge an. Leider blieb aber die früher erwähnte Enveloppe an einem Dornstrauche hängen, ohne daß es mir möglich war sie nachzuholen. Ich sah mich nun, zum ersten male nach der Straße um, die ich verlassen hatte und bemerkte, daß die Kosacken‚ sich bereits mit Plünderung der Wagen beschäftigten die verschlossen waren; schlugen sie gewaltsam mit Äxten und Beilen auf, rissen den Inhalt heraus und nahmen davon was ihnen zusagte. Was mit den beiden kranken Offizieren und dem Capitain Hilke geworden ist vermag ich nicht zu sagen, gesehen habe ich sie von da ab nie wieder, und es ist wohl anzunehmen, daß sie vor Hunger und Kälte bald umgekommen sind. Den Weg durch den Sumpf hatte ich ganz allein zurückgelegt, denn ich sah nicht, daß mir einer nachgefolgt wäre. Es war aber dies auch in der That ein Gang auf Leben und Tod; wären die Erhöhungen, welche sich darauf befanden‚ nur einmal so weit von einander entfernt gewesen, daß ich die nächste nicht hätte erreichen können, so wäre ich ohne Rettung verloren gewesen, was ich deutlich daran bemerkte, daß mein Pferd bei jedem Fehltritt so tief in die breiartige Masse einsank, daß es
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nur durch die größte Anstrengung sich daraus wieder hinaufarbeiten konnte. als ich auf dem Berge glücklich angelangt war, wurde mein Herz mit Dank gegen Gott, für die Rettung aus augenscheinlicher Todesgefahr erfüllt. Die letztere war freilich noch nicht ganz vorüber, denn nunmehr beschossen uns die Russen mit Kanonen, deren Kugeln die Luft durchsausten, auch vielfach tödtlich einschlugen. Ich setzte mich nun zu Pferde, allein kaum hatte ich mich in den Sattel geschwungen, so war mein alter Schimmel nicht mehr zu bändigen, er wollte mit Gewalt vorwärts zum Einhauen. Da dies aber in dem Augenblicke nicht geschehen konnte, auch überhaupt nicht rathsam war, so sah ich mich genöthigt wieder abzusitzen, wo er sich dann bald beruhigte. Nun verschlimmerte sich aber die Scene sehr bedeutend, denn eine Abtheilung russischer Kavallerie mit einigen Geschützen hatte weit oberhalb den Sumpf umgangen, erschien in unserer linken Flanke und bald wurden wir im Rücken von dorther beschossen. Zuvörderst muß ich erwähnen, daß der Trupp, bei dem ich mich in jenem Augenblicke befand, aus Soldaten von allen Regimentern und allen Waffen bestand, und daß mithin dem Feinde nur ein Widerstand entgegengesetzt werden konnte, der sich fast auf nichts reduzierte. Artillerie war für den Augenblick gar nicht da, sie war an dem Berge stehen geblieben und den Russen in die Hände gefallen. Nun wurde zum letzten Mittel geschritten; man trieb nämlich die Infanteristen, die noch Gewehre hatten, links an der Straße zusammen, und als dies, so gut es bei der Verwirrung gehen wollte, geschehen war, setzten wir unter fortwährendem Kanonenfeuer des Feindes den Rückzug fort. Je weiter wir uns von dem Thale, wo unsere Geschütze stehen geblieben waren, entfernten, desto mehr verstummte das Feuern von hinten; dagegen dauerte es von der linken Seite her nach wie vor fort. Nach dieser Gegend hin erhob sich indessen das Terrain, und vielleicht aus diesem Grunde, oder weil die Bedienung der feindlichen Artillerie wahrscheinlich ungeübt oder ungeschickt war, flogen die meisten Kugeln über unsere Köpfe hinweg, doch schlugen auch mehrere in die Reihen ein. Eine traf einen Soldaten, der unmittelbar vor mir marschirte, in das rechte Knie. Er stürzte sogleich nieder und als ich an ihm vorbeiging, bemerkte ich die von der Kugel geschlagene Wunde; sie stellte sich so dar, als wenn man einem Menschen ein Stück Fleisch und Knochen von der Größe einer halben 6pfündigen Kanonenkugel aus der Kniebiegung herausgeschnitten hätte. Der arme Teufel dauerte mich zwar, er schrie auch, man möge ihn mitnehmen, allein auf welche Weise hätte man ihn fortschaffen sollen? Gern hätte ich ihn auf mein Pferd gehoben, allein wie hätte er sich mit zerschmettertem Beine darauf halten sollen? Er mußte daher seinem Schicksale überlassen werden, was ohne Zweifel ein baldiger Tod war. Eine Kugel traf weiter rechts von mir einen Equi-
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pagewagen, dessen Inhalt dadurch zum größten Theile auseinander gesprengt und auf den Boden geschleudert wurde. Bald nachher sah ich in der Gegend einen unversehrt gebliebenen Mantelsack von neuem braunen Leder auf der Erde liegen, den ich natürlich nicht weiter beachtete, von welchem indessen noch später etwas erwähnt werden wird. Eine lächerliche Scene kam auch in jenem kritischen Augenblicke vor. Ein französischer Compagnie-Chirurgus, ein junger schlanker Bursche, ging weiter rechts, dicht hinter einem noch berittenen Kavalleristen her. Auf einmal sausten einige Kanonenkugeln über uns weg. Das eigenthümliche Geräusch, welches dadurch entstand, setzte den Herrn Aeskulap dermaßen in Schreck, daß er einen weiten Satz vorwärts that und sich hinter dem Pferde des Reiters verkroch, meinend, er sei so gegen die Kanonenkugeln gesichert. Bei dem Hergange aller dieser Sachen glaubte ich in der That, mich in einer sehr kritischen Lage zu befinden. Getrennt von der Haupt-Armee, verfolgt von einem überlegenen Feinde, der eben im Begriff war, uns durch seine Geschosse zu zerschmettern, und was davon übrig blieb, in die Pfanne zu hauen oder gefangen zu nehmen, ganz ohne Hoffnung auf Unterstützung; fortwährender Kanonendonner vor uns nach Krasnoi zu und rückwärts in der Gegend von Smolensk, und äußerst schwache Vertheidigung von einer Handvoll Soldaten, die, wie schon gesagt, allen Regimentern der Armee angehörten, meist matt und elend durch Hunger und Strapazen geworden, auch nicht einmal alle bewaffnet waren, — dies alles konnte wohl den Gedanken hervorrufen, daß uns nur eine außerordentliche Gunst des Zufalles aus dieser Klemme erlösen könne. Doch dies war alles noch nicht genug, wir wurden bald in eine Lage versetzt, wo jedes Fünkchen von Hoffnung, mit heiler Haut davon zu kommen, gänzlich erlosch. Es kam nämlich aus dem Haufen der Feinde eine Abtheilung Kosacken, etwa 200 Mann stark, hervorgesprengt, von denen wir bestimmt erwarteten, daß sie uns angreifen würden. Danach wurden auch die nöthigen Vorkehrungen getroffen, so gut es unsere Schwäche zuließ. Allein als der Trupp etwa 300 Schritte herangekommen war, wendete er sich links und galoppirte in derselben Entfernung parallel mit uns nach der Richtung zu, die wir nehmen mußten um zu entkommen. Dies war ein höchst bedenkliches Manöver, es zielte offenbar darauf hin, uns abzuschneiden, was sich auch sehr bald herausstellte. Die Kosacken mochten vielleicht an 500 Schritte sich so fortbewegt haben, da machte die erste Rotte rechts um, die anderen folgten nach, und so wurde uns ein Querriegel vorgeschoben, indem sie Halt machten, die Straße durchschneidend. Ich kann zwar in Wahrheit versichern, daß ich gerade nicht bestürzt wurde über diesen Fall nur der Gedanke, die verwüstete Straße auf der wir gekommen waren; nochmals als Gefangener zu passiren, flößte mir
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einige Besorgnis ein. Man pflegt zu sagen, wenn die Noth am größten so ist die Hülfe am nächsten, was in der That hier zu einem wahren Worte wurde. Eine französische Kanone war den steilen Berg zuletzt noch in die Höhe gekommen und dem Feinde glücklich entronnen. Sie schloß sich in dem Augenblicke an uns an, als die Kosacken die Straße besetzten. Sie fuhr auf Kartätschen-Schußweite an diese heran, protzte ab und gab jenen eine Dosis von den Pillen, die sehr schnell in die andere Welt befördern, was denn auch hier mit einigen Gegnern der Fall war. Dies machte einen für uns sehr günstigen Eindruck, und schüchterte jene dermaßen ein, daß sie wieder rechts um machten und in derselben Weise, aber nur im Schritt zurückkehrten, in der sie gekommen waren. Freilich war nun die Straße geöffnet, aber die Gefahr war darum noch nicht ganz verschwunden. Wie leicht konnten die Kosacken darauf kommen, uns von der Seite anzugreifen, denn wenn dies mit der gehörigen Energie geschah, waren wir bei unserm jämmerlichen Zustande unbedingt verloren. Aus welchem Grunde sie es unterließen ist mir dunkel geblieben. Muthmaßungen darüber anzustellen halte ich für unnütz. In dieser ernsten Stunde stellte sich ein Schauspiel dar, wodurch das gedrückte Gemüth einen Augenblick erheitert wurde. - Indem der Pulk gemächlich an uns vorüberzog, kam ein Kosack aus dem Gliede etwa 100 Schritte auf uns zu gesprengt und hielt dann still. Nun machte er allerlei Kunststücke auf dem Pferde, etwa so wie es die Kunstreiter zu machen pflegen, und ich glaubte mich in dem Augenblicke nach Kassel versetzt, wo ich einer solchen Gesellschaft zu zusehen einst Gelegenheit hatte. Ein Infanterist lief eine ganze Strecke auf ihn zu und schoß seine Muskete nach ihm ab, jedoch ohne zu treffen. Dadurch ließ er sich aber durchaus in seinen Manövern nicht stören, und erst als er glauben mochte es sei genug, kehrte er auf seinen Platz zurück. Nunmehr säumten wir aber nicht unsern Marsch fortzusetzen, und ich dankte Gott im Stillen, daß er mich diesmal wieder aus einer sehr bedenklichen Lage gerettet hatte. Es wurde nun bald dunkel und ich zog, abgesondert von den Übrigen, mit meinem treuen Schimmel die Straße nach Krasnoi fort, in Betrübnis daran denkend, daß ich in wenigen Stunden die meinem Kommando anvertrauten Menschen, Pferde, Wagen usw. verloren hatte. Nach einiger Zeit traf ich in dieser Stadt ein, fand aber sämtliche Häuser völlig besetzt, indem dort Napoleon sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Jenseits des Ortes standen viele Scheunen, und ich beschloß zu versuchen, ob vielleicht in diesen ein Platz für mich zu finden sein möchte. In mehreren, die ich untersuchte, war alles besetzt, und zwar von Franzosen was ich gleich draußen an der Sprache vernahm. Endlich kam ich an einen Stall, in welchem die Einquartierung deutsch sprach, und noch dazu glaubte ich die Stimme eines mir bekannten Offiziers zu
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hören. Vor diesem Gebäude band ich denn mein Pferd fest, suchte und fand einiges Stroh, was ich ihm zum Abendbrod vorwarf, und trat dann in den Stall, mit meinem Mantelsack auf dem Rücken, ein. Ich hatte mich nicht getäuscht, es war der Offizier, für den ich ihn der Sprache nach gehalten. Er räumte mir sehr bereitwillig einen Platz neben sich ein und ich befand mich da um so behaglicher, als vor uns ein helles Feuer brannte. Obgleich alle jene Erlebnisse jetzt noch klar vor meinem Gedächtnisse stehen, so ist mir doch der Name jenes Offiziers gänzlich entfallen, ich würde ihn sonst hier nennen, um ihm selbst, wenn er vielleicht jetzt, 1855, noch leben sollte, also 43 Jahre nachher, oder seinen Verwandten durch diese Erinnerung zu danken. Ich schnallte nun eins von den Broden von meinem Mantelsack los und theilte es mit meinem freundlichen Kameraden, der diese kostbare Gabe dankbar annahm. Brod, besonders von solcher Qualität als dies war, gehörte damals zu den größten Seltenheiten, und ich vermuthe, daß in jenem Augenblicke wenig Unglücksgefährten von den retirierenden Überbleibseln der Armee dergleichen gehabt haben mögen. Es müßten denn die französischen Grenadiere gewesen sein, welche in Smolensk den Inhalt des Backofens dem Capitain Hille und mir gewaltsamer und unrechtmäßiger Weise entzogen. Wer Soldat gewesen ist und außerordentliche Mühseligkeiten und Gefahren in diesem Stande erlebt hat, wird wissen und erfahren haben, daß eine frohe Stunde tausend mühselige vergessen macht, und dies war in dem erwähnten Stalle der Fall. Wir, jener Offizier und ich, waren äußerst heiter zusammen und ich dachte nicht mehr daran, daß vor wenigen Stunden meine Subsistenz arg in Frage stand. Es kamen nach und nach noch mehrere Rückzügler in dem Stalle an, die Obdach suchten und, soviel es der Raum gestattete, aufgenommen wurden. Unter diesen waren auch 2 Jäger von dem Bataillon, bei welchem ich stand, die jedoch nicht zu denen gehörten, welche speciell unter meinem Kommando gestanden hatten. Ihre Namen habe ich vergessen. Der eine von ihnen hatte einen Mantelsack erbeutet, in welchem ich bei näherer Besichtigung den erkannte, welchen ich nach dem Übergange über den Sumpf auf der Erde liegen sah, was ich auch früher bereits erzählt habe. Nun war ich doch ein wenig begierig zu erfahren, was er enthielt. Ich veranlaßte daher den Jäger ihn aufzumachen. Dies geschah, und es fand sich, daß derselbe einem höheren Husaren-Offiziere gehört hatte, was der darin befindliche reich verzierte Dollmann und einige höhere Orden bekundeten. Der Wert der Sachen konnte füglich zu einigen hundert Thalern angeschlagen werden; was halfen sie aber dem Finder? Hätte der Sack Brod enthalten, so würde es ihm willkommener gewesen sein. So war es unnützer Tand, wofür niemand einen Dreier zu geben geneigt war, und ich weiß nicht, was der Jäger damit gemacht hat; wahrscheinlich warf er den ganzen Kram fort. Man sieht aber dar-
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aus, daß auf diesem merkwürdigen Rückzuge für manchen sehr werthvolle Sachen verloren gegangen sind. Mich selbst traf dies Loos, denn meine Silbersammlung, woran ich so vielfache Hoffnungen geknüpft hatte, ging ebenfalls in die Fichten. Doch dies machte mir wenig Kummer; ich dachte dabei: „unrechtes Gut gedeihet nicht,“ die Hauptsache blieb augenblicklich nur die, den Hungertod abzuwenden. Ich verplauderte noch ein paar Stunden mit meinem Leidensgefährten und schlief dann ein. Doch war dieser Schlaf nur von kurzer Dauer, wir wurden bald von dem Donner der Kanonen geweckt. Bei dem Heraustreten aus dem Stalle bemerkten wir, daß der Mond aufgegangen war und die Gegend hell beschien. Das Kanonenfeuer ertönte etwa eine Stunde weit von uns, in der linken Flanke. Die rasch aufeinanderfolgenden Schläge ließen vermuthen, daß von beiden Seiten mit dieser Waffe gekämpft wurde. Nach etwa einer Stunde hörte indessen das Getöse auf, und wir sahen auch kein Zeichen, daß die Unsrigen zurückgedrängt seien, daher wir wieder in den Stall krochen und den Tag abwarteten. Nachdem ich meinem Schimmel zuvor das Frühstück in einer Schütte Stroh gereicht, und er darauf durch das Auflecken von Schnee seinen Durst gestillt hatte, setzten wir den Marsch nach Orscha fort. Da wo die Häuser von Krasnoi aufhörten, mochte eine Trainkolonne gehalten haben, denn es standen dort noch mehrere zurückgelassene Wagen mit offenen Deckeln, der Inhalt war ausgeräumt; der von einem Regimentswagen, welcher lauter Akten enthalten hatte, lag jedoch zerstreut auf dem Boden umher. Das Geschreibsel, welches ich davon in der Eile besah, und das aus gewöhnlichen Rapports bestand, war nicht werth gewesen, von der Heimath hunderte von Meilen mitgeschleppt zu werden, und die Menge von dergleichen Zeug, was man da liegen sah, zeigte schon damals den Beginn des noch bestehenden goldenen Zeitalters der Schreiberei an. Wir zogen nun weiter fort, doch verlor ich in dem Wirrwarr meinen Freund bald aus dem Gesicht, und habe ihn nachher nie wieder gesehen. An diesem Tage passirte ich viele Brücken in der Straße, die wir zogen, und die Gegend mochte demnach sehr sumpfig sein. Es fiel mir dies darum mehr auf, als es auf dem Hinmarsche der Fall gewesen war, weil die retirierende Masse sich bei jeder Brücke stopfte, und man dann mindestens ¼ Stunde warten mußte, bevor man hinüber kommen konnte. Es kam dies daher, weil sämtliche Brücken nur halb so breit waren, als die dazwischen liegende, stets dicht besetzte Straße. Jeder wollte nun zuerst hinüber, wodurch ein Gedränge entstand, in welchem man oft sofort seinen Gefährten wieder verlor, mit dem man vielleicht eben die Verabredung getroffen hatte, immer zusammen zu bleiben und das Elend gemeinschaftlich zu tragen. Bei einer solchen Gelegenheit kam ich an jenem Tage von meinem Freunde ab. Ich setzte nun meinen Marsch den ganzen Tag fort, und fand
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dann am Abend irgend ein Nachtlager, was ich jetzt nicht mehr näher bezeichnen kann. In der Nacht wurde das Wetter gelinde, und am andern Morgen begann der Schnee zu schmelzen. An die Stelle des Winters trat nun Regen mit Wind, und bald ward der Boden aufgeweicht, wodurch der Marsch sehr beschwerlich wurde. Es war eben nicht angenehm mit durchnäßten Kleidern abends das Lager unter Gottes freiem Himmel nehmen, und so die ganze Nacht zubringen zu müssen. Bei sparsamer Consumtion hatte mein Brod noch vorgehalten, aber nunmehr ging der Vorrath zu Ende. Doch wurde ich dadurch nicht entmuthigt, ich baute darauf, daß Gott weiter sorgen würde. Am andern Tage ging ich bei Orscha wieder über den Dnieper. In den Häusern dieser Stadt, die noch bewohnbar waren, hatten sich Juden eingenistet, die allerlei Waren feil hielten. Zu einem derselben begab ich mich, und die erste Frage war, ob er Brod zu verkaufen habe? Dies verneinte er, jedoch hatte er trockne Erbsen und Linsen vorräthig, wovon ich eine kleine Quantität gegen hohen Preis erhandelte. Ich ging an diesem Tage noch eine Strecke weiter, bis an ein Dorf, welches in einem Walde lag. Da in dieser Gegend die Ortschaften, resp. deren Häuser nicht so verwüstet waren, als jenseits des Dniepers, so fand ich Unterkunft in einem Hause derselben, in dem ich zwei Officiere von dem Bataillon, bei welchem ich stand, antraf. Den Namen des einen weiß ich noch, er hieß von Lippe, und war ein alter Freund von mir. Beide waren krank und schwach, ihre Kleidung war abgetragen, schmutzig und zerrissen, ebenso wie dies bei mir und bei allen übrigen der Fall war. Unter den Stiefeln des v. Lippe befanden sich keine Sohlen mehr; gerade dieser Uebelstand waltete auch bei mir ob, und in den letzten Tagen, wo der Boden feucht war, drang bereits der Koth durch und kam an die Füße. Mein Beinkleid war dermaßen zerrissen, daß es nicht mehr zusammenhalten wollte. In dem Mantelsack hatte ich nur noch etwas völlig beschmutzte Wäsche; weiter enthielt er nichts. Die in Orscha gekauften Erbsen wurden nun hier gekocht; ein wenig Salz, was ich noch hatte, dazu gethan, war die Würze. Indessen Hunger ist der beste Koch, sie mundeten mir vortrefflich, und ich theilte auch meinen Leidensgefährten davon mit; doch deren Appetit war durch Krankheit gestört, weshalb sie nur wenig genießen konnten. Meinen Schimmel wartete ich möglichst gut ab, indem ich ihm in diesem Dorfe eine Roggengarbe auftischen konnte. An Wasser fehlte es da nicht mehr. Man wird sich vielleicht fragen, warum ich nicht geritten bin, um den Schmutz an den Füßen zu vermeiden. Wer ist wohl im Stande, bei einem solchen langsamen Marsche, der sich alle Augenblicke vor den Brücken stopfte, den ganzen Tag auf dem Pferde zu sitzen, und aus Mangel an innerer Wärme, und bis auf die Haut durchnäßt, zu frieren? Ich war gezwungen, einen großen Theil des täglichen Marsches zu Fuß zu gehen,
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um warm zu werden. Das Pferd behielt ich, einestheils aus Anhänglichkeit, anderntheils darum, um bei einer günstigen Gelegenheit, wo ich vielleicht mehr Lebensmittel finden möchte, als ich tragen könnte, diese durch dasselbe fortzuschaffen. Am andern Tage marschirte ich weiter, in der Richtung nach Dubrowna zu. Meine beiden Gefährten, welche fast nicht mehr gehen konnten, mußte ich zurücklassen, denn ich war nach Verhältniß immer noch rüstig, und marschirte, im Vertrauen auf die Zukunft, immer scharf vorwärts. Die beiden Officiere habe ich in der Folge nicht wieder gesehen. Sie mögen wohl der Krankheit erlegen sein zumal sie, bereits bei meinem Abschiede von ihnen, alle Hoffnung, glücklich durch zu kommen, aufgegeben hatten. Ich rückte an diesem Tage bis ein paar Meilen von Dubrowna vor, und hatte wiederum Gelegenheit, in einem Stalle übernachten zu können. Mein Weg führte mich an der Stelle durch, wo ich auf dem Hinmarsche mir einen Zahn hatte ausnehmen lassen, was ich früher erzählt habe. Welcher Unterschied in der Situation! Vor drei Monaten zogen wir dort durch, die Eroberung des. Russischen Reiches als unfehlbar betrachtend. Jetzt zogen wir, tief gedemüthigt, dem Vaterlande entgegen, was viele Tausende noch nicht einmal erreichten, sondern durch Hunger und Kälte früher ihren Tod in den russischen Steppen fanden. In diesem Nachtlager hatte ich Gelegenheit einem französischen Soldaten eine ganz neue Hose von dickem braunen Kalmuck für zwei Franken abzukaufen. Dies war für mich eine höchst angenehme Acquisition, denn die meinige war wie ich bereits erwähnt habe, in einem Zustande, daß, wie man zu sagen, pflegt, zehn Katzen eine Maus darin zu fangen, nicht in Stande gewesen wären. Ein Uebelstand war es freilich, daß sich an den Hosen noch keine Knöpfe befanden. Doch diesem wurde bald abgeholfen: ich schnitt die von meinem bisherigen Beinkleide ab, und nähte solche den neuen an, wozu mir das vor mir brennende Feuer leuchtete. Nadel und Zwirn hatte ich selbst dazu, wie dies wohl jeder ordentliche Soldat in Vorrath hat. Die Ungenannte ward nun sofort an ihren Platz gebracht, und ich fühlte mich dadurch so behaglich, daß ich die betrübende Situation, in der ich mich befand, einen Augenblick ganz vergaß. Die Nacht verging ruhig, interessant war es sich gegenseitig anzusehen; die Gesichter hatten alle einen Anstrich der Wildheit. Die Grundfarbe war nur in einem kleinen Kreise um die Augen herum zu erkennen, so weit die Thränen, welche der ewige Rauch ausgepreßt, die Haut rein hielten. Die übrigen Theile waren durch lange Zeit unterlassenes Rasieren und Waschen, mit Haaren und Schmutz dick bedeckt. Mit den Händen hatte es in letzterer Beziehung dieselbe Bewandtnis, sie wurden zuletzt ganz schwarz, und wenn man noch die abenteuerlichen Kleidungsstücke und Lumpen, in welche der Körper eingehüllt war, bedenkt, so wußte man in der That nicht, wofür man die Ge-
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stalten halten sollte, nach meiner Meinung hatten sie Ähnlichkeit mit den Buschkleppern in den Afrikanischen Wäldern, von denen ich früher wohl etwas gelesen hatte.
Ich brach nun noch in der Dunkelheit auf, und traf schon mit Tagesanbruch in Dubrowna ein. Hier sah es etwas ordentlicher aus, als in den hinter mir liegenden Städten die Häuser standen alle noch unversehrt da, und auch die Einwohner waren nicht geflohen. Ich band meinen Schimmel an und ging in ein Judenhaus. Die erste Frage war nach Brod, allein der Antwort war: is mix vorhanden oder: ist nit da. Der Hunger trieb mich an, weiter nach Lebensmitteln zu forschen, und ich zog fort auf den geräumigen Marktplatz. Was zum Lebensunterhalt gehörte, war dort freilich ebenso wenig zu finden, als in dem Judenhause, was ich eben verlassen hatte, wohl aber war er gefüllt mit Leidensgefährten die sich darauf hin und her bewegten, und beflissen waren, etwas zu finden, was den Hunger stillen könnte. Nachdenkend darüber, was zu tun sei, bemerkte ich mir gegenüber ein ziemlich stattliches Haus, in welchem es, wie fast in allen Häusern, durch Kommen und Gehen besonders lebhaft war. Es ist ein eigenthümliches Gefühl, was ich hier nicht beschreiben kann, wenn man vom Hunger gequält wird und nicht weiß, wodurch er gestillt werden soll. Ich dachte damals an die Zeit meiner Jugend, wo mich bei langen anstrengenden Jagdexkursionen oft der Hunger überfiel, und ich dann schon glaubte wirklich hungrig zu sein; den wahren Hunger lernte ich jedoch erst in Rußland kennen, denn dort wurde der Körper durch die unerhörtesten Anstrengungen und Entbehrungen buchstäblich ausgemergelt, er ward bei gesundem Leibe zum Skelett; der Magen blieb aber dabei, er wollte Arbeit haben. Woher sollten aber die Lebensmittel alle kommen, wonach Tausende von Magen suchten. Obgleich mit wenig Hoffnung etwas zu erlangen, ging ich in das vor mir stehende Haus. Nach Brod suchende Flüchtlinge wogten darin hin und her, aber keiner versuchte, das Gehöfte genauer zu durchsuchen. Ich suchte, und fand eine Strecke hinter dem Hause einen Eingang, welcher in ein kleines Wirtschaftsgebäude führte, und fand, daß dies ein Back- und Waschhaus war. Hier traf ich einen ziemlich wohl gekleideten Juden, wahrscheinlich den Besitzer des Hauses. Die Manier, einem Juden zu imponieren, war mir früher in Polen geläufig geworden, und es gelangt mir dadurch, von ihm heraus zu bringen, daß er einiges Brod, was soeben gebacken sei, vorrätig habe. Ich kaufte ihm denn ein kleines davon ab, mußte es aber unverhältnismäßig teuer bezahlen. Dasselbe unter meinem Pelz verbergend, zog ich damit ab, aber als ich es später näher untersuchte, war es leider nicht zu genießen, denn es war nicht gar gebacken, in der etwas getrockneten Kruste, war der Teig noch ganz roh. Ich verschloß daß durch das Abbrechen der Rinde entstandene Loch wieder mit dem abgetrenn-
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ten Stück und bot es einem anderen zum Kauf an, ihm jedoch bemerkend, daß es nicht gut gebacken sei. Doch dieser nahm es und bezahlte mir das ausgelegte Geld; denn er mochte wohl möglich noch hungriger sein als ich. Brod konnte ich nun nicht weiter auftreiben aber es gelang mir, etwas Mehl, oder vielmehr auf einer Handmühle bereitetes Schrot von einer Jüdin zu erlangen, was ich in einen Beutel tat, den ich meinem Schimmel aufbürdete.
Nun verließ ich die Stadt, um den Marsch weiter fortzusetzen. Vor derselben traf ich die geringen Überreste meines Bataillons und erstaunte, wie solches in der kurzen Zeit zusammen geschmolzen war. Nicht der vierte Theil war da noch versammelt, der Abgang war nicht durch Gefechte mit dem Feinde entstanden, nur Hunger und Elend hatten die Reihen gelichtet. Der Capitain von Reichmeister sagte mir, als er mich sah: Ihr Freund Maximilian ist gestern gestorben, er blieb nahe am Wege vor Ermattung liegen, und als er nach einiger Zeit fortgebracht werden sollte, war er bereits verschieden. Dies war der Sohn eines Predigers, und aus der Gegend von Blankenburg gebürtig. Es war ein sehr ordentlicher und gebildeter junger Mann, ich hatte lange mit ihm in einem sehr freundschaftlichen Verhältnis gestanden, und dessen Tod betrübte mich daher sehr, doch bei Noth und Elend, die man selbst zu ertragen, und wo man alles Bestreben auf die Selbsterhaltung zu richten hat, wird das Gefühl abgestumpft, und man ist in solcher Lage eher geneigt, den Tod eines Freundes zu beneiden als zu beklagen, weil dadurch die Leiden ihre Endschaft erreicht haben. Viele andere Jäger, von denen mir mehrere näher befreundet, waren bereits auf diese Art umgekommen, und doch war das Alles eigentlich erst der Anfang des Elends, was uns noch treffen sollte.
Ich setzte nun meinen Marsch weiter fort, und brachte die folgende Nacht in dem Stalle eines Dorfes zu. Die Luft begann im Verlaufe des Tages schon wieder rauer zu werden, was mir jedoch weiter nicht auffiel, da wir uns bereits in der zweiten Hälfte des November befanden. Über die Vorfälle in meinem Quartiere ist nichts besonderes zu bemerken, die Nacht verstrich so wie die früheren; den Appetit zu befriedigen, mangelte es an allen Ecken und Enden; ein Kuchen von dem erbeuteten Schrotmehl mußte ausreichen, den Hunger notdürftigst zum Schweigen zu bringen. Was die Bereitung des erwähnten Kuchens anlangt, so geschah sie auf folgende Weise: In irgend einem Gefäße, was entweder aus einer hölzernen Schüssel oder dem blechernen Feldkessel bestand, ward das Schrot mit Wasser oder Schnee vermengt, und so ein konsistenter Teig hergestellt. Dieser ward dann auf Kohlen gelegt, und wenn der Kuchen auf einer Seite schwarz gebrannt war, so wurde er umgedreht. Hatte er auf der andern Seite dieselbe Farbe angenommen, so wurde er als genießbar
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betrachtet und oft noch ganz heiß herunter geschlungen. Die Feuchtigkeit hatte sich dann in der Mitte konzentriert, und wenn man hineinbiß, so lief einem die heiße Brühe um den Mund herum. Doch Hunger tut weh, und wenn ich auch erst kurz vorher in Dubrowna ein Brod von solcher Qualität verschmähet hatte, so sahe ich hier doch wohl ein, daß nicht lange zu wählen war, und verschlang das Gebäck. Daß mein Magen damals noch eine außerordentliche Kraft gehabt haben muß, ist wohl nicht zu bezweifeln; wollte ich jetzt, nach einigen vierzig Jahren, demselben eine solche Verdauung zumuten, ich würde dann ohne Zweifel den letzten Kuchen gegessen haben. Ich halte jetzt eine solche Speise für gänzlich ungenießbar, und doch war dieser Kuchen nicht das einzige Widernatürliche, was zu genießen ich später in jener verhängnisvollen Zeit gezwungen war, um nicht den Hungertod zu sterben. Die Leber von einem gefallenen Pferde war ein Leckerbissen, konnte man diese nicht erlangen, so mußte ein Stück Fleisch davon deren Stelle vertreten. Erlangte man zufällig einen Hund oder eine Katze, so betrachtete man dies als eine Gunst des Schicksals, das Fell wurde abgezogen, die Eingeweide herausgenommen, und, das übrige am Feuer gebraten. Der Hunger plagte mich einst so, daß ich sogar Hanfsamen verschlang, nachdem ich ihn vorher in einem Feldkessel geröstet hatte. Da in jener Gegend von Rußland viel Hanf gebauet wurde, so fand man fast in jedem Hause einen Vorrat davon. Den Geschmack davon habe ich jetzt noch nicht vergessen, er war dem Geruche gleich, welchen die Hanfpflanze im grünen Zustande hat, wenn man ein Blatt derselben etwas zwischen den Fingern reibt. Bei dem Weitermarsche mußte ich wieder im Schnee waten, und zwar mit Stiefeln ohne Sohlen. Doch, wie ich schon gesagt habe, gegen dergleichen Eindrücke war mein Körper abgehärtet durch Gewohnheit, nur der Magen wollte sich nicht darin finden, seine Tätigkeit einzustellen, er verlangte stets nach Arbeit. Trat eine Gelegenheit ein, ihm diese zu verschaffen, besonders im ausreichenden Masse, was freilich sehr selten vorkam, so fühlte sich mein ganzer Körper in einen höchst behaglichen Zustand versetzt, in dem ich für den Augenblick völlig vergaß, daß die Sohlen unter meinen Stiefeln fehlten, und der Leib in Lumpen eingehüllt war.
Doch Gott ist gnädig! schon an demselben Tage wurde mir ein solches behagliches Gefühl zu teil, und zwar auf folgende Weise: Der Marsch ging bei sich immer vermehrenden Schnee in der bisherigen Unordnung fort, die Straße war in ihrer ganzen Breite dicht bedeckt von Soldaten aller Regimenter der ganzen Armee, bunt durcheinander. Viele davon in ihren ursprünglichen Uniformen; Andere mit Pelzen, Pferdedecken, Tüchern von allen Farben und Größen umhüllt. Kurz die ganze Masse hatte das Ansehen einer fortschreitenden Musterkarte. Ein Theil des so wandernden Personals war noch be-
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waffnet, ein anderer schleppte die Beute, welche er in Moskau oder sonst gemacht hatte, auf dem Rücken mühsam fort, und ein Dritter führte kleine russische Pferde am Zügel hinter sich her, auf denen mitunter Frauen ritten, oder die mit unsichtbaren Sachen bepackt waren. Zu der letzteren Abtheilung gehörte auch ich, doch mit dem Unterschiede, daß mein Schimmel nur den Mantelsack, worin einige zerrissene Kleidungsstücke, und ein kleiner Rest von dem in Dubrowna gekauften Schrotmehl, Beute aber gar nicht, sich befand. So war ich an diesem Tage fortmarschirt, und es mochte wohl um 3 Uhr nachmittags sein, als ich ein Dorf erblickte, von dem die Straße etwa 200 Schritte weit vorüber führte. AIs ich dem Orte gegenüber angekommen war, sah ich zwischen diesem und dem Wege ein ziemlich großes Schwein auf dem Felde stehen. Ich bedauerte nun, daß ich kein Schießgewehr hatte, um solches zu erlegen, und sah mich um, ob nicht ein Jäger von meinem Bataillon in der Nähe sein möchte, der seine Büchse noch trüge. Etwa 15 Schritte vor mir bemerkte ich glücklich einen solchen dahinschreiten. Ich drängte mich durch den Knäuel vor, bis zu ihm hin, und er trug noch sein Gewehr.
Wie sein Gesicht aussahe, steht mir noch vor dem Gedächtniß, seinen Namen habe ich aber vergessen. Ich fragte ihn, ob seine Büchse geladen sei? was er bejahte. Ich nahm sofort das Gerwehr und forderte ihn auf, mit mir zu gehen, ich wolle ein Schwein schießen, von dem er seinen Antheil bekommen solle. Wir gelangten auf das Feld, das Schwein stand noch da. Er nahm mein Pferd an den Zügel, und ich untersuchte das Schloß des Gewehrs, und fand, daß es noch ziemlich gangbar war, allein auf der Pfanne befanden sich nur wenige Körner Pulver, deren Explosion zu erwarten war, das übrige war durch die Feuchtigkeit zusammen gebacken. Ich klopfte und rüttelte an der Pfanne, um noch etwas Pulver aus dem Zündloche hervor zu locken, was mir auch so ziemlich gelang. Nun rieb ich von dem Stahl am Pfanndeckel und von dem Steine den Schmutz mit dem Schooße meines Rockes ab, strich mit dem Nagel des Daumen einige Male vor der Schärfe des Steines hin, und nun ging es auf das Schwein los, was immer noch da war. Es ließ mich bis auf 10 Schritte heranrücken, da blieb ich stehen, legte darauf an und drückte ab. Aber patsch ging es, das Gewehr versagte, und dies wiederholte sich mehrere Male. Während dessen kamen zwei polnische Kavallerie-Officiere angesprengt, die ebenfalls vereinzelt die Straße geritten und mir gegenüber angelangt waren, und schossen das Schwein mir vor der Nase todt. Es galt hier, wer erst kömmt der mahlt zuerst, und ich mußte mich fügen, wenn ich nicht einen Kampf auf Leben und Tod anfangen wollte: Ich schalt zwar den Jäger, aber was halfs, dies Schwein war für mich verloren. Nichtsdestoweniger blicke sofort noch ein Hoffnungsstrahl in mir auf; ein kleineres
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Schwein stand nahe am Dorfe vor einer Anhöhe. Auf dies machte sogleich Jagd, es ließ mich bis auf Schußweite heranrücken, dann ergriff es aber die Flucht, die Anhöhe hinauf; ich zielte darauf und drückte ab, allein das Gewehr versagte wieder, und auch dieser Braten war verloren. Voll Unmut wandte ich mich nach der Straße zu, doch meine Hoffnung auf Beute sollte doch noch erfüllt werden. Indem ich noch einmal nach dem nahen Dorfe hinblickte, gewahrte ich ein drittes Schwein von der Größe des mir so eben entronnenen, in dem Garten eines Bauerngehöftes, der mit einem niedrigen Zaune umgeben war. Sogleich bewegte ich mich nach dem Garten hin, rüttelte und kratzte an dem Gerwehre nach Möglichkeit, langte an dem Zaune an, und das Thier blieb etwa 10 Schritte weit von mir stehen. Mit dem angenehmsten Vorgeschmack von dem Braten, den ich in dem nächsten Lager zu verzehren haben würde, legte ich darauf an, drückte ab, aber der Schuß ging wieder nicht los. Ebenso ein zweitesmal, und ich verzweifelte fast ganz an dem Gelingen des Werkes. Doch, nachdem ich den Stein nochmals recht ordentlich gereinigt, und durch Klopfen an der Büchse noch etwas Pulver auf die Pfanne gebracht hatte, zielte ich wieder, und, wenn ich mich so ausdrücken soll, mit bedeutender Zögerung (Vorbrennen), fuhr die Kugel heraus, und dem Schweine so durch den Leib, daß es augenblicklich todt niederstürzte. Nun war meine Zufriedenheit wieder zurückgekehrt, denn ich hatte den Zweck erreicht, der dazu führte, mich einmal wieder durch eßbares Fleisch zu sättigen. Auf dem Pferd konnte ich das Tier nicht befestigen, aber der Jäger zeigte sich sogleich bereit, dasselbe, da es nicht sehr schwer war, fortzutragen. Ich legte ihm dasselbe über die Schultern, und wir kehrten wohlgemut auf die Straße zurück. Es trat nunmehr die Dämmerung ein, und es war schon längere Zeit ganz dunkel geworden, als wir in einem Dorfe anlangten, wo wir Nachtlager zu nehmen beschlossen. Die sämtlichen Gebäude desselben waren dicht besetzt, auch auf den Straßen lagerten viele Soldaten bei angezündetem Feuer. Bei dem einen Feuer fand ich mehrere bekannte Kameraden, und zu ihnen gesellte ich mich mit dem Jäger und dem Schweine. Letzterem wurde nun sogleich die Haut abgezogen und das Fleisch, Leber, Lunge und Herz in mehrere Feldkessel verteilt, und an einem von langen Hausbalken genährten Feuer gekocht. Gegen Mitternacht war es gar, und nun ging es an das Verzehren, wobei die Freunde, auf meinen Wunsch, mit der größten Bereitwilligkeit Hülfe leisteten.
Doch war ich darauf bedacht, ein angemessenes Quantum gekochtes Fleisch für mich zu reservieren, welches ich in meinem Mantelsacke für den andern Tag aufbewahrte. Der Schneefall hatte nachgelassen der Himmel war klar geworden, und die Kälte wurde empfindlicher. Dennoch fand ich sie, Theils aus Gewohnheit, Theils
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weil der Magen gefüllt war, nicht sonderlich drückend und schlief, mit mehreren Kameraden auf einem langen Balken, am Feuer sitzend einige Stunden ganz ruhig. Der Hunger und das Elend erstreckten sich nicht allein über die niederen Militairs dieses abentheuerlichen Zuges, sondern auch über die höheren Grade, wofür ich in jenem Augenblicke ein Beispiel ergab. In unserer Nähe saßen nämlich einige Stabs-Officiere um ein Feuer herum, deren Burschen nicht im Stande gewesen waren, Lebensmittel zu beschaffen, sie mußten daher hungern. Sie mochten Kunde davon erhalten haben, daß ich ein Schwein geschossen hatte, und sandten beim Zerlegen desselben einen Burschen zu mir, mit dem Ersuchen, ihnen etwas davon zu überlassen. In Erwägung, daß sie sich früher nicht im geringsten darum gekümmert hatten, ob ich verhungere oder nicht, schlug ich das Gesuch rund ab. Gegen Morgen war die Kälte mir doch etwas auf die Haut gedrungen, indessen brach ich bald auf, und die rasche Bewegung bewirkte die Erwärmung des Körpers. Nachdem ich etwa 2 Stunden so marschirt war, verlangte der Magen mit Ungestüm Arbeit, und ich nahm ein Stück von dem Fleische aus meinem Mantelsacke. Nachdem dies im Gange verzehrt war, stellte sich der Durst ein. Wasser war indessen da nicht zu erlangen, da dies gefroren und mit Schnee bedeckt war, es blieb mir daher weiter nichts übrig, als so viel von letzterem aufzulecken, bis mein Durst gestillt war. Die Kälte nahm indessen immer mehr zu, aber dennoch erreichte sie noch nicht den Grad um Alles zu zerstören, wie dies später der Fall war. Ich setzte den Marsch bis etwa um 3 Uhr Nachmittags fort, und gelangte zu einem Städtchen, in welchem zu übernachten ich mich entschloß. Hier fand ich ein großes Gebäude, welches wahrscheinlich als Magazin für Stroh und Heu gedient haben mochte, denn es lag dergleichen noch viel auf dem Boden desselben umher. In dieses Gebäude begab ich mich, und fühlte mich darin recht behaglich, denn ich war unter Dach und Fach, hatte ein weiches Lager, und hatte mithin Ursach zu glauben, daß ich in der nächsten Nacht recht ruhig schlafen würde. Aber durch diese Hoffnung wurde mir bald ein arger Strich gemacht. Es kam nämlich plötzlich eine Abtheilung der französischen reitenden Grenadier-Garde, wahrscheinlich der ganze Überrest derselben, etwa 50 Mann angeritten, und rückte, ohne abzusitzen, in das Thor des Gebäudes ein, ohne auf die Inwohner desselben die mindeste Rücksicht zu nehmen. Wir mußten daher weichen, und es fragte sich nun, wo ein anderes Obdach zu finden sein möchte, da alle übrigen Gebäude besetzt waren. Nach langem Umherirren kam ich auch nahe an einer Kapelle oder Synagoge vorüber, und hörte in derselben sprechen. Nachdem ich meinen Schimmel an einen Zaun angebunden hatte, trat ich in dieselbe ein, und fand, daß sie fast ganz von Flüchtlingen angefüllt war, welche auch bereits ein Feuer darin angezündet hatten.
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Noth hat kein Gebot, pflegt man zu sagen, und ich suchte mir in diesem Gotteshause einen Platz, froh, gegen die Kälte etwas geschützt zu sein. Im Laufe dieses Tages hörte ich bereits anhaltenden Kanonendonner nach der Gegend zu, die wir durchschreiten mußten, also vor uns. In der Kirche erfuhr ich denn, daß die Russen die Stadt Borizow genommen, also den Punkt inne hätten, wo wir die Beresina passiren mußten, um nach Minsk, Grodno, Byalistock oder Wilna zu gelangen. Dies versetzte uns allerdings in eine üble Lage, indessen, da ich im Laufe der Flucht dergleichen zweifelhafte Situationen schon öfters durchgemacht hatte, so glaubte ich auch diesesmal, daß sich wieder ein Loch finden würde, durch das wir dem Feinde entschlüpfen könnten, und schlief ruhig ein.
Am nächsten Morgen hörte man wieder Kanonendonner, doch undeutlicher als gestern, woraus ich schloß, daß der Feind zurückgedrängt sei, was sich auch später bestätigte. Der Abmarsch aus dem Städtchen erfolgte jedoch erst Nachmittag, und wir rückten etwa eine Meile vorwärts, wo unter freiem Himmel das Lager genommen wurde. Bei der Ankunft in demselben bemerkte ich, daß die Nähte an dem vor einigen Tagen gekauften Beinkleide zu platzen begannen. Soweit mein kleiner Vorrath von Zwirn reichte, besserte ich den Schaden aus, wobei mir das Feuer leuchtete. daß ich damals sehr abgehärtet gegen die Kälte war, dürfte wohl daraus hervorgehen, daß ich diese Arbeit mit bloßen Händen bewerkstelligte, ohne sie einmal am Feuer zu erwärmen. Es sei noch erwähnt, daß ich auf dem ganzen Rückzuge gar keine Handschuh besaß, auch selbst bei der grimmigsten Kälte sie nicht vermißte.
