© 2025 (Transkript) Volker Menneking
Warnemünde 22. Januar 1902
Sehr geehrtes Fräulein (Name ist der Redaktion bekannt.)
Es drängt mich, einige aufrichtig gemeinte Zeilen an Sie zu richten.
Schon lange trage ich das Verlangen in mir ein eignes Heim zu gründen. Theils aber fehlte mir hierzu die rechte Gelegenheit, theils versäumte ich auch solche.
Nun zeigen Sie nach „Hörensagen“ einen Charakter, wel-
cher mir sehr sympathisch ist, und so habe ich mich nach reiflicher Ueberlegung dahin entschlossen, mich Ihnen zwecks Heirat offen und ehrlich zu nähern.
Leider kennen wir uns beide ja zu wenig, um sogleich zu einem festen Entschluß kommen zu können. Würden Sie nun wohl meinem Wunsche freundlich entgegenkommend sich entschließen können, uns beiden Gelegenheit zu geben, zwecks späterer
Heirat schriftlich und auch mündlich zu verkehren. Beiderseitiges ehrliches Ueberzeugen soll uns zum Versprechen und zum Bunde führen, nicht blind sich rächende Wahl!
Sollte Ihnen mein Antrag angenehm sein, und sollten Sie sich bereit finden, meinen Wunsch zu erfüllen oder doch demselben entgegenzukommen, so bitte ich Sie freundlichst, Ihre feste Meinung über diese Angelegenheit und Ihre Wünsche wegen weiterer Annäherung mir vertrauensvoll mitzutheilen.
Kann jedoch mein Wunsch Ihrerseits überhaupt nicht erfüllt werden, und habe ich Sie durch meine kühne Bitte auf Ihrem ruhigen Lebenswege zu plötzlich und zu unsanft gestört, so seien Sie bitte nicht böse. Denn war ich verirrt auf dem Wege, wo ich mein Glück zu finden hoffte, Niemand zum Leide!
Ehrenhafte Verschwiegenheit auch bei Nichterfüllung meines Wunsches zusichernd, erwarte ich vertrauensvolle Antwort.
In aufrichtiger
Hochachtung!
Wilhelm (Name ist der Redaktion bekannt.)
Postassistent
Warnemünde, Poststr. 33
© [2025] [Volker Menneking].
Warnemünde, 26/I 02.
Sehr geehrtes Fräulein!
Ich freue mich sehr, schon heute Ihre werthe Antwort zu erhalten. Ich danke Ihnen bestens für dieselbe! Beglückt hat mich Ihre Anerkennung meines Antrages und Ihre Erlaubnis, mit Ihnen im Verkehr bleiben zu dürfen. Angenehm berührte mich Ihre Aufrichtigkeit und Offenheit. So ist auch mein Wunsch: Wahre Neigung soll uns leiten! Ich fühle, Sie denken ebenso wie ich. So will ich mir Glück wünschen zu unserem Verkehr: Dass Sie in mir finden, was Ihr Inneres, Ihre Seele, zu ihrer
Ergänzung sucht; dass ich Sie Kennen lerne als das rechte liebende Weib, mit welchem zusammen ich ein segensreiches häusliches Glück, den Himmel auf Erden, wohl bereiten werde.
Seit nun schon 12 Jahren war ich meist dem Elternhausse fern. Selten hatte ich in dieser Zeit das Gefühl der inneren Zufriedenheit. Wohl konnte ich mich zerstreuen in Gesellschaften und im Verkehr mit Kollegen und Bekannten, doch nie und nirgends fand ich den rechten Frieden. Mein Sinn ist vorwiegend auf das häusliche gerichtet; ein geistesverwandtes braves Weib, ein inniges, gesundes Familienleben
nur vermag mein Verlangen zu stillen.
Gewiss möchten Sie einiges über meine Angehörigen und über mich erfahren, vielleicht wissen Sie auch schon manches. Von meinen Eltern lebt nur noch mein Vater. Wir sind 8 lebende Geschwister, 3 Schwestern und 5 Brüder, 5 Geschwister sind gestorben. Verheiratet sind 3 Brüder und 1 Schwester, letztere mit einem Lehrer in Schleswig. 1 Bruder ist selbständiger Kaufmann in Friedland/Xxx; ein zweiter hat ein Hotel (Pension) in Arendsee, der dritte ist Maurermeister in Bützow, der vierte unverheiratete Bruder ist zu Hause im Müllereigeschäft, die beiden jüngeren Schwestern kennen Sie ja persönlich.
Ich habe das 30.te Lebensalter erreicht. Die Reife zum einjährigen freiwilligen Dienst erlangte ich auf der Ribnitzer Realschule. 12 Jahre bin ich nun im Postdienst und in dieser Zeit viel umhergereist nach echt postalischer Art. Bremen, Gertenmünde, Flensburg, Berlin u. s. w. sind Städte wo mich der Dienst längere Zeit festhielt. Manches Schöne und Gute habe ich während meiner Wanderfahrt gesehen und kennen gelernt, doch blieben mir Enttäuschungen, Verdruß und Sorgen nicht erspart.
Seit 2 Jahren bin ich hier etatmäßig angestellt. Ich beziehe jetzt einen Gehalt, einschließlich Wohnungszuschuss, von 1800 M.,
hoffentlich wird er zu April um 300 M. erhöht. Um große Ansprüche zu befriedigen ist es zu wenig, doch für einen sparsamen Haushalt genügt es reichlich.