Am andern Tage hörte man nicht mehr schießen, und wir traten den Marsch nach Borizow an, wo ich bereits um Mittag anlangte. In einem Hause fand ich mehrere Jäger-Officiere, (worunter sich der mehrfach erwähnte Capitain Meßner befand), denen ich mich zugesellte, als ich meinen Schimmel auf dem Hofe anlegte, sahe ich jenseits der Berezina, wo die Russen schon bei unserm Eindringen in Rußland einen Brückenkopf angelegt hatten, daß auf dem Walle desselben eine feindliche Schildwache hin und her spazierte. Die Entfernung war nicht groß, und der Soldat hätte sehr füglich eine Kugel zu mir herüber schicken können, er that es jedoch nicht. Um diese Zeit hörte man wieder Kanonendonner jenseits der Berezina, jedoch nicht in der Richtung, wohin die Straße führte, auf der wir gekommen waren‚ sondern rechts an dem Flusse, aufwärts. Also welchen Weg sollten wir nehmen, und wo konnten wir die Berezina passiren, um nicht auf den Feind zu treffen? Die Brücke, welche von Borizow über den Fluß führte, wurde von dem Brückenkopfe beherrscht, sie war, als leichtgebautes hölzernes Werk, von den Russen auch teilweise abgetragen, und dann war wohl mit Bestimmtheit anzunehmen, daß jen-
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seits der Schanze, wohin man aus der Stadt nicht sehen konnte, eine angemessene Abtheilung derselben als Soutien[99] aufgestellt war, um uns nöthigenfalls gehörig zu empfangen. Ob unterhalb dieses Punktes ein Uebergang zu bewerkstelligen sein möchte, konnte ich in meiner untergeordneten Stellung natürlich nicht wissen, daß sich aber dort keine Brücke befand, wußte ich schon von daher, als wir in Rußland eindrangen. Von Borizow führte zwar, wie ich von einem Juden erfuhr, auch eine Straße nach Wilna zu, 3 Stunden oberhalb, über die Berezina, allein es war dazu keine Brücke vorhanden, und wenn ich dann erwog, daß das Kanonenfeuer sich gerade von diesem Punkt her am stärksten vernehmen ließ, so mußte man bezweifeln, daß dort der Übergang über den Fluß möglich sein würde. Obgleich ich bisher den vielfachen Gefahren immer glücklich entronnen war, so wurde in jenem kritischen Augenblicke doch mein Gemüht mit der Besorgnis erfüllt, daß hier, entweder Gefangenschaft oder Tod, meiner Freiheit oder meinem Leben ein Ziel setzen würden. In diesen Gedanken begab ich mich mit meinem Freunde Teichmüller in das Haus, wo sich mehrere Offiziere, darunter auch, wie ich schon bemerkt habe, der Capitain Meßner befanden. Keiner von ihnen wußte anzugeben, wie wir aus dieser Klemme herauskommen würden, Alle theilten vielmehr meine Besorgnis über Gefangenschaft oder Tod.
Um diese Zeit rückten immer mehr Truppen, versteht sich in den buntesten und elendesten Zuständen nach und nach in Borizow ein. Unter diesem Troß fuhr auch ein Equipagewagen mit verschlossenem Deckel, neben welchen unser Divisions-General von Ochs einherging. Nicht fern von unserm Quartiere ließ er den Wagen halten und den Deckel öffnen, wobei er zugleich auf den Tritt desselben stieg und mit einem anscheinend kranken Manne sprach. Nach weiterer Erörterung ergab es sich, daß der Patient sein Sohn, ein junger Officier, war. Er nöthigte ihn auszusteigen, was denn auch, unter Hülfe einiger Militairs, geschah, die ihn in ein Haus geleiteten. Der Vater ist glücklich durchgekommen, was sich daraus ergibt, daß er im Frühjahr 1813 bei Halberstadt nebst einer Colonne Artillerie- und Munitionswagen von den Kosacken gefangen genommen wurde. Ob auch sein Sohn in das Vaterland zurückgekehrt ist, habe ich nicht‚ erfahren können: bezweifelt könnte es wohl werden, da in jener Zeit tausende von gesunden Menschen dem Elende erlagen, wie sollte dann ein Kranker durchkommen? Nach einiger Zeit begab sich einer von uns zum General, um zu erfahren, wann und wohin der Marsch weiter gehen sollte. Mit Ungeduld erwarteten wir dessen Zurückkunft, was lange währte. Endlich brachte er die Nachricht, daß - es der General selbst noch nicht wisse. Nach einigen Stunden ging ein anderer Sendbote ab, aber auch dieser meldete ein Gleiches. Man kann sich wohl denken, daß hierdurch unsere Lage immer verzweifelter
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ward doch es war weiter nichts zu tun, als den Ausgang abzuwarten.
Abends um neun Uhr wurde wieder angefragt, und der Officier kehrte mit dem Befehle zurück, daß am andern Morgen um 3 Uhr in der Richtung nach Wilna zu aufgebrochen würde. Wie wir in der Richtung, wo wir am Tage zuvor noch eine heftige Kanonade gehört hatten‚ mit heiler Haut davon kommen möchten, war uns ziemlich zweifelhaft‚ doch wir vertrauten unserm höchsten Meister, der uns bisher immer aus der Schlinge zu ziehen gewußt hatte, und legten uns‚ so gut es anging, auf unser Lager. Am nächsten Morgen um 2 Uhr wurde alles munter, von Toilette machen war schon lange nicht mehr die Rede gewesen, also hierauf hatten wir keine Zeit zu verwenden‚ und die Stunde bis zum Aufbruch ging bald dahin.
Bevor ich weiter schreibe, will ich hier noch einige Worte über eine Tabakspfeife und deren Schicksal aufzeichnen. Vor unserm Abmarsch aus Kassel kaufte ich mir dort in einer Fabrik einen Pfeifenkopf auf welchem sich ein Kosack zu Pferde befand, von sehr guter Malerei. Die Pfeife erhielt sich auf dem Hinmarsche bis Mosaisk, sehr gut, auch in der ersten Zeit des Rückzuges war sie noch vollständig‚ aber dann zerbrach bei dem Herumliegen am Wachtfeuer das Rohr, wodurch sie unbrauchbar ward. Die zerbrochenen Theile warf ich dann fort, und nur den Kopf steckte ich in eine der Taschen, ohne mich weiter darum zu bekümmern, doch wird später von diesem noch die Rede sein. —
Im Laufe der Nacht entstand öfters Feuer im Orte, unter andern brannten sämtliche Buden auf dem Marktplatze, mit großem Geprassel ab, da diese durchweg von Holz gebaut und mit Schindeln gedeckt waren. Beim Heraustreten aus dem Hofe unseres Quartiers war bereits das Nachbarhaus auch angezündet, die Glut schlug schon auf die Straße hinaus.
Was nun den Übergang über die Berezina anlangt, so befand ich mich in folgender Lage dabei. Den 27. November 1812, morgens 3 Uhr, brachen wir bei Schneegestöber von Borissow auf, ohne genau zu wissen, wohin der Marsch ging, und langten bei Tagesanbruch vor dem Flusse an. Mit einigen Gefährten, worunter der Adjutant Mendelstedt, und ein mir schon von Jugend auf befreundeter Officier der Lieutenant Teichmüller vom 6. Regiment, waren (die Namen der übrigen habe ich vergessen), wurde dort einstweilen Halt gemacht. Nach einiger Zeit versuchten wir die geschlagenen Brücken zu passiren, allein die Wache ließ dies nicht zu und wir mußten den ganzen Tag und die folgende Nacht auf der Stelle campiren. Während wir dort lagerten, war es, wie dies in der letzten Zeit immer gewesen, von der größten Wichtigkeit, Gegenstände zu erlangen, welche geeignet sein möchten den Hunger zu stillen. Durch Zufall hatte einer
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der Kameraden sich eine Quantität Mehl oder vielmehr Schrot zu verschaffen gewußt, welches er bereitwillig zur Disposition stellte, jedoch unter der Bedingung, daß zu der Bereitung eines Breies ein jeder etwas beitragen müsse; der eine schaffte einen Feldkessel an, der zweite suchte Holz zu bekommen, der dritte zündete Feuer an, der vierte gab Salz u. s. w., bis endlich der Kessel mit seinem Inhalt auf’s Feuer gebracht werden konnte. Das Gemisch fing an zu kochen und der angenehme Duft, welcher daraus aufstieg, bewirkte bereits bei uns Hungrigen, daß uns das Wasser im Munde zusammenlief, wie man zu sagen pflegt. Da erschien noch ein dem Anscheine nach äußerst hohlleibiger Kamerad und rief: Habt ihr nichts zu Essen? Ich habe Fett. Zeig’ einmal her, hieß es, und er langte ein langes Stück weiße Masse aus dem leinenen Brodbeutel, welches dem Rindertalge ähnlich sah. Diese Gabe wurde nicht verachtet, die Hälfte wurde in den Brei getan, den ich gerade rührte. Der Gedanke, hierdurch einen recht fetten Bissen für den hungrigen Magen zu bekommen, steigerte unsere Lüsternheit, und ich rührte umso emsiger, damit der Fett Klumpen bald zergehen möchte. Dies geschah jedoch sehr sparsam und die Begierde trieb uns am Ende dahin, den Brei, ohne gehörig gefettet, in den Magen zu befördern. Aber o Himmel, was hatte er für einen Geschmack. Jeder kostete ihn mit seinem hölzernen Löffel und ebenso bald mußte er den Bissen wieder ausspeien, weil dabei ein Brennen auf Zunge und Gaumen entstand. Dies mußte natürlich an dem Fett liegen, der Offizier wurde genöthigt, die übrig gebliebene Hälfte des Fettes aus dem Beutel zu kriegen, und als dies genau untersucht ward, war es — Seife. Dies war für einen fast bis auf den Tod ausgehungerten Magen eine herbe Lektion, und doch mußten wir uns in das Unvermeidliche fügen und forthungern. Sehr empfindlich berührte uns auch der gänzliche Mangel an Brennholz, und wir mußten in der Nacht, wo fortwährend Schnee fiel und die Kälte immer mehr stieg, außerordentlich leiden. als es zu arg wurde machte ich mich auf, nach Brennmaterial zu suchen, und fand eine Gesellschaft Soldaten bei einem lebhaft brennenden Feuer liegen welche aber sämtlich schliefen. Ich durchspähte in dunkler Nacht die Umgebung des Feuers, und entdeckte hinter dem Lager im Schatten einige lange Stücken Holz. Wie ein Fuchs schlich ich zu der Stelle wo dasselbe lag, nahm möglichst geräuschlos einen Balken den ich tragen konnte und schleppte solchen in unser Bivouac (Biwak). Ein Beil wurde bald aufgefunden, der Balken zerhauen und ein tüchtiges Feuer angezündet, was unsern gedrückten Geist wieder etwas aufrichtete. Vor Anbruch des folgenden Tages begab ich mich an die Brücke, um zu erforschen, ob der Übergang möglich sei: allein die Brücken waren beide durch Wachen besetzt, die niemanden passiren ließen. Ich hatte in der Dunkelheit die größte Mühe, die Kameraden wieder zu finden,
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doch endlich gelang es mir, sie zu treffen. Mit Tagesanbruch brachen wir auf und drängten uns bis circa 20 Schritte von der größeren Brücke durch die Menschenmasse, die des Übergangs harrte. Hier mußten wir wieder Halt machen, weil Fußgänger immer noch nicht hinüber durften. Es wurde ungefähr 1 Uhr. Ich stand etwa 5 Schritte von einem kleinen Gebäude, welches von dem ganzen Dorfe noch vorhanden war, an das sich ein Offizier von unserer Grenadier-Garde‚ den ich kannte, gelehnt hatte. Die Russen drängten unsere Arrieregarde immer näher und das Kanonenfeuer wurde hörbarer. Da rief mir der Offizier in dem großen Getöse zu, was wird es denn mit uns werden, wenn wir nicht bald über den Fluß gelangen? Ich erwiderte ihm, daß wir dann alle in Gefangenschaft geraten würden. Kaum hatte ich diese Worte gerufen, so schlug eine Kanonenkugel in das Häuschen und die Schindeln etc. flogen umher. Im nächsten Augenblicke entstand ein Gedränge nach der Brücke, die Menschenmasse kam eine Bewegung dahin und nach dem Flusse zu und meine Wenigkeit fiel mit mehreren in denselben hinein. Glücklicherweise war das Wasser durch den Frost etwas gefallen und ich sank nur bis an die Knie in den Schlamm. Nun wurde ich aber wütend, kletterte mit Mühe an dem hohen Ufer in die Höhe und gelangte so wieder auf’s Trockne. Während der Zeit war der Übergang über die Brücke forciert und alles strömte wie eine reißende Flut über die Brücke, womit ich fortgerissen wurde. Wir hatten vorher verabredet, wer zuerst hinüber käme, solle 50 Schritte von der großen Brücke auf die anderen warten. Das that ich, und es kam nach etwa 10 Minuten der Adjutant Wendelstedt nur allein an, die übrigen blieben aus. Da machte ich den Vorschlag, bis an die Brücke zurückzugehen‚ um zu sehen, ob die übrigen Gefährten nachkommen möchten, womit er einverstanden war. Aber kaum waren wir bis an die Brücke gelangt, so kam eine Kanonenkugel dicht über unsere Köpfe hinweg und schlug einige Schritte von uns in den Sumpf, einige dort stehende Erlen treffend, deren Stücke umherstoben. Hierüber bekam mein Gefährte einen solchen Schreck, daß er sich schnell umdrehte und die eine Hand in das Genick hielt. Bei allem Unglück und der großen Gefahr war ich nicht im Stande, das Lachen zu unterdrücken und indem ich ihn fragte, aus welchem Grunde er die Hand in das Genick gehalten habe, da die Kugel, indem wir sie sausen hörten unschädlich für uns gewesen sei, äußerte er: Komm nur hier fort, es wird gewiß bald eine zweite auf demselben Flecke einschlagen. Dies war mir natürlich einleuchtend, und wir zogen uns von der Brücke abwärts etwa 100 Schritte bis an ein einzelnes Haus, welches dem Kaiser Napoleon zum Hauptquartier diente. Dieser stand vor dem Hause an eine Wand gelehnt; wir einige Schritte davon. Mit der rechten Hand hatte er das Kinn gefaßt, blickte da-
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bei nach den Brücken zu und sang sich ein Stückchen, wie man wohl tut, wenn es in kritischen Augenblicken einer Zerstreuung des gedrückten Gemüts bedarf. Hier war ein neuer Commandeur des Bataillons, der Major Kindern, angelangt, welchem ich mich vorstellte. Dieser kannte die Noth noch nicht, in der wir uns befanden, war aber sonst ein freundlicher Mann. Ein leidenschaftlicher Tabacksraucher, bedauerte er blos, daß er seinen einzigen Pfeifenkopf zerbrochen, habe und nun nicht rauchen könne. Der Leser wird sich wohl erinnern, daß ich eines Pfeifenkopfes erwähnt habe, den ich mir vor dem Abmarsche in Kassel kaufte, dessen Gemälde ein Kosack war und den ich, als Überbleibsel von der ganzen Pfeife, mechanisch in die Tasche gesteckt hatte. Dies fiel mir in dem Augenblicke ein, ich suchte danach, fand ihn und offerierte solchen dem Major, welcher ihn, neu belebt, entgegennahm.
Von der Berezina ab stieg das Terrain etwas, und wir gingen dann, ohne daß sich noch mehr Gefährten eingefunden hatten, die Hälfte der Höhe hinauf. Hier blieben wir eine Weile stehen und konnten nunmehr das ganze Thal und den Übergang übersehen. Dies war ein gräßlicher Anblick, alles drängte und rannte von Angst erfüllt durcheinander, wer einmal umstürzte, kam nicht wieder empor: fluchend, verwünschend, verworrenes Geschrei ausstoßend, suchte jeder zuerst. den Übergang zu gewinnen; Viele wurden von den Brücken heruntergedrängt und stürzten in den Fluß, wo die meisten ihren Tod fanden. Andere suchten den Fluß zu durchschwimmen, wovon aber nur einzelne Kavalleristen mit ihren Pferden das sichere Ufer erreichten: die übrigen versanken. Mehrere Frauen, die kleine Kinder hatten, hielten diese in die Höhe, damit sie nicht erdrückt werden sollten und wenn ihre Arme erlahmt waren, mußten sie die armen Würmer fallen und den sichern Tod durch Zertreten finden lassen.
Marketender- und andere Wagen, worin sich gewöhnlich Frauen befanden, wurden umgestürzt, und manche derselben hat da schon ihren Tod gefunden.
Als die Russen, unsere Arrieregarde drängend, immer näher rückten, schlugen auch deren Kanonenkugeln in die Massen zahlreicher ein wodurch Angst und Schrecken bis zur Verzweiflung stiegen, und ein herzzerreißendes Geschrei nach Rettung unsern Standpunkt erreichte. Aus einem Dorfe, welches etwa ½ Meile an dem Flusse aufwärts lag und das wir deutlich sehen konnten, kamen in jenem Augenblick lange Züge der Unsrigen, um über die Brücke zu gelangen. Sie mochten wohl geglaubt haben, der Übergang dauere noch mehrere Tage bis sie durch den nahen Kanonendonner zur Eile gemahnt wurden nun aber ihrem Verderben entgegen gingen.
Nach etwa einer Stunde verließen wir unsern Stand und wanderten den Berg völlig in die Höhe, dann einen durch Sumpf hin-
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laufenden Weg über viele Brücken auf der Ebene fort, bis wir in der Dämmerung zu einem Städtchen gelangten, dessen Name mir entfallen ist, wo in den Häusern alles besetzt war und wir bei sehr empfindlicher Kälte und ohne die geringsten Nahrungsmittel auf der Straße unter einem Wagen übernachten mußten.
Unbegreiflich war es, daß die Russen die oben bezeichneten Brücken‚ welche sämtlich über breite, grundlose, noch nicht zugefrorene Abzugsgräben führten, nicht abgetragen und beseitigt hatten. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte sie unsere Artillerie nur mit der größten Schwierigkeit, vielleicht auch gar nicht passiren können, denn es mangelte in der Umgebung an Material, um die Brücken wieder herzustellen.
Von hier ab steigerten sich die Kälte und der Hunger immer mehr. Durch erstere zur schnellen Bewegung gezwungen, trabten wir auf der Straße hin, so rasch es die, jeden Augenblick durch Stopfung der fliehenden Masse vor einer Brücke entstehenden Hindernisse gestatteten, und gelangten gegen Abend in ein Dorf, welches Brand und Verwüstung noch nicht getroffen hatten. Hier begaben wir uns in ein Haus, welches, da wir einen ziemlichen Vorsprung erlangt hatten, nur erst von wenigen Gefährten besetzt war. Sofort wurden die Räume desselben durchstöbert, und ich fand in einer ziemlich versteckten Kammer etwas Mehl oder vielmehr Schrot, was mir wertvoller erschien, als wenn es ein Goldklumpen gewesen wäre. Es fand sogleich einen Platz in meinem Brotbeutel, und ich begab mich damit in die Stube zu meinem Kameraden.
Diese hatte sich inmittelst durch nachfolgende Rückzügler ansehnlich gefüllt, und bald folgte auch noch eine Anzahl Grenadiere der Garde, die ich bereits früher als Störenfriede bezeichnet habe, nach und drängte sich in das Zimmer ein, wodurch es so gefüllt ward, daß, wie man zu sagen pflegt, kein Apfel zur Erde fallen konnte. Hier war natürlich unsers Bleibens nicht, denn der Raum füllte sich nach und nach so an, daß sich niemand setzen konnte, wir vielmehr wie die Orgelpfeifen dicht aneinander geklemmt stehen mußten. Und wie sollten wir da den Brei bereiten, wonach uns so sehr gelüstete; ich durfte das Material dazu nicht einmal zeigen, ohne befürchten zu müssen, daß es mir die hungrigen Wölfe entreißen würden. — Wir beschlossen denn das Feld zu räumen, hatten aber große Mühe uns durch die Masse hindurchzuwinden, um ins Freie zu gelangen. Da angelangt war der erste Gedanke, wo den Brei zu kochen. Wir sahen uns nach einem Platze dazu um, dachten aber nicht gleich daran, daß dazu auch ein Kessel gehöre, was uns erst einfiel, als ich in einiger Entfernung einen Jäger vorübergehen sah, der einen Feldkessel, auf den Tornister geschnallt, trug. Ich rief ihm zu, er kam heran und wir begaben uns dann in einen benachbarten Stall oder eine
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Scheune um wegen Zubereitung der Speise das Weitere zu überlegen.
In dem Gebäude befand sich viel Stroh, und da die Sonne dem Untergange nahe war, auch die Kälte immer heftiger wurde, so beschlossen mir da zu übernachten. In der einen Wand befand sich nahe über der Erde eine Öffnung so groß, daß ein Mensch bequem hindurch kriechen konnte, die mit einer Thür verschlossen war. Ich öffnete solche und bemerkte, daß man mittelst derselben in ein kleineres Gebäude gelangte, in welchem oberhalb auf Vorsprüngen 2 Reihen Stangen in etwa 1 Fuß Entfernung nebeneinander befestigt waren. Um den Raum näher zu untersuchen, kroch ich durch das Loch, tappte im Dunkeln umher, und fand in der einen Ecke einen festen Gegenstand, in der Form eines kleinen Backofens. Halt, dachte ich, hier wird etwas verborgen sein, wobei jedoch stets der Wunsch vorherrschte, Lebensmittel zu finden. Indessen täuschte ich mich, es war in der That ein von Steinen aufgeführter hohler Körper mit einer Öffnung, in welcher ein Feuer angezündet werden konnte. dies war ein in Rußland übliches Behältnis, in welchem Flachs geröstet wurde. Diese Vorrichtung kam uns gerade recht gelegen; von dem Stroh, welches im Stalle Iag und von den Stangen wurde ein Feuer darin angezündet und darauf der Brei gekocht.
Nach dieser Mahlzeit, deren Behaglichkeit mir jetzt noch erinnerlich ist, beschlossen wir, die folgende Nacht in dem erwärmten Raume zu bleiben, umsomehr, als völlige Dunkelheit eingetreten und die Kälte sehr heftig geworden war. Auf dem von Stroh bereiteten Lager schlief ich fast wie im schönsten Bett bis der Morgen graute.
Ich fühlte mich nach dieser Ruhe zwar sehr erquickt, allein mit dem Anbruch des Tages kehrte sogleich die Sorge zurück, welche Mittel sich in Laufe desselben wohl darbieten möchten, um das Leben zu erhalten. Die Kälte war in der That sehr heftig, allein es half nichts, wir mußten aufbrechen, wenn wir nicht durch lange Zögerung dem Feinde in die Hände fallen wollten. Wir gewannen die Straße und wandelten diese in Gesellschaft tausender, die eben so elend waren als wir, in dumpfer Betäubung fort, stets bestrebt, Gegenstände zu entdecken, wodurch der Hunger gestillt werden möchte.
Gegen Abend erreichten wir wieder ein Dorf. Wie immer, so war auch hier das erste Geschäft, nach Lebensmitteln zu suchen, allein diesmal fand ich weiter nichts als einige Vorräthe von Hanfsamen, dessen Frucht überhaupt in Rußland vielfach gebaut wird. Noth bricht Eisen, und es blieb mir, um den Hunger zu stillen, nichts weiter übrig, als zu versuchen, ob dieser Hanfsamen zu genießen sein möchte. Im rohen Zustande war dies jedoch nicht möglich, indem der Geschmack dem Geruche ähnlich war, welchen der Urin von Katzen hat. Dagegen gelang es, ihn verschlingen zu können, nachdem er in
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dem Feldkessel geröstet war, wodurch sich jener Geschmack verloren hatte. Unter Dach und Fach zu gelangen, um da zu übernachten, war eines Theils, weil alle Räume überfüllt waren, nicht möglich, andern Theils auch nicht ratsam, dort einzudringen, denn es war schon vorgekommen, daß ein so mit Menschen dicht besetztes Haus in Brand geriet, und dann in der Regel mehrere davon im schlaftrunkenen Zustande ihren Tod in den Flammen fanden. Wir wählten daher unser Lager unter freiem Himmel, indem wir Stroh heranholten, dies hinter einem Hause auf dem Schnee ausbreiteten und uns neben einem angezündeten Feuer darauflegten. Müde und matt, verfiel man in den Schlaf, aber nur auf wenige Stunden, denn nach dem Erlöschen des Feuers durchdrang die Kälte die Hülle, welche man um sich hatte, und es war dann hohe Zeit das Feuer schleunigst wieder anzufachen, wenn man nicht riskieren wollte, daß einem das Blut in den Adern zu Eis frieren sollte. In ähnlicher Weise führten wir unser Leben fort und suchten solches auf mancherlei Art zu fristen.
Um diese Zeit war nur noch ein kleiner Theil von der französischen Garde wirklich kampffähig, und täglich verminderte sich deren Zahl durch Hunger und Kälte.
Die Pferde fielen wie die Fliegen, die Kavallerie schmolz immer mehr zusammen, und Kanonen-, Munitions- und andere Wagen mußten stehen gelassen werden. Öfters traf ich mit Napoleon auf der Straße zusammen. Er fuhr in einem ganz bedeckten Wagen, jedoch jederzeit bei offenen Fenstern, vor und hinter ihm eine Abtheilung Garde. Wenn sich der Zug an einer in der Straße liegenden Brücke, die immer nur halb so breit als der Weg war, stopfte, so mußte er auch halten, was er dem Anscheine nach immer ruhig tat. An dem Tage, wo wir die Stadt Malodezno erreichten, traf ich ihn etwa 1 Meile vor dieser in derselben Verfassung. Er war mit einem grauen Überrock, der wahrscheinlich mit Pelz gefüttert, bekleidet und der Kopf war mit einem roten Tuche umwunden. Ein Adjutant saß neben ihm. Sein Gesicht sah finster, aufgedunsen und etwas bräunlich-grau aus, es steht noch deutlich vor meinem Gedächtniß. Da sich der Zug immer nur langsam fortbewegte, so marschirte ich neben dem Wagen hin bis an das erste Haus der genannten Stadt, was gleich links an der Straße stand und ziemlich stattlich aussah. Vor diesem Hause war bereits eine Abtheilung der Garde aufmarschirt, und der Kaiser stieg, empfangen von einigen Generalen und anderen Offizieren aus dem Wagen, und trat nach kurzer Unterredung mit letzteren in das Haus. Mein Freund Teichmüller hatte sich an diesem Tage wieder zu mir gesellt, mit welchem, nebst Wendelstedt, ich nun weiter, durch Malodezno hinweg bis nach einem Dorfe ging, wo bereits die Dunkelheit eingetreten war. Wir suchten Quartier in irgend einem Hause, allein wir fanden kein Unterkommen
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mehr da jeder Raum dicht gefüllt war. Es blieb uns denn weiter nichts übrig, als unser Lager unter Gottes freiem Himmel zu nehmen, und wir schlugen es daher hinter einer kleinen Kirche auf. Holz fanden wir notdürftig, um uns ein Feuer anzuzünden; und brachten dann die lange Nacht unter Hunger und Frost traurig genug zu.
Bemerkenswert dürfte es sein, daß Napoleon aus dem eben bezeichneten Hause das bekannte 29ste Bulletin erließ, wodurch Europa von dem traurigen Zustande der großen französischen Armee zum ersten Male Kunde erhielt. - Wir glaubten, ihm an dem darauf folgenden Tage wieder zu begegnen, indessen dies geschah nicht, denn er war während der Nacht nach Frankreich voraus geeilt. Demnach hatte ich ihn vor jenem Hause zum letzten Male gesehen. Sollte dasselbe jetzt, nach einigen 40 Jahren, noch stehen, so wäre dies immerhin bemerkenswert für die Geschichte.
Mit Tages-Anbruch brachen wir auf, die Kälte ward immer heftiger als die Sonne aufging, und war so scharf, daß in wenigen Minuten durch den Hauch aus der Nase an beiden Seiten ein Eiszapfen in dem Schnurrbarte entstand, von der Länge und Stärke eines Fingers. Mach einigen Stunden gelangten wir in das Städtchen Smorgoni. Auf dem Wege dahin sahen wir rechts und links abwärts von der Straße einige Dörfer in vollen Flammen stehen. Uns empörte dies Verfahren der verruchten Soldateska bis in’s Innerste, allein was war gegen diese zügellose Bande zu machen? Die Disziplin hatte schon längst aufgehört zu existieren.
Auf dem Marktplatze in genannter Stadt sah ich eine beträchtliche Anzahl Soldaten auf einen Haufen gedrängt zusammen stehen. Ich vermutete sogleich, daß da irgend ein Nahrungsmittel zum Verkauf angeboten wurde, drängte mich mit hindurch und sah, daß ein französischer Soldat Branntwein, den er in einen Feldkessel gefüllt hatte, veräußerte.
Sofort hielt ich ihm eine Flasche hin (woher ich solche gleich bekommen hatte, weiß ich nicht mehr) mit dem Ersuchen, er möge etwas hineinfüllen, was er denn auch tat, jedoch nur so, daß sie etwa ½ gefüllt ward, wobei, da der Vorrat in dem Kessel zu Ende ging, noch einiger Schmutz mit unterlief. Auf die Frage, wieviel er dafür verlange? forderte er 5 Francs, also 1 Thlr. 10 Sgr., welchen Betrag ich ihm denn natürlich geben mußte. Wie ich später vernahm, so war die verwilderte Soldatenhorde in den Keller eines Juden geraten, der mit Schnapsfässern angefüllt, ihr Gelegenheit gab, die Feldkessel mit dieser Flüssigkeit zu füllen. Das ordnungsmäßige Abzapfen desselben wurde ihnen indessen zu langweilig, sie schlugen gleich die Böden der Fässer ein und schöpften den auf den Boden strömenden Branntwein auf. Der Soldat, von welchem ich solchen kaufte, mochte wohl in der Eile zu tief gekommen sein, daher ich einigen
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Moder mit erhielt. Indessen dies wurde In jener Zeit der Leiden nicht so genau genommen, und als wir vor die Stadt kamen, nahmen wir jeder einen Schluck von dem Getränk, was unsern fast erstarrten Körper ein wenig wieder aufregte. Hiermit wurde aber auch der Vorrat wieder erschöpft, was jedoch sein Gutes hatte: denn hätten wir mehr getrunken, noch dazu mit leerem Magen, so würde die Aufregung größer geworden, dann Erschlaffung, wahrscheinlich auch Schlaf erfolgt und endlich bei der enormen Kälte Erstarrung und Tod unvermeidlich gewesen sein. Der Leser wird bald erfahren, wie vorsichtig man in jener Lage bei dem Genuß von Spirituosen sein mußte, wenn nicht alsbald der Tod erfolgen sollte.
Wir wanderten nun in der gewöhnlichen Weise die Straße fort, und ich traf hier zufällig mit meinem Bataillons-Chef, dem biedern Capitain von Stein, dessen ich früher mehrfach erwähnt habe, und seinem Adjutanten Schmidt, zusammen.
Obgleich ich selbst mit Lumpen, namentlich mit einer wollenen Pferdedecke, in welcher sich bereits mehrere durch Brand entstandene Löcher befanden, umhüllt war, so erstaunte ich doch über das Kostüm meines braven Vorgesetzten, worin er sich zum Schutz gegen die grimmige Kälte hatte hüllen müssen. Er war natürlich zu Fuß, denn wer war da, wo der unerhörte Frost alles zerstörte, wohl noch im Stande, eine Stunde auf dem Pferde zu sitzen? In dem Gedränge ward ich bald von ihm getrennt, um ihn nie wieder zu sehen. Wie ich später von einem Leidensgefährten und langjährigen Freunde, dem jetzt noch lebenden Königl. Hannöverschen Oberst-Lieutenant Erck, vernommen habe, ist derselbe im Lazareth zu Königsberg Pr. bald nachher gestorben. Hier muß ich auch noch eines Kameraden erwähnen, mit dem zugleich ich die militairische Laufbahn in der vormaligen Westphälischen Armee betreten mußte. Er hieß Ohrdorf, und weise ich den Leser auf die betreffende Stelle meiner Geschichte hin. Kurz, mit diesem traf ich an dem eben bezeichneten Tage zufällig wieder zusammen, und reichte ihm auch einen Schluck Schnaps aus der bewußten Flasche. Als dieser eine Strecke mit mir gegangen war, sagte er, er verzweifle daran, so noch weiter fortzukommen, der Hunger würde ihn vernichten. Er habe daher beschlossen, von der Straße abwärts in irgend ein Dorf zu gehen, um Lebensmittel zu suchen, und Iud mich ein, ihn zu begleiten. Ich schlug ihm dies ab, ermahnte ihn vielmehr, auf der großen Straße zu bleiben, indem ich ihm das Schicksal des Soldaten, der, wie ich früher erzählt habe, jenseits Smolensk, halb nackt und blutig geschlagen an der Straße stand, vorführte. Allein er beharrte fest auf seinem Vorsatze und ging bald von der Straße ab. Was ihn für ein Schicksal getroffen hat, ist mir nicht bekannt geworden, ohne Zweifel erlag er dem Hunger oder den Streichen der Russischen Bauern.
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Gegen Abend erreichten wir ein Dorf, was nicht fern von der Straße lag, und beschlossen, dort zu übernachten.
Wir versuchten in ein Haus zu kommen, indessen dies gelang nicht, indem jeder Raum dicht besetzt war. Da die Sonne dem Untergange nahe, und die Kälte höchst empfindlich war, so gingen wir nicht weiter, bezogen vielmehr einen Lagerplatz hinter einem Hause, neben ein paar Franzosen, die sich da zwischen einigen Strohbündeln niedergelassen hatten. Wir schleppten nun ebenfalls Stroh, auch kleine Korngarben herbei, und machten unser Lager so bequem als möglich, zündeten auch ein Feuer an.
Da wo ich mein Lager aufzuschlagen hatte, befand sich im Hause, einige Fuß hoch, ein Fenster, oder vielmehr ein Loch, von etwa 1 Fuß Breite und 2/3 Fuß Höhe, durch welches ich in die Stube des Hauses sehen konnte. Diese war so angefüllt von Menschen, daß in deren Mitte nur ein kleiner Platz frei blieb, weil da das Feuer brannte.
Alle saßen oder lagen auf ausgebreitetem Stroh, und als ich später wieder in dieses Fenster sah, waren sie in tiefem Schlaf versunken. Ihre Lage hielt ich immerhin für gefährlich, denn wie leicht konnte von dem prasselnden Feuer ein Funken abspringen und das Stroh anzünden, wo dann die Schläfer, bevor sie sich besannen, schon erstickt sein konnten. Man wird bald vernehmen, in wiefern meine Befürchtung verwirklicht wurde.
Das Mitleid was ich früher gegen meine Nebenmenschen empfand, hatte sich durch Not und Elend in dem Russischen Feldzuge bedeutend vermindert, und daher war es mir ziemlich gleichgültig, wie es denen in dem Hause ergehen möchte.
Ich legte mich bei meinem Feuer nieder, und schlief ziemlich fest ein. Diese Ruhe dauerte jedoch nicht lange, etwa um Mitternacht rüttelte der Frost meine Glieder dermaßen, daß ich mich schnell von dem Lager erheben, und das fast ganz erloschene Feuer wieder auffrischen mußte.
Die neben mir liegenden Franzosen waren in gleicher Weise wach geworden, und brachten ihr Feuer in Brand.
An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, und es mochte so wohl 3 Uhr geworden sein. Da fing auf einmal die Masse von Stroh, welches die Franzosen um und unter sich, unmittelbar an dem Hause, aufgeschichtet hatten, um ein gegen die Kälte möglichst geschütztes Lager zu haben, an zu brennen, und in wenigen Augenblicken stand das Schindeldach des Hauses und bald das Gebäude selbst in lichten Flammen.
Dag Feuer ergriff im Nu das Innere des Hauses, was ganz von Nadelholz aufgeführt war, drang durch die leichte Decke der Stube, in der die Schläfer lagen, und ehe letztere zur Besinnung kamen, war die Stube so mit Rauch angefüllt, daß ein großer Theil erstickte.
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Bei der enormen Kälte war mir dieser Brand ein gar nicht unangenehmes Ereignis, denn ich konnte meinen halb erstarrten Körper dabei wieder erwärmen, was denn auch in angemessener Entfernung vom Feuer, von allen Seiten geschah. Doch gewahrte ich mit Schrecken, daß die einzige warme Umhüllung meines Kürpers, der mehrfach erwähnte Schafpelz, durch die Hitze gelitten hatte, aber glücklicherweise nicht so, daß er gänzlich unbrauchbar geworden wäre, es waren vielmehr nur einzelne Stellen, in der Größe eines Zolles und darunter, von dem Leder zusammengeschrumpft. Ereignisse, die der Mensch, in Bezug auf seine Existenz, oft als ein Unglück betrachtet, haben eben so häufig das Gegenteil in ihrem Gefolge, was, wie der Leser später sehen wird, dieser theilweise verbrannte Pelz dokumentiert. Wie viel Unglückliche in dem Hause den Tod gefunden haben, weiß ich zwar nicht, indessen daß ihre Zahl nicht geringe war, ist gewiß.
Als das Gebäude niedergebrannt war, fanden wir keine Veranlassung mehr, noch länger an dem Orte zu verweilen, daher wir in dunkler Nacht aufbrachen und nach kurzem Marsch die Straße erreichte.
In dumpfer Stimmung verfolgten wir diese. Die Sterne funkelten, der Schnee knirschte unter den Füßen, und ein scharfer Nordostwind strich, wie ein eisiger vernichtender Hauch, durch unsere Kleider.
Endlich ging die Sonne auf, aber in diesem Moment stieg die Kälte noch höher, und wir waren genöthigt, durch rasches Vorschreiten den Körper etwas zu erwärmen, was uns denn auch, freilich nur in einem geringen Grade, gelang.
Die Gegend, wo wir uns eben befanden, war freies Feld, in ziemlicher Ausdehnung, so, daß man mehrere Dörfer in der Ferne liegen sehen konnte. Diese standen aber sämtlich in Flammen, denn es schien zum System geworden zu sein, alles niederzubrennen und zu zerstören, was zur Erhaltung der nachdringenden Russen dienlich sein könnte. So kräuselte der Rauch und die Flammen von mehreren Dörfern in die Höhe, und wir zogen, in gedrückter Stimmung, dazwischen hin. Nach einiger Zeit sahen wir vor uns, dicht an der Straße, ein Haus in lichten Flammen sehen, umschlossen von einer großen Masse Menschen, die von der außtrömenden Wärme profitieren wollten.
Die Anzahl der Wärmebedürftigen blieb sich stets gleich, denn eben so viel als sich genug gewärmt hatten und weiter gingen, kamen von hinten wieder zu, wozu wir ebenfalls daß Unsrige beitrugen. Nach etwa ½ Stunde hatten wir uns von allen Seiten durchgewärmt, und setzten dann unsern Marsch in der gewöhnlichen Weise, uns immer zu dem größten Haufen haltend, auf der Straße fort.
Gegen Abend langten wir bei dem Städtchen Oßmiana an. Eine
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Stunde vor dem Orte, theilte sich der Weg in zwei Arme. Der eine ging gerade auf die Stadt Ios und durch dieselbe hin, der andere links, eine Strecke in einer Niederung fort, bei einem einzeln stehenden Hause vorbei, um die Stadt herum.
Den letztern Weg wählten wir, und als wir bei dem Hause anlangten, fand es sich, daß es eine Mühle war. Lange Zeit nicht unter Dach und Fach gekommen, begaben wir uns in dasselbe, mit dem Vorsatze, darin zu übernachten.
Es hatte nur eine einzige Stube, und diese war so von Flüchtlingen angefüllt, daß jeder von uns, als wir eingedrungen waren, eine kerzengerade Stellung annehmen mußte, da an Hinsetzen nicht zu denken war. Dennoch behagte es ums in dieser Klemme dermaßen, daß es bei unserm Entschlusse bleiben sollte, Nachts darin zuzubringen.
Dies war jedoch vom Schicksal anders beschlossen, kaum mochten wir ½ Stunde in unserer für uns behaglichen Stellung zugebracht haben, so kam die Hiobspost, die Kosacken rückten heran. Augenblicklich stürzte die ganze Gesellschaft zur Thür hinaus, und das mit solcher Hast, daß wir zunächst ganz voneinander getrennt wurden; doch kamen mir nach einiger Zeit wieder zusammen. Wir suchten nun die große Straße wieder zu gewinnen, was uns auch bald gelang.
Von diesem Augenblicke an gestaltete sich der Marsch eigenthümlich, bei dem oft ertönenden Rufe: „die Kosacken kommen,“ setzte sich die ganze Masse der Fliehenden in kurzen Trab, und blieb, so weit man vorwärts und rückwärts sehen konnte, längere Zeit in diesem Tempo, ohne daß man das Geringste vom Feinde sah.
Die Sonne war gerade nahe am Untergange, und die Kälte erreichte eine außerordentliche Höhe. In Oßmiana mochte sich für einen großen Theil der Durchmärscher dieselbe Gelegenheit zum Genuß von Branntwein gefunden haben, als in Smorgoni, und es taumelten viele auf der Straße hin, die am Ende das Gleichgewicht nicht mehr halten konnten, vielmehr zur Erde niederstürzten. Sie wurden zwar einmal von ihren Kameraden aufgerichtet, taumelten dann vielleicht noch 20—30 Schritt fort, wo sie aber wieder niederfielen, und, vielleicht anscheinend, das Leben aushauchten. Das Letztere mochten ihre Gefährten mit Gewißheit voraussetzen, denn sie nahmen sofort den Mantel und den Tornister des Gestürzten, und überließen ihn seinem Schicksale. Da sich dies Schauspiel öfters wiederholte, so merkte ich mir die einzelnen Fälle, und als wir beiläufig noch eine Stunde weit marschirt waren, auch die Dunkelheit eintrat, da war die Zahl der auf diese Weise umgekommenen Gefährten, so weit ich dies selbst beobachtet hatte, bis auf einige Vierzig gestiegen. Letztere Darstellung dürfte bei dem Leser einigen Zweifel an der Wahrheit erwecken: aber ich kann mit gutem Gewissen versichern, daß sich die Sache wirklich so verhält, als ich sie dargestellt habe. Wenn man
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erwägt, wie viele Unglückliche in jener Stunde, außer dem Kreise, den ich beobachten konnte, auf diese Weise umgekommen sind, und wenn ich bemerke, daß ich in den, jener Katastrophe vorhergehenden Tagen Stellen fand, wo bei einem erloschenen Feuer bald mehr bald weniger Gefährten, von Hunger und Kälte getödtet, im Kreise umherlagen, so ist es nicht zu verwundern, daß der Verlust an Menschenleben bei dem denkwürdigen Rückzuge erstaunlich groß gewesen sein muß.
Wie ich vorhin schon erwähnt habe, war es dunkel geworden. Wir waren an einem Punkte angelangt, wo sich die Straße wieder theilte.
Es wurde nun kurz erörtert, welchen Weg wir wohl zu nehmen hätten‚ ob den rechts, welchen die größte Menge der Gefährten verfolgte, oder den links, welchen nur wenige einschlugen. Man konnte freilich nicht weit um sich sehen, denn es war nun völlig dunkel geworden, doch schien es, wenn wir uns niederduckten, als ob der links gehende zu einem Dorfe führe, dessen Gebäude gegen die lebhaft glimmenden Sterne aufzutauchen schienen. Wir schlugen ihn ein; etwa 200 Schritte vorgeschritten, gelangten wir an eine Vertiefung, unter deren Eis- und Schneedecke wir einen Fluß vermuteten, weil das sie umgebende Terrain an beiden Seiten die Form von Ufern hatte. Nachdem dies Tal passirt war, erreichten wir nach etwa ¼ Stunde das Dorf. Das erste Gebäude links beschloß ich zu betreten; es war eine Scheune. Diese war an beiden Seiten hoch mit Getraide angefüllt. Der Raum in der Mitte war, bis auf den Boden, von Stroh gereinigt, und in dieser Vertiefung brannte, in der ganzen Länge derselben, ein Feuer, um welches an jeder Seite eine Reihe Menschen, dicht aneinander, bis an den Eingang saßen.
Hier schien kein Unterkommen zu sein; meine Gefährten gingen daher weiter in das Dorf hinein. Mir jedoch kam eine so angenehme Wärme aus der Scheune entgegen geströmt, daß ich mich veranlaßt fand, noch einmal den Versuch zu machen, ob nicht vielleicht doch noch ein Platz darin zu finden sein möchte.
Hier fällt mir ein, daß ich längere Zeit meines Pferdes nicht erwähnt habe. Dieser alte treue Schimmel war immer noch mein Begleiter. Er hatte bis dahin alles Elend mit mir überstanden und folgte mir‚ als ich in die Berezina gedrängt wurde, über die Brücke bis zu jenem Dorfe, von welchem ich eben erzählte.
Meinen Schimmel also band ich vor dem Gebäude an und trat ein. Inzwischen war an der einen Seite ein Platz leer geworden, und ich nahm diesen in Besitz.
Es war in der That ein angenehmer Aufenthalt da, indem die Luft durch das Feuer stark erwärmt wurde. Nach einiger Zeit ward ich schläfrig, und ich sah mich nach einer Stelle um, die sich zum Lager eignen möchte. Ich hielt hierzu die obere Region der Scheune
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für passend, und setzte voraus, daß es dort noch wärmer sein müßte als unten.
Mit Mühe erstieg ich den Berg Stroh, und fand oben eine ziemlich breite Ebene. In der gesteigerten Wärme befand ich mich ungemein behaglich, und ich streckte mich hin, um zu schlafen, wozu die Neigung sehr groß war. Schon schloß sich das Auge zum Schlummer; da war es mir, als ob ich träumte, daß meine Lage da gefährlich sei, und ich wurde wieder ganz wach. Nach einiger Überlegung kam ich zu dem Schluß, daß, wenn die unten bei dem Feuer Sitzenden einschliefen, was schon bei den Meisten der Fall war, durch einen abspringenden Funken, das Stroh entzündet werden könnte, und ich dann der Erste sein würde, der umkommen müßte.
Durch diesen Gedanken ward ich völlig wach, stieg sofort herunter von dem Strohberge, und verließ die Scheune.
Mein alter Schimmel war noch mit seiner Abendmahlzeit beschäftigt, indessen mußte er es sich gefallen lassen, daß ich ihn losband, und mit ihm den Weg weiter in das Dorf hinein verfolgte. Die Häuser waren im Innern alle von Menschen gefüllt, und Andere hatten ihr Lager auch an deren Wänden außerhalb aufgeschlagen. Ich trachtete nun besonders danach, meine Kameraden aufzufinden, und horchte in der Dunkelheit darauf, wo deutsch gesprochen wurde.
Nach einiger Zeit vernahm ich dies, hörte auch bekannte Stimmen, und traf dann wieder mit meinen Kameraden zusammen. Sie hatten an dem Giebel eines Hauses eine Bank von langen Balken hergerichtet und diese eingenommen, während vor ihnen ein eben so langes Feuer brannte. Ich band meinen Schimmel in einiger Entfernung an, und nahm ebenfalls auf der Bank Platz. als wir demnächst noch mehr Holz heran geschleppt hatten, begaben wir uns zur Ruhe, das heißt wir nahmen in einer Reihe neben einander auf der Bank Platz, und blieben so die ganze Nacht hindurch sitzen, möglichst dafür sorgend, daß das Feuer nicht erlosch. In dieser Stellung, wo man stets hin und her wankte, allenfalls die Schulter des Nebenmannes als Stütze findend, konnte der Schlaf natürlich nur sehr ungenügend und unruhig sein, daher denn an eine Erquickung nicht zu denken war. Wir mochten uns etwa ein paar Stunden in dieser Verfassung befunden haben, als wir bemerkten, daß nach der Gegend zu, woher wir in das Dorf gekommen waren, ein Gebäude im Feuer stand und auch niederbrannte. Dies war für uns ein sehr gewöhnliches Ereigniß, und wir achteten weiter nicht darauf. Als der Tag anbrach, rüsteten wir uns zum Abzuge, und ich begab mich an den Ort, wo ich am Abend vorher mein Pferd aufgestellt hatte. Aber man kann sich meinen Schreck wohl denken, es war verschwunden. Ich untersuchte die Umgegend, indem ich glaubte, es hätte sich vielleicht bloß verlaufen: allein es war nicht zu finden, und mi Be-
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trübniß mußte ich den Verlust dieses alten Schimmels ertragen, der mir immer so treu gedient hatte. In der That muß ich bekennen, daß mir dieser Verlust fast eben so leid that, als wenn ich einen guten Kameraden durch den Tod verloren hätte.
Wir mußten den Marsch wieder durch den Theil des Dorfes nehmen, den wir gestern passirt waren. Bei der Scheune angekommen, in welcher ich zuerst mein Nachtlager nehmen wollte, war sie eine rauchende Ruine, und wir sahen mehrere verbrannte Körper zwischen dem Schutte liegen. In diesem Augenblick stieg ein Dankgefühl zu Gott in mir auf, daß er mir einen Fingerzeig für meine Rettung gegeben hatte, denn ohne Zweifel hätte ich mich unter den Kadavern befunden, die die Ruine bedeckten. Den Zeichen und Verhältnissen nach, konnten da wohl 40 bis 50 Unglückliche den Tod gefunden haben. Wir gingen nun weiter, und gelangten, den Fluß passirend (ein solcher war es unzweifelhaft), dann bald auf die große Straße. Hier wiederholte sich, wie am Tage zuvor, das Werk der Mordbrenner, denn außer daß das Dorf, welches wir kurz zuvor verlassen hatten, schon in Flammen stand, sahen wir noch mehrere andere auflodern. Nach etwa 2 Stunden gelangten wir an eine Brücke, auf deren entgegengesetzter Seite die Straße eine mäßige Höhe hinauf führte. An dieser sah ich, schon von weitem, eine Kanone stehen. Angekommen bei derselben bemerkte ich, daß von den 6 davor gespannten Pferden nur noch eins aufrecht stand, die übrigen fünf waren niedergestürzt und todt, und daneben lagen 3 Trainknechte in ihren hellblauen Mänteln, ebenfalls todt, die Peitschen noch in der Hand.
Ich wiederhole es, daß dies die Wahrheit ist: möge sich der Leser aus diesen Bruchstücken einen Begriff machen von dem unbeschreiblichen Elende, das in jenen Schreckenstagen waltete.
Vor uns lag ein Wald, diesen erreichten wir etwa nach einer Stunde‚ und folgten der Straße, die ihn durchschnitt.
Hier kam uns ein Bataillon, oder vielmehr eine Abtheilung Truppen entgegen, was einen um so freudigeren Eindruck hervorbrachte, als wir auf dem ganzen Rückzuge nur Menschen gesehen hatten, die mit uns Rußland und dem Tode zu entrinnen im Begriff waren, und die gleich uns, in abentheuerlicher, lumpiger Kleidung einhergingen.
Jene Truppen gehörten zu einem der Westphälischen Linien-Regimenter (zum 4. oder 8., dies weiß ich nicht mehr), waren vollständig armirt und equipirt, und marschirten in guter Ordnung dem Feinde entgegen, um diesen in der Verfolgung aufzuhalten. In unseren Augen erschienen sie als saubere Puppen, während wir als matte, zerlumpte und schmutzige Schatten, langsam auf der Straße hinschlichen.
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Weiter im Walde begegneten uns noch mehr Abtheilungen, und wir schöpften schon Hoffnung, daß die ewige Hetze von den Kosacken nunmehr ihr Ende erreicht haben würde. Etwa in der Mitte des Waldes stand ein einzelnes Haus. Aus der offenen Tür und den Fenstern desselben stieg Rauch empor. Ich begab mich dahin, und sah durch eines der Fenster mehrere Soldaten bei einem Feuer, worunter einer war, der auf den Tornister ein Stück Fleisch, bestehend in der Keule von einem kleinen Schweine, festgeschnallt hatte.
Auf die Frage: ob er solches verkaufen wolle? fand er sich dazu bereit, und wir wurden um den Preis von 5 Francs einig. Die Keule wurde vorerst in einem der Brodbeutel untergebracht, um sie in dem nächsten Lager, was nicht mehr fern sein konnte, da die Sonne dem Sinken nahe war, zum Abendbrod vorzurichten. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir das Ende des Waldes, und erblickte rechts, beiläufig 500 Schritte von der Straße, ein Dorf.
Sicher gemacht durch den Gedanken, daß die Russen, da ihnen eben frische Truppen entgegen gegangen waren, in der nächsten Nacht den Ort nicht beunruhigen würden, machte ich meinen Gefährten der Vorschlag, darin zu übernachten.
Wir wendeten uns von der Straße ab, und wanderten dem Dorfe zu, wohin bereits ein sehr betretener Fußsteig führte. In dem ersten Hause nahmen wir Quartier, in Gemeinschaft mit mehreren andern Gefährten, welche bereits Feuer in dem vorhandenen Backofen angezündet hatten, wodurch die Stube angenehm erwärmt war.
Die Anwesenden bestanden aus Militairs verschiedener Länder waren aber alle mit den abenteuerlichsten Kleidungsstücken umhüllt. Neben der Thür auf einer Bank lag ein langer Bergischer Capitain hingestreckt, der aber leider seine sämtlichen Zehen dermaßen erfroren hatte, daß sie, wie sich bei dem Entblößen derselben ergab, ganz brandig geworden waren.
Er litt anscheinend bedeutende Schmerzen daran, und konnte nur mit Mühe aufrecht stehen. Wir waren nun bedacht, die erwähnte Schweinskeule zu kochen, machten die nötigen Vorrichtungen dazu und setzten den Kessel mit derselben in den Backofen.
Kaum war dies geschehen, so entstand Lärm im Dorfe, so daß man veranlaßt wurde, danach zu sehen, was geschehen sei. Da gewahrten wir Russische Kavallerie, Husaren und Kosacken, die in den Ort eingedrungen war, und bereits einige von unsern Gefährten, die die Flucht ergreifen wollten, gefangen nahmen. Wir berieten in der Eile, was unter diesen Umstande wohl zu tun sei, wobei ich vorschlug, daß es am besten sein möchte, wenn wir das Weitere in dem Hause abwarteten, indem, mit Rücksicht darauf, daß ja eben frische Truppen von uns den Russen entgegen gegangen wären, dies kleine Streifcorps, aus Furcht abgeschnitten zu werden, das Dorf gewiß
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bald wieder verlassen würde, und wir dann rasch wieder zu den Unsrigen‚ die wir noch auf der Straße marschieren sahen, stoßen könnten. Hiermit waren meine Kameraden einverstanden, und es suchte sich ein jeder einen Platz zum Sitzen oder Liegen, so gut es anging.
Ich fand mein Lager neben dem Backofen, nahm meinen Säbel von der Seite, und stellte ihn auf eine Bank. Da kam ein Russisches Bauernweib hereingestürzt, schimpfte in ihrer Sprache, was wir freilich nicht verstanden, und entfernte sich dann wieder, worauf es ruhig wurde.
Wir glaubten nun, die Russen seien wieder abmarschirt, allein leider sollten wir bald mehr erfahren. Die Tür ging auf und es trat ein Kosack, den Kantschuh in der Hand, ein, mit dem Rufe: „Pardon Kamerad“. Ich erkannte bald die Absicht des Burschen, er wollte Beute machen, was sich auch sofort dadurch bewies, daß er dem von uns, welcher ihm zunächst war, die Kleider durchsuchte, und so der Reihe nach vorging. Bevor er zu mir kam, hatte ich meine Börse, in der sich freilich nur noch eine geringe Barschaft befand, und die Uhr unter das Stroh versteckt, weshalb er bei mir nichts Erhebliches fand. Er nahm dann auch meinen Säbel von der Bank‚ zog ihn aus der Scheide, besah ihn eine Weile, wahrscheinlich um zu untersuchen, ob er scharf wäre, versuchte ihn zu zerbrechen, was indessen nicht gelang, steckte solchen wieder in die Scheide, und statt ihn mit fortzunehmen, warf er denselben auf die Bank und verließ die Stube. Ich holte das Versteckte wieder hervor, und war der Meinung, die Russen würden nunmehr wohl wieder abziehen. Allein wie man durch das Fenster sehen konnte, war dies immer noch nicht der Fall, und da es bereits dunkel wurde, so glaubten wir, daß es ratsam sei, für jetzt das Haus noch nicht zu verlassen, hoffend, daß sich später Gelegenheit finden würde, unbemerkt von den Russen abzuziehen und die Straße zu erreichen.
Wir legten uns einstweilen auf die mit Stroh und Heu bestreute Erde nieder in folgender Reihenfolge von dem Eingange in die Stube ab gerechnet: Zuerst lag mein Freund, der Lieutenant Teichmüller, dann folgte ich, neben mir der Adjutant Wendelstedt und so etwa noch 10 andere Gefährten, deren Namen ich nicht mehr weiß. Auf der Bank an der Tür lag der bergische Capitain mit den erfrorenen Füßen. Nun war zunächst unser Wunsch, daß die Schweinekeule bald genießbar sein möchte, denn der Hunger nagte entsetzlich in dem Magen. Einer der Unsrigen, der nachgesehen hatte, versicherte, daß das Fleisch in kurzer Zeit gar sein würde, und begab sich einstweilen wieder auf das Lager. Da öffnete sich auf einmal die Türe, und es traten 2 Kosacken ein, ebenfalls den Kantschuh in der Hand.
Diese riefen aber nicht sobald wie der erste Kosack, welcher uns besuchte, „Pardon Kamerad“, sondern der Eine begab sich zu dem
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Offizier auf der Bank, der Zweite zu meinem Nebenmann Teichmüller, und beide Kerle versetzten diesen unter Fluchen und grimmigen Gebärden mehrere Hiebe mit der Knute, wonach beide sofort eine aufrechte Stellung nahmen. Der Capitain versuchte zwar durch Zeichen, daß er erfrorene Glieder habe und nicht stehen könne, ihr Mitleiden zu erwecken, allein es wurde dies nicht beachtet. Dann kam auch ich an die Reihe, indessen prallten die Hiebe auf meinem Pelze dermaßen ab, daß ich nichts davon empfand. Dagegen mußten wir die Pelze ausziehen. Der von meinem Freunde war unversehrt, und der eine Kosack nahm ihn fort, der andere, welcher meinen Pelz untersuchte, bemerkte, daß er viele verbrannte Stellen hatte, und warf ihn mir wieder zu. Dies betrachtete ich als einen sehr günstigen Fall und sofort hüllte ich mich wieder in denselben ein. Hierbei muß ich bemerken, daß in dem Augenblicke, wo die Kosacken erschienen, ich meine Uhr und Börse in die Hand nahm und sie so wieder glücklich verbarg. Nun wurden wir aus dem Hause hinausgetrieben in Gottes freie Natur und unserm Schicksal überlassen.
Die Kälte war von ungeheurer Strenge, mein Freund Teichmüller, mit dem ich mich in der Dunkelheit wiederfand, brach fast vor Frost zusammen, indem ihm der Pelz mangelte, und es war ein Glück für ihn, daß ich den meinigen behalten hatte, indem ich, so gut es anging, seinen Körper damit umhüllte. Wir hatten erst den Vorsatz, nach der Straße hinüber und dann diese fortzugehen, so weit wir kommen könnten: allein die Kälte, die Dunkelheit und ganz besonders unsere Mattigkeit, nöthigten uns, lieber im Dorfe zu bleiben und ein Nachtlager in einem Hause, Stalle oder Scheune aufzusuchen um da den Tag abzuwarten. In einiger Entfernung vor uns bemerkte ich ein Haus, auf das wir losstürmten und einen Eingang fanden. Ich öffnete die Tür, trat ein und befand mich, dem Herumtappen mit den Händen nach, in einem Stalle, in welchem Stroh lag. Bei weiterer Untersuchung fühlte ich eine Leiter an der Wand stehend und folgerte daraus, daß weiter oben ein Raum sein müsse, auf dem man sich vielleicht lagern könne, und es wäre für uns schon erwünscht genug gewesen, wenn wir die Nacht nur unter Dach und Fach hätten zubringen können. Ich schickte mich daher an, die Leiter zu erklimmen, da hörte ich ganz nahe bei uns menschliche Stimmen und fand indem ich mich der Richtung, woher sie kamen zuwandte, daß hinter einer sich vor mir befindlichen Türe gesprochen wurde. Diese öffnete ich und wir traten in eine mit Kiehnspahnlicht erleuchtete Bauernstube.
In dieser spazierte eben ein kleiner, mit einem hellgrauen Rock bekleideter Mann ohne Kopfbedeckung umher.
Als er uns gewahr ward, trat er vor mich, und indem er dies tat, fragte ich ihn, ob er Deutsch spräche? Er erwiderte ja! was wir
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wollten Ich sagte ihm nun, wir seien ein paar gefangene Deutsche Offiziere und wollten ihn bitten, zu gestatten, daß wir uns hier ein wenig erwärmen dürften. Er gab seine Erlaubnis dazu, und wir waren schon herzensfroh uns einmal recht ordentlich durchwärmen zu können, als nach wenigen Minuten durch die entgegengesetzte Thür ein Kosack, wieder den Kantschuh in der Hand, eintrat und uns aus der Stube hinaus ins Freie trieb, wobei es wieder einige Hiebe setzte, welche mein Kamerad, ohne Pelz, immer schmerzhafter empfand als ich, obgleich die Streiche auf meiner Hülle viel hörbarer waren, als auf der seinigen.
So standen wir wieder unter Gottes freiem Himmel, sein Obdach bei der grimmigen Kälte, durch Hunger und unerhörte Strapazen krank und schwach, so daß mein Gefährte schon ganz an Rettung aus der jämmerlichen Lage verzweifelte. Nicht weit von uns im Dorfe brannte ein Feuer, wir wankten dahin und fanden, daß es von Russen umringt war. Ohne Scheu drängte ich mich in den Kreis und zog meinen Freund so zu sagen gewaltsam nach.
Die Kosacken machten willig Platz, und nun wurden wir zwar von vorn erwärmt, aber der entgegengesetzte Theil des Körpers blieb dem Erfrieren nahe. Es fanden sich noch einige Gefangene ein, die in den Kreis traten, was die Russen ruhig geschehen ließen. Hierunter befand sich, wie ich noch weiß, ein Französischer Compagnie Chirurgus‚ ein junger Bursche, kenntlich durch die hellblaue Uniform und den dreieckigen Hut, der wahrscheinlich erst kürzlich mit den nachgerückten Truppen bis dahin gekommen war: denn er sah, wie ich bei dem hellen Feuer bemerken konnte, im Gesicht noch ganz reinlich und frisch aus.
Daß wir in dieser Lage während der noch so langen Nacht nicht bleiben konnten, war klar, und ich äußerte daher gegen meinen Gefährten diesen Zweifel, mit der Bemerkung, daß wir, obgleich mehrere Male zurückgewiesen, dennoch den Versuch machen müßten, sei es in einem Hause, Stalle oder Scheune unterzukommen. Dieser war jedoch nicht damit einverstanden, indem er besorgte, wiederum mit dem Kantholz traktiert zu werden; er wollte lieber bei dem Feuer stehen bleiben. Überzeugt von der Unmöglichkeit, die ganze lange Nacht in der Stellung zu verbringen, wovon ein gräßlicher Tod die sichere Folge sein mußte, forderte ich ihn fast mit Barschheit auf, mir zu folgen, indem ich auf ein in der Ferne stehendes langes Gebäude, das ich gegen den Schimmer der funkelnden Sterne für eine Scheune hielt, was es auch wirklich war, zuging. Wir mochten uns so etwa 50 Schritte fortbewegt haben, da rannte ich in der Dunkelheit mit einem Menschen zusammen, den ich ebenfalls gegen das Sternenlicht für einen russischen Husaren erkannte.
Dieser mochte mich auch sogleich für einen Gefangenen halten,
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und begann sofort meine Lumpen zu durchsuchen. Er fand auch bald meine Uhr und Börse, die ich beide in die eine Seitentasche meines Rockes gesteckt hatte, nahm sie als gute Beute und suchte weiter. In der andern Tasche steckte mein Tagebuch, worin ich seit meiner Anwesenheit in Rußland die wichtigsten Erlebnisse kurz notiert hatte. Dies fand er alles durch Handgriffe bald und gesellte solches den andern Sachen zu. Der Verlust des Geldes und der Uhr war mir ziemlich gleichgültig, denn Lebensmittel dafür zu kaufen, fehlte es ja doch gänzlich an Gelegenheit. Dagegen empfand ich den Raub des Tagebuchs schmerzlich: denn wenn ich auch damals nicht entfernt daran dachte, in Zukunft eine Geschichte über meine Erlebnisse zu schreiben, so glaubte ich doch, daß mancher meiner Freunde, wenn ich das Vaterland wieder erreichte, diese Notizen mit Interesse und Teilnahme lesen würde. Daß ich so glücklich sein würde, diese Erfahrungen, worunter viele so herbe waren, treu in meinem Gedächtniß so viele Jahre aufbewahren zu können, konnte ich damals nicht erwarten, mithin war und blieb der Verlust dieses Buches ein betrübendes Ereignis für mich. Nach diesem Zwischenfalle steuerte ich mit meinem Gefährten in der begonnenen Richtung vorwärts auf das lange Gebäude zu und wir langten vor dem Eingange desselben an. Aber, o Schicksal! es war eine russische Schildwacht davor aufgestellt, die uns zurückwies. Was war nun zu tun? Ein anderes Obdach zu suchen, war weitläufig, und eins zu finden, schien auch nicht einmal möglich zu sein, da das ganze Dorf vom Feinde besetzt war. Ich beschloß daher zu warten, indem ich voraussetzte, daß doch wohl noch eine Gelegenheit eintreten möchte, bei welcher wir in die Scheune eindringen könnten, — und sie kam bald. In der Scheune lag nämlich viel Getreide aufgespeichert, wovon die Russen den Bedarf für ihre Pferde entnahmen. Wir mochten vielleicht 1/4 Stunde geharrt haben, da kam eine Abtheilung Husaren an, um aus dem Gebäude zu fouragieren. Es mochten vielleicht 12— 15 Mann sein welche auf die Thür losgingen, ich packte meinen Gefährten am Kragen, und als der Letzte von dem Zuge uns gegenüber war, schlossen wir uns rasch hinten an, und kamen so, ohne daß es der Posten in der Dunkelheit gewahr wurde, glücklich in die Scheune.
In der Mitte dieser ging ein Gang über Stroh zwischen hoch aufgespeichertem Getreide hin in den hintern Theil derselben, wo ein großes Feuer brannte, durch welches das ganze Innere erleuchtet wurde. Dorthin, wo jedenfalls feindliche Offiziere ihren Ruheplatz aufgeschlagen hatten, trauten wir uns nicht zu gehen, Wir beschlossen vielmehr gleich links auf das Getreide zu klettern, was denn auch geschah. Wir gruben uns möglichst tief in dasselbe ein, um einigen Schutz gegen den naseweisen Wind zu haben, der die Scheune
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durchpfiff, denn die Umgebung derselben bestand statt aus einer festen Wand, blos aus einem Flechtzaune. Wir krochen nun in die gemachte Höhle und schmiegten uns dicht aneinander, indem ich Teichmüller noch möglichst mit meinem Pelze umwickelte, und glaubten uns so gegenseitig etwas zu erwärmen. Hieran war aber, wie wir bald fanden, gar nicht zu denken, denn die Kälte war zu groß, auf Wärme aus dem Innern des Körpers war nicht zu hoffen, der Magen befand sich seit 24 Stunden ganz leer und das völlig von dem Frost durchdrungene Stroh schien uns eine Hülle von Eis zu sein. Wir befanden uns in der That in einer höchst betrübten Lage, und wenn wir an die lange Nacht, die uns noch bevorstand, dachten, so würde es wohl nicht so sehr auffällig gewesen sein, wenn uns die völlige Verzweiflung erfaßt hätte.
Bei meinem Kameraden war dies so schon im hohen Grade der Fall, dagegen verlor ich das Vertrauen auf endliche Rettung aus der jämmerlichen Lage nicht, obgleich es mir unklar war, wie dies geschehen solle.
So lagen wir dann da und horchten auf das, was über und neben uns vorging, der Schlaf, den wir uns sehnlichst herbei wünschten, fand sich nicht ein, was vielleicht zu unserm Besten war, da es leicht sein konnte, daß wir nicht wieder erwacht, vielmehr von Frost erstarrt des Todes gewesen wären. Aus dem Geräusch, was eine Strecke von unseren Füßen entstand, folgerten wir, daß da das Stroh als Fourage für die Pferde fortgenommen würde. Dies war auch wirklich der Fall, denn das Gerassel rückte uns immer näher. Endlich kam es ganz nahe, und zwar so, daß bald ein Theil meiner Beine von der Decke frei zum Vorschein kamen.
Da sagte ein Russe in seiner Sprache, was ist das! faßte den Gegenstand und nöthigte den dazu gehörigen übrigen Theil meines Körpers, aus dem Versteck hervorzukriechen, worauf mein Freund bald nachfolgte. Da die Scheune durch das weiter hinten brennende Feuer ziemlich erhellt wurde, so konnte ich deutlich bemerken, daß der Mensch, der uns aus unserm Schlupfwinkel aufgestöbert haste, ein Russischer Husar war. Wir suchten ihm nun bemerklich zu machen, daß wir Gefangene wären, was freilich nicht nötig gewesen wäre, denn dies sah er allein schon an unserer zerlumpten Kleidung. Aber auch hier, so wie in dem Hause aus dem mir zuletzt vertrieben waren, fragte ich den Husar, ob er Deutsch verstände? Merkwürdig genug, denn er antwortete: A Pissel, a Pissel. Darauf sagte ich ihm, wir seien ein paar gefangene Offiziere, er möge uns gestatten, hier in der Scheune das Nachtquartier zu nehmen, denn draußen müßten wir ja erfrieren. Er erwiderte, indem er auf die Kornbanse zeigte, „hier nix, alles furt, furt, furt“, nach dem Durchgang zeigend, könnten wir
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uns in das Stroh legen. Ich äußerte nun mein Verlangen gegen ihn, zu erfahren, wo er das Deutsche gelernt habe, worauf er, freilich sehr gebrochen erwidert, in der Schweiz unter Suwarow.
Gern hätte ich ihm für seine Menschenfreundlichkeit eine Belohnung gegeben, denn er machte nicht die geringste Anstalt, uns zu visitieren, allein ich hatte auch weiter nicht die Probe, als meine Lumpen auf dem Leibe. Ich fragte meinen Freund, ob er nicht vielleicht noch etwas habe, da sagte er, ein Tabaksbeutel befände sich noch in seiner Rocktasche. Diesen zog er heraus und gab ihn dem Husaren, womit derselbe zufrieden zu sein schien.
Nun begaben wir uns in den Durchgang und gruben uns in dem da mehrere Fuß hoch liegenden Stroh so tief ein, als es gehen wollte, streckten uns in der Gruft nieder und suchten das nebenliegende Stroh über uns wegzubreiten, in der Hoffnung, das wir hier ein wärmeres Lager gefunden haben würden, als in dem Korne. Indessen verspürten wir wenig oder gar nichts von zunehmender Wärme, der Körper war einmal in einer Verfassung, wo alle Ausdünstung stockte, die Starrheit der Glieder blieb sich gleich. So lagen wir mehrere Stunden in unserem Dachsbaue, einige Male gingen Menschen über uns weg, wovon wir indessen wegen der dicken Strohdecke, die auf uns lag, wenig empfanden. Da entstand wieder ein Geräusch zu unseren Füßen, wobei sich mehrere Stimmen erhoben. Bald vernahmen wir, daß noch mehr Stroh auf uns geworfen wurde, und folgerten daraus, daß man im Begriff sei, einen Platz herzustellen, um da ein Feuer anzuzünden. Dies hörte man denn auch bald knistern und mehrere Personen um dasselbe Platz nehmen.
Wenn wir auch mit der Bildung einer größeren Decke über uns zufrieden waren, so wandelte Einem doch eine gewisse Besorgnis an, daß das Feuer, wenn die Soldaten einschliefen, sich weiter verbreiten, uns erfassen und braten könne. Doch Noth und Elend hatten uns so weit gebracht, daß wir unsere Sache auf Nichts setzten und ruhig eingeschlafen wären, wenn es Kälte und Hunger nur zugelassen hätten. Nachher wurden auch sogar Pferde über uns weggeführt, allein wir hatten gar keine Beschwerde davon. So lagen wir denn geplagt von trostlosen Gedanken, und nie war mir eine Nacht so lang geworden als diese. Endlich glaubten wir zu bemerken, daß sie zu Ende sei, denn es wurden von dem hintern Theile der Scheune her mehrere Male Pferde über uns fortgebracht. Auch geriet die Mannschaft vor dem Feuer zu unsern Füßen in Bewegung. Da sagte ich zu meinem Gefährten, das es nun Zeit sei, aus dem Grabe hervorzusteigen und weiter zu gehen. Damit war er aber gar nicht einverstanden, vielmehr äußerte er große Furcht vor Schlägen, wenn wir uns unter den Russen sehen ließen. Ich machte ihm begreiflich, daß es gerade jetzt, da das Russische Militair noch da sei, Zeit wäre, aus dem
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Dorfe zu entkommen, da wir später jedenfalls der Wut der Bauern verfallen würden. Und überhaupt sei doch bei längerem Verbleiben in unserem Schlupfwinkel nichts anderes zu erwarten, als daß wir Hungers sterben müßten. Halb mit Gewalt brachte ich ihn dahin, daß er Hand mit anlegte, wir räumten das Stroh über uns weg und erreichten das Freie.
Es war bereits heller Tag. Die noch bei dem Feuer weilenden Husaren starrten uns an und mochten uns wohl für Wesen halten, die eben aus der Unterwelt emporstiegen. Am Eingange der Scheune sah ich einen Russischen Husaren- Offizier stehen, ein hübscher, Iang gewachsener Mann. Ich ging auf ihn zu und fragte sogleich, ob er der Deutschen Sprache mächtig sei? Er bejahte dies und sagte, was wir wollten. Mein Vortrag war nun, daß wir zwei gefangene Offiziere und Deutsche wären. Durch Kälte erstarrt, wünschten wir uns irgendwo ein wenig zu wärmen, und ersuchten ihn, zu gestatten, daß wir in ein Bauernhaus, das ich ihm von Weitem zeigte, gehen dürften. Er erwiderte: dies zu gestatten, dazu habe er keine Befugnis. Nun sagte ich, dann möge er wenigstens erlauben, daß wir uns eine kurze Zeit bei dem Feuer, was in der Scheune noch brenne, niedersetzen dürften. Dagegen hatte er nichts einzuwenden und wir setzten uns dabei nieder. Hier mochten wir vielleicht 5 Minuten gesessen haben, als mit großem Spektakel ein Bauernweib mit einem Strick in der Hand herbeigestürzt kam, und unter fortwährendem Schimpfen sofort unsere Rücken damit bearbeitete, so daß wir am Ende ihr weichen mußten. Der Offizier stand noch da und sah diese Exekution lächelnd mit an.
Ich ging dann wieder auf ihn zu und fragte, was das Weib wolle? Er erwiderte, die Frau triebe uns aus dem Grunde aus der Scheune, weil sie befürchte, daß wir sie in Brand steckten. Zugleich machte er die Bemerkung, warum wir denn auf unserm Zuge Alles niedergebrannt hätten? Ich erwiderte hierauf, ich und mein Kamerad hätten nichts niedergebrannt, und betrachteten dies Verfahren stets als eine Barbarei, die zu nichts nütze.
Weiter wünschte er zu wissen, warum wir nach Rußland gegangen wären, worauf ich bemerkte, daß er sich diese Frage selbst beantworten möge, und entfernte mich mit meinem Gefährten. Auf dem Platze im Dorfe glimmte noch ein Feuer, bei dem zwei Russen, wahrscheinlich Marketender, saßen.
Sie ließen es geschehen, daß wir uns bei ihnen niedersetzten. Wir fanden da einige Knochen im Schnee liegen, von denen das Fleisch nicht ganz rein abgemacht war. Sie waren gefroren so hart wie ein Stein, wir hielten solche dicht an’s Feuer, und nachdem das Fleisch etwas weich geworden war, nagten wir es mit der größten Begierde ab, wie ein Hund.
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Nicht fern von diesem Feuer stand ein etwa halbjähriges Kalb, die Kosacken zeigten darauf hin und machten solche Zeichen, als ob sie uns sagten, wir sollten ihm den Hals abschneiden und dann davon kochen.
Dies war so weit recht menschenfreundlich, allein womit sollten mir es schlachten, es fehlte uns jedes Instrument dazu, und dann war es auch immer ein Wagnis: hätten es die Bauern bemerkt, so würden diese uns bald den Garaus gemacht haben, denn so weit war es in jener Zeit gekommen, daß es dem Bauernvolk ganz einerlei war, ob sie einen gefangenen Franzosen oder einen Hund todtschlugen. Das Militär zog ab und mit ihm auch die Marketender. Wir blieben nun allein da sitzen, und da ich meine Kopfbedeckung eingebüßt hatte, so genierte mich der kalte Luftzug an den Ohren und der Nase. Um dies zu verhüten, beschloß ich irgend ein Stück Zeug zur Umhüllung aufzusuchen, dergleichen nicht schwer zu finden war, weil man fast aller Orte Kleidungsstücke von umgekommenen Soldaten liegen sah. Ich begab mich daher in einen nicht weit von unserm Feuer befindlichen Stall und sah in der einen Ecke desselben etwas liegen, was ein solches zu sein schien. In der That war es eine Soldatenjacke (Polizeijacke genannt) von weißer, oder vielmehr von vergilbter Farbe, auf den Metallknöpfen stand eine 4, sie war mithin vom 4. Westphälischen Regiment. Diese nahm ich, ohne sie weiter zu untersuchen, ob sie rein war, schlug sie um den Kopf, so, daß nur die Augen frei blieben, und schlang dann die Ärmel so um den Hals, daß ich sie vorn zusammen knöpfen konnte. In diesem Aufzuge ging ich wieder zu meinem Gefährten, der sich am Feuer niedergekauert hatte und da unbeweglich saß. Ich hielt es nun an der Zeit, aufzubrechen, um die Straße zu erreichen und diese, in der Richtung nach Wilna zu, zu verfolgen.
Um meinen Freund zu nötigen, mir zu folgen, stieß ich ihn an, er blickte auf und schien mich in meinem Kopfputze gar nicht zu erkennen, bis ich mich erst durch den Ton meiner Sprache ihm erkennbar machte. Nun forderte ich ihn auf, aufzustehen, mit der Bedeutung, daß wir weiter gehen wollten, worauf er sagte, daß er nicht mehr fort könne, mit der Erklärung, daß er da krepieren wolle. Durch dringendes Zureden brachte ich ihn jedoch so weit, das er sich erhob und mir in der Art folgte, daß ich einen Theil meines Pelzes um ihn schlang. Wir gingen der Straße zu, sie war mit marschierender Russischer Artillerie bedeckt. Kaum dort angelangt, stürzten auch gleich einige Artilleristen auf uns zu und fingen an zu visitieren, fanden jedoch nichts und ließen uns gehen. Kaum 100 Schritt weiter vorgerückt, wiederholte sich die Durchsuchung, natürlich auch ohne Erfolg, und so ging die Sache noch viele Male fort. Höchst, unangenehm war es bei diesen Visitationen, daß einem die Kleider völlig
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aus einander gerissen wurden, so daß die mörderliche Kälte aller Orten eindringen konnte.
Noch muß ich bemerken, daß ich in der Umhüllung meines Kopfes einige Insekten, die man nicht gern nennt, verspürte, und die, indem sie etwas erwärmt waren, mich durch ihren Biß ziemlich unangenehm berührten.
Die Straße lief auf einer Höhe hin und machte einen großen Bogen, wahrscheinlich, weil sich an der einen Seite, der linken, ein Sumpf befand, was man damals bei ellenhohem Schnee freilich nicht sehen konnte. Wir hörten Kanonenfeuer und sahen auch in der Entfernung von etwa einer Meile sogar den Rauch von den Geschützen aufsteigen. Da fiel mir ein, zu versuchen, ob wohl die Unsrigen, wenn ich die Grundlinie des Dreiecks, dessen Spitze in den größten Bogen der Straße fiel, möglichst rasch durchschritte, wieder zu erreichen wären.
Ich theilte diese Ansicht meinem Gefährten mit, allein dieser erklärte, unbedingt auf der Straße zu bleiben, es möchte gehen wie es wolle.
Sogleich konnte ich mich jedoch von dem Gedanken nicht trennen, und ich ging von der Straße ab, die Richtung nach dem Kanonendonner zu nehmend. Aber noch nicht 20 Schritte war ich in dem Schnee, der mir bei jedem Tritt bis an die Knie reichte, vorgedrungen, da kehrte ich auch schon wieder nach der Straße zurück, die Unmöglichkeit einsehend, mein Ziel auf diese Art zu erreichen.
Am andern Morgen nach dieser zweiten schlaflosen Nacht hatte ich meinen Freund in dem Gedränge verloren, ich ging hinaus, ihn zu suchen.
Hierbei gewahrte ich mehrere todte Pferde in dem großen Stalle am Hause liegen, und sogleich steigerte sich mein Hunger, ich möchte fast sagen bis zur Wut. Ich sah mich nach einem Instrumente um, mit dem ein Stück von den knochenhart gefrorenen Tieren Ioszutrennen sein möchte. Im inneren Winkel des Stalles fand ich eine vom Gefäß abgebrochene Säbelklinge, diese nahm ich, und hieb so lange auf den Klumpen eines Kadavers ein, bis ein Stück Fleisch absprang. Dies suchte ich an der Säbelspitze zu befestigen, hielt es an ein Feuer, und nachdem es von der Hitze aufgetaut war, verschlang ich es wie ein hungriger Wolf.
Hiernach bekam ich sogleich einen brennenden Durst, und ich begab mich in das Freie hinaus, um diesen durch Auflecken von Schnee zu stillen, da bemerkte ich, daß ein kleiner Stall eben in Flammen aufgegangen war. Durch die Hitze war der zunächst Iiegende Schnee geschmolzen, und es hatte sich die dadurch entstandene Flüssigkeit in einer nahen Vertiefung gesammelt. Hiervon führte ich einige Hände voll zu Mund und Magen, und fühlte mich dadurch möglichst erquickt.
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Während dem marschirte immer noch Russische Artillerie auf der Straße vorüber, und es kam ein Trainknecht auf mich zugestürzt, der sogleich begann, meine Lumpen nach Beute zu durchsuchen. Er fand weiter nichts als ein Medaillon von einer Freundin, welches ich auf der bloßen Brust ihr zum Andenken trug. Dies, eingefaßt mit vergoldeten Rahmen, wollte er sofort abreißen, allein da ich wußte, daß jeder Russe die größte Ehrfurcht vor der Mutter Gottes hatte, so gebrauchte ich sofort die List, ihm durch Zeichen bemerklich zu machen, daß dies eine Heilige sei, was mir auch völlig gelang, denn er ließ sogleich die Hand davon ab. Nun begab ich mich wieder in den Stall, und suchte wieder nach meinem Freunde Teichmüller. Beim Hineingehen bemerkte ich, daß mehrere Gefangene aus dem Wirths-hause ungehindert fortgingen, und die Straße nach Wilna zu verfolgten.
Ich fand Teichmüller schon halb todt bei meinem eben verlöschenden Feuer, im Stalle auf der Erde sitzend.
Bei allem Elend hatte ich den Muth noch nicht verloren, nach Wilna zu gehen, und ich theilte ihm diesen Entschluß mit, indem ich ihn aufforderte, mich zu begleiten. Er weigerte sich wieder mit der Bemerkung: ich kann nicht weiter und will hier krepieren. Alles Bitten half nichts, und wollte ich nicht selbst umkommen, so mußte ich ihn verlassen, um ihn nie wieder zu sehen. Die Straße führte durch das in der Nähe liegende Dorf; etwa in der Mitte desselben angelangt, faßten mich zwei russische Soldaten, führten mich in einen Stall, und untersuchten erst meine Kleider (eigentlich Lumpen) und als sie da etwa erhofftes Geld nicht fanden, zogen sie mir die Stiefel aus, gewiß in dem Glauben, daß in diesen Geld stecken möchte, aber auch hierin war nichts; und da zu meinem Glück keine Sohlen mehr darunter waren, warfen sie mir solche wieder zu, und ließen mich ungeschoren. Was hätte ich auch anfangen sollen, wenn mir die Stiefel genommen worden wären. In zerrissenen Strümpfen, bei einer Kälte von einigen 20 Graden im fußtiefen Schnee zu gehen, möchte doch wohl alsbald das knochenharte frieren der Füße zur Folge gehabt haben, wodurch dann mein Lauf natürlich für ewig dort gehemmt worden wäre. Ich ging nun im Dorfe weiter; als ich an das Ende desselben gelangte, kamen zwei Bauern auf mich losgestürzt, jeder einen Infanteriesäbel in der Hand, und forderten mir meinen Pelz, die einzige Decke meines Körpers, welche denselben gegen Erstarrung schützte, ab. Im ersten Augenblick war ich Willens, dem einen der Angreifer das Messer zu entreißen, und dann Beide in die Flucht zu schlagen; allein ich dachte, viele Hunde sind des Hasen Tod; denn das ganze Dorf war von den Russen besetzt. Deshalb zog ich meinen halbverbrannten Pelz aus, und übergab ihn den Banditen. Da drang die Kälte fast unmittelbar auf die Haut, und es schien nun-
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mehr sicher zu sein, daß die Vorsehung beschlossen habe: „bis hierher und nicht weiter.“
Gleich außerhalb des Dorfes glimmte ein kleines Feuer, wahrscheinlich ein Überbleibsel von den Wachtfeuern der Russen, an dem ich stehen blieb. Anfangs verzweifelte ich an dem Weiterkommen, aber bald ermannte ich mich wieder, steckte die von Schmutz und Frost schwarz gewordenen Hände in den Hosenlatz, und trabte auf der Wilnaer Straße fort. So mochte ich mich etwa 1/4 Stunde fortbewegt haben, da hatte die Straße einen Abhang, und ich sah in der Vertiefung einen Fourgon stehen, dessen Deckel zurückgeschlagen war. Aus dem Wagen schimmerte etwas Weißes hervor, und je näher ich demselben kam, destomehr steigerte sich die Hoffnung, daß dies ein Pelz sein könnte, dies war denn auch wirklich der Fall, und ich trat sofort an den Wagen heran, packte den weißen Hasenpelz, riß ihn, unbekümmert wem er zur Decke dienen möchte, heraus, und hing ihn um, wobei gleich der Muth wieder zurückkehrte, dem Elend noch weiter Trotz zu bieten.
Auf der Straße gingen noch einzelne Gefangene, allein obgleich ich alle meine Freunde verloren hatte, so schloß ich mich dennoch keinem derselben an, sondern setzte den Weg, in der Hoffnung auf Gottes Hülfe, einsam fort. Gegen die Kälte war ich durch den erbeuteten Pelz einigermaßen geschützt, allein der Hunger nagte an dem Magen, und doch fand ich zunächst kein Mittel, ihn zu stillen, bis ich nach längerem Gehen auf der Straße einen kleinen Haufen Hafer fand, welchen ein Kavallerist aus dem Futtersack verloren haben mochte. Diesen Hafer zerkaute ich, und sog die mehligen Theile in den Magen. Freilich hielt dies nicht lange vor, allein wo sollte Speise herkommen? Eine Stunde etwa später fand ich eine junge Kuh todt auf der Straße liegen, von der ich gern ein Stück Fleisch abgeschnitten hätte, um es noch zu verzehren, allein ich hatte so wenig einen Säbel als ein Messer, und war nur froh, daß ich etwas von dem Blute, welches aus der Wunde am Halse (denn man hatte dem Stück die Kehle abgeschnitten) in den Schnee geflossen war, genießen konnte. So wankte ich immer weiter fort, und gelangte gegen Abend an ein Juden-Wirthshaus, wo eine Abtheilung Kosacken die Gefangenen aufhielt. Die Anzahl der Gefangenen hatte sich hier bis auf etwa 800 Mann gesammelt, und alle wurden in das Haus, ohne Thüren und Fenster, getrieben, und natürlich ich auch mit. Die Räume in diesen 4 Wänden waren jedoch zu klein, um eine solche Menge Menschen zu fassen, und wir Iagen darin 4 Mann hoch, wie die eingepökelten Heringe. Hier kam es darauf an, nicht unten hin zu kommen, man würde sonst ohne Barmherzigkeit erdrückt worden sein, daher ich denn alle die Kräfte, welche mir noch übrig geblieben waren, anwendete, immer oben zu bleiben, was mir denn auch gelang. Mit-
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unter entstand Schlägerei unter den Polnischen und Französischen Gefangenen, indem Erstere behaupteten, Letztere seien Schuld an ihrem Elend, worin sie zum Theil wohl nicht ganz Unrecht hatten, doch konnte die Soldaten die Schuld weniger treffen, als ihren obersten Anführer, aber der hatte sich davon gemacht. —
Man kann sich wohl denken, was für ein Krawall dort die ganze Nacht hindurch statt fand; an schlafen war nicht zu denken, der Hunger nagte immer fort und fort, und doch war nicht die mindeste Aussicht vorhanden, ihn stillen zu können. Fast fing ich an meinen Kamerad, den ich am Tage zuvor sterbend zurücklassen mußte, zu beneiden; denn dieser war ohne Zweifel bereits hinüber gegangen, in ein Land, wo Friede herrscht, und somit dem Elende hier entrückt.
Die Nacht war für mich eine Ewigkeit, doch endlich ward es Tag, und wir wurden herausgetrieben auf die Straße, wo eine lange Zeit hinging, bis wir einigermaßen formiert wurden, und man kann sich wohl denken, wie Einem zu Mute war, etwa 1 Stunde bei 24 bis 26 Grad Kälte im scharfen Nordost-Winde, in gänzlich zerrissenen Lumpen zu stehen, hungrig wie ein Wolf. Nachdem das Haus leer geworden war, sah man 30—40 Todte darin liegen, die erstickt oder verhungert sein mochten. Endlich ging der Zug, in Begleitung von einigen Russischen Infanteristen, in der Richtung nach Wilna zu, vorwärts, und In etwa 2 Stunden rückten wir in den ersehnten Ort ein, den wir als das Ende unserer Leiden betrachteten, was jedoch nur Täuschung war.
Hier sah man bald andere große Züge von Gefangenen, die in den Straßen hin- und hergetrieben wurden, und mehrere Male mußten wir Halt machen, um Kolonnen, die aus einer Querstraße kommend, auf unsere Spitze trafen, erst vorüber zu lassen. Dies dauerte oftmals sehr lange: bei Gelegenheit eines solchen Halts, blickte ich zur Erde und fand eine Kartoffel im Schnee liegend, die, obgleich hart gefroren, zu zerbeißen ich bemüht war weil dies aber nicht gehen wollte, steckte ich sie in die Tasche, um sie bei dem nächsten Feuer auftauen und verschlingen zu können.
Dann versuchte ich einmal, mich an einen vorbeiziehenden Zug Gefangener anzuschließen, in der Meinung, die Leute marschirten an einen Ort, wo ihnen Nahrung gereicht werden sollte. Dies bekam mir aber sehr übel, denn ein in der Nähe stehender Wachtposten, den ich im Gedränge nicht gesehen hatte, gab mir beim Heraustreten einen Schlag mit der Muskete an den Kopf, daß ich einen Augenblick ganz besinnungslos wurde; doch erholte ich mich bald wieder, und blieb in der ersten Kolonne. Nach langem Stehen rückten wir wieder etwas weiter, mußten aber nochmals halten, indem abermals ein Zug Gefangener aus einer Querstraße vorüber marschirte. Da kam ein Russischer Soldat mit einem Brode unter dem Arme, welcher, wegen des
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Vorbeimarsches der Gefangenen, seinen Weg nicht geradeaus fortsetzen konnte, und nunmehr rechts sich durch unsere Kolonne hindurch arbeiten wollte. Kaum hatte er die ersten Rotten erreicht, so schossen die nächsten wie wüthend auf ihn los, entrissen ihm das Brod, und In einem Augenblick war dasselbe in viele Stücke zerstoben. Es passirte dies ganz in meiner Nähe, aber es ging alles so rasch zu, daß ich keine Zeit hatte, Hand mit anzulegen, mithin von der Beute nichts erlangen konnte. Betrübt hierüber blickte ich vor mir nieder, und gewahrte im Schnee einen Gegenstand, der die Gestalt eines Stückchens Brod hatte. Ich nahm denselben auf, machte den Schnee ab, und fand zu meiner großen Befriedigung ein Stück Brod von der Größe einer innern Hand. Ich verschlang es mit großer Begierde, denn seit langer Zeit kannte man den Geschmack von Brod nicht mehr.
Nun setzten wir uns wieder in Bewegung, und nach einem kurzen Marsche wurden wir in ein Kloster getrieben, wo ich in eine der ersten Zellen eindrängte. Hier fand ich nun zwar den Aufenthalt sehr behaglich, weil das Lokal geheizt war, allein es war da so voll, daß man sich nicht hinsetzen konnte, und ich verließ nach einiger Zeit diesen Ort wieder, stieg die nächste Treppe hinauf, und ging oben in eine Zelle, in welcher sich ein Officier vom 6ten Regiment befand, den ich kannte. Wie dies bei dergleichen Fällen, wo man im Elende einen Bekannten findet, geht, so war es auch hier; denn wir sicherten uns gegenseitig zu, so lange als möglich die Noth miteinander
(Ab hier wieder die Originalblätter mit Göttings Handschrift, teils nummeriert, teils ohne Seitenzahlen. Faksimile Teil3)
zu theilen. Wir mochten in dieser Art wohl eine Stunde überlegt haben, was wohl weiter aus uns werden würde, da kam ein Soldat in die Thür und frug, ob hier Militairs vom 8ten Armeecorps sich befänden? worauf wir „ja“ antworteten, darauf bemerkte er, wir möchten an die Thür der gegenüber befindlichen Zelle klopfen, woselbst man uns, auf vorherige Legitimation daß wir wirklich von dem Corps seyen, einlassen würde. Dies geschah dann auch, und wir trafen in dem Zimmer etwa 20 Mann, Officiere und Gemeine von gedachtem Corps, alle in dem kläglichsten Zustande an.