Dass Sie conditioniren ist für mich ein erfreulicher Beweis dafür, dass Sie Sich bei wirtschaftlicher Tätigkeit wohlfühlen. Leider sieht man zu oft, dass sich junge Mädchen ohne jegliche Beschäftigung im Elternhause aufhalten. Wo bleibt da die Neigung zum guten sparsamen Wirtschaften! Wodurch wird denn so oft das häusliche Glück zerstört? Die Frau ist und bleibt der Mittelpunkt der Familie, sie
hält durch ihren Fleiß, durch ihr freundliches liebes Wesen alles um sich herum in schönster Harmonie. So habe ich es in meinem Elternhause, auch sonst hier und das kennen gelernt. Wie denken Sie darüber?
Sie sind noch in dem glücklichen Besitze Ihrer Eltern. Dieselben kenne ich auch leider nicht. Frau Capt. Ohlerich hier ist doch Ihre Tante, werden Sie dieselbe im Sommer mal besuchen? Hoffentlich wird Ihnen ein kleiner Ausflug auch mal vergönnt sein! Ich würde mich sehr freuen.
Wenn ich meinen Urlaub bekomme, werde ich Sie um
Erlaubniss bitten, Sie in Berlin begrüßen zu dürfen.
Und sollten wir uns zum Lebensbunde fest entschließen, wie würde es Ihnen recht sein, schon im Herbst oder erst im nächsten Frühjahr zu heiraten? Haben Ihre Eltern noch besondere Bestimmungen hinsichtlich Ihrer Verheiratung getroffen? Und wie werden sich dieselben zu meinem Antrage stellen?
Gewiss denken Sie, was der auch alles zu fragen hat! Aber ist es nicht richtig, das Herz rechtzeitig und aufrichtig zu entlasten? Ich bitte Sie, auch mich ohne Scheu über alles zu befragen, was Ihnen wissenswert scheint. Zwischen uns muss doch alles klar werden. –
Heute entfaltete der Wintersturm seine ganze Macht, xxx Schneemassen vor sich herjagend. Einen schönen Anblick gewährten die tobenden hoch aufschäumenden Wellen, welche mit größter Gewalt gegen die Westmole brandeten, hoch über letztere ihre weiße Gischt spritzend. Wie ich heute Nachmittag am Strand war, kam gerade der Dampfer „Arthur Bartz“ in den Hafen, nachdem er draußen auf wildbewegter See Wind und Wellen nach hartem Kampfe bemeistert hatte.
Nun will ich hier heute schließen. Von Ihrem Heimatsstrande, von wilden, doch schönen Meere sandt Ihnen freundliche Grüße
In Hochachtung
Ihr Wilhelm
© [2025] [Volker Menneking].
Warnemünde, 3. Februar 1902.
Werthes Fräulein Fretwurst!
Ihr freundlicher Brief gereichte mir zu lebhafter Befriedigung; besten Dank für denselben.
Gerne möchte ich Ihnen einen langen Brief schreiben, doch ich vermag heute nichts von mir zu geben. Meine Stimmung ist gar zu gedrückt, doch weiß ich nicht durch was. Vielleicht ist es noch eine Folge von dem tiefen, xxx Eindrucke, welchen die Aufführung der Tragödie „Rosenmontag“ gestern auf mich gemacht hat.
Die Frage betreffs des Zeitpunkts Ihrer eventuellen Heirat war natürlich zu früh von mir gestellt.
Es freut mich sehr, dass Sie mit Ihrer Stellung und mit Ihrem Wirkungskreise so sehr zufrieden sind. Wie wohl man in der Fremde die Nähe aufrichtiger
Freunde empfindet, weiß ich durch eigene Erfahrung wohl zu schätzen. Sie haben sogar das Glück, Ihre beste Freundin oft sehen und sprechen zu können.
Hoffentlich geht unser beiderseitiger Wunsch betreffs einer persönlichen Begegnung in Berlin bald in Erfüllung. Dass auch Sie einige Wochen Urlaub erhalten, und uns so Gelegenheit geboten wird, einige Zeit engeren Verkehr pflegen zu können, ist sehr erfreulich.
Von der Verlobung Ihres Vetters W. Witt mit Frl. L. Rehberg erfuhr ich schon Freitag in Rostock im Theater. Dort begegnete ich zufällig meiner Schwester und Frl. M. Konow. Natürlich wurde mir gleich das Neueste von Ribnitz erzählt. Das W. Witt Ihr Vetter ist, wusste ich allerdings nicht. Gestern vor 8 Tagen fuhr ich mit ihm zusammen von Ribnitz nach Rostock.
Ja, Ja! In dem Lebensalter dieses glücklichen Brautpaares herrscht noch die Liebe allein. Wenn, man aber mein Alter schon erreicht hat, so paart sich schon Vernunft mit der Neigung. Man sieht genauer, ist missmutiger, zaghafter. Der Ernst des Lebens, das Ungewisse was folgt, hemmt kühne Wünsche und feste Entschlüsse.
Doch lassen wir uns durch nichts beirren! Wir haben uns ein schönes Ziel gesetzt. Mögen wir es erreichen in schönster, bester Weise, möge auch uns der Liebe Frühling blühen. Gebe das Schicksal, dass wir uns finden in reiner, aufrichtiger Neigung zum Segen und Heil unseres ferneren Lebens!
Freundlichst grüßt
Wilhelm.