Das Local bestand aus zwei Stuben, und war geheitzt, was uns sehr willkommen war. Ich nahm in der hintersten Stube auf einer nahe am Ofen befindlichen Bank Platz. Es befand sich hierin auch noch eine Pritsche, indem dies ein Krankenzimmer für die Nachrückenden der Armee gewesen war. Ich legte mich nun, irgend einen Gegenstand unter den Kopf
legend, auf die Bank, vergaß allen Hunger und wollte eben einschlafen, als ich eine bekannte Stimme hörte, und indem ich die Augen aufschlug, sah ich den Major von Rauschenplatt. Unter gegenseitiger Freude, uns hier zu finden, legte er sich auf die Pritsche und ich blieb auf meiner Bank liegen, schlief, etwa um 3 Uhr Nachmittags, ein und erwachte erst am anderen Morgen um 8 Uhr wieder. Durch den ruhigen Schlaf fühlte ich mich außerordentlich erquickt, aber der Magen war nicht zufrieden, er forderte mit Ungestüm Arbeit; da fiel mir die am Tage zuvor aufgehobene Kartoffel wieder ein, ich holte sie aus der Tasche heraus, allein leider war solche, erst hart gefroren, dann aufgethaut zu Mus geworden und ungenießbar. Rauschenplatt auf seiner Pritsche war nun auch aufgewacht, und als ich ihm äußerte, daß der Hunger im Innern nagte,
bemerkte er, er habe die silberne Garnitur an seinem Chako gerettet, welche die Kosacken für weißes Blech gehalten hätten, und ich möchte versuchen, ob dafür vielleicht einige Lebensmittel zu bekommen seyn möchten. Beiläufig muß ich bemerken, daß, als wir am Tage zuvor in das Kloster getrieben wurden, in dem untern Gange links eine Thür ein wenig offen stand, hinter welcher eine Küche zu seyn schien, woraus ich schloß, daß da Lebensmittel zu bekommen seyn würden. Dahin ging ich, um die Sachen in der Tasche, klopfte an die Thür, allein sie wurde nicht geöffnet, und ich war im Begriff in meine Zelle zurück zu kehren; denn aus dem Kloster heraus auf die Straße, um anderwärts Brod zu kaufen, durfte ich nicht, weil vor dem Eingange ein Posten stand, der keine Gefangenen heraus ließ. In betrübter Stimmung und mit großem Hunger in dem Magen, stieg ich eben die Trep-
pe hinauf, als ich unten im Gange Einen rufen hörte. Ich wandte mich um und gewahrte einen französischen gefangenen Officier, an der Spitze von einigen Mann Russen, der periodisch rief: „alle gefangenen Officiere, welche sich in diesem Kloster befinden, haben sich sofort dem Zuge anzuschließen, um in der Stadt einquartiert zu werden.“ Man kann sich wohl denken, daß hierdurch mein Köper nicht schlecht in Bewegung gesetzt wurde; ich stürzte die Treppe hinauf in unsere Zelle hinein und meldete das was ich gehört hatte, worauf denn mein alter Gönner Rauschenplatt und noch einige Officiere sich rasch erhoben, um das Local zu verlassen. Nach kurzer Zeit marschirte die inmittelst größer gewordene Colonne vor der Thür unseres Zimmers vorbei und wir schlossen uns derselben sofort an. Ein paar Officiere, worunter, wie ich noch weiß, der Cap: von Alten vom 7ten Regiment war,
konnten das Local nicht verlassen, weil dies ihre total erfrorenen und schon ganz schwarz gewordenen Füße nicht gestatteten. (Einfügung am Rande) In der Eile als ich das Zimmer verließ, vergaß ich meine Pelzdecke und konnte sie auch später nicht wieder erlangen. Bei der Kälte, die ich nachher erdulden mußte, war mir der Verlust sehr empfindlich. (Ende der Einfügung) Der bis etwa zu 50 angewachsene Zug bewegte sich nun die Treppe herunter ins Freie, wo wir etwas geordnet wurden, und dann führte man uns eine ziemliche Strecke fort in ein Haus, eine Treppe hoch in ein ziemlich geräumiges Zimmer, welches aber nicht geheitzt war. Hierher wurden nach und nach mehr Gefangene gebracht, und die Zahl mochte zuletzt etwa 150 Köpfe betragen, wodurch das Local völlig angefüllt wurde. Durch Hunger abgemattet und durch den Dunst, der allmählich in dem Zimmer entstand, sank ich nieder und verfiel in eine Art Bewustlosigkeit; doch als von denen, welche am Fenster standen, dieses geöffnet, und dadurch frische Luft eingelassen ward, kehrte die Besinnung wieder
wieder zurück. Kurze Zeit darauf kam ein russischer Commisair und nöthigte uns, ihm zu folgen. Wir schlossen uns an, und wurden in ein Haus eine Treppe hoch zu einem Zimmer geführt, in welchem wir wohl einige Stühle und Bänke, aber immer noch nichts zu Essen fanden. Wir Deutschen sonderten uns von den Franzosen ab, aber der eine so wenig als der andere bekam etwas zu leben, und an wen sollten wir uns wegen Verbesserung unserer Lage wenden? Es ließ sich Niemand sehen der einige Nahrung brachte.
Da entschloß sich ein sächsischer Cavallerie-Officier, Namens von Stutterheim, heraus zu gehen, um möglicher weise eine Verbesserung unserer Lage zu bewirken.
Nach kurzer Zeit kam er zurück und eröffnete uns Deutschen, daß einige sächsische Officiere, worunter der Obrist von Einsiedel, gegenüber ein
(Bis hierher waren die Seiten nicht nummeriert. Es handelte sich um lose Blätter. Nun beginnt eine bei 1 beginnende Nummerierung, wobei die Blätter z. T. mit Faden gebunden sind, wie bei Heften damals üblich.)
Zimmer hätten und daß sie, auf seinen Antrag bereit wären, uns aufzunehmen. Wir trennten uns danach von den Franzosen und wurden von den Sachsen freundlich aufgenommen.
Nun hatte ich sofort den Umstand im Auge, für Anschaffung von Lebensmitteln zu sorgen. Rauschenplatt gab mir die Garnitur und wir kamen überein, daß ich versuchen sollte, ob 16. polnische Gulden dafür zu bekommen wären. Ich ging die Treppe herunter und bemerkte unten rechts eine mit einer Bastmatte verhangene Thür, die ich öffnete. In der Stube war eine Frau, die ich als eine Jüdin erkannte. Nachdem ich mich wegen des Eintritts entschuldigt, frug ich, ob sie Silber kaufen wolle, indem ich ihr das Silber zeigte. Sie fand indessen den obigen Preis zu hoch und bot die Hälfte. Hierauf sagte ich ihr, daß das Silber nicht mir, sondern einem General gehöre, den wolle ich fragen, ob er solches für 8 Gulden lassen wolle, und wenn dies der
Fall wäre,
so würde ich wiederkommen. Weiter hinten in der Stube stand eine Kommode und
auf dieser befand sich ein halbes Brod und daneben eine Schnapsflasche. Das
Gefühl: meinen Hunger zu stillen, wurde durch diesen Anblick bis auf das
Höchste gesteigert, und ich bat daher die Frau, mir ein Stückchen Brod und ein
wenig Schnaps zu überlassen. Sie schnitt ein Stück ab, schenkte etwas Schnaps
in ein Glas und reichte mir beides, worauf ich die Hälfte von ersterem mit der
Begierde eines Tiegers verschlang und den Schnaps nachtrank, die andere Hälfte
aber für meinen Rauschenplatt reservirte. Der Frau gab ich aber ein Paar von
den Schuppen der silbernen Stirnbänder für ihre Gabe. Nachdem ich das eroberte
Stück Brod an Rauschenplatt abgegeben hatte, ging ich zu einem anderen Juden,
der in demselben Hause wohnte und förmlicher Schankwirth war. Als ich diesem
das Silber mit der Bemerkung zeigte, daß ich es verkaufen wolle, gab er mir ein
Zeichen, daß ich es verstecken möchte, indem er sagte, die Russen, welche hier
Schnaps tränken, würden es mir abnehmen, ich möchte mit ihm in ein anderes
Zimmer gehen, wohin er mich denn führte. Mit diesem Hier schloß ich mit
ihm den Handel zu 12. Gulden ab, unter der Bedingung, daß er mir
gestatte,
ein Stück Brod und etwas Butter zu nehmen, um unseren Hunger zu stillen.
Hierauf ging er ein, setzte mir Brod und Butter vor und ich ermangelte dann
nicht, mir eine gehörige ausreichende Portion davon, seit 4 Tagen und 3
Nächten zum ersten Male, in meinem Magen zu versenken. Nachdem dies geschehen
war, kaufte ich dem Juden ein halbes Brod für 3 Gulden, etwas Butter und Tabak
ab, womit ich zu Rauschenplatt zurückkehrte, der darüber sehr erfreut war. In
den nächsten Tagen suchten wir unser Leben mit dem wenigen Brode zu fristen,
bis wir etwas Zwieback von den Russen geliefert bekamen. Dieser wurde auf den
Wunsch der anderen Gefährten von mir in so viel Portionen auf einem Tische
getheilt, als Personen vorhanden waren und nachdem dies geschehen, nahm jeder
seinen Theil in Empfang, um ihn nach Befinden, auf einmal zu verzehren, oder
sparsam damit umzugehen. Wir befolgten die letztern Maasregel und fuhren besser
dabei, als die, welche ihre Portion viel-
leicht schon an demselben Tage consumirten; denn die nächste Lieferung blieb mehrere Tage aus. Jeden Morgen wurde eine kleine Quantitaet Zwieback in Wasser aufgekocht und diese Suppe mit Salz und etwas Butter versehen, zum Frühstück genossen; Nachmittags wiederholte sich diese Mahlzeit, und wenn dadurch unser Hunger auch nicht gestillt wurde, so war das Genossene doch zu viel um zu verhungern.
Nach etwa 8 Tagen wurden bereits Mehrere von Krankheit ergriffen, die bald anfingen zu phantasiren, was ein Militair-Arzt, der Mitgefangener war, als Beginn des Nervenfiebers bezeichnete. Hierdurch wurde bei den Gesunden der Wunsch rege, von den Kranken gesondert zu werden.
Um diese Sonderung zu beantragen, fand sich bald Gelegenheit, indem eines Morgens ein russischer General, St. Priest, mit seinem Adjutanten eintrat, um sich von unserer Lage zu unterrichten. Diesem trugen nun die beiden Stabsofficiere, Oberst Einsiedel
und Major Rauschenplatt die Bitte vor, die oben bemerkte Trennung zu veranlassen, was er denn auch mit der Äußerung zusagte, daß er am nächsten Tage früh seinen Adjutanten zur Abholung der Gesunden schicken würde. Der Adjutant erschien, und wer nun noch fort konnte schloß sich ihm an; die schwer Kranken, etwa 6, blieben in dem Locale zurück. Er führte uns, beiläufig 24 Mann, bei einer grausamen Kälte, durch mehrere Straßen der Stadt, in raschem Tempo, so daß mehrere nicht gehörig folgen konnten und öfters Halt gemacht werden mußte, damit die Nachzügler sich wieder anschlossen. Einer besonders, ein sächsischer Lieutenant von Brandenstein, der beide Füße erfroren hatte, konnte am wenigsten fort, blieb mithin beträchtlich zurück, und wurde dann von den Bauer-Kosacken, Kreuz-Bauern wie wir sie nannten, angehalten, welche wie natürlich, gleich daran gingen seine Lumpen zu durchsuchen,
um vielleicht noch Beute zu machen. Der Officier eilte dann zurück, gab dem Landstürmer einige tüchtige Ohrfeigen und brachte den Angehaltenen zurück. Endlich gelangten wir in einen zwei Straßen verbindenden Durchgang, in den wir einbogen und in ein am entgegengesetzten Ende stehendes Haus, welches einer Witwe gehörte, geführt wurden. Dort bekamen wir eine Stube parterre links, angewiesen. Diese hatte etwa 2 Fuß dicke Mauern von Bruchsteinen, und war mir Kieselsteinen gepflastert, aber nicht geheizt, weshalb der ausgemergelte und auf dem Marsche von der enormen Kälte durchdrungene Körper fast ganz erstarrte. Auch lag für jeden der Ankommenden eine Schütte Stroh, etwa halb so viel wie eine gewöhnliche Garbe hier enthält, zum Lager auf dem Boden. Das Ganze hatte den Anstrich eines gewöhnlichen Gefängnisses, nur eine hölzerne kleine Bank war darin zu sehen, worauf ein hölzerner Wasser-
eimer, mit Wasser gefüllt, stand, in welchem eine hölzerne Kanne zum Trinken lag. Wir sahen einander verwundert, an; indessen gewöhnt, die größten Entbehrungen zu ertragen, fanden wir uns auch hier bald in unser Schicksal. Der Russische Adjutant, ein humaner Mann, ließ die Witwe rufen und verhandelte mit ihr darüber, ob sie Mittags etwas warmes Essen: Suppe, Gemüse und Fleisch für uns bereiten wolle. Sie erklärte sich hierzu bereit und verlangte pro Mann täglich 1 Gulden /: 4ggz. :/. Dies Abkommen war uns nun zwar erwünscht, allein wer sollte die Zahlung leisten, da wir alle nicht einen roten Kreuzer in unseren Lumpen hatten? Die Stabsofficiere, welche ich früher schon genannt habe, stellten dieserhalb eine Frage an den Adjutanten, doch dieser befriedigte uns bald dadurch, daß er versicherte, morgen würde er in Begleitung des Generals St. Priest wieder zu uns kommen
und wir würden dann Tractament bekommen. Wir nahmen nun das Stroh und bereiteten unser Lager, und da weiter kein Gegenstand zum Hinsetzen vorhanden war, setzte, oder legte sich ein Jeder auf die Erde nieder. Nach einiger Zeit ward für den kranken und schwachen Oberst Einsiedel eine Bettstelle herbei gebracht, in welcher er, auf bloßem Stroh, sein Lager nahm. Wir warteten nun mit Sehnsucht auf den Ruf zum Mittagstische, denn die Leere im Magen nahm nicht ab, sondern immer mehr zu.
Endlich trat ein gefangener würtembergischer Soldat, dem die Frau ein Obdach gegeben und den sie als Aufwärter benutzte, ein und meldete, daß das Mittagsmahl eine Treppe hoch parat stehe. Wir säumten nicht unsere Bewegung dahin zu richten, und fanden denn eine Suppe, Gemüse und Fleisch, was mir vor-
züglich schmeckte, obgleich die Suppe, das Fleisch und Gemüse alles sehr mager war.
Am anderen Tage kam der General nebst Adjutant in Begleitung einer Ordonnanz wirklich an und zahlte uns das Tractament, welches für den subalternen Officier, vom Capitain abwärts, pro Mann täglich ½ Papier-Rubel, etwa 3ggz. 4de. Courationsgeld, betrug, auf 20 Tage aus. Die Stabsofficiere bekamen das Doppelte. Dies stand mit dem Kopfgelde, welches wir der Frau geben mußten, in keinem Verhältniß, und nachdem schon mehrere Individuen sich von dem Essen nach und nach zurückgezogen, ging auch ich endlich ab und zog es vor, mir täglich ein Stückchen Fleisch nebst etwas Gemüse, meinem Einkommen angemessen, vom Markte zu holen, was ich in einer kupfernen Kasserolle, die ich von unserer Wir-
thin borgte,
selbst kochte. Das Salz dazu mußte ich mir auch kaufen, denn wir bekamen nichts
geliefert. Dies war aber sehr teuer, und da wir nicht im Stande waren, von
unserm Tractament, nach Abzug für die ebenfalls hoch im Preise stehenden
Lebensmittel, so viel zu erübrigen, um Holz zum Heitzen des Ofens zu kaufen; so
können Sie sich kann man sich wohl denken, wie wir, bei einer Kälte von
circa 24 Grad, entblößt von warmer Kleidung, in einem Zimmer von dicken
Bruchsteinmauern, um geben, mit Kieselsteinen gepflastert, so daß der Rauhreif
fingerdick aus der Mauer hervortrat, frieren mußten. Die Noth in dieser
Hinsicht ward am Ende so groß, daß wir eines Abends in der Dunkelheit ein Stück
altes Bauholz, welches ich etwa 100 Schritte von unserm Quartier in der Straßen
liegen gesehen hatte, wegholten, solches in der Stube mit einem
Beile, das wir von unserer Wirthin borgten, zerstückelten und den Ofen damit heitzten. Es fanden sich noch mehrere Leidensgefährten bei uns ein, welche wir gern aufnahmen, darunter 1 Capitain vom 3ten Chasseur-Bataillon, Namens Marquard, 5 Soldaten und der Sergant Winter vom Chasseur-Carabinier-Bataillon, dessen ich früher bereits erwähnte. Ich setzte nun meine Lebensweise fort, kaufte mir täglich etwas Fleisch und Gemüse und kochte dies. Nach ein paar Tagen bat mich Marquart: für ihn mit zu kochen, er habe zwar bis jetzt noch kein Tractament bekommen, allein er hoffe, daß man ihm auch bald dergleichen geben werde, und dann erhielte ich meine Auslagen sofort wieder. Ich versicherte ihm, daß, so lange mein Geld reiche, ich mit ihm theilen würde. Wegen Schwäche und Mangel
an Kleidung konnte er nicht ausgehen, ich kaufte daher nach wie vor Fleisch und Gemüse ein und kochte es, jedoch mußte er bei der Verrichtung behülflich sein, z. B. Kartoffeln schälen etc. Sein Köper schien fast noch mehr ausgehungert zu sein als der meinige, denn er aß immer noch fort, wenn ich meinen Löffel schon längst fortgelegt hatte. Obgleich ich stets ebenfalls noch hungrig war, so vermied ich doch eine Ueberladung des Magens, was, bei einem durch Hunger und Noth ausgemergeltem Körper, wie ich erfahren hatte, leicht Erkranken und sogar den Tod herbeiführte, was sich auch bald zeigen wird. Marquart nämlich konnte, wie ich schon vorhin bemerkte, nicht satt werden. Ich hatte ihn schon mehrere Male gewarnt, den Magen nicht zu sehr zu überladen, indem ich ihm versicherte, daß mich hierbei nicht etwa Neid leite;
allein er erwiederte dann: es schmecke ihm gar zu gut. Eines Tages fand ich sehr schönes Schweinefleisch in einer Bude auf dem Markt, wovon ich eine angemessene Portion kaufte. Nun sah ich mich nach Gemüse um und bemerkte eine Höckerin, welche sehr große und schöne Linsen feil hielt. Da fiel mir ein, daß Linsen zu Schweinefleisch ein angenehmes Essen, zumal für einen ausgehungerten Magen, geben möchte, und kaufte die nöthige Quantitaet. Als ich nach Hause kam war Marquart ebenfalls sehr erfreut auf das daraus entstehende Gericht, war auch sehr gern bereit, die Linsen zu verlesen. /: Der Arme ahnte nicht, daß dies das letzte Mahl sein sollte, was er zu sich nahm :/ Ich that nun die Linsen und das Fleisch, nachdem bereits abgewaschen war, in die Casserolle, goß Wasser zu und setzte es aufs Feuer. Wider Erwarten wurde die Speise sehr
bald gar und ich brachte sie, unter angenehmem Duft für die Nasen hungriger Magen in die Stube. Kam hatte ich das Gefäß auf den Tisch niedergesetzt, so erhob sich Marquart mit großer Leichtigkeit von seinem Lager, faßte den Löffel und dann ging es, erst langsam blasend und als die Speise sich nach und nach abkühlte, in rascherem Tempo darüber her. Ich hatte bald meinen Theil herunter befördert und legte meinen Löffel bei Seite, er aß aber immer noch fort, und als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß die Speise schwer zu verdauen sey, bemerkte er wieder: daß es ihm gar so gut schmecke, weshalb ich ihn gewähren ließ. Sehr behaglich legte er sich wieder auf sein Lager, und ich war auch zufrieden meinen Hunger gestillt zu haben. Am nächsten Tage kaufte ich wieder Rindfleisch und Kartoffeln, kochte dies und nöthigte, als es gar war, Mar-
quart, der inmittelst still auf seinem Lager geblieben war, zum Essen. Er näherte sich langsam dem Tische, klagte über Schmerzen im Leibe und zog sich, nachdem er 2 oder 3 Löffel Suppe genossen hatte, mit der Äußerung zurück, daß er gar keinen Appetit habe. Kurz er erkrankte und starb nach einiger Zeit an Ueberladung des Magens. Ich habe diesen Fall hier etwas umständlich erwähnt, um zu zeigen, daß jeder, der lange hat Hunger leiden müssen, sich hüten muß, den Magen mit schwer verdaulichen Nahrungsmitteln zu überladen. Es hatten sich nach und nach 36 Unglückliche zusammengefunden, welche in der nicht sehr geräumigen Stube, da sie alle liegen mußten, fast keinen Platz hatten. Nun begann aber das Nervenfieber aufzutreten. Erst ergriff es die schwachen und verzagten Individuen, aber bald waren 35 davon befallen und
nur ich allein blieb, wie durch ein Wunder, davon verschont. Um diese Zeit wurde der Oberst Einsiedel, durch Verwendung eines Professors der Universität Wilna, der aus Maißen gebürtig war, in dessen Haus übergesiedelt, und dies hat ihn vom sicheren Tode gerettet; denn ich habe denselben später im Inneren von Rußland wieder gesprochen. Der durch die Entfernung der von Einsiedel benutzten Bettstelle entstandene Platz, ward nun sogleich von andern Kranken eingenommen und dadurch etwas mehr Raum gewonnen. Von dieser Zeit an steigerte sich aber das Elend bedeutend, mehrere Kranke begannen zu phantasiren, erzählten ihren früheren Lebenslauf bis in die kleinsten Details, sprangen in wahrer Wuth von ihrem Lager auf um zu entfliehen, stürzten dann über die zunächst liegenden Gefährten wieder hin und kamen nur dann wieder etwas zur Besinnung, wenn ich sie packte und mit
einigen harten Worten auf ihre Lagerstelle zurückwarf. So ging das einige Zeit Tag und Nacht fort, bis der Tod sein Opfer abforderte und die Zahl der Unglücklichen zunächst bis auf 18 zusammenschmolz. Seitens der russischen Behörden und Beamten bekümmerte sich Niemand um uns. Eines Tages entschloß ich mich aber, zu dem General St. Pries zu gehen, ihm das Elend vorzutragen und um Hülfe zu bitten; denn ich allein konnte nur noch das Zimmer verlassen.
In Lumpen gehüllt und mit Läusen begabt, bei einer Kälte von mehr als 20 Graden, trat ich meinen Weg an. In der Nähe des Hauses, wo der General wohnte, ward ich von einem Bauer-Kosaken / Kreuzbauer / angehalten, welcher begann, meine Lumpen nach Beute zu durchsuchen; allein ich verstand in meiner Bedrängniß keinen Spaß und versetzte dem Kerl einige nicht sanfte Ohrfeigen, worauf er sehr verdutzt wurde und mich ziehen ließ. Vielleicht
hat ihn auch das abgeschreckt, mich weiter anzugreifen, daß ich ihm verständlich zu machen suchte: ich ginge zum Gouverneur. Ich trat nun in das Haus ein und wurde von einer Ordonnanz die Treppe hinauf in ein ziemlich geräumiges, bis auf einen hölzernen Schemel ganz leeres Local gewiesen, mit der Andeutung, daß ich da warten solle. In mancherlei Betrachtungen versunken, spazierte ich in dem ungeheitzten, mithin eisig kalten Zimmer auf und ab, bis etwa nach einer halben Stunde noch einige Gefangene eintraten, die, so wie ich, den General sprechen wollten. Die Zahl mochte am Ende auf 20 Mann ansteigen, fast von allen Nationen, als: Franzosen, Spanier, Italiener, Polen Deutsche etc. Endlich trat der General nebst Adjutanten ein und wir stellten uns ihm in einem Halbkreise vor. Er wandte sich zu dem ersten rechts, frug, von welcher Nation, und sprach dann mit ihm in seiner Mutter-
sprache. So kam er denn auch zu mir, und als ich ihm auf seine in französischer Sprache gestellte Frage mich als Deutschen bezeichnete, erkundigte er sich nach meinem Begehr. Ich schilderte ihm in möglichster Kürze unsere Noth, bat ihn aber ganz besonders um Verabreichung einiger Hemden, worauf er frug, wie viel wir bedürfte. Al ich ihm die Zahl 18 genannt hatte, beschied er mich auf den andern Tag um 10 Uhr wieder in dasselbe Local, und wandte sich zu dem Adjutanten mit dem Befehle, er solle mir die Hemden um genannte Zeit verabreichen. Etwas beruhigt in dem Gedanken, daß unsere Lage nunmehr verbessert werden würde, da der General im Laufe des Gesprächs äußerte, es sey sein Bestreben die Verhältnisse der Gefangenen möglichst bald zu ordnen, kehrte ich in unser Quartier zurück, und theilte meinen Cameraden das Resultat mit, worüber diejenigen, welche noch Besinnung hat-
ten sehr erfreut waren.
Bevor ich weiter schreibe in dem, was von dem Zeitpuncte ab, bei welchem ich angelangt bin, ferner sich ereignete, muß ich wieder etwa 2 Wochen zurückgehen, um nichts zu verschweigen, was auf das allmählich vorschreitende Elend, womit wir heimgesucht wurden, Bezug hat. In dieser Zeit nämlich erlag, wie ich oben schon angedeutet habe, die Hälfte von uns dem Lagerfieber, wobei einige Todesfälle in betrübter Weise vorkamen. Der Adjutant eines sächsischen Infanterie Regiments, ich glaube vom Regiment Bechten, der schon mehrere Tage fast besinnungslos auf seinem Lager gelegen hatte, ward von dem früher erwähnten würtembergischen Soldaten welcher Periodisch genöthigt wurde das Lager in Ordnung zubringen, auf die vorhandene Bank, worauf der Wasserkübel stand, gehoben und da an die Wand gelehnt. Andere die noch etwas kräftiger waren, standen
allein auf, Schwachen wurde aufgeholfen, und als das Lager dann in Ordnung gebracht war, legte sich jeder wieder nieder, nur der Adjutant, /: er hieß Fletscher :/ blieb auf der Bank in derselben Stellung sitzen. Nach einiger Zeit ging ich zu hm hin, um ihn zum Niederlegen zu nöthigen; allein als ich genau zusah, war er tod. Er wurde nun in seinem zerlumpten Anzuge aus dem Zimmer geschleppt und am Rande des Durchgangs draußen niedergelegt, von wo er später durch die Russen fortgeschafft ward. Dies war der erste Todesfall in unserer Gesellschaft, allein bald folgten mehrere nach. Mit einem sächsischen Artillerie-Lieutenant, der in der Gegend von Kalau in der Lausitz, zu Hause war, wurde ich näher befreundet, dessen Namen weiß ich aber nicht mehr. Wir gelobten uns auch treue Freund-
schaft, und, weil er Jagdliebhaber war, auch selbst ein Gut mit guter Jagd besaß, machten wir schon Pläne, uns nach unserer Zurückkunft, in das Vaterland, gemeinschaftlich mit der Jagd zu ergötzen. Dies war aber oben anders beschlossen. Mein neuer Freund erkrankte und in wenigen Tagen folgte er seinem Cameraden Fletscher nach. Er, so wie ein Lieutenant Kändler, der mit ihm zugleich starb, wurde ebenfalls herausgeschleppt, und man legte beide in einem in der Nähe liegenden Holzstalle nieder, in welchem sie beiläufig 14 Tage liegen blieben, ehe sie von den Russen fortgeschafft wurden. Auch die 5 Soldaten und der Sergeant Winter starben. Letzterer war im Paroxysmus[100] aus der Stube gerannt, in den Ofen gekrochen und da gestorben, was Niemand bemerkt hatte. Erst am andern Tage als ich das Essen kochen, und das Holz dazu aus dem Ofen, wo ich es aufbewahrte, nehmen wollte,
ergriff ich statt dieses, ein paar Beine, welche bei näherer Untersuchung der Leiche des Winter angehörten.
Es starben in dieser Zeit noch mehrere Officiere, wovon ich jedoch nur einen zu nennen weiß, nämlich den Premier Lieutenant von Norrmann von einem sächsischen Kürassier-Regiment. Man kann sich leicht denken, welche Pein es für mich war, unter dieser Masse von Kranken zu leben. Die Meisten waren so schwach, daß sie den natürlichen Ausleerungen freien Lauf lassen mußten, durch deren Gestank die Luft im Zimmer verpestet wurde. Ich hatte zufällig einige gefüllte Infanterie-Patronen gefunden. Von dem darin enthaltenen Pulver brannte ich täglich mehrere Male eine Quantitaet ab; allein das half nur kurze Zeit, indem der Gestank durch neue Entleerung bald wieder eben so groß
wurde. Auch lief ich oft ins Freie und zog die eisige Luft eine zeitlang in die Lunge ein, indessen konnte ich, der enormen Kälte wegen, nicht lange draußen bleiben und mußte dann wieder in das Elend zurück. Hierzu kam noch das Stöhnen, die Unruhe, das Fluchen und Verwünschen der Kranken, die Läuse, welche sich in so großer Masse vermehrten, daß man sah, wie das fast zu Hecksel zerlegene Stroh durch ihr hin und her Kriechen bewegt wurde und endlich kam noch der Gedanke, daß, wenn nicht bald Abhülfe dieses gräßlichen Zustandes einträte, Alles dem Tode verfallen würde. Doch wie durch ein Wunder bin ich von der Krankheit verschont geblieben; ich habe aber auch keinen Augenblick den Muth, der sich auf das Vertrauen zur Vorsehung gründete, verloren, und bin aus diesem beispiellosen menschlichen Elende gesund hervorgegangen. Ich gelobte
(Dies ist der Teil6 der Seiten des Lebenslaufes des Karl Götting.
Ab Seite 7 „Wir fuhren nun fort…“ ist dieser Text mit dem letzten Teil der Veröffentlichung im „Soldatenfreund“ identisch.)
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schung war leicht möglich, denn die Todten waren alle nackt und der Todeskampf drückte sich in den verzerrten Gesichtszügen aus, wodurch sie ganz unkenntlich geworden waren, und dann lagen auch gruppenweise oft 5 – 6 kreuzweise übereinander.
Ich verließ die Stätte des Todes, welches die letzte war, die ich sah; denn von hier aus trennte sich die Straße nach Minsk von der nach Smolensk, welche erstern wir fortzogen. Bemerken will ich hier noch, daß ich von allen den Kameraden, die mir auf dem Rückzuge in freundlicher Beziehung ganz nahe gestanden, nie einen wieder gesehen habe, daher anzunehmen ist, daß Alle umgekommen sind. Ihre Gebeine mögen, wenn sie nicht bereits zu Staub geworden, in russischer Erde zerstreut umherliegen, sie sind, nach einem Zeitraum von 40. Jahren, also seit länger denn einer Generation, von den Ihrigen vielleicht
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schon vergessen, aber in meiner Erinnerung werden sie bleiben bis es Gott gefallen wird, mich von hier abzurufen, was vielleicht nicht mehr fern ist.
Noch eines Falles, der das Verfahren der russischen Officiere gegen die Soldaten characterisirt, muß ich hier erwähnen. Am dritten Tage nach dem Abmarsch von Wilna, wurden wir in einem Städtchen eiquartiert, welches eine Strecke von der Straße ab lag. (Randbemerkung:) denn in der Nähe desselben war alles zerstört und kein bewohnbares Haus zu finden. (Ende der Randbemerkung) Hier erhielt ich, mit noch ein paar Gefährten, das Quartier bei einem Juden, der zugleich Schankwirth war, und wo auch noch zwei russische Officiere, die nach Wilna gehen wollten, einquartiert waren. Am andern Tage war Ruhetag. Der Unterofficier des Detaschements russischer Garnison-Soldaten, welches uns begleitete, ein alter gutmüthiger Kriegsknecht, kam am Morgen in das Schanklokal, um einen Schnaps zu trinken. Er grüßte uns, aber die in gewöhnliche Pelze
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gehüllten, mit Pantoffeln angethanen russischen Officiere nicht, was übrigens zu entschuldigen war, da sie nicht das mindeste anhatten, was ihren Character bezeichnete. Sogleich ging einer derselben auf den Unterofficier los und versetzte ihm einige tüchtige Ohrfeigen, indem er ihm auf russisch bemerklich machte, daß er Officier sey. Wie ein Blitz stand der alte Mann so gerade wie eine Kerze, und als ihn der Officier gehen ließ, machte er Kehrt und marschirte in ordinairem Tempo zu Thür hinaus. – Noch einen Fall, der in diesem Orte vorkam, will ich hier einschalten. Es war Markt in dem Städtchen und es strömten eine Menge Bauern in die Stadt. Einer, anscheinend ein lustiger Kerl, kam in die Schenke, bezahlte den getrunkenen Schnaps, und zeigte dabei ziemlich viel Geld. Da die Baarschaft eines russischen Bauers in der Regel sehr gering ist, so
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frug ich den Juden, als jener fort war, woher das Geld gekommen sein möchte, worauf derselbe Folgendes erzählte. – Gleich nach erfolgtem Rückzuge der Franzosen sei der Bauer in den Wald gegangen um Holz zu fällen. Er geht an eine vom Winde umgeworfene Fichte um ein Stück davon abzuhauen. Bei genauerer Besichtigung das Baumes findet er in den Zweigen versteckt einen todten Soldaten. Dieser hatte etwa 50 Napoleons d’or in einer Binde um den Leib befestigt, welche der Bauer nebst Kleidung als gute Prise in sein Eigenthum habe übergehen lassen. Seitdem sey der Bauer lustig und guter Dinge, doch habe die Baarschaft schon merklich abgenommen, und es würde wohl nicht sehr lange dauern, wo derselbe so arm wäre als zuvor.
Von dem eben erwähnten Wirthshause in welchem ich Teichmüller zu finden hoffte, wandten wir uns, wie schon gesagt, nachts nach Minsk zu, wo wir
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denn auch, ohne daß etwas besonderes vorfiel, gegen den 10ten März 1813. glücklich anlangten. Ich kam mit noch 6 oder 7 bei einem reichen Juden ins Quartier, der uns eine ziemlich geräumige Stube anwies. Wir lebten hier heiterer als in Wilna, wo wir so viele Leiden erduldet hatten, doch möglichst sparsam fort, fanden aber doch bald, daß wir auf die Länge mit unserm kärglichen Tractament ebenfalls nicht völlig ausreichen würden, da die Lebensbedürfnisse nicht viel billiger waren als in Wilna. Wir suchten uns auf alle nur mögliche Weise gegenseitig zu zerstreuen, wobei nicht selten sogenanntes dummes Zeug unterlief. Es war bei Minsk eine Art von Park, den wir, als die bessere Jahreszeit eintrat, sogleich besuchten, jedoch da, so wie überall, wenig mit den Einwohnern in irgend eine Berührung kamen, wonach uns auch gar nicht verlangte. Eines Tages
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feierten wir den Geburtstag unseres alten Stabsofficiers, des Major von Rauschenplatt, und beschlossen bei dieser Gelegenheit Karten zu spielen. Da die Karten dort sehr billig waren, so schossen wir zusammen und kauften zwei französische Spiele. Am Abend begannen wir unser Spiel, aber freilich um kleine Holzstücke mit wenig Kopeken vermischt. Da öffnete sich die Thüre und es trat eine russische Patrouille, einen Officier an der Spitze, ein, die ohne Umstände Karten, Kopeken und Hölzchen zusammenraffte und sofort damit abzog. In dem Augenblick konnten wir uns der Grobheit nicht widersetzen, am andern Morgen ging jedoch eine Deputation von uns an den Gouverneur ab. Diesem ward das Sachverhältniß beschwerend mit dem Ersuchen vorgetragen, Befehl zu geben, daß uns unser Eigenthum zurückgegeben würde. Dies geschah dann auch, und nachher hat uns Niemand
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wieder in unseren Spielen gestört. Um diese Zeit lernten wir den Commandanten von Minsk kennen, welcher uns bald nachher sagte, er ginge zur Armee in Schlesien, und wäre erbötig Briefe von uns an unsere Angehörigen mitzunehmen, welche er an solche zu befördern suchen würde, was dann auch von den Meisten geschah. Die von mir waren, wie sich später ergab, aber nicht angekommen, den Grund davon werde ich im weiteren Verfolg dieser Darstellung noch angeben, wo ich den gedachten Commandanten in Deutschland wieder traf. –
Wir fuhren nun fort, uns die Zeit durch allerlei lustige Streiche zu vertreiben, besonders hatten wir oft unser Fest mit den polnischen Juden, die, da sie an ihren Feiertagen nichts arbeiten, häufig in größeren Gesellschaften in den Straßen promenierten. Das Zimmer welches wir bewohnten
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hatte 2 Fenster nach einer Straße heraus, die ins besondere viele Juden auf ihren Spaziergängen durch strichen. Das Terrain draußen war etwa 1 ½ Fuß höher als der Fußboden in der Stube, so daß, wenn Jemand vorbeiging, ihm das Fensterbrett bis an die Mitte des Oberschenkels reichte. Wenn nun mehrere Juden vorbeigingen, was stets en front geschah, so kam der eine Flügelmann diesen Fenstern immer so nahe, daß er beinahe anstrich. Da sich dies an einem Festtage öfter wiederholte, so wurde beschlossen, ihnen auf irgend eine Weise einen Schabernack anzuthun. Die Art, in der es geschehen könne, ward bald aufgefunden. Einer von uns, ich glaube ich war es selbst, stellte sich an eins der geöffneten Fenster auf die Lauer. Es dauerte nicht lange, so kam wieder eine Gesellschaft Juden anspaziert, und als der betreffende Flügelmann mit dem Fenster in gleiche Linie kam,
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fuhr ich, das Bellen und Knurren eines bösen Hundes nachahmend, mit der Hand hinaus und packte ihn scharf in den Talar, unter gehörigem Zupfen daran. Das Manöver, welches der Jude machte, hatte ich nicht Zeit zu beobachten, indem ich mich ebenso schnell als ich hergefahren war, wieder zurückzog und hinter der Fensterbrüstung auf den Boden hinkauerte. Die Uebrigen hatten es aber gesehen und sagten, er habe einen obliquen[101] Satz bis mitten auf die Straße gethan und dadurch die ganze Section aufgerollt. Nach einigem Deliberiren[102] zog die Gesellschaft weiter, sich immer umschauend, ob der Hund nicht vielleicht einen zweiten Angriff machen möchte. Die Sache hatte Beifall gefunden, und jeder wollte nun zuerst sein Talent darin kundgeben. Es fand sich auch hierzu sehr bald Gelegenheit, indem eine neue Gesellschaft Juden langsam in der ganzen Breite der
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Straße der vorigen nachfolgte. Der Angriff wurde fast mit erhöheter Kunst ausgeführt und der Erfolg war eben so befriedigend als der erste. So lange neue Juden passirten, ging die Sache, aber die, welche schon im Feuer gewesen waren, bogen, wenn sie in die Nähe der verdächtigen Fenster kamen, rasch nach der andern Seite der Straße aus. Ein Einzelner hätte es einmal beinahe verpaßt, indessen als er ganz in der Nähe das Fenster erblickte, stiebte er mit einem mächtigen Satze bis mitten auf die Straße. – Diesen Gegenstand ließen wir denn wieder fallen, suchten jedoch fortwährend mit den Juden in Collision zu kommen. So hatten wir ein Zeichen weggekriegt, dessen sich dieselben bedienten, um einen entfernten Genossen zur Aufmerksamkeit zu bringen. Dies bestand in dem Rufe then! Wenn nun eine Anzahl Juden am Sabbat vor unserm Hause behaglich vorbei defilirte und sie in ei-
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ner Entfernung von etwa 20 Schritten von uns gelangt waren, so rief ihnen einer der Unsrigen nach then! und augenblicklich machte die ganze Sippschaft kehrt.
Doch dies Alles war nur Spaß, im Ganzen waren wir den Juden zugethan, einmal weil sie sämmtlich Deutsch sprachen und sich nie boshaft gegen uns zeigten und dann auch jederzeit bereit waren, unsere Bedürfnisse gegen einen geringen Lohn herbeizuschaffen. Später lernten wir auch einige Juden kennen, die jedoch gebildet und weit gereist waren; z. B. jährlich 2 mal zur Leipziger Messe.
Eigenthümliche Manieren hatten sie, besonders reichere Familien, um sich zu verschwägern. So hatte der 14 Jahr alte Sohn unseres Quartierwirthes die 12jährige Tochter eines anderen wohlhabenden Juden bereits förmlich geheirathet, und das winzige Ehepaar lebte in dem Hause wo wir
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wohnten jedoch vom Bett getrennt. Damit kein Verstoß gegen die diesfallsigen Bestimmung des Heirathscontracts von den jungen Eheleuten begangen werden möchte, war ihnen eine alte Jüdin zur Wache beigegeben, allein diese theilte uns vertraulich mit, daß sie die Uebertretung der gedachten Bedingung nicht ganz verhüten könne.
In der Hoffnung auf eine frohe Zukunft lebten wir in Minsk so fort bis dann endlich gegen Ende des Monats Mai 1813. von der russischen Behörde uns eröffnet wurde, daß wir weiter in das Innere des Reichs dirigirt werden würden. Wir waren damit zufrieden, indem wir hofften, daß dort Lebensmittel wohlfeiler sein dürften und wir in diesem Falle in die Lage versetzt werden würden, unsere immer noch sehr ärmliche Kleidung etwas zu ergänzen. In dieser Zeit zeigte sich der Hauswirth besonders freundlich und regalirte[103] uns mit
[V.13] (An diesen beiden Seiten ist links bzw. rechts die Seite mit einer anderen Feder oder Tinte gefüllt. Darin wird von einem halbseidenen Angebot berichtet, daß er ablehnt. Dieser Beitrag ist auch in der Ich-Form geschrieben, verwendet aber z. T. andere Buchstaben. Der Seitentext:)
In demselben Hause lag auch ein rußsischer Major im Quartier, der mit seiner Frau, oder Haushälterin was sie war, im oberen Stock eines Seitengebäudes wohnte, vor welchem sich, nach dem Hofe hinaus, eine Galerie befand. Eines Tages, gegen Mittag, trate ich aus unserer Hausthüre heraus um mich auf dem Hofe umzusehen. Die Frau Majorin oder Haushälterin, ging oben auf der ziemlich langen Galerie spaziren, und als sie ans Ende kam nicht weit davon, wo ich stand bog sie sich über die Galerie und sagte einige Worte in russischer Sprache zu mir, was ich aber nicht verstand. Ich rief unsern Diener herbei, der Russisch sprechen konnte, und sagte ihm, er möchte die Dame fragen, was ihr Begehr sei? Dies that der Bursche, und jene sagte dann, ich möchte sie doch zuweilen besuchen, Im Stillen war ich gar nicht so sehr abgeneigt dazu, denn sie war jung und hübsch, allein schnell überlegend, daß ein solches Rendoz-vous mir eine Leagtsichtel[104] zuziehen könne, ließ ich ihr durch den Burschen sagen, daß mir ihre Einladung zwar sehr schmeichelhaft sei, ich jedoch, in meinem ärmlichen Aufzuge nicht wagte, in ihrer Nähe zu erscheinen und daher bestens danken müste. Ihrer Mine nach zu urtheilen, schien sie sich zu verwundern, wie ich so etwas abschlagen konnte, doch es schwebte mir die Excacuhenen vor, die in der Scheune des Judengehöfts sehr oft vorkommen, wobei Soldaten, die etwas verbrochen hatten, über ein Bund Stroh gelegt wurden, und dann 100 Streiche a posteriora, mit schinanten Staeben, bekommen.
(Ende des scheinbar nachträglich mit einer anderen Feder sehr schlecht lesbar geschriebenen Seitentextes.)
Meth ein berauschendes Getränk von Honig bereitet. Der Geschmack war zwar sehr angenehm, allein ich verzichtete darauf, indem mir damals jedes Getränk, welches aufregte, zuwider war.
Endlich, am 30ten Juni, brachen wir von Minsk auf. Unsere Begleitung bestand aus einer Abtheilung Baschkiren, und der erste Etappen-Ort war ein kleines Städtchen, wo wir fast alle bei Juden einquartiert wurden. Hier traf auch bald ein anderes Detaschement Baschkiren, uns entgegenkommend, ein, welches unter dem Commando eines Infanterie-Capitains stand und ebenfalls einquartiert wurde. – Es hatte ein schon früher von Minsk abgefertigtes Geschwader Gefangene bis zu irgend einem Puncte im Innern begleitet und kehrte in die Garnison zurück. Bei uns befand sich ein gefangener Mameluck Napoleons, der aber leider nur
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noch einen Finger hatte, indem die übrigen auf dem Rückzuge erfroren und abgenommen waren. Dieser wurde von den Baschkiren als Glaubensgenosse erkannt, wodurch eine interessante Scene entstand. Der Kommandeur derselben nämlich fiel ihm zuerst um den Hals und drückte und küßte ihn recht tüchtig ab. Hierauf folgten die Uebrigen nach, und der arme Teufel kam ganz in Verlegenheit ob der vielen Liebkosungen. Dann nahm in der Officier mit in sein Quartier, wo er, in Gegenwart vieler Glaubensgenossen, unter Jubel gespeiset und getränkt ward.
Wir hatten Verlangen, die Construction der Bogen und Pfeile der Baschkiren und deren Gebrauch kennen zu lernen, und ersuchten den oben erwähnten Capitain, uns hierzu Gelegenheit zu geben. Dieser sprach mit dem Baschkiren-Chef und anderen Officieren dieserhalb, und
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sogleich erbot sich einer der letzteren, ein Mann von etwa 4 Zoll, aber sehr kräftig gebaut, die Probe zu machen. Es wurde ein Gemeiner gerufen der seinen Bogen bringen mußte. Zuerst versuchte der Capitain einen Pfeil fortzuschicken, allein obgleich dies ein kräftiger Mann war, so brachte er ihn doch nicht sehr weit. Nun nahm der kleine Officier den Bogen und sagte, er wolle nach der etwa 90 – 100 Schritte entfernten über dem Marktplatz stehenden, Schindeln gedeckten Kirche schießen, und bezeichnete uns den Punct und die Höhe in welcher er das Dach treffen würde. Anscheinend ohne erhebliche Anstrengung schickte er den Pfeil ab, welcher in der Linie zwischen dem Auge des Schützen und dem uns bezeichneten Ziele, ohne sich zu senken(?), in die Schindeln fuhr und dort stecken blieb. Der Baschkir, dem der Pfeil gehörte, ging nun hin um denselben heraus zu ziehen. Er
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kletterte auf das Dach einer Bude welche an dem Thurme stand, konnte jedoch von da ab den Pfeil noch nicht erlangen, weshalb er die Lanze nahm, um ihn damit los zu schlagen. Als der Pfeil herunterfiel, war die Spitze im Holze stecken geblieben; ein Beweis, daß er noch eine große Kraft gehabt hatte. Bemerken will ich hier noch, daß sich die Baschkiren als gutmüthige Menschen zeigten. Sie behandelten die Gefangenen immer freundlich und mit vieler Rücksicht. –
Pferdefleisch war ihre liebste Speise, besonders aber hielten sie Fohlen für eine Delicatesse. Geistige Getränke verschmähten sie auch nicht und genossen solche in nicht geringer Quantitaet, ohne berauscht zu werden. Eine Eigenthümlichkeit ihrer Gesichtsbildung habe ich an ihnen bemerkt. In Minsk war ein ganzer Pulk /: Escadron :/ stationirt, welche ich oft vor dem Quartier ihres Chefs
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versammelt sah. Bei genauester Beobachtung war in der Gesichtsbildung sämmtlicher Baschkiren auch nicht die mindeste Verschiedenheit zu entdecken, und noch jetzt würde ich einen solchen unter Hunderten herauskennen.
Am andern Tage, 1ten July, traten wir unseren Marsch wieder an, der ohne erhebliche Hindernisse fortging bis nach Ischernigow. Wir passirten auf dieser Tour große Waldungen, welche an vielen Stellen dem Urwalde gleich kamen. Hierin hausten der Versicherung der Bauern zufolge, Bären und Wölfe, was sich auch dadurch bestätigte, daß wir einige Fährten dieser Thiere bemerkten. Außerdem war wenig Wildpret vorhanden, das heißt Haarwild, dagegen sah man Birkwild und in den Brüchern Wasservögel in großer Menge. Ueber die Beschaffenheit und das Verhältniß der Holzbe-
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stände in diesen ausgedehnten Waldungen konnte ich mich natürlich nicht näher unterrichten, da ich die Colonne nicht verlassen durfte. So viel ich in der Nähe der Straße gesehen habe, und mich dessen nach so langer Zeit noch erinnere, waren die Kiefer und Fichte die vorherrschenden Holzarten, abwechselnd mit Eichen und Birken vermischt. In den Niederungen, durch welche die Straße ging, hatte die Erle ihren Stand und fand sich da meist in gutem Schusse und in mächtigen Stämmen vor. Die Birken in den älteren Nadelholz-Beständen waren fast alle anbrüchig und mit Schwämmen bedeckt, auch theilweise, in Folge der Fäulniß, in sich selbst zusammen gefallen. Auch die Espe fand sich in einzelnen Hirsten vor, dagegen ist mir nicht erinnerlich, die Buche und Rüster dort gesehen zu haben .
Eines Tages hatten wir in einem
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Dorfe, welches ganz von Waldung umgeben war, Ruhetag. Diese Zeit benutzte ich, ganz allein, zu einer kleinen Excursion in den Wald. Am Rande fand ich einen Platz von etwa 20 – 30 Morgen, der den Anstrich eines im verwichenen Jahre dort geführten Holzschlages hatte. Die Fläche war nämlich bis auf eine Anzahl ziemlich regelmäßig vertheilter mäßiger Nadelholz-Bäume geräumt. Ob diese Stämme in der Absicht stehen gelassen waren, um die Verjüngung des Schlages auf natürlichem Wege zu bewirken, konnte ich so nicht beurtheilen, da wohl ein bedeutender Graswuchs aber kein Anflug vorhanden war. Wahrscheinlich war es mir, daß dieser Platz zum Bienenzüchten von den Dorfbewohnern benutzt wurde, da an jedem Baume, in der Höhe von 15 – 20 Fuß, 1,2 – 3. Klotzbeuten /: Bienenbehälter von Holz :/ an-
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gebracht waren. Unter diesen Beuten befand sich ein Bretterboden etwa 4 Fuß breit um den Baum befestigt, durch welche in der Entfernung von 6 Zoll etwa 8 Zoll lange scharf zugespitzte hölzerne Pflöcke von oben hindurch geschlagen waren um die Bären, welche dem Honig nachgehen, abzuhalten. – An diese Räude grenzte ein mit altem Holz bestandener Wald, unter dem der Boden mit allerlei Gesträuch, Himbeer-, Brombeerranken etc. so dicht überzogen war, daß ein weiteres Vordringen schwierig zu seyn schien. Indessen ich hatte einmal beschlossen, diese Wildniß näher zu untersuchen und rückte deshalb nach Möglichkeit, freilich aber unter stetem Kampf mit den Schlinggewächsen, nur langsam vor, wobei ich öfters von meinem Brodmesser Gebrauch machen mußte. Ich wählte die Richtung dahin, wo das Terrain sich etwas abzudachen schien und
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mochte so wohl ½ Stunde weiter gekommen seyn, als ich durch das Laub eine Lichtung bemerkte. Diese erreichte ich nach vieler Anstrengung und fand, daß da ein Fluß, die Berezina, floß. Das Vorschreiten in dieser Richtung war nun gehemmt, rechts und links am Ufer entlang lehnte sich die Wildniß an dieses an, und um nicht eine neue Bahn brechen zu müssen, beschloß ich, auf der alten zurück zu gehen, umso mehr als ich schon sehr erschöpft war. Zuvörderst aber setzte ich mich zur Erholung und Abkühlung am Ufernieder, wobei ich eine Pfeife anzündete, um die Mücken, die mich in großen Schwärmen anfielen zu verscheuchen. Es hatte sich so gefügt, daß das Ufer, an der Stelle wo ich mich befand, einen Vorsprung in den Fluß bildete, so daß ich links und rechts die beiden Ufer übersehen konnte. So weit das Auge reichte, war der Fluß von herrlichem Walde umsäumt, er floß
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ruhig dahin, als ob er vergessen hätte, daß seine Fluthen vor noch nicht 8 Monaten 1000 Unglückliche verschlangen. Der Anblick dieser mächtigen Waldmassen war für mich, als Forstmann, doppelt erhebend, und es tauchte ein gewisses Sehnen in meinem Gemüthe auf, dereinst in dem forstlichen Wirkungskreise nützlich zu seyn. Doch konnte ich mir die Realisirung dieses Wunsches in meiner damaligen höchst kritischen Lage nicht recht vorstellen, umso weniger, als überhaupt meine Zukunft unter den obwaltenden Verhältnissen in eine undurchdringliche Dunkelheit gehüllt war. Nachdem ich mich noch durch Brod an dem Flusse erquickt hatte, trat ich den Rückweg an, und traf um Mittag glücklich in unserem Quartier wieder ein. Hier erzählten mir meine Kameraden Folgendes. Die Tochter des Bauern, bei dem wir einquartiert waren, war vor Tagesanbruch nach einem
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andern Dorfe gegangen, um Fleisch für uns zu holen, und hatte zur Begleitung einen kleinen Hund mitgenommen. Als sie zurückkehrte, fehlte dieser Hund. Auf Befragen: wo er geblieben? gab sie vor: Sie sey mit Tagesanbruch fortgegangen und habe dem Hunde, der immer eine ziemliche Strecke voraus gelaufen wäre, seinen Willen gelassen. Mitten im dichten Walde sei auf einmal der Hund mit gesträubtem Haar und den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, ihr eilig entgegengekommen, von einem Wolfe verfolgt. Der Hund suchte Schutz bei dem Mädchen, allein der Wolf ließ sich nicht verscheuchen, sondern packte den Hund, würgte ihn dicht bei ihr und entfernte sich dann, denselben im Rachen tragend, rasch in dem Wald. Sie meinte, es müsse eine Wölfin gewesen seyn, die Junge in der Gegend habe. Der Bauer sagte uns auch, daß öfters Hunde von den Wölfen in der dorti-
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gen Gegend geraubt würden; es wären sogar Fälle vorgekommen, wo bei strengem und langem Winter die Kettenhunde nicht sicher wären, den Wölfen zur Beute zu werden. –
Am folgenden Tage marschirten wir weiter, und langten gegen Ende des Monats July in Tschernigow an. Auf dem Marsche dahin kamen wir eines Tages über ein ebenes Feld, wo sich, nahe am Wege, einige künstlich aufgeworfene Hügel befanden. Wir frugen unsere Begleitung auf welche Weise diese Hügel wohl entstanden seyn möchten? worauf erwidert wurde, daß da Schweden begraben seyen. Demnach würde dort ein Gefecht zwischen Peter dem Großen und Karl XII. stattgefunden haben, 1709.
In der Stadt selbst wurden wir nicht einquartiert, man verlegte uns etwa eine achtel Meile davon in einige Scheunen. Dahin mußten wir die nöthigen
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Lebensmittel aus der Stadt holen, versteht sich für unser Geld. Indessen waren diese dort schon um die Hälfte billiger als in Minsk und Wilna, und wir konnten daher mit unserm Tractament noch recht gut auskommen. Bei dem etwa 10 Tage dauernden Aufenthalt in Tschernigow suchten wir uns auf allerley Weise die Zeit zu verkürzen, doch geschah dies so einfach, daß eine nähere Erwähnung darüber hier von weiter keinem Interesse seyn würde. Wir brachen endlich wieder auf und setzten den Marsch, unter Begleitung von einigen Landstürmern, die als Waffe Piken führten, in das Innere von Rußland fort. Den Dnyper hatten wir bei Tschernigow überschritten und steuerten nunmehr auf den Don los. Der erste Tagesmarsch ging für mich gut von Statten; wir wurden in einem Dorfe eiquartiert.
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Gegen Abend ging ich, wie gewöhnlich, aus, um mich umzusehen. Hier bemerkte ich von Weitem, daß auf der Straße von Tschernikow, dem Anscheine nach, Cavallerie anmarschirt kam. Als die Truppe näher kam, sah ich, daß sie aus Kosaken bestand, von denen jeder ein Handpferd, worauf sich Beute befand, hatte. Woraus diese Beute bestand, konnte ich nicht sehen, da eine Decke darüber geschlagen war, nur an einigen Packen waren Jagdgewehre frei befestigt, die ich nun näher musterte, indem ich mir die Möglichkeit vorstellte, daß vielleicht eins von meinen im Vaterlande zurückgelassenen Gewehren darunter seyn könnte. doch ich bemerkte keins, und als der Zug vorüber war, kehrte ich in mein Quartier zurück.
Während der Zeit war von unserm Kocch, wie gewöhnlich, eine Suppe bereitet, und als wir zum Essen derselben schreiten wollten, empfand ich keinen Appetit. Schon beim Ab-
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marsch von Tschernigow empfand ich Kopfweh, was im Laufe des Tages etwas zunahm. Es verstärkte sich am Abend und in der folgenden Nacht noch mehr ich befürchtete das Anrücken einer Krankheit, worin ich mich auch nicht getäuscht hatte. In den nächsten zwei Tagen steigerte sich die Krankheit, und ich konnte nicht mehr gehen, mußte vielmehr gefahren werden. Wir wurden in ein Städtchen einquartiert, wo Ruhetag war. Ich ward mit mehreren Kameraden in ein Quartier gebracht und erhielt mein Lager in einer Kammer. Unter den Einquartierten befand sich ein französischer Compagnie-Chirurgus, welcher meine Krankheit als Nervenfieber bezeichnete. Eine Apotheke war in dem Städtchen nicht, indessen hatte der Chirurgus noch ein Brechpulver bei sich, welches er mir eingab. Es wirkte auch, allein
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Besserung trat dennoch nicht ein, im Gegentheil, mein Zustand ward immer schlechter. So lange ich die Augen offen hatte, behielt ich mein völliges Bewußtsein, sobald ich sie aber schloß, begann ich zu träumen von Dingen, die in früherer Zeit, meines Wissens, mir nicht in das Gedächtniß gekommen waren. Ein Traum unter den vielen ist mir noch erinnerlich geblieben, es war folgender: Ich war Chef eines bedeutenden Truppencorps, welches ich eben in eine Schlacht führen sollte. Obgleich ich nicht an der Bravour der Truppen zweifelte, so hielt ich doch für angemessen, eine Ansprache an sie zu richten, da ich dies bei früheren Fällen gehört hatte. Ich begab mich mit meinem Gefolge vor die Front und hielt ganz entgegengesetzt meiner Fähigkeit in wachendem Zustande, eine Rede, die Alles begeisterte und die, wenn sie wörtlich gedruckt worden wäre, als ein Muster der Beredsamkeit,
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meinem Urtheile nach, hätte aufgestellt werden können. Ich kehrte mein Pferd um und war im Begriff einen Punct zu erspähen in der Stellung des Feindes, auf den der Angriff am wirksamsten zu richten sein möchte, als ich die Augen aufschlug und – weg war der commandierende General und das begeisterte Armeecorps, und auch die Fähigkeit eine ähnliche Rede sofort von mir zu geben. nach dem Zumachen der Augen entstanden aber stets ähnliche oder andere Träume, was ich durchaus nicht verhüten konnte. Dieser Zustand dauerte während unserer Anwesenheit in dem Städtchen immer fort, und als wir weiter marschirten wurde ich auf einen Wagen gebracht, und unter Begleitung von 2 Soldaten, das heißt von unseren Gefangenen langsam mit fortgeschleppt. Die ganze Welt wurde mir gleichgültig und ich äußerte mehrmals den Wunsch, an irgend einem Orte zurückge-
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lassen zu werden. Allein meine lieben Kameraden wollten mich nicht verlassen, da wohl mit Gewißheit vorauszusehen war, daß ich, bei dem gänzlichen Mangel an Kranken-Anstalten, an Aerzten, Apotheken und insbesondere an Theilnahme der Russen, untergehen würde. Es wurde nun so eingerichtet, daß ich in weiterer Begleitung von 2 Soldaten, jedesmal eine Stunde früher abfuhr, als die Colonne abmarschirte, wovon ich freilich nichts wußte, da meine Krankheit von der Art geworden war, daß ich für Alles, was um mich vorging, kein Gefühl mehr hatte. So mochte ich wohl 12 Tage mit fortgeschleppt worden seyn, als von meinen Kameraden aus Sorge: ich möchte den Strapazen erliegen, für nöthig erachtet wurde, den uns transportirenden Officier zu ersuchen, in der nächsten Stadt für ein Unterkommen in einem Krankenhause das nöthige zu veranlassen, was dieser auch zu thun versprach. Wir langten in
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der Stadt an, die allem Anschein nach, meine Gebeine in der dortigen Erde aufnehmen sollte; ein Soldat sollte zu meiner Pflege bei mir zurückbleiben. In meinen lichten Augenblicken fühlte ich, wie schwer mir die Trennung von so vielen Leidensgefährten werden würde; doch ich fügte mich in Gottes Willen. Wir wurden zunächst vor der Stadt in einer Scheune einquartiert, worin für mich ein Lager auf einer Art Pritsche bereitet war. Ich lag betrübt auf meinem Lager, wurde aber durch die Geräusche eine kurze Zeit aus meinem Schlummer geweckt, und hörte, daß ein starkes Gewitter in Anzuge sey. Auch das war mir gleichgültig ich verfiel bald wieder in die vorige Abspannung. Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß das Gewitter meine Genesung herbeiführen würde, so wäre ich gewiß nicht sobald wieder in meiner Schwäche versunken. Das Wetter
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entlud sich in Strömen über uns, Der Regen floß durch das lockere Dach des Gebäudes und so auf mein Lager, und versetzte mich in ein förmliches Bad. Eine schwache Empfindung hatte ich, als das kühlende Wasser auf mich herabfloß, doch bald zeigte sich die wohlthätige Wirkung; mein Blut wurde ruhiger und ich verfiel in einen ordentlichen Schlaf, der nicht mehr durch Träume unterbrochen ward. Bei Tagesanbruch erwachte ich und mein Gehirn war frei von dem Drucke, der bisher darauf gelastet hatte, das Auge erkannte die Umgebung deutlich und mein Gemüth wurde wieder von frohen Hoffnungen für die Zukunft erfüllt. Sogleich faßte ich den Beschluß, nunmehr nicht in dem Städtchen zurückzubleiben, vielmehr das künftige Los meiner Kameraden zu theilen. Dies theilte ich dem Major von Rauschenplatt mit, und dieser war sehr erfreut darüber. Ebenso die Uebrigen, die gerade wach geworden
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waren. Unzweifelhaft hatte das kalte Bad welches mir durch das Gewitter gegeben wurde, den günstigen Wendepunct herbeigeführt, daher ich Gott für diese Fügung dankte und ihn auch jetzt noch dafür preise. In und an dem Oberkörper hatte sich, abgesehen von etwas Mattigkeit, das Gleichgewicht wieder hergestellt dagegen waren die untern Theile noch angegriffen, insbesondere schmerzte es noch sehr in den Gelenken, wenn ich die Schenkel und Füße bewegte, weshalb man mich beim Abmarsche auf den Wagen tragen mußte, was mich aber nicht hinderte, nunmehr mit meinem Wagen auf dem Marsche in der Reihe zu bleiben. In den nächsten Tagen empfand ich noch Schmerzen in den Knien; diese zogen sich indessen bald abwärts, erst in die Knöchel, dann in die Fußballen, wo sie verschwanden. Ich erholte mich nun rasch und es fanden sich auch die Kräfte, wie wohl allmäh-
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lich wieder ein; wäre die Kost, die wir uns nur verschaffen konnten nicht so mager gewesen, so würde die völlige Kräftigung früher eingetreten seyn.
Unser Marsch ging nun der asiatischen Grenze entgegen und das nächste bestimmte Ziel war die Gouvernements Stadt Tamkow der wir etwa auf 20 Meilen nahe gerückt sein mochten, als wir ein Dorf als Marschquartier erreichten. Es war ein Sonntag zu Ende des August, und wir sahen schon von Weitem, einen großen Theil der Einwohner, uns erwartend, am Eingange stehen. Unter diesen bemerkten wir viele weiße Gestalten, und wunderten uns nicht wenig, als wir fanden daß dies die Frauen und Mädchen des Dorfes waren, welche weiter nichts anhatten als das bloße Hemde. Nur am Gesäß befand sich ein farbiges Stück Zeug, in der Größe des Hin-
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terleders, wie es die Bergleute tragen, welches an einem Gürtel um den Leib befestigt war. Wir fanden auch das weibliche Personal in unserem Quartier so angethan; auf dem Kopfe eine Haube, an der im Genick ein handbreiter Streifen /: mit kleinen Glasperlen von verschiedenen Farben durchwirktes Zeug, welches bis an die Schultern reichte :/ befindlich war. Unmittelbar über der Stirn, wo der Haarwuchs beginnt, stand ein sichelförmiges, an beiden Enden zugespitztes, in ein weißes Tuch gehülltes Ding, gleichsam wie zwei Hörner, in die Höhe als Kopfputz. Die Füße und Beine bis an die Wade waren mit bundfarbigem Zeuge umwickelt. Schuhe von Bast waren mit Schnüren kreuzweise aufwärts am Beine befestigt, und ebenso war die Fußbekleidung der Männer beschaffen. Anzüge dieser Art fanden wir nur in diesem einen Dorfe auf dem Hinmarsche.
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Da wir dergleichen Tracht nicht weiter fanden, so möchte wohl anzunehmen seyn, daß der Landstrich, wo sie gebräuchlich ist, nur sehr schmal seyn kann, was sich auf dem Rückmarsche auch zu bestätigen schien.
Auf dem fortgesetzten Marsche nach Tamkow passirten wir das Städtchen Lipitzk, in dessen Nähe ein Mineralbad war. Badegäste habe ich damals dort nicht gesehen; überhaupt schien die ganze Einrichtung sehr kleinlich zu seyn und ich glaube, die Russen bleiben lieber bei ihrem Dampfbade, dessen Wirkung handgreiflich ist, als daß sie Mineralbäder gebrauchen, bei denen sie eine gewisse Diät halten müssen, was ihnen lästig wird.
Um diese Zeit war die Sommerhitze dort sehr drückend, und wir hatten viel davon zu leiden, während um dieselbe Zeit die Schlachten an der Katzbach und bei Groß-Beeren geschlagen wurden, bei welchen der Regen in Strömen
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herabfloß. Hätten wir damals die Ereignisse, welche in unserm Vaterlande vorgingen, gekannt, so würde unsere oft gedrückte Stimmung sich jedenfalls in eine heitere umgewandelt haben. Zwischen Lipitzk und Tamkow trafen wir im freien Felde große Flächen mit Melonen und Arbusen /: Wassermelonen :/ bebaut, welche eben ihre Reife erlangt hatten. Merkwürdig ist es, daß in dieser Gegend die unter dem 53 Grade nördlicher Breite liegt, dergleichen Früchte im Freien vollkommen reif wurden, während sie bei uns unter dem 52ten, mit wenigen Ausnahmen nur in den Mistbeeten gezogen werden können. An mehreren Orten waren die Leute mir Einsammeln derselben beschäftigt, und es lagen oft große Haufen nahe an der Straße aufgeschichtet. Die Soldaten nahmen in solchen Fällen stets eine Anzahl davon weg und versorgten auch uns
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damit, indem sie solche in unsern Wagen warfen. Die Anbieter, welche nicht selten in der Nähe waren, ließen sie ungestört so viele nehmen als ihnen beliebte. Die Melonen hatten einen aromatischen Geschmack, und auch die Arbusen, mit ihrem angenehm schmeckenden Fleische und vielem Safte erquickten uns bei der Hitze außerordentlich. Ich sammelte einige Kerne von letzteren und brachte sie mit nach Deutschland. Sie wurden in Mistbeete gelegt, es erfolgten auch völlig ausgebildete Früchte; allein der Geschmack war unangenehm und dem des Kürbis gleich.
In den ersten Tagen des September langten wir in Tamkow (korrigiert zu Tambow) an, woselbst eine große Menge Gefangener vereinigt war. Ich fand dort einige Bekannte unter denselben; von denen aber, an die ich durch die Bande der Freundschaft früher geknüpft war, habe ich so wenig in Tambow als
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sonst wo, einen wieder gesehen.
Hier harrten wir lange auf das Schicksal, was uns beschieden seyn möchte. Daß diese große Anzahl Gefangener dort nicht auf die Länge bleiben würden, war uns wohl klar, allein wohin man uns schaffen würde, wußten wir nicht. Nach dem was wir so hörten, sollte eine Vertheilung derselben in verschiedene Hauptstädte des Reiches vor sich gehen, und zwar nach Saratow, Pensa-Kahan, Simbirsk, Woronesch etc.. auch vielleicht nach Orenburg und Tobolsk. Mir war es übrigens ganz gleichgültig, wohin der Zug gehen möchte; 100 Meilen mehr oder weniger Entfernung, darauf kam es mir nicht an, befand ich mich doch bereits mehr an 400 Meilen von meiner Heimath. Im Gegentheil wäre es mir lieb gewesen, wenn die Abtheilung, der man mich zutheilte, nach Tobolsk dirigiert worden wäre, und zwar aus folgen-
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dem Grunde: Das 8te Armeecorps machte auf dem Marsche nach Rußland im Jahre 1812 einige Tage Halt in der Gegend von Kalisch. Da in dieser Stadt das Hauptquartier war, so blieb auch die westphälische Garde, also auch das Jäger-Bataillon, dort. Ich erhielt ein Quartier bei einem Apotheker, woselbst auch ein Capitain von der Grenadier-Garde, Namens von Lengerke, einquartiert ward. Eines Tages Mittags bei Tische, kam das Gespräch auf den weiten Marsch nach und in Rußland. Da sagte der Apotheker: „Meine Herren, wenn sie in Rußland etwa gefangen werden möchten, was im Kriege vorkommen kann, und Sie würden dann nach Tobolsk transportiert, so könnte Ihnen ein Empfehlungsschreiben dorthin vielleicht nützlich seyn; ich habe dort einen Verwandten, der ebenfalls Apotheker ist, und bin bereit, wenn Sie es wünschen Ihnen Briefe an denselben einzuhändigen“ Mir war der Gedanke,
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in russische Gefangenschaft zu geraten nicht sonderlich ergötzlich; was Herr von Lengerke dachte, weiß ich nicht. Ehe wir indessen von Kalisch wieder abrückten, ersuchte ich doch meinen Wirth, mir ein Schreiben an seinen Vetter zu geben, was er denn auch that; allein als die Kosaken und Husaren mir meine Habseligkeiten abnahmen, ging auch besagtes Schreiben verloren. Dies beunruhigte mich aber weiter nicht, indem ich Hoffnung hatte, daß, wenn ich nach Tobolsk käme und dem betreffenden dortigen Apotheker einen Gruß von seinem über 400 Meilen entfernt wohnenden Vetter in Kalisch brächte, mir von ersterem doch wohl eine Unterstützung zu Theil werden könnte. Auch zeigt dies, daß ich damals sehr genügsam war, indem ich eine Weiterreise von ein paar Hundert Meilen nicht in Anschlag brachte, um meine Lage vielleicht etwas verbessert zu sehen.
Die Dislocirung verzögerte sich indessen
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noch, und wir suchten die Zeit in Tombow zu tödten, so viel es möglich war. Bemerken will ich noch, daß die Lebensmittel dort außerordentlich wohlfeil waren, worüber ich später noch mehr sagen werde. Das sei jedoch hier noch bemerkt, daß die größte und schönste Melone nicht mehr als 3 Pfennige, nach unserem Gelde gerechnet, kostete.
Endlich in der letzten Hälfte des September geschah von den russischen Behörden die Detaschirung[105] der Gefangenen nach verschiedenen Gegenden des Reiches. Die Colonne, der ich zugetheilt ward, erhielt ihre Bestimmung nach Woronesch, welches 40 Meilen von Tombow liegt. Gewohnt mich in meiner Lage in Alles zu fügen, war mir dies ganz recht, und ich verzichtete gern auf die ungewisse Unterstützung des Apothekers in dem 200 Meilen entfernten Tobolsk. Ohne Unfall trafen wir am 7ten October 1813.in Woronesch ein, und nahmen die für uns bestimm-
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ten Quartiere in Besitz. Das Glück war mir günstig, indem ich mit 5 Officieren, die ich sämmtlich als treue Freunde und Leidensgefährten hoch verehrte und auch jetzt noch über Alles hochschätze, bei einem reichen Russen, der Besitzer eines Dorfes war, zugleich aber auch einen Viehhandel und eine Schlächterei im Großen trieb, einquartiert wurde. Außer uns erhielten auch unsere gemeinsamen beiden Burschen, Namens Resag, Westphälischer Gardist, und Wilhelm, dessen Geschlechtsname mir entfallen ist, hier ihr Unterkommen. Hier richteten wir uns so gut als möglich ein. Bei dem nächsten halb monatlichen Tractaments-Empfange legten wir die Hälfte davon zusammen in eine Menage-Kasse, welche wie gewöhnlich, mir zur Verwaltung anvertraut wurde. In Begleitung eines Burschen ging ich dann auf den Markt, und kaufte Fleisch und Gemüse, oder was sonst noch an Zuthat
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nöthig war, mit möglichster Ersparniß ein. Daß die Lebensmittel dort sehr wohlfeil gewesen sind, läßt sich schon daraus schließen, daß der Betrag von 10 ggz. nach unserem Gelde gerechnet, täglich nicht überschritten werden durfte. Es reichte dies aber auch völlig aus, um uns Mittags und Abends zu sättigen, wovon die beiden Burschen noch mit befriedigt wurden. Wir aßen Mittags eine kräftige Suppe von 8tt Rindfleisch, nebst Gemüse, am Abend Braten und Salat. Außerdem kaufte ich noch das Brod, welches zu Mittag und des Abends bei Tische zugegessen wurde, Salz und anderes Gewürz, grüne Kräuter in die Suppe, und Licht. Dies wird Manchem fabelhaft erscheinen, aber es ist wirklich die Wahrheit, was ich Jedem, wenn er das Manage-Buch, welches ich führte, einsehen wollte, schriftlich beweisen könnte. Man wird auch schon weniger daran zweifeln, wenn ich im Folgenden die Preise der Lebensmittel, die wir verbrauchten,
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angegeben
haben werde: 1tb. gutes Rindfleisch 6 ¼ d, 1tb Hammelfleisch 6 ¼
d, 1tb. Kalbfleisch 4 d, 1 Huhn 1ggr 4 d, eine Gans ohne Federn und die
inneren Theile 4 ggr., 1 Cato 2ggr.8 d, ein Truthahn 10 ggr 4 d., 1 Spanferkel
2ggr., 1 Hammel oder Schaf, fett, ohne Fell und Inneres 10 ggr., 1 Kalb ebenso,
10ggr., 1 Auerhahn 10ggr., 1 Birkhuhn 4 ggr., 1 paar Feld- oder Rebhühner 3
ggr.4 d, 1 paar wilde Enten 4 ggr.8 d., 1 Haase 4 ggr., ein Schock Eier 4 ggr.,
1 tt. Butter 2 ggr 4 d., 1 tb. Honig 2 ggr., 1 tb Talglicht 2
ggr., 1 tb. guter Tabak 3 ggr 4 d. Da dort Schinken und Wurst, auch
gepökeltes Schweinefleisch nicht zu bekommen waren, so beschlossen wir, uns ein
Schwein zu kaufen, und ich ging dieserhalb auf den Markt, wo eine große Menge
russischer Bauern mit bereits abgebrühten und ausgenommenen Schweinen, auf
ihren Schlitten feil hielten. Ein Bauer hatte 2 dergleichen auf dem Schlitten,
wobei eins sich befand, was mir für uns passend schien, und welches der
Schätzung nach,
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an 100 tb
wiegen mochte. Um dieses handelte ich mit dem Mann und er forderte 12
Papierrubel. Ich bot ihm 8, und als er es für diesen Preis nicht lassen wollte,
ging ich weiter, um ein anderes zu suchen. Ich fand jedoch keins, was mir so
zusagte wie jenes, und ich begab mich nochmals zu dem Bauer und bot ihm 9
Rubel, er ließ einen von 12 ab, als ich jedoch 10 bot schlug er zu, und trug
noch dazu das Schwein, welches steif gefroren war, auf dem Rücken in unser
Quartier. Dort ward ich nebst dem Schwein, mit Jubel empfangen, und als ich
meinen Kameraden sagte, daß dies stattliche Schwein nach unserm Gelde gerechnet
2 rl.12qne Conventionsgeld koste wurde der Spektakel noch größer. Wie aber nun
dasselbe zu consumiren sei, darüber wurden wir nicht gleich einig; Bratwurst zu
machen, ging nicht, denn es fehlte uns an Därmen, Schinken zu räuchern ging
auch nicht, da kein Passender Rauchfang da war; das Fleisch einzupökeln, dazu
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hatten wir
keine Gefäße, und wenn wir die auch gehabt hätten, so gebrach es uns an Raum,
um dasselbe sicher aufzubewahren. Wir beschlossen daher, es nach und nach so zu
verspeisen. Es wurde dann zunächst von unserm Koch Rusag, ein Schweinebraten
hergestellt, den wir uns recht gut schmecken ließen, und so ist das Fleisch
allmählich aufgezehrt worden. – Wie wohlfeil auch das größere eßbare Vieh war,
kann man ermessen wenn ich bemerke, daß ein ziemlich großer Ochse 8 rl 8 ggr.
und eine Kuh 4 rl 10 ggr.8 d nach unserm Geld, dort verkauft wurden, was ich
selbst gesehen habe. 1 tb Wachs kostete 3 ggr. 4 d und 1 Schock Gurken 9
d. Sonach kamen wir mit unserm geringen Tractament recht gut aus. Wir waren
auch vergnügt und zufrieden, und wir konnte dies auch mit Recht seyn, wenn wir
unsere gegenwärtige Lage mit den Leiden verglichen, die wir früher erdulden
mußten.
Doch nun will ich auch die treuen Ge-
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fährten, die ich in Liebe in mein Herz geschlossen habe und die darin ihren Platz behalten werden, so lange als ich lebe, hier namentlich aufführen. Es waren: 1., Capitain von Cölln, jetzt Juni 1852., Königlich Preußischer General-Lieutenant a. D.; 2. Premier-Lieutenant von Paschwitz, jetzt, so derselbe noch am Leben sein sollte, Königlich Preußischer Oberst a. D.; 3., Capitain von Koch; 4. Capitain Weihe. Der Verbleib von 3. und 4. ist mir unbekannt, doch bemerke ich, daß ich Weihe im Jahre 1815 in Le Mons, in Frankreich als Landwehr-Officier gesehen habe. 5., Premier Lieutenant von Praun, welcher am 16ten Juni 1815. in dem Treffen bei Quatre-bras als braunschweigischer Officier geblieben ist.
Wir hatten übrigens völlige Freiheit und konnten ohne Hinderniß vornehmen was wir wollten, und hingehen wo es uns beliebte. Abends setzten wir wie in Minsk, unser Spiel fort. Das Bett bestand aus einem von 2 Bastmatten zu-
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sammengenähten und mit Heu ausgestopften Sacke und die Decke ward durch den Mantel ersetzt. Die Schlafstelle war in derselben Stube die wir bewohnten; das Lager ward am Abend, wenn wir zur Ruhe gehen wollten, von den Burschen hereingebracht und des Morgens wieder weggeräumt. Jeder suchte sich sein Lager so zu bereiten, wie es ihm am Besten schien.
Durch einen in der Nähe wohnenden Gutsbesitzer, deutscher Abkunft, erhielten wir Bücher und Zeitungen, welche letzteren in der Petersburger Hofzeitung und dem Rigaer Zuschauer bestanden, natürlich alles in deutscher Sprache. Unter den Büchern waren, wie mir noch erinnerlich ist, 2 Bände Rittergeschichten, „die Unsichtbaren“ und 2 Bände Gespenster-Geschichten, die sich aber alle aufklärten. Interessant für mich waren einige dadurch, daß der Schauplatz derselben ein Städtchen Osterwieck war, was ½ Stunde
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von meinem Geburtsorte liegt, und daß ich sogar die handelnden Personen, wenigsten ihre Familien, sehr gut kannte. Auch die Zeitungen führten mir in der Beschreibung der damaligen Kriegsereignisse und der Bewegungen welche die betreffenden Corps machten, Gegenden vor die mir genau bekannt waren. Freilich erhielten wir die Nachrichten spät, doch kam die von der Schlacht bei Leipzig[106] schon Mitte November zu uns.
Um diese Zeit stellte man uns von Seiten des russischen Gouvernements eine Bekanntmachung zu, wonach Gefangene aufgefordert wurden, in einer deutschen Legion, welche in Dresden von einem General von Gersdorf errichtet werden sollte, Dienste zu nehmen. Wir erklärten uns alle bereit dazu; allein eine weitere Bestimmung blieb aus. In der letzten Hälfte des Januar 1814., wo wir noch immer der Ordre zum Ab-
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marsch nach der qu: Legion harrten, tauchte die Sage auf, daß wir bald in unser Vaterland zurückkehren würden. Da es hiervon aber wieder ganz still wurde, so glaubten wir, es sey nur ein leeres Gerücht gewesen; indessen es wurde beschlossen, einen von uns in das Büreau des Gouvernements zu senden, um etwas Näheres darüber zu erfahren. Dies geschah denn auch, und der Abgesandte brachte die Nachricht, es ließe sich vermuthen, daß, da die Gefangenen deutscher Abkunft, aus dem östlichen Theile des Reiches in Waronesch vereinigt werden sollten, diese bald mit uns nach Deutschland zurückkehren würden. Dies war für uns eine erfreuliche Mittheilung, indem sich die Hoffnung steigerte, daß wir unsere Angehörigen wiedersehen und ihnen,
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die uns vielleicht schon längst unter den vielen Tausenden, die in Rußland umkamen, begraben wähnten, eine Freude bereiten würden, mit dem Beweise, daß der liebe Gott in seiner Gnade, selbst aus den größten menschlichen Trübsalen zu erretten die Macht hat. Noch einige Tagen gingen hin und es stellte sich uns der russische Officier vor, welcher als Commandant eines kleinen Detaschements Veteranen unser Begleiter auf der Zurückreise seyn würde. An einem der nächsten Tage ward uns eröffnet, daß Ser Majestät, der Kaiser Alexander für jeden Gefangenen, nach Maasgabe des Grades, eine Gratifikation bewilligt hätte, die für den Officier 100 Rubel Papier betrug. Dies war, nach Verhältniß der Preise sämmtlicher Bedürfnisse im südlichen Rußland, eben so viel als wenn man hier 100 rs[107]
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bekömmt. Dies war für uns ein Zeichen von großer Humanitaet des Monarchen, so wie ich mich nach den Beobachtungen, die ich während meiner Gefangenschaft über das Benehmen der russischen Behörden, des Militairs und überhaupt der Nation gegen die Gefangenen gemacht habe, im Ganzen sehr lobend aussprechen kann. Es ist mir kein Fall bekannt geworden, wo ein solcher mit Strenge behandelt worden wäre. Ein näheres Anschließen an uns von Seiten der Russen, mit denen wir in Berührung kamen, fand freilich nicht Statt, was aber nicht Folge eines wirklichen Haßes, sondern eine durch die Verschiedenheit der religiösen Richtung hervorgerufene Scheu zu seyn schien. Außer den oben genannten Gefährten wurde ich während des Aufenthalts in Waronesch, noch mit mehreren Officieren
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befreundet, deren Namen ich größtentheils vergessen habe. Einige Namen fallen mir noch ein: 1., Lieutenant Schwenken, (stand später bei der hannöverschen Cavallerie) 2., Rittmeister von Weinbach, (Einer gleichen Namens war Reuter-General in bayrischen Diensten im Jahre 1848., ob dies jedoch derselbe ist, weiß ich nicht.) 3., Capitain Hoffmann, Adj:-Major beim 7ten Linien Regiment, 4., Capitain Schäffer, vom 1ten Bataillon leichter Infanterie, 5. 6. 7., Lieutenants Diedrich, Scheffer und Nagel, von dem selben Bataillon, 8., Lieutenant von Schietling im würtembergschen Dienste. (Ob diese noch am Leben sind, ist mir unbekannt, meine Anhänglichkeit an sie wird bestehen, so lange ich hier existiere.)
Wir beschlossen nun unsern Rückmarsch durch ein frohes Mahl zu feiern, und luden unsere Kameraden und auch den russischen Officier der uns
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begleiten sollte, dazu ein. Mir fiel, wie gewöhnlich, die Arrangierung resp: Vorbereitung der Sache zu, und ich ging aus, um die nöthigen Ingredienzen anzukaufen. Nach dem Verzeichniß welches ich führte, und das ich bis jetzt aufbewahrt habe, bestanden solche in Folgendem: 40 Flaschen Uralschen Wein á 4 ggr. 8 d., Schnaps, Kaffee, Zucker, Cichorien, Tabak, Talglicht, á Stk 4 d., Gläser, 1 Truthahn 10 ggr., 1 Gans 6 ggr., Kalbsbraten, Brod, Bier, Butter, Zimmt Oel und Eßig und Kartoffeln. Dies kostete alles, nach unserm Gelde gerechnet , 11 rs 16 ggr. und 10 Personen konnten die Speisen nicht vertilgen. Ich bereitete einen Eierpunsch so gut es gehen wollte, und hierzu luden wir die Mutter unseres Hauswirths, die eigentlich das Regiment im Hause führte ein, welche denn auch erschien. So verlebten wir dann jenen Abend in unserer Weise ganz vergnügt, was auch
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auf die eingeladene Frau überging, besonders als sie erst einige Gläser Pusch getrunken hatte. Die Stelle des Dolmetschers bei der Unterhaltung mit den Russen, vertrat ein Officier von Bertrab. Auch der alte Veteranen-Officier gefiel sich sehr, und schied erst spät mit freundlichem Händedruck von uns. Ebenso die Frau, die sich noch später zurückzog und uns eine glückliche Reise in das Vaterland wünschte. Wir legten uns dann bald auf unsere Bastpolster zur Ruhe nieder, und es ist mir nichts erinnerlich, daß einer oder der andere über Unbehaglichkeit geklagt hätte, Alle schliefen fest bis an den hellen Morgen. Ich ließ mir durch einen deutschen Schneider, der in Waronesch wohnte, einen Rock von dickem Kalmuk[108] anfertigen, der in Allem 7 rt kostete. Dann kaufte ich mir eine russische Pelzmütze, die so eingerichtet war, daß man Genick und Ge-
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sicht so damit bedecken konnte, daß nur die Augen frei blieben. für eine wärmende Umhüllung des Körpers hatte man Ursach Sorge zu tragen, da der Winter dort in ziemlicher Strenge fortdauerte. Ferner schaffte ich mir einen Pelz und eine dicke Friesdecke an letztere um auf der Reise darauf zu liegen, und ersteren um ihn am Tage zutragen und des Nachts als Decke zu benutzen. Andere Kleinigkeiten wurden gekauft, theils solche, die als Andenken an Rußland mit in die Heimath genommen werden sollten, theils solche, die auf der Reise zu gebrauchen waren. Mehrere davon besitze ich jetzt noch, und halte sie in Ehren.
Aus unserm Leben in Waronesch habe ich, in gesellschaftlicher Beziehung, noch zu bemerken: daß wir wöchentlich 2 – 3 mal mit vielen der übrigen gefangenen Officiere und einigen russischen Ein-
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wohnern, in dem Hause eines Bäckers, der vor etwa 20 Jahren aus dem Schwarzburg-Rudolstädtischen nach Rußland übergesiedelt war, Abends zur geselligen Unterhaltung zusammenkamen. Unter den Einheimischen befand sich auch der dortige Kaiserliche Oberforstmeister. Wie dieser hieß, weiß ich nicht mehr, das ist mir aber noch erinnerlich, daß er aus Kiel gebürtig war. Das dort beliebte Getränk war schwarzer Kaffee mit Rum, was man Scheich nannte. Dem Oberforstmeister hatte ich gleich zu Anfang unserer Anwesenheit in Waronesch einen Besuch abgestattet, welcher hauptsächlich aus dem Grunde geschah, um von ihm vielleicht zu erfahren, wo ein naher Verwandter von mir, Namens Feuerstak aus Wernigerode, der etwa im Jahre 1806 oder 1807. nach Rußland ging, und dort bei einer Familie Romanzow als Forstmeister
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angestellt wurde, weilen möchte. Der Oberforstmeister nahm mich freundlich auf, wußte jedoch den Wohnort meines Vetters nicht, versprach indessen nach Petersburg zu schreiben und dort dieserhalb nähere Erkundigungen einzuziehen. Bei unserm Abmarsche von Waronesch wolle er noch keine Antwort erhalten haben und es ist mir daher unbekannt geblieben, wo sich mein Verwandter befunden hat. –
Endlich wurde unser Abmarsch auf den 5ten Februar 1814. festgesetzt. An diesem Tage bestiegen wir die zu unserer Disposition gestellten Schlitten und traten die Reise mit frohen Hoffnungen für die Zukunft an. Bevor ich den Marsch weiter beschreibe, bemerke ich noch: daß 3 gefangene Officiere, von denen ich 2., nemlich die Lieutenants Honig und Kröber noch nennen kann, einen Schlit-
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ten mit halben Verdeck von Bast, gekauft hatten. Diesen, als der stattlichste von Allen, mußte sich an die Spitze setzen, und so ging der lange Zug aus der Stadt, /: Thore kann ich nicht sagen, denn es waren dergleichen nicht vorhanden :/ in ziemlicher Geschwindigkeit hinaus. Die kleinen Pferde, in munterem Trabe oder kurzem Galopp, brachten uns rasch von dannen, und bald war von Waronesch nichts mehr zu sehen. Einen Freund oder Freundin hatte ich dort nicht zurückgelassen und daher empfand ich in dem Augenblick, als ich die Stadt zum letzten Male sahe, kein Verlangen je dahin zurückzukehren. Bei einer ziemlich starken Kälte, aber guten Schlittenbahn, ging die Reise rasch vorwärts; da wir aber erst gegen Mittag von Waronesch abfahren konnten, so langten wir auf dem etwa 4 Meilen entfernten Etappen-Orte doch erst an, als es bereits Nacht ge-
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worden war. Wie Alle, so wurde auch ich mit 2 oder 3 Kameraden bei einem Bauer einquartiert, und nachdem von den aus Waronesch mitgenommenen Lebensmitteln das Abendbrod eingenommen war, mußte der Bauer Stroh zum Lager herbeischaffen und wir legten uns zur Ruhe. Hierbei kam mir die in Waronesch gekaufte Friesdecke gut zu statten, und, zugedeckt mit dem Pelz, schlief ich bald behaglich ein. Bei dieser Gelegenheit will ich hier das Innere einer russischen Bauernstube beschreiben, so weit das in meinem Gedächtniß geblieben ist. von der Stubenthür rechts im Winkel war, etwa 5 Fuß hoch von der Erde, ein kleines Brett befestigt, auf welchem ein Heiligen-Bild, die Mutter Gottes mit dem Kinde, stand. Jeder Russe der eintrat neigte sich vor dem Bilde, und machte ein Kreuz vor der Brust. Dies geschah in der Richtung von oben
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nach unten, und von der rechten Schulter zur linken, wobei ein kurzes Gebet gemurmelt wurde. Schräg gegenüber dieser Ecke, also im hintersten Winkel links, stand der Ofen, in der Form eines gewöhnlichen Backofens, der zum Backen, Kochen und Heitzen der Stube zugleich diente. Der Ofen war im Ganzen etwa 6 Fuß hoch, und es blieb zwischen der Haube und der Decke der Stube ein leerer Raum von ca. 2 ½ - 3 Fuß, in welchem in der Hinterwand ein 1 Fuß im Quadrat haltendes mit einem hölzernen Schieber versehenes Loch sich befand, welches, wenn der Ofen geheizt wurde, den Rauch ins Freie ließ, da ein Schornstein weiter nicht vorhanden war. Zwischen dem Backofen und der Wand, in welcher sich die Stubenthüre befand, war mit jenem in gleicher Höhe, ein von der Erde etwa 2 Fuß hoher Bretterverschlag, welcher unten hohl und in der Vorderseite mit einem
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Schieber versehen war. Außerdem war nur noch eine an der, mit einem oder auch zwei, 1 Fuß im Quadrat haltenden, Fenstern von Glas oder von Schweineblase versehenen Frontwand hinlaufende Bank und ein Lichthalter, so wie einige Gerätschaften, Schaufel, Hacke, Besen etc. vorhanden. Der Lichthalter war sehr einfach construirt. In einem schweren Klotze ist eine Stange, etwa 3 Fuß lang, befestigt, welche oben eine krumm gebogene Gabel hat. In diese wird ein langer Kiehnspan befestigt und angezündet, und dies ist die einzige Erleuchtung, welche dort unter den Bauern gebräuchlich ist. Das Personal in dem Hause, wo wir einquartiert waren, bestand aus einer alten und einer jungen Familie. Die Eltern hatten ihren Schlafplatz auf dem Backofen, und die Kinder auf dem oben erwähnten Bretterverschlag, den man erst besteigen mußte,
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um auf erstern zu gelangen. Beim Feuer anmachen verbreitete sich der Rauch so in der Stube, daß ein Raum von etwa 3 – 4 Fuß unten davon frei blieb. Wenn man daher sich das Gesicht nicht verräuchern lassen wollte, so war man genöthigt, nieder zu kauern oder sich auf den Boden zu legen. War das Feuer ausgebrannt, so wurden die Kohlen aus dem Ofen herausgekratzt, und neben der Oeffnung liegen gelassen. Jetzt würde ich besorgt seyn, daß dies der Gesundheit nachtheilig seyn könnte, damals dachte ich daran nicht, und es ist mir auch kein Fall bekannt geworden, daß von den Bewohnern solcher Häuser, die bis auf das Haus des Popen /: Priesters :/, alle ohne Schornstein sind, jemand durch Kohlendampf erstickt sey.
Wir mochten wohl einige Stunden geschlafen haben, als auf einmal ein Gepolter entstand, wovon wir wach wurden. Der alte und der junge Bauer stürzten
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von ihren Lagern herunter, ergriffen die piken, die ein jeder Bauer im Hause hat, und liefen zur Thür hinaus. Die Frauen blieben liegen. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zurück, und als wir frugen: weshalb sie so hastig hinaus gelaufen seyen, sagten sie, daß die Wölfe im Dorfe gewesen wären, um Schafe zu rauben, und daß sie solche hätten vertreiben müssen.
Am andern Tage setzten wir die Fahrt fort, immer noch bei strengem Winter, den halb verdeckten Schlitten an der Spitze, dem wir den Namen „Kriegs-Kasse“ beilegten. Wir reisten mit großer Schnelligkeit, so daß wir fast immer zwei Etappen zurücklegen konnten, was uns sehr lieb war, indem wir auf diese Weise unserem Vaterlande desto rascher entgegen rückten. In diesen Tagen wurden wir wieder in einem Dorfe einquartiert wo die Frauen, im warmen Zimmer, blos mit einem Hemde angethan waren. Hatten sie
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im Freien zu thun, so warfen sie einen Schafpelz über. Außer auf dem Heimweg nach Tombow, ist mir eine ähnliche Tracht in keinem Orte vorgekommen, und es ist daher zu vermuthen, daß diese Mode nur auf einem schmalen Landstrich besteht. In den nächsten Tagen hatten wir in einem Dorfe Ruhetag. Es war dies der letzte Sonntag vor der großen Fastenzeit, an welchem es den Russen noch erlaubt ist, Butter oder sonstiges Fett, aber kein Fleisch zu Essen. Dies beachten sie gehörig, indem an allen Orten Kuchen in Butter Fett oder Oel gebacken und in großen Massen verzehrt wurden. In einem Hause des Dorfes wurde auch getanzt. Ich begab mich mit einigen Gefährten dorthin, um dem Tanze zu zu sehen, und fand dort eine Anzahl junger Leute beiderlei Geschlechts, die, nicht etwa nach einem Instrument, sondern nach ihrem eigenen Gesang wild durcheinander sprangen, wobei öfters ganz unzüchtige Gebährden und
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Bewegungen vorkamen. Diese Belustigung dauerte bis spät in die Nacht, aber von Montag an war alles zur Ordnung zurückgekehrt, und es begann nun die schmale Küche mit Brod und Salz, auch der Schnaps, der am verwichenen Tage eine Hauptrolle spielte, war verboten.
Man wird begreifen, was für eine große Masse Pferde in Rußland vorhanden ist, wenn ich bemerke, daß die dortigen Bauern von 6 bis zu 15. dergleichen hielten. Diese wurden selbst bei der empfindlichsten Kälte, nie in einen Stall gebracht, sondern blieben im Freien, oder hatten höchstens einen an allen Seiten offenen Schuppen, unter den sie sich bei Regen oder Schneefall begeben konnten. Mein Wirth hatte 15 Stück. Diese hörte ich die ganze Nacht in dem knirschenden Schnee, eine alte Stute an der Spitze, um das Haus herum wandern. Am andern Morgen waren sie mit Rauhreif bedeckt, so daß sie ganz weiß aussahen. Es ist dies ein ganz
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kleiner Schlag Pferde, aber rasch und dauerhaft. Nur ein Pferd im ganzen Dorfe war in einem ordentlichen Stalle untergebracht, wohin ich ging, um das zu sehen. Der Bauer zeigte es bereitwillig. Es war ein 4jähriger Fuchswallach, schön gebaut, von äußerst lebhaftem Temperament, aber klein, höchstens zu einem Husarenpferde geeignet. Ich frug den Bauer, welchen Preis er dafür fordere? worauf er meinte, 100 Rubel = 25 rtlr. müßte es doch wohl gelten.
Unser Weg ging nun weiter auf die Gouvernements-Stadt Kursk los, wo wir dann auch bald anlangten. In der Stadt selbst wurden wir aber nicht einquartiert, vielmehr bezog die Abtheilung, zu der ich gehörte, ein Dorf, was etwa ¼ Meile ablag. Um diese Zeit fing es noch mehr an zu schneien, und es nahm der Schneefall von starkem Winde begleitet, immer mehr zu, so daß die Straße verweht wurde und wir in diesem Dorfe mindestens
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8 Tage liegen bleiben mußten. Aus Mangel an warmen Ställen, war die Stube die wir mit bewohnten, zum Viehstall gemacht, denn es befanden sich darin ein paar Schafe mit den Lämmern und ein nicht lange vorher zur Welt gekommenes Kalb. sollte das Kalb säugen, so wurde die Mutter auch in die Stube gebracht, und diese, so wie auch andere Kühe darin gemolken. Bemerkenswerth ist es, daß die Schafe alle schwarz waren, natürlich die Lämmer auch. Es mochte gerade die Hauptlammzeit seyn, denn es kamen Händler ins Dorf, welche die glänzend schwarzen Lämmer aufkauften, sie todtschlugen und auf einen Schlitten warfen, und so habe ich einen solchen ganz vollgepackt gesehen, worauf wohl 200 Stück seyn mochten. Diese geben die ächten schwarzen Lammfelle, die im Pelzhandel bei uns vorkommen.
Endlich legte sich das stürmische
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Wetter und wir setzten unsere Fahrt fort. Die Wege waren aber noch nicht gangbar und wir mußten oft über vom Wind aufgehäufte große Schneemassen fahren. Gegen Abend gelangten wir in ein Dorf, worin Nachtquartier gemacht wurde. Wir näherten uns diesem Dorf gegen den Wind, und fanden den Schnee vor den an sich kleinen und niedrigen Häusern so aufgehäuft, daß sie erst zu sehen waren, als wir ganz nahe an sie herangekommen waren. In dem Quartier, welches mir nebst noch einigen Kameraden angewiesen wurde, fanden wir etwa 10 Stück kleine Ferkel in der Stube umherlaufen. Auf unser Verlangen wurden sie in den von mir früher erwähnten Bretterverschlag am Backofen gebracht und der Schieber vorgeschoben. Nachts im tiefen Schlafe liegend, wurde ich durch ein Grunzen und Rasseln aufgeweckt und es ergab sich, daß die Schweine den Schieber zurückgedrückt und so das Freie gewonnen hatten. Mit diesen so nahe in Berührung zu bleiben, sagte mir jedoch nicht zu, umso weniger, als sie links
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und rechts umhersprangen und mit ihren Klauen nicht selten meine Nase berührten, daher ich unseren Wirth in möglichst barscher Weise aufforderte, die Thiere sofort wieder einzuspunden, was denn auch, aber nicht ohne Mühe geschah. Obgleich ärgerlich über diese Störung schlief ich, in gewohnter Weise, dennoch bald wieder ein, bis der Magen das Frühstück forderte.
Von der kärgliche Lebensweise der russischen Bauern zeugt es, daß sie in der Fastenzeit zum Mittagsmahle Brühe von Sauerkraut, worin einige Stückchen Kohl herumschwammen, als Suppe, und dazu ganz dick gekochte Buchweizengrütze, ohne alles Fett, einen Tag und alle Tage genießen und dann trocknes Brod zubeißen. Die Leute wurden aber sehr alt dabei, auch habe ich nur wenige Schwache oder Kranke gesehen, und wenn man einen Greis frug: wie alt er sey“? so war nicht selten die Antwort 100 Jahre. –
Am andern Morgen setzten wir die
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Reise fort, im langen Zuge, der verdeckte Schlitten, KriegsKasse, immer an der Spitze, abwechselnd Trab und kurzer Galopp. Es kam eine Höhe vor, die wir passiren mußten. Die KriegsKasse führte stolz den Kopf und war oben von allen Nachfolgern zu sehen. Auf einmal verschwand sie, und es erhob sich an der Spitze ein Hurrah, ohne daß der Zug auch nur einen Augenblick langsamer ging. Sie war umgefallen und sämmtliche Schlitten eilten dabei vorüber, indem aus jedem ein Hurrah erscholl. Erst bei der nächsten Station schloß sie sich wieder an. Die Schlitten welche kein Verdeck hatten, fielen nicht leicht um, weil hiergegen an den beiden Seiten eine zweckmäßige Vorrichtung angebracht war. Wir eilten nun dem Desna Flusse entgegen, und gelangten nach, einigen Tagen an einen großen Wald, den derselbe begrenzte. Mitten in diesem Wald lag ein Dorf, wo wir einquartiert wurden.
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Für mich war die Fahrt in diesem mächtigen Walde sehr interessant. An der Straße, die wir passirten, war derselbe mit Laubholz bestanden. Es waren hier alle besseren Laubhölzer, mit Ausnahme der Buche, vorhanden; sie waren sehr geschlossen und von ausgezeichnetem Wuchse. Nadelholz habe ich in diesem Wald gar nicht gesehen. Auch in Betreff der Jagd entging mir bei, aller Schnelligkeit der Fahrt, keine Fährte, und es spührten sich Elenwild, Wölfe, Füchse und in der Nähe des Dorfes auch einige Haasen. Die Bewohner desselben beschäftigten sich alle mit Stellmacher- oder Wagner-Arbeiten. Man fand hier alles, was zum Wagenbau erforderlich ist, in großen Massen aufgehäuft, besonders groß war der Vorrath an Felgen, die von jungem Eisen aus einem Stücke gemacht, und in hohen Haufen cylinderförmig, aufgeschichtet waren. Am nächsten Tage erreichten
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wir das Ende des Waldes und die Desna, auf deren Eis und Schneedecke die Straße abwärts ging, bis an die Stadt Trugzschevschk[109], in der wir einquartiert wurden. Das Terrain auf welchem die Stadt liegt, ist weit höher als das Flußgebiet der Desna, wozu der eben bezeichnete Wald gehört, und es ist hieraus zu folgern, daß in letzterm große Brücher sich befinden. Auch das möchte diese Folgerung schon mit rechtfertigen, daß in diesem Walde, wie ich später erfuhr, viel Elche oder Elenwild stand, was bekanntlich sich nur in großen Wäldern, die mit unzugänglichen Brüchen durchschnitten sind, dauernd aufhält. Wir bekamen ein ziemlich reinliches Quartier, freilich ohne Kost und Betten, was uns indessen nicht Ungewohntes war. Zu bemerken ist noch, daß der Wirth 2 zahme oder vielmehr gezähmte, Kraniche hatte, bei denen ich bemerkte, daß sie beim Ruhen immer nur auf einem Bein standen. Ich frug den Wirth
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ob es dort im Sommer viele Kraniche gäbe, was er bejahte, und auch schon hieraus ist zu entnehmen, daß in der Umgegend viel bruchiges Terrain vorhanden war.
Nachdem wir unser Mittagsessen beseitigt hatten, waren wir eben im Begriff Veranstaltungen für das Lager zu treffen, als ein alter russischer Officier in Begleitung eines jüngeren in unser Zimmer trat und auf russisch auf uns lossprach. Einer von uns verstand es, und sagte dann, der Officier käme, uns heute Abend um 7 Uhr zum Thee bei sich einzuladen. Wir versicherten, daß das für uns eine Ehre sey und wir der Einladung folgen würden. Der Officier entfernte sich nun wieder und hatte, wie sich nachher ergab, auf diese Weise alle gefangenen Officiere eingeladen. Auch sagte uns der Hauswirth, daß dies der Commandant der Stadt sey.
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Zur bestimmten Stunde begaben wir uns in die Commandantur und wurden in einen Saal geführt, an dessen Eingange, rechts und links zwei jugendliche Diener mit Fackeln in der Hand standen, um uns zu leuchten. Am Ende des Saales trat der Commandant nebst Frau aus einem Nebenzimmer ein und bewillkomneten uns auf das Freundlichste. Nach und nach traten die Uebrigen und auch einige Kaiserliche Beamten ein. Bald war der Thee servirt, und wir wurden in ein Nebenzimmer genöthigt. Hier ließen wir uns an einem großen runden Tische nieder und es begann die Unterhaltung. Zu bemerken ist, daß der Hauswirth nur der russischen Sprache mächtig war, die Hausfrau dagegen auch noch französisch sprach. Die letzte zeigte in ihrem Benehmen, daß sie dem höheren Stande angehörte, auch die Unterhal-
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tung mit ihr, und die Art, wie sie ihre Gäste, trotz des meist ärmlichen Costüms der Letzteren behandelte, verriethen eine höhere Bildung. Auch der alte Herr bemühte sich, uns durch freundliches und leutseliges Benehmen den Abend angenehm zu machen, was ihm auch vollständig gelang, indem wir Alle in eine sehr frohe Stimmung versetzt wurden. Das Meublement des Zimmers war anständig, und es befanden sich auch mehrere wertvolle Gemälde, so weit ich dies beurtheilen konnte, in demselben. Das was eins derselben darstellte, weiß ich jetzt noch; es war der Tod des Generals Wolfe, in der Schlacht bei Quebeck. – Zwei der gegenwärtigen Beamten sprachen ziemlich gut Deutsch und wir konnten uns daher über die Verhältnisse der dasigen Gegend unterhalten und ausführlich unterrichten. Freilich ist das, was uns mitgetheilt
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wurde nach einer so langen Reihe von Jahren, mir entfallen. Nur so viel ist mir davon erinnerlich, daß immer derselbe versicherte, es sey in dem Walde, durch den wir gekommen, viel Elenwild vorhanden; auch Wölfe, Füchse und Haasen berge derselbe. In anständiger, aber vergnügter Conversation verging die Zeit zwischen Thee und dem Abendessen. Auf den Wunsch der Hausfrau trugen wir einige Gesänge vor, soweit wir uns, wie ich wohl auch schon andern Orts mitgetheilt habe, darin eingeübt hatten. Einen Gesang hatten wir besonders gut eingeübt, es war „Namen nennen Dich nicht, etc“ und zu unserer Befriedigung glaubten wir zu bemerken, daß die Dame davon ergriffen wurde. Freilich mußten wir fast annehmen, daß wir uns geirrt hätten, denn da einmal gesungen werden sollte, so hatte der Commandant einige Mannschaften von einer Truppe Kosaken
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die zufällig auch in der Stadt einquartiert war, später befohlen, welche dann auch erschienen und nach dem Vortrage ihres, unsere Trommelfelle heftig erschütternden Gesanges, eben solchen Beifall erhielten als wir. Es wurde nun kalte Küche aufgetragen, welche uns vorzüglich mundete. Wir trennten uns erst ganz spät und waren erfreut einen so vergnügten Abend einmal wieder verlebt zu haben. Bei dem Abschiede küßte ich der Dame die Hand, wogegen von ihm mir ein Kuß auf die Wange zu Theil wurde, welcher mich, wenn ich hier die Wahrheit gestehen soll, völlig electrisirte. Der Comamndant lud uns zum Schluß noch zum Frühstück auf den andern Morgen ein, und doppelt vergnügt und befriedigt, suchten wir unser Strohlager, auf welchem wir bald fest einschliefen. Den andern Tag früh, vergaßen wir nicht, uns zu dem gebotenen Frühstück
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zu stellen, und wurden von dem alten biedern Hausherrn freundlich empfangen. Nachdem wir uns dasselbe hatte gut schmecken lassen, ersuchte uns der Commandant unsere Namen in ein dazu bereit liegendes Buch zu schreiben, was denn auch geschah. Dann äußerte derselbe: er habe einen Sohn, welcher als Officier bei der russischen Armee in Deutschland stünde, und ersuchte uns, wenn einer oder der andere vielleicht mit ihm zusammentreffen sollte, zu sagen: daß seine Eltern gesund seyen, und ihn, in etwa vorkommendem Falle, freundlich zu behandeln. Wir versprachen dies feierlichst und mit Aufrichtigkeit, baten jedoch uns dessen Namen mitzutheilen. Hierauf sagte der Commandant, er heiße: Iwan Alexandrowitsch Timanow, nannte auch das Regiment, worin er diene, was mir aber entfallen ist. Wir nahmen nun dankbar Abschied, unsere Schlitten standen parat, und die Reise ging rasch vorwärts dem Dniepr zu.
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Um diese Zeit begann bei heiterem Himmel die Frühlingssonne um Mittag bereits zu wirken und der Schnee fing an zu schmelzen, so daß in den Vertiefungen das Wasser so stark strömte, daß wir oft tief darin baden mußten, denn ein Theil von uns war, je näher wir dem Kriegsschauplatze kamen, wegen Mangel an Pferden genöthigt, mehr oder weniger zu Fuß zu marschieren. Nachts fror es immer wieder stark, und dann hatte sich das Wasser verlaufen, so daß der Boden gefroren und der Weg, wo gestern viel Wasser floß, heute ganz trocken war. Wir überschritten nun bald die Grenze von Alt-Rußland und traten in das zu Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch bestehende Königreich Polen ein. Hier wurden wir in der Stadt Staradu einquartiert, wo wieder viele Juden wohnten, die wir seit beinahe Jahresfrist nicht mehr gesehen hatten. In dieser
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Gegend befanden sich nicht unbedeutende Nadelholzwaldungen, und dem Anschein nach ward da starke Bienenzucht getrieben, indem der Jude, bei dem ich einquartiert war, große Fässer mit Honig feil bot. Ich würde mir etwas davon gekauft haben, allein beim Ausnehmen desselben war Honig und Wachs, ohne daß es vorher gereinigt worden wäre, in die Fässer gepackt, und hatte daher einen widrigen Geschmack, weshalb ich davon abstand. Am anderen Tage marschirten wir weiter; die Luft wurde immer milder, und es trat allmählich Tauwetter ein, weshalb wir die Schlitten mit Wagen /: Kibitken :/ vertauschten und da diese immer spärlicher geliefert wurden, so konnte am Ende nur unser Gepäck und allenfalls einige Kranke fortgeschafft werden, alle Uebrigen mußten zu Fuß wandern. Je näher wir dem Dniepr kamen, desto ausgedehntere Waldungen fanden sich, worin große
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Brücher vorhanden waren. Endlich erreichten wir den Fluß, gegenüber einer Stadt, Namens Rogatschevk. Ueber, auf das schon morsche Eis gelegte, Bretter passirten wir denselben und langten nicht ohne Gefahr in genannter Stadt, die auf einer Höhe lag, glücklich an. Hier sah ich ein weibliches Stück Elenwild, was in der Gegend dort geschossen war. Dort lag auch eine große Abtheilung Rekruten im Marschquartier, die für die russische Armee in Deutschland bestimmt waren. Unter den Führern derselben traf ich einen Unterofficier, den ich, so gut es gehen wollte auf russisch frug, wo die Rekruten herkämen. Es fand sich indessen, daß er Deutsch sprach und sogar ein Landsmann von mir aus der Bergstadt Andreasberg im Harz gebürtig war. Dies fand ich doppelt interessant, einmal weil ich in so weiter Ferne einen Landsmann
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fand und dann, weil ich so Manches über die russischen Verhältnisse erfahren konnte, worüber er mir denn auch, so weit es seine Sphäre gestattete, willig Auskunft gab. Aus seinem Lebenslaufe weiß ich noch Folgendes: Er ging als Handwerksgesell nach Pommern und später nach Stockholm. Es entstand damals gerade ein Krieg zwischen Schweden und Rußland und er ließ sich anwerben. Bei einer Schlacht ward er gefangen und, wie er sagte, endlich nach Petersburg gebracht. Gegen ein gutes Handgeld nahm er unter den Russen Dienste und capitulirte auf 5 Jahre. Nach Ablauf derselben wurde ihm wieder zugeredet und er capitulirte abermals auf 5. Jahre. Das Regiment wobei er eingestellt wurde, hatte seine Garnison in Orenburg wo er jedoch beim Abmarsch desselben im Depot zurückblieb. Jetzt führe er eine Anzahl Rekruten, die in der Gegend
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von Orenburg ausgehoben seyen, mit andern Officieren und Unterofficieren nach Deutschland zur Armee, würde aber, sobald er dem Harz nahe käme, dem russischen Dienst Salut sagen und in seine Heimath zurückkehren, wonach er sich schon lange so sehr gesehnt habe. (Ob er den Vorsatz hat ausführen können, ist mir nicht bekannt geworden; ich sah ihn nachher nicht wieder.)
Am nächsten Tage ging der Marsch weiter auf die Berezina und namentlich auf die Festung Babruisk los. Auf der letzten Etappe wurde ich in einem Judenwirthshause einquartiert. Ich fing mit dem Wirth ein Gespräch an und frug ihn im Laufe desselben, warum die russischen Juden nicht Soldat würden, da dies doch bei den Franzosen der Fall sey? Hierauf sagte er, wird man uns geben einen eigenen König, so werden wir gehen streiten. Später hörte ich indessen, daß die Juden dort damals
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zum Militairdienst herangezogen worden sind. – Mit dem nächsten Marsch rückten wir in Bobruisk ein und blieben daselbst mehrere Tage in Ruhe. Es fiel in diese Zeit gerade das russische Osterfest, welches auf besondere Weise von den Russen gefeiert wurde. Wenn sich nämlich zwei begegneten auf der Straße (der Stand und das Geschlecht kam hierbei nicht in Betracht) so fielen sie sich um den Hals, drückten und küßten sich und gaben ihre Freude über die Auferstehung des Heilands laut zu erkennen, indem sie riefen: gelobt sei Jesus Christus! worauf geantwortet wurde: in Ewigkeit! –
In dieser Gegend, die von den Kriegsereignissen bedeutend mitgenommen waren, fehlte es an Pferden und wir hatten bereits eine große Strecke zu Fuß zurücklegen müssen, indem nur unser Gepäck gefahren wurde. Ein Gleiches stand uns für die Strecke bis an die russische Grenze, 60 Meilen
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noch bevor. Wir beratschlagten, was unter diesen Verhältnissen wohl zu thun seyn möchte, und kamen zu dem Beschluß, den Commandant der Festung zu ersuchen, dahin zu wirken, daß uns die vom Kaiser bewilligten Fuhrkosten, á Werste 3 Kopeken, welche der uns begleitende Officier in Kasse hatte, bar ausgezahlt würden, wo wir dann den Marsch bis Byalistock, auf unsere eigene Hand[110], zu Fuß zurücklegen würden. Es ward nun eine Deputation gewählt, welche besagten Antrag dem Commandanten machen sollte. Dies geschah und der Commandant, ein Oberst deutscher Abstammung, genehmigte die Sache. Der Officier zahlte uns das Geld für 420 Werste, einem Jeden mit circa 5 rtl aus.
Jetzt rüsteten wir uns zur Abreise, die wir nun antreten konnten, wann es uns beliebte. Die Sachen, welche ich mir in Waronesch gekauft hatte, darunter der Pelz, die Friesdecke und
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die Pelzmütze sich befanden, verkaufte ich auf dem Markt, - freilich für ein geringes Geld – und behielt nur so viel, als ich bequem in meinem Tornister, welcher dort auf der Beresina angeschwommen und für wenig Geld zu kaufen war, tragen konnte. Vor dem Abmarsche besuchte ich noch einmal die Beresina, um von diesem Flusse, an welchen sich so viele grausige Erinnerungen knüpften, auf ewig Abschied zu nehmen. – Wir traten dann den Marsch an und erreichten bald einen großen Wald, der sich an dem rechten Ufer der Beresina hinzog und indem sich ein Dorf befand, wo wir Quartier nahmen. Die Zeit war nun herangekommen, wo die Natur erwacht, und schon traf man Vögel an, welche den Winter in wärmeren Zonen zu zubringen pflegen. So trafen wir eines Tages zwei Waldschnepfen, nahe am Wege liegend an. Auch viel Birkwild und eine große Menge Wasservögel lagen in den Brüchen
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und auf den Wasserflächen, an denen wir vorüber kamen. Der Capitain von Koch und ich, wir beschlossen, am nächsten Abend auf den Schnepfenanstand zu gehen, freilich nur mit dem Stock, denn Gewehre hatten wir nicht. Das Dorf, worin wir uns einquartiert hatten, lag mitten im Walde, und als die Sonne untergegangen war, machten wir uns auf den Weg, suchten eine lichte Stelle im Walde auf und erwarteten dort die Zeit des Striches[111]. Der Augenblick erschien, und es zogen mehrere Schnepfen in der Nähe und Ferne, indem sie die für den Jäger so harmonischen Töne von sich gaben, vorüber. Einige male kamen sie uns so nahe, daß wir unwillkürlich die Stöcke anlegten; freilich gingen diese nicht los. Außerdem ließen sich in der Ferne Birkhühner, Wasservögel, u. d. m. hören, und ich versetzte mich in die Zeit zurück, wo ich in dem Reviere meines Vaters Aehnliches vernahm.
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Koch und ich, wir beschlossen nun, am andern Morgen bei Tagesanbruch schon aufzubrechen, um beim langsamen Fortschreiten womöglich einen gleichen Genuß zu haben. Dies war auch wirklich der Fall, wir hörten einige Schnepfen ziehen, und das kollernde Balzen der Birkhähne, das Quaken der Enten und der melancholische Ton des Kranichs fachten die Jagdlust in uns immer mehr an; allein leider konnten wir diese nicht befriedigen, vielmehr mußten wir zufrieden seyn, daß uns Gott ein Organ verliehen hatte, um wenigstens das angenehme Geräusch hören zu können. – Eines Morgens, wo wir auch früher als die übrigen Gefährten uns auf den Marsch begeben hatten, langten wir bei einem einzelnen Hause an, welches ein freundliches Aussehen hatte. Wir beschlossen in dasselbe einzutreten und unser Frühstück, welches aus einem Stück Brod bestand, da einzunehmen. Es wohnte hier
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eine Judenfamilie, die uns freundlich willkommen hieß, was bei andern Juden nicht leicht geschah. Die Stube, in die wir eingetreten waren, war reinlich und es standen dort zwei ordentliche Betten, die auf deutsche Weise hergerichtet waren. Nachdem wir unser Brod zur Hand genommen hatten, begehrten wir etwas Milch, worauf die Hausfrau dergleichen sogleich herbeiholte. Nun knüpften wir ein Gespräch mit dem Hauswirth an und vernahmen, daß er mit der russischen Armee als Marketender nach Deutschland gegangen, bis zur Schlacht von Leipzig dabei geblieben und vor Kurzem erst von dort, zurückgekehrt sey. Weiter mitzugehen hätte er nicht für angemessen gehalten, einmal weil er geglaubt habe, der Krieg sei mit dieser Schlacht beendigt und dann hätte ihn die Sehnsucht getrieben seine Frau und Familie wieder zu sehen. Der Stoff, wo-
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mit die Betten überzogen waren, schien deutschen Ursprungs zu seyn, ähnlich wird es sich auch ohne Zweifel mit dem Innwendigen verhalten und der Jude alles als Beute von dort mitgenommen haben. Wir wanderten nun weiter, machten täglich die Avantgarde, bis wir endlich in der Stadt Nieschwitz anlangten, wo wir die Hälfte des Weges zwischen Babruisk und Byalistock zurückgelegt hatten.
Bei der kärglichen Lebensweise, die wir führen mußten, wurden unsere Knochen nachgerade stumpf, besonders war dies der Fall bei meinem Gefährten Koch, welcher auf dem Rückzuge die eine große Zehe durch Frost verloren hatte. Auch unser Schuhwerk gerieth in einen desolaten Zustand und wir beschlossen daher zu sondiren, ob vielleicht noch einige von den andern Gefährten geneigt seyn möchten, mit uns gemeinschaftlich einen Wagen anzunehmen, der uns von
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Nieschwitz bis Byalistock brächte. Auf unsern Vorschlag gingen denn auch 5. Gefährten ein, und wir sandten nach einem Juden, der sich mit Wirhsfuhren befaßte. Er erschien und verlangte für die 30 Meilen 28 Rubel Silber. Nach mehrfachen Dingen verstand er sich endlich dazu, die Fahrt für 26 Rubel zu leisten, wobei noch das Mitnehmen von 2 Burschen eingehandelt wurde. Der Jude wünschte nun, daß wir an demselben Tage, es war Mittag, noch abreisen möchten, damit er am Freitage, noch vor dem Sabbath, in Byalistock eintreffen könne. Wir bestellten ihn Nachmittag 2 Uhr vor unser Quartier, und er stellte sich auch mit einem, mit einer Plane überzogenen, im Inneren gehörig hergerichteten, mit 4. nebeneinander gehenden rüstigen Pferden, (Falben mit schwarzem Strich auf dem Rücken) bespannten Wagen pünctlich ein. Von den 7 Personen, die außer
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mir und Koch mitreisten, kann ich jetzt noch nennen, von Poschwitz, von Löfen und die beiden Burschen Rusag und Wilhelm. Auch ein würtembergischer Capitain war dabei, dessen Namen ich aber vergessen habe. Um halb 3 Uhr ging die Reise fort, und zwar nach einem Pfiff des Fuhrmanns gleich im Gallopp. Daß die Fortbewegung der Thiere äußerst rasch war, ist daraus zu schließen, daß wir bereits am Freitag Nachmittag etwa gegen 4 Uhr in Byalistock anlangten, also in 2 tagen 30 Meilen zurückgelegt hatten. Unsere Kasse war nun freilich fast erschöpft, auch sogar mußten wir dem würembergischen Capitain, der einen Theil des Fuhrlohns für uns ausgehandelt hatte, noch etwas schuldig bleiben. Dieser Officier hatte Verbindungen in Petersburg und durch diese, kurz vor unserem Abmarsch von Waronesch einen bedeutenden Geld-
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Vorschuß erhalten. Er konnte daher die geringe Summe welche er für uns bezahlte, ohne in Geldverlegenheit zu geraten, für den Augenblick wohl entbehren, gab sie auch, als guter Kamerad gern her. Er reiste auch, bald nach unserm Eintreffen in Byalistock, mit Extrapost in seine Heimath ab, und nahm Briefe von uns an unsere Angehörigen und Freunde mit. Von mir einen an einen Freund in der Nähe von Fulda, bei dem ich lange im Quartier gelegen hatte. Dieser ist auch richtig angelangt, wie ich später vernahm. Wir wurden in Byalistock einquartiert, von Raschwitz und ich zogen zusammen. Den Namen unseres damaligen Wirths und dessen Stellung in der Gesellschaft, ist mir nicht mehr bekannt, denn wir kamen mit ihm gar nicht in persönliche Berührung, indem uns
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ein im Hause abgesondertes Zimmer angewiesen ward. Für unsere Beköstigung hatten wir hier, so wie früher, selbst zu sorgen, und lebten, wegen Mangels an hinreichender Barschaft, ziemlich kärglich. Zunächst beschauten wir uns die Stadt und deren nächste Umgebung. Es war ein eigenes Gefühl, wenn wir daran dachten, daß diese Stadt vor 8 Jahren eine preußische Departements-Stadt gewesen, jetzt aber unter russischer Botmäßigkeit sey. Die Stadt bot, nichts Merkwürdiges dar, es zeigte sich alles sehr kleinstädtisch. In der Nähe war ein Park und Thiergarten, worin sich einiges Dammwild befand, worunter mehrere ganz weiße Stücke waren.
Nach einigen Tagen langten unsere übrigen Gefährten an, und wir bekamen das Tractament für die
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[V.2te Häflte des April.]
Ein Theil der Gesellschaft beschloß nun, in irgend einer Art Gelegenheit zu nehmen, des Mittags ordentlich zu Essen, und es fand sich eine solche bei einer deutschen Familie, die sich dort unter preußischer Verwaltung niedergelassen hatte. Der Mann, schon bejahrt, war bei der damaligen Kriegs- und Domainen-Kammer Bau-Conducteur gewesen und übergegangen in russische Dienste, war er jetzt noch Feldmesser. Wir accordirten mit der Frau, und kamen überein, für Suppe, Gemüse und Fleisch 5 Sgr. /: 1 Gulden polnisch :/ zu zahlen, so lange unser Einkommen dazu ausreichte. Natürlich konnte dies nicht lange der Fall seyn, da wir täglich nur etwa 4 Sgr. bekamen, weshalb jeder 5te Tag kalt: Brod und Salz, gegessen werden mußte. Wir Paschwitz und ich richteten es wenigstens so ein. Eines Tages,
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wo wir auf diese Art fasten mußten, gingen wir um die Mittagszeit in den genannten Thiergarten, wo das mitgenommene Brod verzehrt wurde. Nachmittag begaben wir uns in das Haus des Conducteurs, wo sich im Laufe des Tages immer einige Gefährten, zur gegenseitigen Unterhaltung befanden, was auch bei unserm Eintreten der Fall war. Wir wurden nun befragt, namentlich von dem im bergischen Dienst gestandenen Capitain von Brause, wo wir zu Mittag gegessen hätten? worauf Paschwitz antwortete: in der Sonne! Was, in der Sonne? bemerkte jener, wo ist dieser Gasthof? Paschwitz sagte: im Thiergarten, dort haben wir uns in die Sonne gesetzt und unser Brod verzehrt. In dieser Weise lebten wir während unserer Anwesenheit in Byalistock und waren froh und guter Dinge. In dem Hause des Conducteurs befand sich ein Clavier. Dies zuspielen verstand ein Officier,
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der Lieutenant Nagel, und wir sangen dazu. Auch eine Gitarre war vorhanden. Diese stimmte ich nach meiner Manier und trug, indem die Uebrigen dazu sangen, ich aber dazu pfiff, allerlei Stücke vor, so gut es gehen wollte.
Unter den in Byalistock eingetroffenen Officieren befand sich auch der Lieutenant Kirchmeier, von dem Bataillon, bei dem ich gestanden hatte. Sein engeres Vaterland war Hessen Kassel. Dies war, nächst dem Capitain von Reichmeister, der einzige Jäger-Officier, den ich während meiner Gefangenschaft gesehen habe. Er hatte das Elend überstanden und war rüstig und gesund, kann auch, dem Alter nach, wohl noch leben, was ich ihm von Herzen gönne.
In Byalistock wurden die verschiedenen Landsmannschaften gesondert und es wurden Vorrichtungen zum Abmarsch in die Heimath getroffen.
Endlich am 4ten May 1814. erfolgte der
Abmarsch nach den verschiedenen Bestimmungs-Orten. Bei der Trennung fehlte es nicht an rührenden Scenen; indessen es mußte geschieden seyn. Von allen diesen Unglücksgefährten habe ich nur wenige wieder gesehen, weiß auch, bis auf den General-Lieutenant, von Cölln, nicht ob sie noch leben.
Unser nächstes Ziel, als Preußen, war Königsberg. Wir durchschritten einen schmalen Strich von Polen, damals Groß-Herzogthum Warschau, bei Szczeczyn und überschritten bei Skarzinnen die preußische Grenze. Mit dankerfülltem Herzen gegen Gott begrüßte ich mein Vaterland, das Herz auch voller Freude und Hoffnung für die Zukunft. Das erste Quartier in Preußen nahmen wir in Drigallen. Ich war als Quartiermacher mit einem Jäger, (wie er hieß weiß ich nicht mehr) vorausgegangen und nahm mein Logis, mit dem Capitain von Löfen und Lieutenant von Paschwitz, bei einem reichen Tabakshändler. Dieser
war, sammt seiner Frau und Familie, sehr theilnehmend und suchte uns den Aufenthalt in seinem Hause möglichst angenehm zu machen. Wir erlebten da einen sehr vergnügten Tag und insbesondere mußten wir den Patriotismus der erwachsenen Tochter des Kaufmanns für Preußen, und die kernigen Lobsprüche für die brave Armee bewundern. Sie kam so in Eifer, daß sie wünschte, in Reih und Glied stehen und gegen die Franzosen kämpfen zu können, und ich hatte Grund zu glauben, daß sie es wirklich ernstlich meinte. Unter Essen, Trinken, Spielen und Gesprächen kam Mitternacht heran, und wir begaben uns denn zur Ruhe, wozu in einem Gemache neben unserm Zimmer 3 schneeweiß überzogene weiche Betten hergerichtet waren. Sie waren so elastisch, daß man beim Hineinlegen förmlich darin vergraben wurde. Seit dem Juni 1812., in Warschau in kein Bett gekommen, kam mir
dies weiche Lager etwas ungewohnt vor und ich konnte wirklich in dieser Nacht nur wenig schlafen. Nach Tagesanbruch war mein erstes Werk, genau zu untersuchen, ob nicht vielleicht einige Läuse, die wir alle bis dahin noch, wiewohl wenige beherbergten, abgestreift seyn möchten, und ich fand in der That 3 Stück auf dem weißen Betthuche, welche sofort vertilgt wurden. Ob sich noch einige versteckt haben mochten, die ich nicht fand, ist nicht zu meiner Kunde gekommen; so viel kann ich aber versichern, daß ich von dieser Nacht ab, gänzlich von diesen Thieren befreit war. Zu bemerken ist noch, daß die Beamten, Kaufleute und die sonst in diese Categorie gehörenden Einwohner sämmtlich deutsch, diejenigen mindern Standes aber polnisch sprachen. Unser Marsch ging nun über Rastenburg Eilau etc nach Königsberg, wo ich bei der Witwe eines Professors ins Quartier kam. Die arme Frau war aber leider schon lange und immer noch bettlägrig krank;
sie litt an der Gicht. Dem ohngeachtet ließ sie mich öfters in ihr Krankenzimmer nöthigen, und ich fand an ihr eine ebenso theilnehmende als gebildete Frau. Hier bekamen wir mehr Tractament als in Rußland, und dazu reichte mir die alte Dame den nöthigen Unterhalt. Unter diesen Umständen beschloß ich einst das Theater zu besuchen, und ich ging hinein, als die Oper „der Wasserträger“[112] gegeben wurde. Seit dem Abmarsch von Kassel hatte ich keine Gelegenheit gehabt, das Schauspiel zu besuchen, und deshalb war dies ein großer Genuß für mich. Meiner Wirthin mußte ich am anderen Tage den Hergang erzählen, weil sie das Stück noch nicht hatte sehen resp: hören können. Ich besuchte auch mit noch einigen Gefährten den Dom, wo sich die Gräber einiger Hochmeister und Herzöge und auch das des Markgrafen Albrecht des I. Herzogs von Preußen, der 1544. die dortige Universitaet stiftete, befand. Auch die Büste von Kant
sah ich daselbst. Dann wanderten wir über Pregel nach dem frischen Haff. Man sah dort noch die Rudera von dem großen Brande im Jahre 1811. – meine Wirthin erzählte mir, daß von dem Feuer einige Oelspeicher ergriffen worden seyn; hierbei wären viele Fässer durch die Hitze zersprungen und das Oel brennend eine ganze Strecke auf der Oberfläche des Wassers fortgelaufen. – Weiterhin am Haff wurde ein ziemlich großes Kauffahrteischiff gebaut, welches beinahe fertig war. Es machte einen eigenen Eindruck, ein solches Gebäude auf den Stapeln zu sehen, man mußte bewundern mit welchem Geschick das Holz zusammengefügt und aneinander befestigt war. In derselben Gegend lagen einige Kanonenböte von der russischen Scheeren-Flotille, welche bei der Belagerung von Danzig gebraucht und schadhaft geworden waren, zum Ausbessern. –
Nachdem wir etwa 14 Tage in Königsberg Halt gemacht hatten, erfolg-
te der Abmarsch nach Berlin. Der Marsch ging über Trauenburg, Elbing, Marienburg, Marienwerder und von da über die Weichsel nach Neuenburg. Hier fing bald die große Tuchelsche Heide an, in deren Mitte wir in einem Dorfe, Namens Osche, einquartiert wurden. Hier gab es noch Wölfe, und dem Anschein nach nicht wenig, denn am andern Morgen brachte der Revierjäger des dort stationirten Oberförsters (Fick hieß er) mehrere Nestwölfe, die noch nicht sehen konnten. Einige unserer Soldaten nahmen zwei von diesen kleinen Wölfen mit, welche in einigen Tagen das Gesicht erlangten und bald sehr munter wurden. Die Soldaten verkauften sie später um einige Groschen in der Gegend von Landsberg. Indem wir in langer Ausdehnung durch die Tuchelsche Heide marschirten, entstand auf einmal ein Lärm in der Mitte. Ich, mit an der Spitze, sah mich um und als ich bemerkte, daß dort Mehrere zusammentraten, näherte ich mich
dem Platze, um zu sehen was es gäbe. In der Mitte des Kreises stand nun der Lieutenant von Stein, (ich glaube aus der Grafschaft Mark gebürtig) bei einer Birke, die etwa 2 Fuß von der Erde einen starken Stamm bildete und von da ab in 2 Stämmen in die Höhe gewachsen war. An beiden hatte sich da, wo sie sich trennten, nach einer Seite hin eine Rundung in der Größe eines halben großen Kürbis gebildet, von der aus die beiden Stämme parallel, aber beide gleichmäßig etwas gebogen, gleich zwei Schenkeln in die Höhe gingen. Das daran befindliche Moos war mit der Länge der Zeit schwärzlich geworden. An diese Stämme hielt Stein seinen Stock und erklärte, daß diese Figur, nach seiner Ansicht, eine Aehnlichkeit mit dem Hintertheile eines nackten Menschen habe, was wir nothgedrungen alle zugeben mußten. In Tuchel kam ich bei einem Förster ins Quartier, der 1807. aus Po-
len vertrieben und später hier wieder angestellt war. Er erzählte, daß er damals in Polen oft in großer Lebensgefahr geschwebt habe, daß es indessen endlich gelungen sey, mit seiner Frau über die preußische Grenze zu entfliehen.
Der Marsch ging nun auf Waldenburg los, wo ich, auf meinen Wunsch, in dem Hause einer Witwe einquartiert wurde, deren Mann früher Bürgermeister gewesen war. Dies hing nämlich so zusammen. Die Frau und Tochter des Conducteurs in Byalistock, bei dem wir, wie ich oben bemerkt habe, unsern Mittagstisch hatten, gaben mir Briefe an diese Frau und noch an einige Personen in der Nähe von Waldenburg mit. In Folge dieses Umstandes wurde ich sehr freundlich aufgenommen und die Frau bat, wie sie versicherte, mir zu Ehren, eine kleine Gesellschaft guter Freunde und Freudinnen auf den Abend zum Thee, und es wurde dieser recht froh verlebt. Auf Ersuchen erzählte ich denn auch mitun-
ter Einiges von meinen Erlebnissen in russischer Gefangenschaft, theilte ihnen auch ein Verzeichniß über die Preise der Lebensmittel im südlichen Rußland mit, wobei besonders die anwesenden Hausfrauen den Wunsch ausdrückten, daß doch alles in Wardenburg auch so wohlfeil seyn möchte. Daß diese Leute das Sprichwort: Kleider machen Leute, nicht berücksichtigten, schließe ich daraus, daß ich bei der ansehnlichen Hitze, die damals stattfand, in meinem Kalmutrocke aus Waronesch mit Fingerlanger Wolle vor ihnen erschien, (denn ich hatte weiter keinen Rock) und doch von allen sehr freundlich behandelt wurde. Tief in der Nacht schied der Besuch erst; ich war befriedigt, suchte mein Bett und schlief bald ein. Am andern Morgen erwartete mich ein sehr gutes Frühstück, und nachdem ich dies eingenommen hatte, setzten wir den Marsch über Landsberg nach Cüstrin fort. In der Nähe von letzterm Ort hörte ich, daß bei Gele-
genheit
eines Ausfalls, den die Franzosen während der Belagerung unternommen hätten,
von dem Landsturm der Gegend, ein ganzes Bataillon Franzosen umzingelt und
gefangen genommen worden sey. Wir rückten nun in Cüstrin ein. Hier sah es
grausenhaft aus, mehrere Häuser waren in Folge des Bombardements abgebrannt,
andere lagen in Schutt. Mitten auf dem Markt war ein bombenfestes Blockheus
erbaut worin wahrscheinlich der Commandant, General Füllgraf, seinen
Zuflucht Aufenthalt genommen und von da aus die Verteidigung geleitet
hatte. Ich kannte diesen Mann genau, indem er im Jahre 1809, wo wir von Marberg
aus auf dem Marsche nach Spanien begriffen waren, am 26ten Februar
in Speier uns als Bataillons-Kommandeur beigegeben wurde, was er jedoch nur
kurze Zeit blieb, indem er im Mai Kommandeur des 2ten westphälischen
Linien Regiments ward. Statt seiner erhielten wir den Prinzen
von Hessen-Philipsthal zum Chef. General von Füllgraf war zwar ein guter Officier, aber sehr abstoßend durch Schroffheit, verschlossen und hartherzig. Klein und mager, stach die ungewöhnlich große gebogene Nase auffallend ab. Wenn der Prinz von ihm sprach, so nannte er ihn nicht bei seinem Namen, sondern machte vor dem Gesicht mit dem Zeigefinger eine Bewegung im Halbkreise, welches die große Nase bedeuten sollte, und sagte dann „der steinerne Gast.“ – Als ich die Verwüstung, welche er in Cüstrin hatte anrichten lassen, sahe, konnte ich es nicht unterdrücken, ihn einen zweiten Tilly zu nennen. Ein Quartier nahm ich dort nicht; ich hatte vielmehr die Absicht, meine Schwester die bei Freienwalde wohnte, von hier aus zu besuchen, einige Zeit bei ihr zu bleiben und mich in Berlin wieder der Colonne anzuschließen. Ich theilte diese Absicht dem Commandanten mit, der nichts dagegen hatte und mir eine Marsch-
route auf Wriezen und Freienwalde ausfertigen ließ. Sofort trat ich den Marsch an und nahm, aus den Festungswerken gelangt, zunächst einen Fußsteig, der auf dem Oderdamme hinging und etwa eine halbe Stunde von Cüstrin sich mit der Straße wieder vereinigte. Diesen mochte ich etwa ¼ Stunde verfolgt haben, als mich ein Mann einholte. Diesen frug ich: wohin er gehe, worauf er sagte, er wolle nach Freienwalde. Als ich ihm sagte, daß dies auch mein Ziel sey, ich jedoch über Wriezen ginge, machte er mir den Vorschlag, mit ihm den Weg durch das Oderbruch zu nehmen, weil diese Strecke wenigstens 1 Meile kürzer sey als der Weg über Wriezen. Ich glaubte dem Wanderer und leistete ihm Gesellschaft. Nachdem wir ein paar Meilen gegangen waren, begannen meine Füße an zu schmerzen, und ich sah die Unmöglichkeit ein, die 6 Meilen bis Freienwalde an dem Tage noch zurücklegen zu können.
Auch tauchte das Bedenken in mir auf, wovon ich die Kosten für Nachtquartier etc. bezahlen würde, denn meine ganze Barschaft bestand in 1 ggr 6de. Doch ich calculirte dahin, daß ich hier mit ausreichen würde; in noch nicht entwöhnter Genügsamkeit brauchte ich bis zum nächsten Morgen für 6de Brod, für 6de Bier und 6de an Schlafgeld. Sollte dies wider Erwarten gar nicht ausreichen, so würde ich im Nothfall das noch ziemlich gute Taschentuch, was ich hatte, verkaufen müssen. Etwa eine Meile mochten wir gegangen seyn, da gelangten wir in ein stattliches Dorf, dessen Namen ich jedoch vergessen habe. Vor dessen Wirthshause angelangt, erklärte ich meinem Reisegefährten, daß ich nicht mehr weiter könne und hier logiren würde. Er setzte nun seinen Weg fort und ich trat in das Haus ein. Es war blos die Wirthsfrau gegenwärtig und dieser erklärte ich, daß ich in
der nächsten Nacht hier bleiben würde. Die Sonne ging bereits unter und nach einiger Zeit kam der Wirth vom Felde nach Hause. Ich ließ mir nun Brod und Bier geben und kam dabei mit dem Wirth in ein Gespräch. Als dieser vernahm, daß ich eben aus russischer Gefangenschaft zurückkehre, steigerte sich das Interesse desselben, und er äußerte gelegentlich, daß ein Sohn von ihm auch Militair sey und als Officier bei der Landwehr zur Zeit noch am Rhein stünde. Erst spät begab ich mich auf mein Strohlager und schlief ganz gut bis gegen 3 Uhr, wo ich mich zum Abmarsch rüstete, ohne Kaffee oder sonst etwas zu verlangen und wollte eben meine Wanderschaft antreten, als der Wirth kam und mich bat, eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken; denn ohne etwas Warmes zu genießen, meinte er, könne ich doch nicht fortgehen. Im Hinblick auf meine Kasse, war ich erst zweifelhaft, ob ich das Anerbieten des Wirths
annehmen sollte; allein im Nothfalle hatte ich ja noch das erwähnte Schnupftuch, und ich schlürfte das nicht gar zu dünne Getränk mit Behaglichkeit hinunter. Nachdem dies geschehen war frug ich den Wirth wieviel ich schuldig sey? worauf er, gegen meine Erwartung, erwiederte, daß ich nichts zu bezahlen habe, möchte ich mir noch etwas Butterbrod mit auf den Weg nehmen und er selbst wolle mich noch eine Strecke begleiten, damit ich die richtige Tour nach Freienwalde nicht verfehle; um dies wolle er mich jedoch bitten, nämlich, wenn ich mit seinem Sohn zusammentreffen sollte, so möchte ich ihn grüßen und freundlich behandeln. Indem ich ihm dies gelobt und ihm und der Wirthin gedankt hatte, brachen wir auf. Der Mann ging wenigsten 1 Meile weit mit, und als er mir den Lauf meines Weges noch deutlich beschrieben hatte, schieden wir, ich in der Ueberzeugung, daß es unter den
schlichten Landleuten doch noch biedere Persönlichkeiten gebe, und er vielleicht in dem Gedanken, daß dies auch in Rücksicht des Soldaten der Fall sey. Im Uebrigen dachte ich bei dieser Gelegenheit an den russischen Commandanten zu Trogschevk an der Deßna.
Etwa um 10 Uhr langte ich in Freienwalde an, allein hier wohnte mein Schwager nicht, vielmehr hatte er sein Domicil etwa ½ Stunde davon auf dem Alaunwerke, wo er als Bergbeamter angestellt war. In Freienwalde kamen eben die Kinder aus der Schule und ich blieb stehen um zu sondieren ob darunter ein Gesicht, was denen meines Schwagers oder meiner Schwester ähnlich sey, seyn möchte; allein ich konnte keins herausfinden. Ich setzte nun meinen Weg fort und gelangte nach etwa ½ Stunde auf dem Alaunwerke an. Man bezeichnete mir das Haus meines Schwagers und als ich in dessen Nähe kam, klopfte mir das Herz in freudiger Erwartung, ihn und meine geliebte
Schwester, die mich längst todt glauben möchten, wieder zu sehen. Erst hatte ich den Vorsatz gefaßt, im Hause meines Schwagers, welches am Ende des Orts lag, nach dem Wege zu einem in der Nähe liegenden Orte zu fragen, um zu sehen, ob ich erkannt werden würde, allein als ich beim Oeffnen der Hausthür sogleich meine Schwester zu sehen bekam, vergaß ich dies und fiel ihr um den Hals. Die Kinder, welche da waren, worunter ein kleines Mädchen von 4 Jahren, Therese genannt, starrten mich an, und mochten denken, wie sich ein bebärteter, mit einem dicken Kalmuckrock angethaner Kerl unterstehen konnte, ihre Mutter zu umarmen. Meine Schwester, deren Mann nicht zu Hause war, führte mich in das Wohnzimmer, und unter mancherley Gesprächen ging wohl eine Stunde hin, wo mein Schwager, die Therese an der Hand, zurückkehrte. Er sah mich in meinem absonderlichen Anzuge verwundert an, doch als ich an zu
sprechen fing, erkannte er mich sogleich wieder, obgleich wir uns 10 Jahre nicht gesehen hatten. Auch meine Schwester hatte ich so lange nicht gesehen und sie erkannte mich ebenfalls an der Stimme. Therese, die sich unbemerkt entfernte, war ihrem Vater, der zu bestimmten Stunden von seinen Geschäften nach Hause zurückkehrte, entgegen gelaufen und hatte ihm gemeldet, daß ein fremder Mann, es möchte wohl ein Jude seyn, in das Haus gekommen sey und die Mutter umarmt habe. Was mein Schwager dabei gedacht haben mag, ist mir nicht bekannt geworden, doch es nahm die Sache ein freundliches Ende. Seitdem sind leider Mutter und Tochter in das Land des ewigen Friedens hinüber gegangen, worüber jetzt 1855., mein Herz noch oft mit Wehmuth erfüllt wird. Dagegen erfreut sich mein Schwager jetzt noch eines rüstigen Alters, möge ihn Gott gesund erhalten bis an sein Ende.
Im Kreise meiner Verwandten verlebte ich nun einige frohe Tage; die Erzählungen von den Trübsalen die ich in Rußland erlebt hatte, erweckten sogar Mitleid bei den Kindern, so daß namentlich Therese das in ihrer Sparbüchse befindliche Geld mir bei meiner Abreise heimlich in die Tasche gesteckt hatte. Auch mein Schwager und meine Schwester unterstützten mich nach Kräften und ich fuhr auf Kosten der Erstern mit der Post nach Berlin, den innigsten Dank für die Liebe, welche mir von meinen Verwandten bewiesen war, im Herzen. –
In Berlin angelangt, besuchte ich die Familie Rasche, an die ich durch meinen Schwager empfohlen war, und von der ich freundlich aufgenommen wurde. Nachdem ich mich bei der betreffenden Militair-Behörde gemeldet hatte, bekam ich mein Logis in einer Caserne, wo ich wieder mit von Paschwitz zusammentraf. In dieser blieben wir jedoch nur Nachts, am Tage brachten
wir in der
Stadt zu, Paschwitz bei seinen Verwandten und ich in der oben genannten
Familie. Ersterer kaufte sich einen blauen Rock, gleich fertig, der, wie mir
noch erinnerlich ist abfärbte, so daß Paschwitz, als er denselben zum ersten
male trug an den Händen und im Gesicht ganz blau wurde. Hierdurch wurde ich
scheu gemacht, mir einen neuen Rock zu kaufen, ich behielt daher meinen
Flausch, in dem mich auch Herr Rasche einmal in das Schauspiel führte. Was
damals für ein Stück gegeben wurde, weiß ich nicht mehr, so viel ist mir
aber nocherinnerlich, daß Mad. Ifland[113]
darin auftrat.
Nach einigen Tagen ward mir das Kommando über eine Abtheilung gefangener Soldaten, die in Westphalen und am Rhein zu Hause gehörten, bis Magdeburg übertragen, und ich marschirte, Abschied von dem letz-
ten meiner Leidensgefährten nehmend, den ich aber bis jetzt nicht wieder gesehen habe, nach dem Orte meiner Bestimmung ab. Das erste Marschquartier war Potsdam, wo ich bei einem Herrn Pusch einquartiert wurde. Von hier aus ging ich Nachmittags nach Sanssouci. Ungehindert konnte ich den Garten durchstreifen, bis auf den Platz, wo das Schloß steht. Als ich dort die um den Platz stehenden Büsten besah, kamen einige junge Mädchen die Terraße herauf vor das Schloß. Nach einigen Minuten öffnete sich dessen Thüre und es traten drei ebenfalls junge Damen heraus, die an der Spitze mit weißem Kleide, schwarzer Schürze und schlichtem Strohhut angethan, von welchen jene, ohne jede Ceremonie, freundlich bewillkommnet wurden. Der lieblichen Gruppe ganz nahe, hörte ich jedes Wort was gesprochen ward, und als
über das Ziel, dem sie entgegen gehen wollten, einige Minuten berathschlagt war, entfernten sie sich und verschwanden in den Gängen des Parks. Die welche zuerst aus dem Schlosse trat, war, wie ich später erfuhr, die Prinzessin Charlotte, jetzige Kaiserin von Rußland, und die übrigen waren junge Damen aus der Stadt.
Am Ende des Schlosses, aber hinter demselben, sah ich ein paar Knaben, wobei ein uniformierter Mann stand, die mit Herstellung einer kleinen Redoute[114] beschäftigt waren.
Ich frug einen Herrn, der zufällig gegangen kam, wer die Knaben seyen, und vernahm, der etwas größere wäre der Prinz Albrecht.
Am anderen Tage setzte ich den Marsch fort, ging bei Tangermünde 1ten July über die Elbe und traf mit meiner Colonne in Magdeburg ein. Ich meldete mich bei dem damaligen Gouverneur, General von
Hirschfeld, trug diesem den Wunsch vor, von dort aus zu meinem Stiefbruder, dem Oberamtmann Schmidt, der damals das Gut Zackmünde bei Barby in Pacht hatte, zu gehen, was derselbe auch mit der Bemerkung gestattete, daß ich mich demnächst bei dem Militair-Gouverneur, General von Ebra, zu Halberstadt zu melden habe. Unter Begleitung eines Boten, der meine wenigen Kleidungsstücke trug, machte ich mich auf den Weg nach Zackmünde, und langte daselbst gegen 5 Uhr Nachmittags an. Mein Bruder war mit seiner Frau und seinem ältesten Sohne Ernst ausgegangen, und ich traf nur die Kinderwärterin mit dem jüngsten Sohne Luis, jetzt Königlicher Oberamtmann zu Kloster Vessra, bei Schleningen, auf dem Arme, an. Mich in meinem Kalmuckrocke bei großer Hitze anstarrend, frug sie was ich wolle? worauf ich sagte, ich wünschte ihren Herrn zu sprechen. Hierauf begab sie sich fort, um die Herr-
schaft zu rufen, wo denn auch diese bald erschien. Nach gegenseitiger freudiger Begrüßung sagte mein Bruder, daß die Wärterin auf Befragen, wer da sey, geantwortet habe: sie wüßte es nicht, der Mann hätte einen Rock an mit fingerlangen Haaren bedeckt. Doch nun ward dieser merkwürdige Rock bald mit einem neuen vertauscht und ich machte mit meinem Verwandten mehrere Besuche bei befreundeten Personen in der Nähe. Nach etwa 8 Tagen reiste ich nach meinem Geburtsorte Stötterlingenburg bei Osterwick und kehrte somit durch Gottes gnädige Hülfe, von den seit 2 Jahren erduldeten Leiden und Mühseligkeiten glücklich erstanden, in den Ort zurück, wo ich die frohe Jugend verlebt, und damals nicht gedacht hatte, welche Schickungen in Zukunft mich betreffen würden. Meine Angehörigen waren zerstreut und mein
väterliches Haus war in andere Hände übergegangen, daher ich meinen Aufenthalt bei einem Jugendfreunde, dem jetzt, so viel ich weiß, noch lebenden Königlichen Oberamtmann Friedrich Hecht nahm, der die dortige Domain gepachtet hatte.
Hier verlebte ich einige frohe Tage, besuchte auch das Haus wo ich geboren war und reiste dann nach Halberstatt, woselbst ich mich bei dem damaligen Militair-Gouverneur General von Ebra meldete, und diesen bat, mir zu gestatten, daß ich bis auf Weiteres meinen ältesten Stiefbruder, der zu Friedrichshohenberg Königlicher Oberförster war, unterstützen könne. Hiergegen hatte der General nichts einzuwenden, und ich reiste nun zunächst wieder nach Zackmünde und dann mit meinem dortigen Bruder bald nach Friedrichshohenberg.
Hier meinem eigentlichen Fache wieder zugeführt, betrieb ich solches mit
möglichstem Eifer. Freilich waren die Aussichten für die Zukunft ziemlich dunkel, doch einigen Trost gewährte mir eine Resolution des Civil-Gouvernements zu Halberstadt, welche auf das von mir gestellte Gesuch: mich bei entstehenden Vacanzen in der Forstverwaltung möglichst zu berücksichtigen, die Zusicherung enthielt, daß dies möglichst geschehen solle.
Indessen verstrich der Winter von 1814/15. ruhig, und jeder freute sich, daß nach langen Kriegen endlich wieder ein friedlicher Zustand in die Welt zurückgekehrt war. Aber er sollte nicht lange dauern dieser Zustand; denn gegen Ende Maerz 1815 begannen die Rüstungen zum neuen Kriege gegen Napoleon, der von Elba entwichen und in Frankreich gelandet, auch dort mit offenen Armen empfangen worden war. Sofort ging ich nach Halberstadt und meldete mich bei General von Ebra, um den
Kampf mitzumachen. Ich wurde in eine der dort zu formirenden freiwilligen Jäger-Compagnien als Officier eingestellt, erhielt jedoch, weil mein Bruder erkrankt war unbestimmten Urlaub, um ihn noch weiter in seinen Dienstgeschäften unterstützen zu können. Er starb leider am 17ten April 1815. und ich ging bald nachher wieder nach Halberstadt zum Eintritt in das Militair. Wie dies damals vorgeschrieben war, so hatten die Freiwilligen ihre Officiere selbst zu wählen, und es fügte sich, weil ich den Jägern zu wenig, oder auch vielleicht zu Strenge im Dienst bekannt war, daß ich nicht gewählt ward. Ich meldete sogleich dem General, daß ich durchgefallen sey, was dieser bedauerte, mich indessen mit der Äußerung entließ, er würde mir morgen seinen Entschluß weiter mittheilen. Am anderen Tage fand er sich bei dem Appel auf dem Domplatze ein und rief mich aus
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dem Gliede zu sich. Nachdem der General einiges über den leichten Infanterie-Dienst mit mir gesprochen hatte, befahl er, ich sollte Nachmittag um 5 Uhr bei ihm erscheinen. Hier eröffnete mir der General, daß von den übercompletten Jägern in Magdeburg eine 10te Kompagnie gebildet werden solle, und daß er mich zum Führer derselben bei Sr Majestät in Vorschlag bringen würde. Bevor indessen diese von Magdeburg in Halberstadt einträfen, könnte ich nicht nach Duderstadt, wo die Compagnie formirt würde, abmarschiren; wenn ich daher zu Hause noch einiges zu arrangiren habe, so stelle er mir frei, einstweilen dahin zu gehen, acht Tage würde ich wohl noch Zeit haben.
Ich ging demnach wieder nach Friedrichshohenberg, ordnete dort dienstliche und andere Sachen und kehrte etwa in 8 Tagen nach Halberstadt zurück.
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Hier waren die Mannschaften aus Magdeburg eingetroffen und ich marschirte in wenigen Tagen mit 120 Mann nach Duderstadt ab. Dort wurden mir noch 60 Mann beigegeben und die Compagnie ward mithin 180 Mann stark. Auf Befehl des Generals veranlaßte ich dort die Wahl der nöthigen Officiere, und nunmehr begann das Einüben der Leute in möglichster Ausdehnung. Es war nicht leicht, die große Masse Rekruten einzuexerciren und sie an Ordnung und Disziplin zu gewöhnen, zumal da die Zeit, bis zu welcher sie in das Feld rücken sollten, nur kurz war. Da die Stadt Duderstadt mit 1 reitenden und 3 Fußjäger-Detachements belegt war, so wurden die Quartierräume überfüllt und es ward höheren Orts beschlossen, 1 Kompagnie auf die Dörfer zu verlegen. Auf meinen Antrag wurde mir gestattet, mit meiner Compagnie auszurücken und ich erhielt 3 Dörfer, Feuchlingen, Eslingerrode und Ger-
[I.129]
mershausen zum Cantonnement[115]. In dieser Stellung passirte ein unangenehmer Vorfall. Die eine Abtheilung der Kompagnie lag nämlich in einem Dorfe Germershausen, dessen Einwohner durchweg Katholisch waren, und es befand sich dort ein Heiligenbild, nach welchem die Katholischen aus der Umgegend an einem gewissen Tage wallfahrteten. Aus dieser Veranlassung versammelte sich eine große Menge Menschen in genanntem Dorfe, und es entstanden Reibungen und am Ende Schlägerei mit den dort cantonirten Jägern, welche dem Treiben zusehen wollten. Um weitere Unruhen zu verhüten, ließ der commandirende Officiere Alarm blasen und rückten dann nach dem Platze wo der Spektakel statt fand. Beim Herannahen des Militairs ergriffen die Anstifter die Flucht, unter ihnen auch der Rädelsführer,
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welcher in
dem nächsten Dorfe Bernshausen, wohnte. Zwei Personen wurden zwar arretiert,
allein dies genügte dem Officier nicht, er wünschte den Anstifter zu haben. Der
Fähnrich, welchen ich dieser Abtheilung mit beigegeben hatte, machte dem
Lieutenant den Vorschlag, mit einigen Jägern nach Bernshausen zu gehen, jenen
dort zu arretiren und zur Bestrafung zu überliefern. Unverständlicher
unglücklicher Weise genehmigte der Officier den Vorschlag und der Fähnrich nahm
3 Mann und marschirte damit ab. Im Dorfe angekommen, fand er bereits einige
Bauern versammelt, die ihn erwarteten. Auf sein Verlangen: den betreffenden
Mann herauszugeben, weigerten sich die Leute das zu thun, und als er Miene
machte, ihn mit Gewalt zu Fassen, wurde die Sturmglocke geläutet, worauf eine
große
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Anzahl Leute sich versammelten. Diese wurde handgemein mit den Jägern, und einer der letzteren schoß das Gewehr auf die Masse ab. Die Kugel traf keinen in der Nähe, weiterhin in der Straße aber einen Bauer, der sich an dem Streite weiter nicht beteiligte, sondern aus Neugierde in der Entfernung stehen geblieben war, in den Unterleib. – Dieser Fall bewirkte, daß die Bauern auseinander und die Jäger mit einigen Verwundungen, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, in das Cantonnement zurückgingen. Von allen diesen Vorfällen hatte ich keine Ahnung, und erst dann, als der commandierende Officier mit der ganzen Abtheilung in Seulingen, wo ich mein Quartier genommen hatte, einrückte, rapportirte sie mir derselbe, verschwieg jedoch, daß ein Bauer wahrscheinlich verwundet sey.
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Zwei Individuen, ein Cavallerist, und ein junger Bauer, wurden als Arrestanten mitgeführt, die ich jedoch, nachdem ich mir ihre Namen notirt hatte, entließ; dem Officier befahl ich, mit der Abtheilung sofort wieder in seinen Ort zurückzukehren, was denn auch geschah. Im Begriff, den Vorfall dem Vorgesetzten, Rittmeister Koch anzuzeigen, trat ein Gendarm bei mir ein, und meldete, daß ein Bauer in Bernshausen von den Jägern verwundet, und daß der Kreisphysicus aus Duderstadt eben dorthin gereist sey, um den Kranken zu untersuchen. Dies war mir doch ein bischen zu arg, ich befahl dem Gendarmen ein wenig zu warten, ließ satteln und ritt mit ihm nach Bernshausen. Dort beim Ortsrichter angelangt, lies ich mir das Haus zeigen, in welchem der Blessirte wohnte. Es war ein armer
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alter Tagelöhner, der krumm und stöhnend in einem dürftigen Bette lag. Beim Heraustreten aus der Wohnung traf ich den Kreis-Physikus, den ich bat, die Sache zu untersuchen. Nach kurzer Zeit kam er zurück und sagte: in Zeit von 1 Stunde ist der Mann tod, was auch zutraf. Dem Officier und dem Fähnrich gab ich nun Stubenarrest, ritt nach Duderstadt und meldete dort den Fall dem Commandeur. Die Untersuchung ward eingeleitet, beide erhielten zweijährige Festungs Strafe, und eben soviel der Jäger, welcher geschossen hatte. Dieser Vorfall giebt einen Beweis mehr, wie unangemessen ja gefährlich das Wahlsystem beim Militair ist.
In dieser Zeit traf die Nachricht von dem glorreichen Siege der Belle Alliance ein, die mich zwar mit großer Freude erfüllte, mich aber
auch bedauern ließ, daß ich nicht dabei hatte gegenwärtig seyn können.
Endlich am 6ten July 1815. wurde der Marsch nach Frankreich angetreten. Wir passirten Kassel, wo ich früher 2 ½ Jahre in Garnison stand, Marburg, wo ich meine militairische Laufbahn in westphälischen Diensten im Jahre 1808. begann, und passirten den Rhein bei Coblenz. In Marburg, wo Rasttag war, besuchte ich Vater Wildungen, und wurde freundlich aufgenommen. Zur Zeit des Königreichs Westphalen war er dort Conservateur der Forsten; 1815. Kurfürstlich Hessischer Ober-Forstmeister. Auf der fliegenden Fähre, mit welcher ich bei Coblenz über den Rhein ging, befand sich auch der General-Lieutenant von Oppen, welcher damals das 6te Armee Corps commandirte. Meine Kompagnie war nicht in
Coblenz einquartiert, sondern auf 2 Dörfer an der Mosel verlegt. Da es den Freiwilligen zustand, sich irgend ein Regiment zum Anschluß zu wählen, so entschloß ich mich auch hierzu, um weiter vorzukommen, und vielleicht noch Gelegenheit zu haben, mit dem Feinde handgemein zu werden. Zu vörderst nahm ich jedoch Rücksprache mit dem Commandanten von Coblenz, und bat ihn, mir ein Regiment, was bereits im Innern von Frankreich stände, zu bezeichnen. Er schlug mir das 27te vor, mit dem Zusatze, daß solches jetzt bei Paris stände, daß er Capitain in dem selben sey und ich ein achtungswertes Officier-Corps dabei finden würde. Hierauf entschloß ich mich, mich gedachtem Regimente anzuschließen, begab mich zum General von Oppen und trug ihm
meinen Wunsch vor. Er war sogleich damit einverstanden, bemerkte jedoch, daß es nöthig sey, mit den Jägern eine Verhandlung aufzunehmen, worin sie erklärten, daß sie mit dieser Wahl einverstanden seyen. Ich ritt dann sofort in mein Cantonnement, rief die Jäger zusammen und eröffnete ihnen meinen Entschluß, den, wie ich schon im Voraus wußte, sie ohne weiteres annahmen, besonders als ich ihnen sagte, daß wir auf diese Weise vielleicht noch mit den Franzosen uns messen könnten. Die Verhandlung legte ich nun dem General vor, der die Ausfertigung einer Marschroute sogleich verfügte. Diese bekam ich auch an demselben Tage noch von dem gedachten Commandanten und am 3ten Tage befand ich mich auf dem Marsche nach Paris. Nach Paris,
nach Paris, hörte ich in den Reihen meiner Conpagnie ausrufen, wir wollen den Franzosen das vergelten, was sie in Berlin und überhaupt in Preußen begonnen haben.
Einen Augenblick will ich noch auf die Zeit, wo ich an der Mosel commandirte, zurückgehen und einen Fall erzählen, der meines Erachtens für Manchen interessant seyn dürfte.
Mein Quartier hatte ich in Winingen, unmittelbar an der Mosel gelegen, bei dem Baron Hedersdorf. Eines Tage bei Tische, wo dort statt Bier Wein getrunken wurde, frug ich den Wirth: ob bei der Güte des Weines das Jahr oder das Alter entscheidend sey. Er erwiederte, der Jahrgang. – Daß das richtig sey, davon wollte er mich überzeugen. Der Wein den wir hier tränken sey von 1812. der
Elfer wäre besser, und da er davon keinen mehr /: von der leichten Sorte nämlich :/ habe, so würde er mich nach Tische in ein Weinhaus des Ortes führen, wo noch 1811er zu bekommen wäre. Wir gingen dahin und ich fand seine Angabe bestätigt. Indem wir bei der Flasche saßen, kamen 2 Jäger hereingestürzt und meldeten, daß eine Frau, die entfernt im Weinberge gearbeitet, von einem Wolfe angefallen, niedergerissen und arg zerbissen sey; ob ich ihnen gestatten wolle, das Unthier zu verfolgen und womöglich zu erlegen. Ich gab dazu meine Bewilligung und die Jäger machten sich sogleich auf zur Jagd. Bald ward auch die Frau gebracht, die viele Wunden hatte und namentlich an dem einen Arme sehr zerbissen war. Nach einigen Stunden kehrten die Jäger zurück und meldeten, daß der
Wolf die Straße nach Coblenz zu entflohen sey, ohne daß sie ihn hätten einholen können. Bald nachher erfuhr ich, daß er auf der genannten Straße zwei Frauenzimmer angefallen und auch diese gebissen habe. Weiterhin war er in das Dorf gekommen, wo eine Abtheilung von meiner Compagnie im Quartier lag. Der dort commandirende Officier hatte ihm nachsetzen lassen, jedoch ohne Erfolg. Später vernahm ich, daß dieser Wolf toll gewesen sey, noch mehr Menschen gebissen habe, aber endlich erlegt wurde. Einige von den gebissenen Personen waren an der Wasserscheu gestorben (Man vergleiche, Hartings Forst-und Jagd-Archiv, Jahrgang 1816. Erstes Heft S. 162. )
Nun wieder zum Marsch. Dieser ging 4 Tage lang am linken Rheinufer abwärts bis Cölln.
Vor Oberwinter, einem Dorfe bei Remagen, ließ ich, auf Veranlassung des General-Kommandos, einen Officier wählen, wobei die Wahl auf einen Unterofficier fiel, der, seinem bisherigen Benehmen und Verhalten gemäß, meine Gunst nicht ganz besaß. Indessen da ich nun einen Officier bei der Compagnie hatte, weil der zweite auf der Festung zurückgeblieben war, so gab ich vorläufig meine Zustimmung dazu, indem ich dem Gewählten eröffnete: daß ich bei der Ersten Veranlassung, wo er einen Verstoß gegen die Ordnung, gegen die militairische Disciplin oder gegen das Verhalten eines ehrenhaften Officiers begehen würde, die Wahl als nichtig betrachten müßte.
Es fügte sich, daß die Kompagnie in 3 verschiedenen Orten einquartiert wurde und ich übergab dem neuen Officier das Kommando
über die Abtheilung, welche auf eine Rheininsel verlegt ward. Kaum hatte ich es mir in meinem Quartier zu Oberwinter etwas bequem gemacht, so erschien der Geistliche des Ortes und trug Folgendes vor: Die Abtheilung, welche auf die Rheininsel verlegt, sey an seinem mit einer Mauer umgebenen Garten vorbeimarschirt, an welcher einige Aprikosenbäume mit reifen Früchten stände. Einzelne Soldaten hätten einige derselben von Zweigen, welche die Mauer überragten, abgepflückt. Diese hätte er den Leuten gerne gegönnt, allein gleich darauf wären mehrere auf die Mauer gestiegen und hätten in wilder Eile sich nicht mit den Früchten begnügt, sondern die Zweige, welche sie hätten erreichen können mit ersteren abgerissen, wodurch ein beträchtlicher Schaden an den Bäumen
entstanden sey. Hier zeigte sogleich der neue Officier, daß er zur Führung irgend eines Kommandos unfähig sey, und ich ließ einen sonst tüchtigen Unterofficier rufen. Diesem befahl ich, sich sofort nach der Rheininsel zu begeben, den dortigen Kommandoführer zu mir zu bescheiden und bis auf Weiteres das Kommando der Abtheilung zu übernehmen.
Als jener erschien erklärte ich ihn für unfähig Officier zu seyn und wies ihn an, in das Quartier zu gehen, welches sein Nachfolger verlassen hätte.
Wieder ein Stückchen von der Manier: die Officiere zu wählen. Der Marsch wendete sich bei Cölln vom Rhein abwärts auf Aachen, Lüttich, Namur, Charleroi nach Maubenge, wo die französische Grenze überschritten ward. Hier mochten die Jäger glauben,
sie könnten das Vergeltungsrecht für die Schmach, die die Franzosen uns in Preußen angethan hatten, ausüben, denn es wurden mir Klagen von den Einwohnern über die Prätensionen[116] derselben vorgebracht. Betrafen diese blos gewöhnliche Lebensmittel, welche die Jäger verlangten, so ignorirte ich sie, denn ordentliche Beköstigung sollte und mußte ihnen gereicht werden, aber dabei blieb es leider nicht, und es kam eine Frau, die sich darüber beschwerte, daß ihr die Soldaten, obgleich sie gut Verpflegt seyen, 8 – 10 Enten mit den Ladestöcken todtgeschlagen hätten. Ich verfügte mich sogleich in das betreffende Haus und fand, daß das Essen gut und das Tödten der Enten aus Übermuth geschehen war. Darauf ließ ich die Compagnie zusammen blasen und ermahnte sie nochmals ernstlich, sich als ehren-
hafte Soldaten zu benehmen und die Einwohner, wenn es auch im Feindesland sey, nicht zu cujonieren und zu drücken. Hierbei erfuhr ich, daß einer der Jäger sich hatte verlauten lassen, ich selbst habe ja, nahe vor der französischen Grenze einmal geäußert, daß die Behandlung der Franzosen in ihrem Lande nicht so glimpflich zu seyn brauche, als in befreundeten Staaten, daher requirirt werden könne, was einem gut dünke. Diese Lüge entrüstete mich nicht wenig und als der vorlaute Schwätzer ermittelt war, ließ ich ihn aus dem Gliede vor die Front treten, und als seine Entschuldigungen nicht als triftig sich herausstellten überlief mich die Galle und ich gab ihm einige tüchtige Backpfeifen.
Von dieser Zeit an kamen wenig Excesse vor, wenigstens drang selten dergleichen bis zu mir.
Nun ging der Marsch auf Paris los und wir bemerkten, daß wir nahe an den Coloß heranrückten, da circa 15 Meilen von dort die Hauptstraßen mit Quardersteinen gepflastert waren. Auf der letzten Etappe vor Paris erhielt ich aber leider die Nachricht, daß das 27te Regiment nicht mehr dort, vielmehr weiter nach der Seeküste vorgerückt sey, und den Befehl, meinen Marsch rechts bei der Stadt vorbei, über St.Germain und Versailles zu nehmen. In letzterem Orte hatte ich Ruhetag, und es war nun mein Erstes, ein Cabriolet zu mieten und nach Paris zu fahren. Ich nahm nun noch ein halb Dutzend von meiner Compagnie mit und fuhr ab. Etwa die Hälfte des Weges in einer Stadt, hielt der Wagen vor einem hübschen
Hause und es trat eine gut gekleidete Dame heraus, die mit dem Kutscher zu unterhandeln begann, ob er sie mit nach Paris nehmen wolle. Dieser wandte sich an mich, als den Mieter des Wagens, und frug, ob ich es erlauben wolle, daß die Dame mitreise. Natürlich hatte ich nichts dagegen einzuwenden, nöthigte sie neben mir Platz zu nehmen und sie stieg ein. Ob sich wohl eine deutsche Frau oder ein solches Mädchen entschlossen haben möchte, zwischen 7 oder 8 fremden Soldaten in einem Wagen Platz zu nehmen? diese verrieth durchaus keine Scheu. Am Platze Ludwig des 15ten wurde ausgestiegen, da die Cabriolets nicht weiter in die Stadt fahren durften, und ich besuchte nun eine Restauration, um zu frühstücken. Als dies geschehen war, fuhr ich nach dem Palais royal, besah die brillanten Laike[117] dort, und als ich mich einige Stunden verweilt hatte, trat ich abermals in eine Restauration
wo ich mehrere preußische Officiere fand, mit denen ich später dinirte. Nach Tische besuchte ich das Museum und noch mehrere Merkwürdigkeiten, fuhr wieder nach dem oben genannten Platze und von dort wieder nach Versailles zurück, wo ich in der Dämmerung anlangte. Am nächsten Tage war Ruhetag und ich ertheilte vielen von meiner Compagnie Urlaub zur Reise nach Paris, denn ein Jeder wollte die Stadt in der Nähe sehen. Ich benutzte nun die Zeit die Umgebung von Versailles, namentlich die Schlösser und Gärten zu besichtigen, in- und auswendig.
Hiervon eine Beschreibung zu geben, übersehe ich, da dies einestheils zu weitläufig werden würde, anderntheils solche, nach so vielen Jahren nur sehr unvollständig seyn könnte. Interessant waren indessen die Gegenstände, welche ich
dort sah,
nicht wenig für mich; ich dachte an die Zeit, in welcher die Könige von
Frankreich dort residirten, und an das Treiben, was an ihren Höfen, der
Geschichte nach, stattfand. Ferner konnte ich nicht umhin zu bewundern, wie
Napoleon in diesen Herrlichkeiten keine Ruhe fand; wäre er nicht so eroberungssüchtig,
sondern mehr für das Häusliche gewesen, hätte er Frieden mit seinen Nachbarn
gehalten, so säße seine Familie ohne Zweifel jetzt noch auf dem
französischen Throne. (Randnotiz, gleiche Schrift:) so hätte ihn Niemand
vertrieben, und die Bourbons resp. Orleans, wären nicht in den Besitz des Thrones
von Frankreich gelangt. Doch sind diese wiederum von einem Neffen von ihm
verdrängt, und es frägt sich, wer in 10 Jahren Beherrscher dieses Landes sein
wird. (Ende Randbemerkung)
In dem alten Schlosse fand ich indessen ein Local, was mein Interesse im höchstem Grade erregte. Es war dies das Bett und das Schlafzimmer von Marie Antoinette. In einer der Wände befand sich eine geheime Thür, durch welche man auf den Balkon des Schlosses gelangen konnte. Aus dieser entfloh sie, als der Pariser Pöbel am 6ten October 1789.in das Schloß drang, um sie zu ermorden. Was weiter
folgte sagt die Geschichte. Lange weilte ich in diesem Zimmer, indem ich daran dachte, wie gefährlich es ist, auf der höchsten Rangstufe der menschlichen Gesellschaft zu stehen, und doch drängen und ringen Viele nach solchem glänzenden Elend.
Ich hatte ein sehr brillantes Quartier in Versailles und einen freundlichen Wirth. Das Haus lag in der Hauptstraße und vor demselben entspann sich das Cavalleriegefecht am 1ten July 1815. zwischen dem Brandenburger Husaren-Regiment und den Franzosen, wobei der Sohn des Grafen York von Wartenburg blieb. Die Franzosen waren nehmlich aus dem Hinterhalt, durch eine Straße am Thore hervorgebrochen, hatten das eiserne Gitterthor geschlossen und so die Husaren abgeschnitten. Diese wurden nun von allen Seiten angegriffen und verloren einen großen Theil der Leute. Hier hatte
sich wieder das Sprichwort bewährt: „Vorsicht ist zu allen Dinge gut“ Hätte das Regiment eine Avantgarde zum Recognosciren in die Stadt geschickt, so wäre das Unglück verhütet worden, höchstens hätte die Avantgarde in die Klemme kommen können.
noch will ich auch erwähnen, daß die beiden Schlösser Groß- und Klein-Trianon bei Versailles, im Innern mit einer großen Pracht ausgestattet waren. Besonders merkwürdig schien mir ein großer Spiegel, welcher neben dem Schlafzimmer Napoleons in einem Cabinet hing. Der Kastellan, welcher uns herumführte, nöthigte einen Theil von uns, vor denselben zu treten, was denn auch etwa 6 Personen thaten. Diese wurden etwa 50 mal vervielfacht, so daß es den Anschein hatte, als stände da ein ganzes Bataillon aufmarschirt. Dies war die Wohnung von Napoleon gewesen, wenn er in Versailles war.
Das Gebäude hatte nur einen Stock und der Eingang war an der einen Giebelseite. Die Hausthüre führte unmittelbar in ein gut ausgestattetes Local, welches das Wachtzimmer war. Das nächste diente den wachthabenden Officieren zum Aufenthalt, und hatte bessere Meubles. Das dritte war für die Adjutanten Napoleons bestimmt, wieder besser ausgeschmückt. Das 4te war das Audienzzimmer; das 5te und 6te Wohn- und das 7te Schlafzimmer alle in der größten Pracht. Endlich folgte das oben erwähnte Cabinett, als Schreibzimmer seiner Secretaire. Der Pavillon, den die Kaiserin dann bewohnte, Klein-Trianon, war etwa 100 Schritte davon entfernt. Auch dieser war nicht minder prachtvoll, insbesondere befand sich darin eine herrliche Gemälde-Gallerie.
Die betreffenden Kastellane waren sehr zuvorkommend und zeigten uns die Gegenstände bis ins kleinste Detail. Es war ein eigenes Gefühl, Räume zu durchwandern, in denen noch vor Kurzem der größte Machthaber gewaltet hatte, der nun verjagt und in ein Nichts zurückgesunken war. Hier fiel mir das Sprichwort ein: „wer hoch steigt der fällt tief.“
Am nächsten Tage, dem 18ten August 1815., setzte ich meinen Marsch weiter nach Le Mans fort. Die erste Rambouillet. Hier befand sich ein mit hohen Mauern umgebener Wildpark, in welchen Roth- und Damwild eingeschlossen war. Freilich hatten sich die durchmarschirenden Truppen manches Stück davon zugeeignet; indessen bei dem großen Umfange des Thiergartens, der größten Theils mit dichtem Laubholzgebüsch bestanden war, war doch vieles den Kugeln entgangen. Von hier ging
der Marsch weiter auf Chartres, wo sich das Hauptquartier des 4ten Armee-Corps befand, und dann nach Le Mans, in welcher Stadt das 27te Regiment in Cantonirung lag. Hier war das Hauptquartier des 3ten Armeecorps.
So war ich denn an dem Orte meiner Bestimmung angelangt und das General-Commando verfügte, daß ich mit meiner Compagnie dem Füsälier-Bataillon des gedachten Regiments beigegeben werden solle, wodurch dies, nachdem meine Compagnie auf 200 Mann, durch Zuweisung der entsprechenden Anzahl Freiwilliger, vermehrt worden war, den Stand von 5 Compagnien erreicht.
Der Krieg war nun zu Ende und ich hatte diesen weiten Marsch zurückgelegt, ohne meinen Wunsch, gegen den Feind thätig zu wirken, in Erfüllung gehen zu sehen.
Unter „auf Wache ziehen“ Exercieren und schießen ging die Zeit vor-
über bis zum 22ten September, wo wir den Rückmarsch ins Vaterland antraten. Wir marschirten in einer Tour bis in die Gegend von Paris, und ich erhielt den Ort Triel zum Cantonnement, wo ich den 27ten eintraf. Am 2ten October machten wir eine zurückgängige Bewegung und ich erhielt das zwischen St. Germain und Versailles liegende Dorf Rocquencourt zum Quartier. Hier befand sich ein mit einer Mauer umgebenes Haasengehege, und da es in dem Orte augenblicklich an Fleisch fehlte, so begab ich mich dahin und schoß in kurzer Zeit 6 Haasen für meine Küche. Hierher wurden auch englische Jäger in erbsengrünem Frack, gelben Lederhosen, Kamaschen und kleiner grauer Kappe, von Paris aus geschickt, die in größter Eile einige Lampen schossen, sie an das Pferd hingen und in Carriere dorthin zurückkehrten.
Den 3ten October vor Tage rückten wir aus und marschirten auf ein Feld zwischen Paris und St. Cloud, wo sich das
ganze 3te
Armeecorps zur Revue vor unserm Könige und dem Kaiser von Rußland vereinigte.
Da ich von Le Mans aus mit meiner Compagnie an der Spitze des dritten Corps
marschirt war, so bildete sie auch hier die vordersten Züge des äußersten
rechten Flügels. Als alles arrangirt war, wurden die Gewehre zusammengesetzt
und wir harrten dann der Ankunft der Monarchen. Diese erfolgte am Mittag in
glänzendem Zuge, und nachdem die übliche Galloppade an der Front herunter
vorüber war, Honneurs gemacht waren, ward ein abgeschwenkt und unter
Aufspielung zahlreicher Musikbanden in Zügen vor den hohen Herrschaften in
Parade vorbeimarschirt, womit die Sache beendigt war. Jeder Truppentheil
kehrte in die am Morgen verlassenen Quartiere zurück, mithin nahm ich wieder
von Rocquencourt Besitz. Am 4ten October marschirten wir weiter, in
der
Richtung
nach der Champagne zu, und der erste Etappenort war Andreshyc. Am 15ten
bezog ich ein Cantonnement in einem Dorfe, Namens Montigney-l’allier, wo ich
bis zum 24ten stehen blieb. Hier muß ich einer interessanten
Terrainbildung gedenken. Das Dorf lag in einem Thale, wo anscheinend vor
Jahrtausenden eine große Wasserströmung stattgefunden haben mochte, die an
beiden Seiten mit hohen Ufern eingeschlossen gewesen seyn mußte. Unmittelbar
hinter dem Orte erhob sich das rechte Ufer etwa 50 Fuß, und es begann dann eine
Ebene, die in der Nähe als Feld und Hütung benutzt wurde, während weiterhin
solche mit Wald bedeckt war; circa 50 Schritte vom Ufer befand sich eine Reihe
Felsen, die von 5 bis 15 Fuß hoch, ganz isolirt standen. Die Masse bestand aus
Kalkstein, in dem man eine große Zahl kleiner Seemuscheln eingeschlossen fand.
Einige davon waren durch
Verwitterung des Steins so locker geworden, daß man sie abnehmen konnte, was ich denn auch that, um sie, der Merkwürdigkeit wegen aufzubewahren. Leider sind sie mir aber, bei dem öfteren Wechsel meines Domicils, verloren gegangen. Von dem großen Flusse, der dort geflossen seyn mochte, war ein kleiner Bach übrig geblieben, welcher durch das Dorf lief. In dem Walde machte ich öfters Jagd, unter Zuziehung des im Dorfe wohnenden Försters; allein das Jagdrevier war so schlecht besetzt, daß ich nur einmal einen Haasen und einige Kaninchen gesehen, aber nichts geschossen habe. Auch Wölfe sollte es dort geben, indessen habe ich hiervon nichts gesehen.
Am 24ten um 12 Uhr Mittags erhielt ich Ordre zum Aufbruch und um 2 Uhr befand ich mich bereits auf dem Marsche nach Chateau-Thierry. In der Mitte des Marsches war mir ein Sammel-
platz bestimmt, allein, als ich auf demselben anlangte, fand ich keinen Führer vor. Nun blieb mir weiter nichts übrig, als die Richtung nach dem genannten Orte zu verfolgen; indessen es wurde dunkel und es kam nur darauf an, die große Straße zu gewinnen, die weiter links war, ich marschirte über Stock und Stein in dieser Richtung fort. Im ersten Dorfe, was ich traf, nahm ich halb mit Güte, halb mit Gewalt einen Boten, der mich zunächst nach Le Charmel führen sollte, welcher Ort, wie ich wußte an der großen Straße lag. Dort kam ich denn gegen Mitternacht an, aber zu meinem Ingrimm war dies das falsche Le Charmel; ein anderes dieses Namens, aber mit verändertem Zusatze, lag auch an der Straße aber 2 Meilen weiter nach Chateau-Thierry zu. Die Leute waren von dem langen Marsche in der Dunkelheit, bei schlechten Wegen und Regen-
wetter sehr ermüdet, und ich beschloß, in dem Orte, wo ich einmal war, Quartier zu nehmen und lieber um 3 Uhr früh wieder aufzubrechen, um am andern Tage das Armeecorps wieder einzuholen. Der Maire des Orts weigerte sich anfänglich, mir Quartier zu geben, allein Noth bricht Eisen und er mußte sich bequemen Billets auszustellen. Zu der bestimmten Stunde brach ich wieder auf; es regnete immer noch fort, allein der Mond war inzwischen aufgegangen, was den Gang auf der festen Straße etwas erleichterte. Mit Tagesanbruch passirte ich Chateau-Thierry und dort erfuhr ich, daß der Stab des 27ten Regiments in der nächsten Nacht in St. Martin Quartier haben würde. Ich frug: wie weit dies sey, und erhielt die tröstliche Anwort: 4 Meilen. Nun ging es in Regen und Schmutz immer weiter; am Ende bestand die Compagnie ganz aus Nachzüglern.
Endlich, es war schon dunkel geworden, rückte ich in St. Martin ziemlich gesammelt ein, und freute mich schon darauf, daß ich mich in der nächsten Nacht mit meinen Jägern würde ordentlich ausruhen können, allein, o Himmel! es hieß, mit sonst ganz freundlicher Miene: Freund, sie müssen noch eine halbe Meile weiter in die Berge der Champagne marschiren, ein Bote ist schon bereit. Remonstrationen geziemen sich aber so wenig, als sie etwas helfen beim Militair, ich ließ schultern und marschirte ohne augenblickliches Murren, zum Thor hinaus. Draußen war schwarze Nacht; ich ließ einige Laternen heranschaffen, um wenigstens den Weg etwas sehen zu können. eine Viertelstunde ging der Marsch auf der Chaussee fort, dann rechts ab auf einem Fußsteig in die Weinberge hinein. Hier ging es in dem durch den Regen völlig aufgeweichten Lehmboden schlipp, schlapp;
quatsch dann lag einer im Schmutz. Dies wiederholte sich in der Dunkelheit sehr oft, und die Kompagnie bildete, wegen des fortwährenden Aufhelfens der Gefallenen, in kurzer Zeit einen eine Viertelstunde langen Zug. Ich ließ Halt machen und zum Sammeln blasen, und wenn die Nachzügler herangekommen waren, ging der Marsch weiter. Auf der Höhe, die wir erreichten, sah man in der Umgegend viele Lichter scheinen, wahrscheinlich in den Wohnungen der Winzer, welche in dem Regen und Nebel zu hüpfen schienen, weshalb viele meinten, es seyen Tückeboten, die uns in der Irre herum führten. Nach mehrmaligem Blasen und Halt machen langten wir endlich in den Quartieren an. Das meinige war in einem Schlosse, was jedoch für den Augenblick von dem Besitzer nicht bewohnt wurde. Zunächst war dann
meine Sorge auf die ermüdeten und hungrigen Jäger gerichtet. Es mußte ein großer Kessel voll Kartoffel gekocht und den Hungrigen mußten die nöthigen Zutaten dazu gereicht werden. Als dies geschehen war, ging ich auch in mein Appartement zurück und glaubte eine recht ruhige Nacht zu haben. Mit nichten. Kaum hatte ich eine Stunde geschlafen, da erschien eine Ordonnanz vor meinem Bette und meldete: daß die Kompagnie um 7 Uhr wieder aufbrechen und das Dorf räumen solle, weil Theile einer anderen Brigade hier ins Quartier kommen würden. Doch sey der Marsch nur etwa eine halbe Meile. Nachdem ich wegen des Ausmarsches das Nöthige geordnet und mich in dem Zimmer etwas umgesehen hatte, sah ich mehrere Gemälde, unter denen der Name Murat stand.
Doch schienen diese sehr alt zu seyn, und daher mit Achilles Murat keine Gemeinschaft zu haben. Nach ein paar Stunden Schlaf rüstete ich mich zum Aufbruch und um 7 Uhr marschirte ich dem nächsten Quartier entgegen. Die Kompagnie wurde auf 2 Dörfer, mitten in den Champagnerbergen, verlegt. Ich erhielt mein Quartier in einem ziemlich freundlichen Häuschen, welches 2 alte Matronen und deren rüstiger Neffe bewohnten. Die Ersteren saßen in der geräumigen und zimmerähnlichen Küche an einem Kaminfeuer; der Neffe wies mir ein freundliches Zimmer an, worin ich es mir möglichst bequem machte. Nach kurzer Zeit kam eine Ordonnanz und brachte die Ordre, daß die Kompagnie am andern Morgen um 9 Uhr auf dem Rendezvous bei Epernai einzutreffen habe. Der Neffe, welcher diese Ordre mit angehört hatte, entfernt sich hierauf wieder. Beim Weggehen rief
ich ihm auf französisch zu: er möge mir einige Schreibuntensilien bringen, da die meinigen noch nicht ausgepackt seyen. Hierauf erwiederte er in ziemlich reinem Deutsch: was ist Ihnen gefällig? Nachdem ich ihm auf Deutsch, das was ich wünschte wiederholte, brachte er das Verlangte, und als ich die Ordonnanz mit der nöthigen Ordre an den detachirten Officier abgefertigt hatte, ließ ich meinen Wirth wieder herein rufen. Die erste an ihn gerichtete Frage war, auf welche Art er so gut Deutsch gelernt habe? Darauf erwiederte er, daß er mehrere Jahre in einer Weinhandlung am Rhein gewesen sey, als solcher vorzugsweise die deutschen Provinzen besucht habe und hierbei der deutschen Sprache mächtig geworden sey. Unter andern Mittheilungen die er mir machte, war auch die interessant für mich, über den Weinbau und namentlich im Betreff des Champag-
ners, von dessen Reben das Dorf ganz umgeben war. Er äußerte, es wüchse da rother und weißer von vorzüglicher Qualitaet, worauf ich ihn aufforderte, mir von ersterem eine Probe vorzusetzen. Eine Flasche war bald geleert, die außerordentlich mundete, und als ich ihm eine Pfeife Tabak offerirte und er diese in Brand gebracht hatte, ward er sehr vergnügt und holte eine zweite Flasche. So wurde das Geschäft bis Abends 10 Uhr fortgesetzt und es waren, natürlich unter seiner Mitwirkung, bis dahin 6. Flaschen ausgestochen. Er beteuerte nun, daß nur diese 6 Flaschen in seinem Keller noch vorhanden gewesen wären. Ich versicherte ihm aber, daß ich keinen Wein mehr verlange und er sich nun zur Ruhe begeben möge, denn ich wolle nunmehr ein Gleiches thun. Er entfernte sich und ich legte mich ins Bett, aber kaum war ich eingeschlummert, so wurde ich
durch ein Pochen an der Hausthüre wieder aufgeweckt. Mein Wirth stürzte herein und meldete, daß 2 Soldaten erschienen seyen mit der Meldung: daß um 3 Uhr ein Capitain nebst Frau hier noch einquartiert werden solle; ob ich dies zugeben würde? Ich erwiederte ihm, daß sich dies von selbst verstünde, und wenn außerdem ein zweiter Capitain mit der Frau einquartiert zu werden verlange, so müßte er auch den noch aufnehmen. Hierrauf entfernte sich der Neffe und es entstand dann ein Wortwechsel mit den Quartiernehmern, wobei auch die Stimmen der alten Tanten laut wurden, und am Ende schien es mir sogar, als ob einige Puffe ausgetheilt wurden. Hiernach wurde es ruhig und bald erschien mein Wirth wieder, setzte sich vor mein Bett und erzählte den Hergang der Sache; verschwieg auch nicht, daß er einige Streiche bekommen habe,
ohne sich jedoch darüber weiter zu beschweren. Die Tanten hatten aus ihrem Zimmer heraus gemußt und der Fourier hatte dasselbe zum Empfange des Hauptmanns vorgerichtet. Hierbei war es erst zum Zank, dann aber zu Schlägen gekommen. Als er dies vorgetragen und ich die Vermuthung ausgesprochen hatte, daß er gegen die Soldaten wohl grob gewesen seyn würde, war er eine Weile ruhig, dann auf einmal schlug er sich mit einer Hand auf das Knie und sagte: ich habe immer geglaubt ich schlüge einen guten Stock, aber der Unterofficier schlägt doch noch besser, und ich kann daher durchaus nicht böse auf ihn seyn! Hiernach sagte er „gute Nacht“ und entfernte sich. Gegen 3 Uhr rückte der Capitain ein und nachher habe ich keinen Lärm weiter gehört. Der Neffe hatte eine reife Champagner-Traube aufbewahrt, die er mir zeigte. Sie war 9 – 10 Zoll lang,
die obersten Beeren waren von der Größe einer mittleren Wälschen-Nuß, auch die Form war so. Den Geschmack derselben fand ich aber weniger süß, als bei anderen reifen Trauben.
Um diese Zeit hatte, auf Anordnung des Generalkommandos jeder Officier der Freiwilligen sich zu erklären, ob er in der Linie fortdienen wolle oder nicht. Ich erklärte das Letztere, mit der Bemerkung, daß ich das Forstfach weiter zu verfolgen gemeint sey.
Am 27ten November 1815. brach ich früh bei guter Zeit auf und marschirte auf den Sammelplatz bei Epernai, und dann ging der Marsch weiter an dem Tage bis Chalons sur Marne. Wie es so hergebracht war, so vereinigten sich auch hier eine Anzahl Officiere in einem Kaffee- oder Weinhause. In der Annahme, daß der Champagner, je weiter von der Quelle, desto teurer werden würde, fan-
den wir einen Grund, in Chalons auch etliche Flaschen auszustechen, und da ich ihnen den rothen, und zwar mit Recht rühmen konnte, so wurde dieser beliebt. Es ward einer ziemlichen Anzahl Flaschen der Hals gebrochen, aber, o Himmel, als es ans Bezahlen ging, kostete die Flasche 5 Francs, also mehr an 1rl.10/%[118] Eine ärgerliche Pastete das, wir glaubten etwa halb so viel zahlen zu müssen; allein was halfs; wir raisonirten, mußten bezahlen, und tranken später weniger.
Der Marsch ging nun weiter fort, bis St. Menehould. Hier wurde aus den sämmtlichen Freiwilligen des 3ten Armeecorps ein Marschbataillon gebildet, dem der Major von Beaufort als Commandeur vorgesetzt ward. In veränderter Zusammensetzung wurde nun der Marsch angetreten und am 3ten December erreichten wir Varennes, wo der erste Ruhetag war. Dieser
Ort interessirte mich daher sehr, weil Louis XVI. auf seiner Flucht dort verhaftet wurde. Dies geschah am 21ten Juny 1791. auf folgende Art. Der Postmeister Dronet zu St. Menehould hatte den König beim Wechseln der Pferde daselbst erkannt, ließ seinen Sohn auf einem Nebenwege zuvor eilen, den König in Varennes verhaften und nach Paris zurückbringen. Ich machte mir allerley Vorstellungen, was damals wohl passirt seyn würde, wenn der König entkommen wäre, was gewiß geschehen wäre, wenn er nicht ein so feiger Mann war. Doch ich kam bald von der Sache ab, indem ich dachte, die Revolution wäre unter allen Umständen nicht aufgehalten worden, und Preußen, Oestreich oder Rußland hätte die Familie auf dem Halse gehabt.
Von Varennes ging der Marsch über Montmedy, Ligny nach Luxemburg, von wo aus ich mit meiner Kompagnie in
das Dorf Reckingen verlegt wurde. Die Langeweile wurde hier durch jagen vertrieben, und es ist bemerkenswerth, daß in einem Treibjagen ein Wolf vorkam, der jedoch die Schützen zu umgehen wußte.
Nach 3 Tagen brachen wir wieder auf, und marschirten zunächst bis Köln. Hier hielten wir wieder einige Tage Rast, während welcher Zeit ich die Merkwürdigkeiten der Stadt besichtigte. Unter andern auch den halb fertigen Dom, wovon man mir allerley seltsame Geschichten erzählte, die ich aber nicht mehr weiß. Ich besuchte auch die Fabrik von Maria Varina und kaufte ein paar Gläser Kölnisches Wasser, was ganz ächt, aber gegen die Preise in der Harzgegend sehr billig war, denn die Flasche kostete nur 9ggz.
Wir rückten dann wieder aus zum Marsche, setzten bei Deutz über den Rhein und
verfolgten die Straße über Mühlheim, Solingen, Elberfeld, Unna, Soest, etc. nach Paderborn. Von hier aus ging die Militair Straße über Hildesheim, Braunschweig, Wolfenbüttel nach Halberstadt. Früher hatte ich die Bestimmung erhalten, daß meine Kompagnie im letzten Orte aufgelöst werden sollte. Die Kleidung, besonders die der Füße, war bei den durch Regen aufgeweichten Wegen sehr schadhaft geworden, und es ließ sich voraussetzen, daß bei dem Umwege auf Braunschweig, das Schuhwerk völlig ruinirt, und noch vor dem Eintreffen in Halberstadt ein Halt der Kompagnie, Behufs der Ausbesserung, nothwendig geworden seyn würde. Um letzteres zu erreichen, hatte ich das General Kommando früher gebeten, mich von Paderborn aus, den näheren Weg über Cassel, Duderstadt, Beneckenstein etc. ge
instradiren[119]. Die Genehmigung hierzu langte durch Estafette[120] in Paderborn an und hier trennte ich mich von dem Bataillon.
Einen kurzweiligen Fall, der mir auf dem Marsche vorher passirte, will ich hier noch erzählen. Eines Tages wurde ich bei einem evangelischen Geistlichen einquartiert, und von diesem ziemlich freundlich empfangen, aber nicht so von dessen Frau und seiner ziemlich erwachsenen Tochter. Da mir dies einigermaßen unangenehm war, so frug ich das Hausmädchen um die Ursache des unfreundlichen Benehmens ihrer Herrin und deren Tochter. Die Magd zögerte mit der Antwort, sagte aber endlich, als ich sie ernstlich aufforderte, sich auszusprechen, daß heute Nachmittag eine große Bauernhochzeit im Dorfe seyn würde, wozu die geistliche Familie eingeladen sey, und das Mutter und Tochter glaubten, wegen der Einquatie-
rung auf das Vergnügen verzichten zu müssen. Wenn es weiter nichts ist, sagte ich, so werde ich hoffentlich bald mit der Frau Pastorin ausgesöhnt seyn. Nachdem ich mich umgezogen hatte, ging ich in das Familienzimmer, fand aber die Frau noch immer sehr verdrießlich; dagegen ward ich mit dem Pastor bald vertraut, indem er mir mittheilte, daß er in Halle studirt habe und ich ihm sagte, daß ich nicht weit von dort zu Hause gehöre, auch Verwandte in Halle hätte, die er gut kannte. Im Laufe des Gesprächs gab ich die Vermuthung zu erkennen, daß es der Frau Pastorin wohl nicht angenehm zu seyn schien, daß ich heute hier einquartiert worden sey. Der Pastor wollte dies zwar nicht Wart haben, allein ich fand bald Gelegenheit, mit der Frau hierüber zu sprechen, wobei ich merkte, daß ihr die Hochzeit wohl im Kopfe
steckte, was sie natürlich nicht zugab. Allein als ich ihr sagte, daß ich erbötig sey, wenn sonst keine Bedenklichkeiten dabei obwalteten, sie und ihre Tochter dahin zu begleiten, ward ihr Gesicht freundlich, und der Frieden war hergestellt. Als der Aufbruch erfolgte, leistete ich der Familie Gesellschaft bis zum Hochzeitshause, wo alles auf das Schönste heraus geputzt war. Die Braut und die eingeladenen Bauerdirnen waren mit Kämmen und Bändern reichlich geschmückt, und die übrigen Kleidungsstücke, in Stoff und Form der dortigen Mode entsprechend, gaben den Dirnen ein anmuthiges Äußere. Nicht minder waren die jungen Burschen nach ihrer Manier glänzend ausstaffirt, und man bemerkte nichts, was nicht auf einen gewissen Wohlstand hätte schließen lassen. Nach einigen Vorbereitungen ging der Zug in die Kirche, wo mein Herr Wirth, nach einer angemessenen Rede, die Copulation vollzog. Bei der Zurückkunft in das Hochzeitshaus war der Tisch gedeckt und bald füllte sich die Tafel mit Speisen, die dann, nach einem von dem Pastor gesprochenen Gebet, in Angriff genommen wurden. Zuerst kam dicke Suppe Reis und recht fetten, aber doch ziemlich festen Butterklößen. Dann ein großes Stück Rindfleisch mit Meerrettig und Rosinen; feiner Gänse- und Kalbsbraten und endlich 3 Zoll dicken Kuchen. Während des Essens ließen sich die Musici, die den Zug bereits in die Kirche und zurück beblasen hatten, öfters hören, mitunter vermischt mit dem Gekreische des jungen Volkes. Nach beendigtem Essen begann der Tanz, wobei der deutsche Schleifer (Walzer) vorherrschend war. Auch ich schwenkte
mich mit der Frau Pastorin, deren Tochter und der jungen Frau einige Male herum, entfernte mich dann aber bald, um zu dem morgigen Marsch auszuruhen. Durch diesen Fall war ich mit den Frauen völlig ausgesöhnt, und sie wünschten mir beim Abmarsche, auf die freundlichste Weise, eine glückliche Reise.
Am dritten Tage erreichte ich die Gegend von Cassel und hielt Rasttag. Ich ritt in die Stadt und besuchte dort einige Freunde, welche ich in den 2 ½. Jahren, wo ich dort in Garnison stand, kennen gelernt hatte. Das lebendige Treiben, welches während der westphälischen Zeit daselbst herrschte, war in eine Todtenstille übergegangen. Aller Luxus war verschwunden, die Straßen waren öde, nicht eine Kutsche, vor denen früher fast nicht durchzukommen war, bekam ich zu Gesicht, obgleich es Sonn-
tag war, - Nur einige Soldaten, auf die alte Weise uniformirt, nemlich kurze weiße Tuchhosen, schwarze, eine gute Handbreit über die Knie reichende Kamaschen, weiße Tuchweste mit langen Schößen blauem Frack, nach dem Schnitt von 1806., mit weißen Aufschlägen, Kragen und Rabatten, Zopf und kleinen, mit weißen Litzen eingefaßten Dreimaster, ließen sich blicken.
Meine Freunde sagten mir, daß der alte Churfürst alles wieder auf den Standpunct gebracht habe, wie es war als er die Flucht ergreifen mußte. Obgleich ich früher viele frohe Stunden im Kreise meiner Freunde in Cassel verlebt hatte, so spürte ich doch jetzt durchaus kein Verlangen, dort länger zu weilen und war froh, als ich mich wieder im Freien befand.
Der Marsch ging nun auf meinen geliebten Harz los. In dem nächsten Nachtquartier Witzenhausen
Bekam ich wieder eine Estaffette vom General-Kommando, von Merseburg aus, worin ich eine nähere Instruction wegen Auflösung meiner Kompagnie, aber auch als Einlage einen Brief von meinem Bruder, der damals bei dem General-Kommando angestellt war, mit der betrübenden Nachricht erhielt, daß meine alte Mutter gestorben sey.
Von Witzenhausen nahm ich die Direction auf Duderstadt, und es traf sich gerade, daß ich daselbst Ruhetag machen konnte. Mein früherer Quartierwirth empfing mich schon beim Einmarsche und ersuchte mich, mein Logis bei ihm zu nehmen, was denn auch geschah. Im Hinblick auf die freundliche Aufnahme und Behandlung, die ich von ihm und seinen Angehörigen erfuhr, glaube ich das Gedenken an ihn dadurch zu ehren, wenn ich hier seinen Namen nenne.
Er hieß Hayland und war damals Senator der Stadt.
Nun bestieg ich bald das Harzgebirge, auf welchem der Winter bereits völlig eingetreten war. In Benneckenstein hatte ich im Jahre 1810 – 1811. auf Wilddiebstahls-Kommando gestanden und begrüßte dort jetzt viele Freunde und Bekannte. Der Umstand, daß diese Stadt damals unter einer ganz fremden Botmäßigkeit stand, jetzt aber, in Folge großartiger Ereignisse, wieder an ihre alten Herren zurückgelangt war, erweckte ein eigenes aber freudiges Gefühl in mir. Das nächste Quartier war der Braunschweigische Ort Heimberg. Hier wurde ich bei dem Herzoglichen Administrator einquartiert, einem Bekannten aus meiner frühesten Jugend.
Endlich traf ich in Halberstadt ein, wo ich mich sofort zu meinem Gönner, dem General-Lieutenant
von Ebra begab, dem ich nochmals meinen innigsten Dank für sein Wohlwollen abstattete. Die Auflösung meiner Kompagnie erfolgte dann bald, und nachdem dies Geschäft beendet war, reiste ich nach Merseburg, um mich bei dem General Graf Kleist von Nollen dort zu verabschieden. In Folge eines Grußes des erstern Generals an Letzteren, fand ich eine sehr freundliche Aufnahme und wurde zur Tafel gezogen. Bei dieser kamen sehr interessante Unterhaltungen vor, die besonders in militairischer Hinsicht, von einem so ausgezeichneten General geleitet, uns erhebend ansprachen. Auch über andere Gegenstände wurde gesprochen, z. B. über das Organisieren im Preußischen Staate. Hierbei merkte ich wohl, daß der General kein Freund davon war; denn als sich die Unter-
haltung um diesen Punct eine ziemliche Weile gedreht hatte, sagte er: der Preußische Staat wird noch an dem Organisiren sterben.
Von Merseburg reiste ich mit meinem Bruder, dessen ich bereits oben erwähnt habe, nach unserer Heimath. Von meinen Angehörigen war dort freilich Niemand mehr vorhanden; Alle waren zerstreut in alle Welt. Ich nahm deshalb meinen Aufenthalt bei einem Jugendfreunde, dem Pächter der Domaine meines Geburtsortes Oberamtmann Hecht.
Im traulichen Umgange mit diesem und dessen achtbarer Familie, verlebte ich die Zeit dort bis zum Juny 1816. wo ich eine Reise nach Sachsen, in dem Erzgebirge und in anderen Forsten unternahm, um meine forstlichen Kenntnisse möglichst zu vermehren. Es ist hier der Ort nicht, um mehr auf diese Sache einzugehen und ich habe daher zu bemerken, daß ich
gegen den Monat October 1816. zu meinem Freunde zurückkehrte.
Am 16ten gedachten Monats bekam ich mein Anstellungs-Patent vom Königl. Finanz-Ministerio zu Berlin, als Forstsecretair der Oberförsterei, nachmaligen Forst-Inspektion Halle, wohin ich mich, nach vorheriger Vorstellung bei der Königl. Regierung zu Merseburg, denn auch bald begab und meinen Dienst antrat.
So war ich denn nach langen Mühseligkeiten, mit Gottes Hülfe und Beistand, zu der Periode meines Lebens gelangt, wo ich erwarten konnte meinem Könige und dem Staate in demjenigen Fache nützlich werden zu können, dem ich mich mit so vieler Liebe gewidmet hatte.
In Folge der Forstorganisation hatte die Oberförsterei Halle eine bedeutende Ausdehnung erhalten, indem ihr, außer den alten Revieren, Dölauer Heide und Petersberg,
auch die Forsten der Rent-Aemter Bitterfeld, Schkeuditz, Lützen, Merseburg und Delitzsch zugelegt wurden. Der damalige Verwalter dieser Oberförsterei schenkte mir bald sein Vertrauen und gab mir Gelegenheit, mich, außer mit den schriftlichen auch mit technischen Arbeiten beschäftigen zu können, wo ich jede Stunde benutzte, mich mit der inneren Forstwissenschaft vertraut zu machen.
Auch hatte ich mich bald der Zuneigung der höheren Forstbeamten, namentlich des damaligen Oberforstmeisters von Schonfeldt zu erfreuen, und ward im Frühjahr 1818., auf Verfügung des letztgedachten Oberforstbeamten, in das Forstbüreau der Königlichen Regierung zu Merseburg versetzt. Die mannigfachen Arbeiten, welche mir dort zu Theil wurden, waren mir sehr willkommen, indem ich dadurch Gelegenheit
fand, den Geschäftsgang bei der Central-Verwaltung des Regierungs-Bezirks kennen zu lernen.
Aus dem Wohlwollen, welches mir von meinen Vorgesetzten vielfach zu Theil wurde, zog ich den Schluß, daß man mit meinen Leistungen und sonstigem Benehmen zufrieden sey; wodurch ich immer mehr angespornt ward, das Vertrauen durch Fleiß und Offenheit zu rechtfertigen, obgleich mein sehnlichster Wunsch dahin gerichtet war, bald in eine verwaltende Stelle in der Provinz eintreten zu können. Dieser Wunsch möchte auch wohl nicht als unbillig zu betrachten seyn, wenn man bedenkt, daß ich damals mit 300rtlrn Gehalt jährlich, eine Frau und 6 unmündige Kinder zu ernähren hatte.
Mein oben erwähnter Gönner bewahrte mir fortwährend sein Wohlwollen, und im Laufe der Zeit ward
ich zweimal von ihm für verwaltende Stellen im Bezirk, einmal Schkenditz, damals Burgliebenau, und dem für Rothehaus, bei der Central-Behörde in Berlin in Vorschlag gebracht; allein es schien noch nicht an der Zeit zu seyn, daß mein Wunsch realisirt würde.
Endlich 1819. erhielt ich durch Freundeshand die vorläufige Benachrichtigung, daß es im Werke sey, mich nach Seida als Oberförster zu versetzen. Dies war eine erfreuliche Nachricht für mich und meine Familie, und auch jetzt ist mir dieser Augenblick in dankbarer Erinnerung.
Gegen Ende des September ging dann das Rescript ein und ich beschloß, die neue Stelle so bald als möglich in Augenschein zu nehmen. In der ersten Hälfte des October trat ich die Reise an und fand die sämmtlichen Verhältnisse zu meiner Zufriedenheit angethan.
In der Gewißheit, meine neue Stelle baldigst in Besitz zu nehmen, pflog ich mit dem vorigen Inhaber Unterhandlungen wegen Uebernahme von allerley Withschafts Sachen, besuchte auch das Revier und reiste wohlgemuth nach Merseburg zurück. Am nächsten Morgen nach meiner Ankunft begrüßte mich mein bester Freund, der im Forstbüreau mit arbeitende Registrator Petzer. Nach kurzer Unterhaltung nahm er einen Brief aus der Tasche und überreichte mir diesen zum Durchsehen, mit der Bemerkung: es sey ein Rescript vom Ministerio, welches den Antrag der Regierung, mir Diäten oder doch wenigstens eine Remuneration[121] für die Zeit, wo ich im Forstbüreau beschäftigt gewesen war ablehne. Diese Bemerkung berührte mich eben nicht freundlich; allein ich las dasselbe und
fand zu meiner Freude das Gegentheil darin, indem mir an 300 rtl Diäten bewilligt waren. Dies Geld kam zu rechter Zeit und stimmte mein Gemüth noch froher; denn nun besaß ich gleich ein ansehnliches Capital, womit ich meine neue Wirthschaft einrichten konnte.
Dem Freunde Patzer, der seinen Angehörigen und mir schon vor vielen Jahren durch den Tod, viel zu früh, entrückt worden ist, weihe ich jetzt noch ein schmerzliches aber treues Andenken.
Nach mehrtägiger eifriger Fortsetzung meiner Arbeit im Büreau, um meinem Nachfolger keine Reste zu überlassen, fand sich eines Tages früh einen Mann in der Oberförster-Uniform in meinem Hause ein. Nach dem Wechsel einiger Höflichkeiten, stellte er sich mir als Oberförster Lüdicke vor, und machte folgenden Antrag:
Sein Anstellungs-Decret weise ihn als Oberförster nach Rothehaus, und er wisse, daß ich in gleicher Eigenschaft nach Seida bestimmmt sey. Aus vielfachen Rücksichten, die er erwähnte, wünsche er in die Seidaer Stelle einrücken zu können, und käme daher in der Absicht mir einen Tausch anzubieten. Er setzte noch hinzu, daß wenn ich auf den Tausch einginge, seine Familie sich sehr beruhigt fühlen würde. Nach kurzer Ueberlegung sagte ich ihm den Tausch zu, mit der Bemerkung, daß ich unter Hinblick auf den Umstand, daß dadurch eine Familie beruhigt würde, seinem Wunsche meinerseits genüge, indessen wäre die Sache auch von der Zustimmung der höheren Behörde abhängig. In dieser Beziehung, sagte er, sey das Nöthige bereits eingeleitet und das Eingehen auf den Tausch hinge nur von mir ab. Hierauf
begab ich mich mit ihm zum Oberforstbeamten, wo denn das Weitere zum Abschluß gebracht wurde.
Der Tausch hat mich niemals gereut, ich habe hier nunmehr über 35 Jahre gelebt. Im Rückblick auf meine Dienstführung und auf die mir dabei obgelegene Wirksamkeit, sah ich keinen Fleck in mir und gehe somit dem Ziele ruhig entgegen, das von der Vorsehung jedem Sterblichen, so auch mir, gesteckt ist. Für den Anbau, die Pflege und die wirthschaftliche Benutzung des mir anvertrauten Forstreviers, habe ich, unter Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse und der sonst obwaltenden Verhätnisse, Alles Das gethan, was sich mit meinem Wissen und Gewissen vereinbaren ließ. Die Resultate, welche sich dabei ergeben haben, möge die Mit- und Nachwelt würdigen, sie könnten bedeutender seyn, als sie sind, wenn nicht mancherlei Umstände, die ich hier nicht weiter erwähnen will, hemmend
eingeschritten (Rest der Zeile fehlt)
Was meine eigenen Familien Verhältnisse anlangt, so erwähne ich diese (fehlt) nur kurz und nur für meine Angehörigen. Meine Gattin kannte und schätzte ich (fehlt) zu Anfang dieses Jahrhunderts. Sie ver(lobte?) sich im Jahre 1805 mit meinem ältesten Stiefbruder Ludwig Schmidt, der als Oberförster in Ludwigs Hohenberg fungirte. Aus dieser Ehe blieben bei dessen Tode am 17ten April 1815., 4 Kinder zu(rück ?) 2 Söhne und 2 Töchter. Mit Betrübniß muß ich erwähnen, daß davon gegenwärtig nur noch ein Sohn am Leben ist. Bei dem Tode desselben (des Bruders) befand ich mich in dessen Nähe. Vor(fehlt) Auflösung winkte er mir, an sein Bett zu treten, gab mir die Hand und sagte: lieber Bruder, neme Dich der Meinigen an. Ich versprach seinem Wunsch nach Kräften zu genügen, er verschied und ich drückte ihm die Augen zu. Aber nur wenige Tage konnte ich noch in der Nähe der (fehlt) (Hin- ?)terbliebenen bleiben, ich wurde nun(?) (fehlt)
den Fahnen gerufen und ging nach Frankreich, wie dies aus obiger Erzählung zu entnehmen ist. Erst im Jahre 1817. kam ich in die Lage, dem meinem Bruder gegebenen Versprechen zu genügen, indem ich dessen Witwe ehelichte und die Erziehung seiner Kinder im engeren Sinne übernahm. Wie ich der übernommenen Pflicht nachgelebt habe, stelle ich dem Urtheile derer anheim, die in die Verhältnisse eingeweiht sind. Ich meinerseits sehe ohne Vorwurf auf mein Thun zurück. Aus der Ehe mit meiner Frau sind 4 Kinder empfangen, wovon aber leider auch 2, schon erwachsen, von hier entrückt sind. Sonst habe ich mit meiner Gattin stets im Frieden gelebt, ich freue mich jetzt noch in ihrem Besitz zu seyn, und kann sie in Wahrheit als eine tr(eue ?) Lebensgefährtin, als eine fleißige und sorgs(ame ?) Hausfrau und als eine Mutter darstellen, die (fehlt, uns ?) Alle mit inniger Liebe umfaßt. Diese Liebe und Sorgfalt hat selbst durch langjährige Krankheit, durch den Verlußt von fünf erwachsenen Kindern und durch andere Unfälle nicht vermindert werden können und wird jedenfalls bestehen bleiben, bis an ihr Ende.
Somit schließe ich denn die Darstellung meines Lebenslaufes und sehe mit Ruhe dem Ende meiner Tage entgegen.
Oberförsterey
Rothehaus bei Graefenhainichen im November Juli 1855
Götting.
[1] Alle Eigennamen in dieser Handschrift sind in sehr deutlichen lateinischen Buchstaben geschriebe
[2] alteriert ist ein veralteter Ausdruck für: aufgeregt, erregt, beunruhigt
[3] Götte schreibt durchwegs fast alle Endungen die ier erfordern mit einfachem ir z.B. marschirt, passirt usw. Ausnahmen davon bei Officier und Quartier
[4] Digestiv / Digestien – in der Wundheilkunde des 18./19. Jh. bezeichnete „Digestiv“ ein mit Salben getränktes Verbandstück, das die Wundheilung fördern sollte.
[5] wenn alles Alles meint, dann schreibt Götte das auch so.
[6] Dies sind Göttes Zeichen für einen Einschub: /: und :/
[7] Personen bezeichnende Wörter schreibt Götte oft groß
[8] Sielzeug ist ein veralteter Begriff für Geschirr oder Zaumzeug
[9] Immerhin gute 7,3 Km
[10] Holzheuer hatten um 1800, als Untergebene des Försters, auch die Aufgabe die Personalien festgenommener Diebe oder Wilderer aufzunehmen.
[11] rtl = Reichstaler
[12] unkenntlich durchgestrichen, Randbemerkung: „mein künftiger Pricipal“
[13] Ein Ziegenhainer (oft auch Ziegenheiner oder Ziegenhainer Knüppel) ist ein knorriger Spazierstock, Wanderstock oder Knüppel
[14] Dohnen = Fangnetze für Singvögel (v. a. Drosseln) Steig = schmaler Pfad / Schneise
[15] ältere Schreibweise von „Abraschen“: Abfälle oder Reste von Wild
[16] ggr. = Gute Groschen; di. oder d. = Pfennig (lateinisch denarius)
[17] Forstlicher Fachbegriff (heute kaum noch gebräuchlich) Bedeutet: Lichtentzug Unterdrückung des Wachstums durch Beschattung
[18] Die Roßtrappe ist ein markanter Felsen bei Thale im Harz, auf der gegenüberliegenden Seite des Hexentanzplatzes. Sie gehört zu den bekanntesten Ausflugszielen im Harz und ist mit einer Sage verbunden, in der ein Pferd (ein „Roß“) einen Hufabdruck in den Fels gesetzt haben soll – daher der Name.
[19] Silbergroschen (Sgr) war eine Geldeinheit im 19. Jahrhundert im Königreich Preußen und weiteren Teilen Deutschlands, vor der Einführung der Mark.
1 Taler = 30 Silbergroschen
1 Silbergroschen = 12 Pfennig
[20] „amüsieren“, „unterhalten“, „belustigen“)
[21] „Purganz“ = das Entleeren des Darms, also Stuhldrang / Durchfall
[22] keine Akzise (früher Accise), also Verbrauchssteuer
[23] Der Wispel (auch „Wispel“, „Wispell“, „Wispeln“) war ein historisches Hohlmaß oder Gewichtsmaß für Getreide und andere Schüttgüter, das vor allem in Norddeutschland und im Ostseeraum verwendet wurde
[24] der „Berbier-Scheffel“ (auch Berbierscheffel) war tatsächlich ein gültiges Hohlmaß – allerdings ein sehr spezifisches, regionales Maß, das nicht überall verwendet wurde.
[25]„rtlw“ = Reichstaler
Währung
(auch „Reichstaler“ nach Landesmünze oder Kurrentmünze – eine wichtige
Recheneinheit in deutschsprachigen Gebieten bis ins 19. Jahrhundert). Diese
Einheit wurde nicht immer in Form realer Münzen bezahlt, sondern oft als
Rechnungseinheit, vergleichbar mit einem heutigen Buchwert.
[26] Lateinische Form von Jerome
[27] War im französischen Rechtßystem eine wichtige Verwaltungsfigur
[29] „alteriren“ war im 18./19. Jh. gebräuchlich im Sinne von aufregen, in Unruhe versetzen, verärgern.
[30] Im Original falsch mit 165 bezeichnet
[31] Etwa 49 Km weit an einem Tage.
[32] Etwa 20 Km am Vormittag
[33] Noch einmal 12 Km
[34] Immerhin ca. 63 Km
[35] wahrscheinlich Gourne àPatronentasche
[36] manövrieren
[37] es war ein damals übliches Fremdwort für „Vergnügen, Unterhaltung“ (Fortifiket ist in manchen Dialekten im 19. Jh. als scherzhafte Verkürzung von „Fortifikation“ belegt
[38] Besenheide
[39]wahrscheinlich praemandanta, im Voraus
[40] oder „Holzschreiter“ – alte Bezeichnungen für Eichelhäher.
[41] „Gemeingut“ (bzw. „Commungut“, „Communguth“, „Commun-Gut“)
[42] Plural von Rudus: Trümmer, Ruinen, Schutthaufen
[43] Hier ist am Rande ein Anmerkung. Die ist in einer andern Handschrift geschrieben und in einem anderen Schreibstil, die ich nur rudimentär entschlüsseln kann.
[44] Nachträglich rot durchgestrichen
[45] von in strada (ital.) = „auf die Straße, auf den Weg“
[46] Tirailleur-Linie = die lockere Gefechtslinie solcher Plänkler, meist vor der eigentlichen Haupttruppe eingesetzt.
[47] Attaque (frz. = Angriff, Gefecht, Sturmangriff)
[48] Insurgenten = Aufständische, Rebellen.
[49] „Inculpaten“ ist ein Latinismus und bedeutet einfach „die Beschuldigten / Angeklagten“ (von inculpatus = beschuldigt, angeklagt).
[50] Inculpaten → lateinisch inculpatus, wörtlich „Beschuldigte“ oder „Angeklagte“
[51] vom frz. cantonnement = Unterbringung von Truppen in Privatquartieren
[52] „Laube / Laube[n]“ im Sinne von „Lumpen“ Es gibt im süddeutschen Dialekt Laub(en) oder Läupen = abgetragene, zerrißene Kleider. Da gleich danach „mit zerrißenen Kleidern“ steht, könnte der Schreiber das Wort im Sinne von „Lumpengesindel“ benutzt haben.
[53] Intradieren: jemanden auf einem bestimmten Weg weiterbefördern / in Marsch setzen / abkommandieren
[54] vorgeschobene Wachposten
[55]
Eine Tirailleur-Linie bezeichnet eine lockere
Schützenlinie aus Plänklern – also leichtbewaffneten Soldaten, die außerhalb
der geschlossenen Gefechtsordnung kämpften, typischerweise in Deckung,
weit verstreut, in Bewegung.
Diese Taktik war typisch für Jägertruppen, die beweglicher und
ungebundener agierten als die reguläre Infanterie in Kolonnen oder Linien.
[56] Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde „ohne Wacht“ oder „ohne Wacht erwartet“ teils verkürzt zu: ohnwachtet, ohnewachtet, oder ohn' Erwartung
[57] Fand auch KI keinen Sinn drin.
[59] Im historischen Sprachgebrauch bezeichnete man als „Pflasterkasten“:einen mobilen Barbier, Chirurgus oder Wundarzt, oft halb-scherzhaft oder abwertend, jemand, der Pflaster, Schröpfköpfe, Rasuren und kleinere Behandlungen anbot, meist kein approbierter Arzt, sondern eher ein Quacksalber oder Lagerbarbier. Der Begriff spielt wohl darauf an, daß er stets eine Kiste (Kasten) mit Pflastern und Werkzeug mit sich führte.
[60] „Knife“ = engl. für Messer, hier gemeint: Rasiermesser oder Barbiermesser
[61] Schlag = Tor, Stadttor oder Wachposten an einem Stadttor.
[62] Die Nachhut eines Heeres oder eines Marsches
[63] Ein „Exekutionskommando“ waren Soldaten, die ausgesandt wurden, um Befehle durchzusetzen – oft gegen Deserteure oder renitente Wehrpflichtige
[64] „Konskribierte“ (bzw. „Conscribirte“) waren eingezogene Wehrpflichtige
[65] „Réfractaire“ (französisch) bezeichnete zur Zeit Napoleons einen Wehrpflichtverweigerer oder Deserteur
[66] „Kamaschendienst“ bezeichnete den Dienst in vollständiger Paradeuniform mit Kamaschen (frz. camaches, dt. Gamaschen).
[67] „Schmiererey“ bezeichnet hier spöttisch das, was man als minderwertige oder gepanschte Zubereitung eines Punsches oder alkoholischen Getränks empfindet.
[68] Gemeint ist „Buchs“ = Buchsbaum (lat. Buxus), woraus man die damals typischen Haarbänder / Zöpfe band oder den Zopf umwickelte.
[69] Kirre = (seltenes Substantiv) = der Lockplatz selbst, wo Futter ausgelegt wird
[71] In der Tischlerei/Baukunst bezeichnet man einzelne Flächen z. B. von Türen oder Wänden manchmal als Felder, besonders bei Kaßetten- oder Paneelbauweise.
[72] wahrscheinlich: kleingehacktes Dornengestrüpp
[73] Solche Praktiken waren im Volk weit verbreitet – besonders auf dem Land oder in Zeiten, in denen Menschen Katastrophen durch „übersinnliche Kräfte“ zu beeinFlussen suchten. Jüdische Männer galten in manchen Regionen durch Vorurteile oder Legenden als besonders „wißend“ in solchen Dingen, was in diesem Fall zur Handlung führt.
[74] Herstirben“ – ein selbstgebildetes oder dichterisches Wort; wohl gemeint als: Herbstliches Sterben oder das Vergehen / Verwelken / Untergehen einer Macht
[75] „Fourier“ war im Militär des 18. und 19. Jahrhunderts ein Unteroffizier oder Beamter, der für Verpflegung, Unterkunft und die logistische Organisation verantwortlich war
[76] Seitlich ausgerichtete Sperren, Barrieren oder Leitvorrichtungen, die bei der Drückjagd oder Treibjagd dazu dienen, die Wildschweine in bestimmte Richtungen zu lenken
[77] Der „Schneckenzug“ ist ein alter Ausdruck für Zug- und Feldzüge in einem Büchsenlauf
[78] In Gasthäusern oder Kasernen meinte ein „Marquer“ wohl: Eine Art Hausdiener, Zimmeranweiser oder Kellner,
[79]
Der „Kantschuh“ (auch: „Kantschu“,
„Kantschu(h)“, im Plural manchmal „Kantschuken“) ist: Ein Peitschentyp mit
kurzem Schaft und langem, oft geflochtenem Lederriemen,
der ursprünglich aus der Tataren- oder Turkvölker-Tradition stammt und
später in Rußland, Polen und Preußen Verwendung fand – insbesondere im militärischen
oder polizeilichen Bereich.
[80] Der „Struts“ war ein tragendes Holzelement eines Wagens – möglicherweise die Achse, Deichsel oder ein Querträger.
[81] Solaren, das ist ein veralteter Ausdruck für Soldaten, speziell einfache Söldner oder Mannschaftsdienstgrade.
[82]
ep. = Reichstaler / Taler / Preußischer
Taler
ggr. = Groschen
1 Quart = Liter
[83] Redoute ist ein historisch-militärischer Begriff und bezeichnet eine befestigte Stellung oder Schanze, oft in quadratischer oder polygonaler Form
[84] Gemeint sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Congreve-Raketen, benannt nach Sir William Congreve, einem britischen Offizier, der diese Raketenwaffen Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte
[85] „Arriergarde“ ist ein älterer militärischer Ausdruck und bedeutet: Nachhut
[86] Hier wird ein psychologischer Zustand beschrieben, heute besser bekannt als Kriegsneurose
[87] heute: Reiter (aber „Reuter“ war früher ebenfalls korrekt)
[88] „früsichenten“ = „frühzeitig entlaßenen“ oder „früheren“
[89] Fourgon: militärisch gebraucht: Bagagewagen oder Feldküchen-/Versorgungswagen.
[90] Kynisch = Angehöriger der philosophischen Schule der Kyniker
[91] Raße
[92] „Cantompment“: Eine veraltete Schreibweise für „Kantonement“ oder „Lager“
[93] „ein firmer Hund“ = ein guter, zuverläßiger Jagdhund
[94] „präsumierten“ oder „presumierten“, von präsumieren (aus dem Lateinischen „praesumere“) – heute sagt man einfach „wir nahmen an“
[95] „Plänkler-Distanz“ oder „Plänkler-Distanzordnung“
Plänkler“ waren leichtbewaffnete Soldaten, die in loser Formation kämpften – typischerweise als Vorhut oder zur Aufklärung
[96] Im 18./19. Jh. wurde „Blatt“ manchmal in Studentensprache oder Soldatenslang für „Kamerad“ gebraucht.
[97] Remoute (Remonte): Nachschubtransport, meist Pferde oder militärischer Ersatz
[98] Vermutlich Ohrenklappe - Pelzmütze
[99] Soutien (frz. soutien = Unterstützung)
[100] Paroxysmus (aus dem Griechischen „paroxysmos“ = „plötzliche Heftigkeit“) bezeichnete: In der Medizin – den heftigsten Anfall einer Krankheit, z. B. bei Fieber, Epilepsie oder Wut.
[101] schräg
[102] überlegen, beratschlagen
[103] regalirte = bewirtete, spendierte
[104] In alten Texten findet man „Leugstichel“ oder „Leidstichel“ im Sinn von üble Nachrede, Spott, boshafte Bemerkungen, also daß man ins Gerede kommt.
[105] Das Wort „Detaschirung“ stammt aus dem Militär- und Verwaltungsdeutsch des 18./19. Jahrhunderts und bedeutet: Abkommandierung, Verlegung, Zuweisung an einen anderen Ort oder Dienstbereich
[106] Die Schlacht bei Leipzig, auch bekannt als Völkerschlacht bei Leipzig, fand vom 16. bis 19. Oktober 1813 statt
[107] Reichstaler
[108] Kalmuk (auch „Kalmu(c)kstoff“) ist ein dicker, robuster Baumwollstoff
[109] Trubtschewsk, Oblast Brjansk, Rußland
[110] eigen verantwortlich
[111] Den abendlichen Balzflug der Waldschnepfe
[112] „Der Waßerträger“ („Les deux journées“) von Luigi Cherubini, Uraufführung: 16. Januar 1800 in Paris (Opéra-Comique). Sprache: ursprünglich französisch („Les deux journées“, deutsch „Die beiden Tage“), wurde aber im 19. Jahrhundert häufig in deutscher Übersetzung als „Der Wasserträger“ gespielt.
[113] Auguste Ifland, die Ehefrau des berühmten Schauspielers und Theaterdirektors:
[114] Befestigungsanlage / Schanze (militärisch)
[115] Die Verteilung und Unterbringung von Truppen in einzelnen Ortschaften oder Gebäuden – also außerhalb der regulären Kasernen.
[116] Prätensionen (von lat. praetendere = beanspruchen, vorgeben) heißt hier: Ansprüche, Forderungen, Anmaßungen
[117] „Laiken“ (Plural von „Laik“) – ein sehr selten gewordenes, historisches Wort, das im 18./19. Jahrhundert gelegentlich für kostbare Gegenstände, Prunkstücke, besonders aus Silber, Kristall oder Porzellan, verwendet wurde.
[118] „rl.“ = Reichsthaler „10/%“ = 10 Silbergroschen. Der Bruchstrich „/“ steht hier sehr wahrscheinlich nicht für Prozent, sondern ist eine altmodische Schreibweise für Untereinheiten.
[119] Instradieren (von französisch enrôuter
bzw. enrôuter par une route) bedeutet: auf eine bestimmte
Route oder Straße verweisen / den Weg zuweisen
→ insbesondere im militärischen oder behördlichen Kontext.
[120] „Estafette“ (aus dem Französischen estafette) bezeichnet im militärischen Sprachgebrauch des 18. und 19. Jahrhunderts: Einen Kurier, Botenreiter oder schnellen Meldegänger, der dringende Nachrichten oder Befehle überbrachte.
[121] Remuneration, veraltet/fremdsprachlich für Entlohnung, Vergütung, Bezahlung